Ausgabe 
21.1.1935
 
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Winkemacht.

Von Gottfried Selter.

Nicht ein Flügelfchlag ging durch die Welt, Still und blendend lng der weihe Schnee.

Nicht ein Wölkchen hing am Sternenzelt, Seine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf. Bis [ein Wipfel in dem Eis gefror.

An den Aeften klomm die Nix' herauf, Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da, - Das die schwarze Tiefe von mir schied;

Dicht ich unter meinen Füßen sah

Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet sie An der harten Decke her und hin, Ich vergeß das dunkle Antlitz nie. Immer, immer liegt es mir im Sinn.

Zwei Steens, Maleen und Pike.

Eine Geschichte von Gorge Spervogel.

Steen war der Sohn eines reichen Fischers, Pike hingegen der eines armen, Maleen aber war eigentlich ein Mädchen aus der Stadt. Zwar kam ihre Mutter auch wiederum aus dem Dorfe, sie lebte jedoch in der Stadt und Maleen anderseits in dem Dorfe, Gott mag wissen, wieso das so war. Ja, Pike und Steen waren gewaltige See- und Strand­räuber mit gewissem Ansehen, und Maleen war nicht viel mehr als ein kleines Mädchen.

Eines Tages überreichte Steen in aller Oeffentlichkeit dem Mädchen Maleen eine rote Haarschleife, und seitdem ging er umher und hielt Ausschau nach einem passenden Bauplatz für ein gewaltig großes und schönes Haus mit Zimmern. Hallen und Ställen einem allmächtigen roten Ziegeldach, verflucht, und ein hervorragender Hafen für zwei oder drei Sezier mußte auch dabei fein und Platz für den Garten. Pike wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er über die Bereiften Watten und Bänke an der großen Bucht wanderte und nach Schätzen ausspähte, die der letzte Sturm angeschwemmt haben konnte. Der Himmel war grau und leer über dem Jungen, der Wind ging eisig über die Dünen und peitschte Eiskörner und Sand vor sich her Pike fand nichts, das des Mitnehmens wert gewesen wäre.

Am nächsten Tage, es war in der Schulpause, überreichte Steen dem Mädchen wiederum etwas, das Pike allerdings nicht erkennen konnte. Pike hingegen nahm in der folgenden Stunde willig die Strafe auf sich, die das Bergeffen von Schulbüchern nun einmal nach sich zieht; sein Lesebuch aber lag still wie ein Geheimnis unter Maleens Bank zwischen ihren Sachen. Pike hatte ganz plötzlich unsinnige Angst gehabt, Maleen könnte etwa ihr Lesebuch vergessen haben.

Ja, sagte sie auf dem Heimweg, nun bist du gestraft worden, und hier ist dein Buch.

Ja, das läßt sich schwer erklären, erwiderte Pike. Es ist auch wirklich sonderbar.

Pike sah wohl, daß Steen genau zuhörte. Er hätte Maleen gerne feine gestrickten Fäustlinge angeboten, denn sie hatte nur so dünne städtische Handschuhe an, aber das ging nun einmal nicht.

He, sagte Steen, morgen segeln wir zum Markte. Hast du etwas mitzubringen, Mädchen?"

Oh, sagte Maleen, ja, ich hätte wohl dieses und jenes, und sie zählte einiges auf. Pike hörte zu, wie er noch nie in feinem Leben irgend­jemandem zugehört hatte. Er merkte sich alles, jede Sleinigfeit, und fügte noch verschiedenes hinzu, von dem er wußte, daß es Maleen fehlte. Am Abend nahm er heimlich feinen Tauftaler aus dem Sästchen, angelte alle Pfennige und Groschen aus dem tönernen Frosch und betete beson­ders ausführlich, ehe er einfchlief.

Er erwachte in der Dunkelheit des frühen Morgens und beschloß sogleich, sich nicht zu waschen, denn das hätte nur den Verlust der guten Bettwärme mit sich gebracht. So zog er sich eilig an, kletterte aus dem Fenster seines Sämmerdjens und öffnete den Holzstall. Er tastete umher, bis er die drei Bündel aus Segeltuch und die Wagenachse gesunden hatte, bann lud er im Sternenlicht auf stapfte davon. Die Räder quietschten ein wenig, sie hatten lange kein Del mehr gekriegt.

Pike dachte nicht daran, etwa einen Zettel zum Bescheid zu schreiben. Ein Himmelherrgottsdonnerwetter gab es so und so, wahrscheinlich so­gar zwei, und feine Spuren im Schnee und das Fehlen der Bündel und Wagenachse erklärte genug. Es war auch nicht daran zu denken, daß Pike sein Herz mit der Vorstellung beschwerte, er werde wegen uner­laubten Benutzens fremden Eigentums an den Pastor geraten. Es war eine Menge Sünde bei diesem Unternehmen, das war Pike klar, aber er überlegte nichts, als was den Weg anbetraf und die Fahrt und die Rückkehr.

Am Dfterort verlieh er den beschneiten Sand. Es half nichts, er muhte die Wagenachfe und die Bündel auf den Buckel packen, denn das Eis war in brüchigen Schollen abenteuerlich aufgetürmt und mit hinter­listig verwehten Kuhlen versehen, die es mit sich brachten, daß Pike

alle sorgsam bewahrte Vettwärme verlor und weiß bestäubt, eisverfruftef und klappernd den Weg voran suchen muhte. Er spähte gegen Osten nach einem helleren Scheine aus, aber es schien, als habe er sich in das Nacht­land der Eisriesen verirrt, denn die Sterne mochten nicht verblassen. Es kam so weit mit dem Wanderer Pike, daß er zu Tode erschrak, als unheimlich lautlos und wie eine endlose Schnur im Ungewissen ein Flug Trauerenten über ihn fortzog. Als nun aber auch Scharen von Nebel­krähen schweigend unter den Sternen bahergeweht kamen, unb die RoU- ganje, wenn auch noch vereinzelt, ihren rauhen Laut in den Himmel schrien, wußte Pike, daß der Morgen nicht mehr fern fein konnte.

Da die Dämmerung endlich heraufkam, stand Pike schwitzend still. Der Wind war fortgeblieben, bas Eis knackte und stöhnte weithin, Drin­gen schossen in wirbelndem Flug aus und ab. Einzelne Möven über­holten den Jungen. Das offene Wasfer konnte nicht mehr entfernt fein. Pike zog wieder eilig voran. Als er die ersten Vagelwolken auffteigen sah und weit dahinten die dunklen Ketten der Austernfischer erspähte, begann er zu rennen. Seine Schuhe klapperten lauthin, unb die Wagen­achse mit den aufgeschnürten Bündeln hüpfte unb schlenkerte hinter ihm her.

Die Austernfischer sahen nicht gerade fröhlich aus. Sie hockten in langen Reihen an der Eisbarre unb starrten stier unb melancholisch in die Flut. Pike konnte nicht verstehen, was sie schrien, als er sie verjagte.

Das Wasser der Fahrrinne staub ruhig unb schwarz zwischen ben Eiskanten. Hier unb da schwammen weißgeränberte, runbedige Schollen. Pike verbrachte eine geringe Zeit in emsiger Tätigkeit, schlug zwifchen- burch die Arme um ben Leib unb stampfte ingrimmig umher, aber bann hatte er aus bem Inhalt ber Segeltuchbünbel, bie ja eigentlich einem Sommergast der Mutter gehörten, ein fertiges Faltboot erbaut. Nun setzt er es behutsam ins Wasser unb wartet vorerst ein wenig um ZU sehen, ob es zufällig leck geworben ist. Inzwischen kommt bie Sonne herauf, ber Himmel ist mohnrot unb weiter her grünlich unb braun und in der Höhe blau, ganz zart und sanft blau. Die Farben knistern in den Brüchen ber Eishacken, unb die Schatten sind klarblau und wassergrün. Pike klettert ins Boot unb späht vorne unb achtern hinein, ob da schon Wasser durchgekommen ist. Nein, nein, keine Rede davon; Pike macht bie Spritzdecke fest unb legt sich von vornherein gewaltig ins Zeug, ben freies Wasser ist freies Wasser, unb niemanb kann wissen, ob nicht noch große Schollen angereift kommen.

Unter ber Spritzdecke ist es warm. Pike hätte nicht gedacht, daß er es so warm haben würde. Die Sonne scheint kräftig auf eine wilde Welt aus Wasser unb öbem Eis herab, unb Pike betreibt feine Seefahrt unb stößt ab und zu mit bem Pabdel Schollen beiseite, bie in ihrer scharf­kantigen Größe und Dicke der Gummihaut seines Schiffes auf das schwerste schaden ober gar zum gänzlichen Untergang führen können. Plötzlich kommt von rückwärts Motorgeräufch heran, unb Pike muß wenden, um unter Todesgefahr der Bugwelle und den heftig kreiselnden Schollen die Stirne zu bieten Da läßt der Schisser von feinem Kutter aus einen Fluch los, so lang wie eine Ankerkette, und bann kommt ein Tau geflogen und klatscht ins Wasser. Pike geht ins Schlepp, unb die weitere Fahrt zum Marktorte ist ein Vergnügen, zwar mit^ Gefahren, Geschwindigkeit, Wellen unb dahinschießenden Schollen, mit Kopfschülteln, Reden und Fragen vom Kutter aus, aber immerhin ein Vergnügen, nichts anderes. Sieh dir dys Wasser an, wie es gleitet, in Wellen schwebt, sich kräuselt und fröhlich überfällt, sieh, wie das Licht herunterkommt und spiegelt unb glänzt und wärmt, sieh das Eis, zerbrochen, überein­andergeschoben und aufgetürmt ... Die Luft ist voller Rufen und Vogelflug, ber Motor des Kutters pufft und speit, und Pike gleitet dahin. Auf einmal von fernher Musik, Drehorgeln unb Karusfellbimmeln, wumm, wumm, wumwumwum macht bie dicke Pauke, und da ist der Hafen voll von Schiffen, ein Mast neben dem anderen ... Pike geht aus dem Schlepp und sucht sozusagen ein Loch, in das er sich mit seinem Schiff verkriechen könnte, denn alle Leute weisen mit dem Finger her und reißen die Mäuler auf, na ja, Pike schießt in eine Lücke, macht fest, zieht die Spritzdecke zu und verknotet sie, unb bann klettert er an Lanb unb steckt die Hände in die Hosentaschen. O Gott, die Beine sind un­benutzbar steif, bas Kreuz ist abgebrochen, bie Waden und bas Sitzfleisch finb abgestorben und vereist, o Gottegott, warum habe ich das nicht eher gemerkt, o verflucht, Mann, was ist das ein Gefühl!

Pike reibt und knotet an sich herum, daß es eine Art hat, und es gelingt ihm, unter Schmerzen, Stechen, Kribbeln unb Ziehen feine er­frorenen Körperteile ins Leben zurückzurufen. Darauf betrachtet er in Dankbarkeit ben Eisbrecher, ber ba so frieblich liegt unb boch die wunder­bare Fahrrinne durch das dicke Eis gebrochen hat, na ja, und es dauert nicht lange, fo treibt der Junge vor den Buden unter der Menge auf und ab, bleibt stehen, besichtigt dieses und jenes, klimpert mit seinem Selbe unb kaust endlich nach vielem Vergleichen in Gottes Namen seinen Kram. Er kann es allerdings nicht lassen, dabei an den Prahler Steen zu denken, der einen Tag zu spät zum Markte kommen und von ihm, dem armen Fischersohn Pike, aus dem Felde geschlagen sein wird.

Ja, und als nun kein blinder Pfennig zum Klimpern mehr vorhanden ist, bemerkt Pike, der bisher an allen Gerüchen von Punsch, Kaffee, unb Schmalzgebackenem achtlos vorbeigegangen ist, baß fein irdischer Mensch in Hunger unb Sehnsüchten zu entbrennen beginnt. Es scheint auch kälter geworben zu fein, ach, zum Teufel mit Hunger unb Kälte. Pike rennt zum Hasen, staut feine Pakete im Heck unb legt ab Der Markt muß in biefem Augenblick gerabezu verödet fein, weil alle Menschen gekommen sind, um zu sehen, wie ein kleiner Junge mit einem Boot aus Holzstäbchen und dünner Haut durch die Fahrrinne ins Meer hin­aus schissen will. Das ficht Pike wenig an, hat er Steen besiegt, so wirb er auch vor den Marktgängern unb ihren Bemerkungen bestehen bleiben, unb so steuert er einen kühnen Bogen unb zieht mit großer Fahrt bavon.

Zu allem Hunger unb aller Kälte scheinen nun auch noch Eisschollen vom Meere hereingekommen zu sein. Pike muß sich klein unb unscheinbar machen unb burch bie Lücken schleichen. Manchmal scharrt es gefährlich