Ausgabe 
21.1.1935
 
Einzelbild herunterladen

Nef stand die Sonne in der Antarktis. Wie ein roter Kupferball kroch sie in 24 Stunden einmal um den Horizont herum. .

Im letzten Schein des schwindenden Tages bewegten sich bie drei Raupenwagen von Süden her über das endlose Schneeseld aus die Station zu. Am Abend des 5. April langten sie bei ihr an. Nach langen Wochen saßen alle Mitglieder der Erpedition endlich wieder einmal beim gemeinsamen Mahl in dem großen Raum des Stationshauses zusammen. Schon während der letzten Stunden der Fahrt hatte ein Schneetreiben eingesetzt. In pfei­fenden Stößen fuhr der Sturm jetzt um das Stationshaus und trieb die immer dichter fallenden Schnecmassen gegen die Fenster.

Der antarktische Winter meldet sich an", meinte der lange Dr. Schmidt, stand auf und drehte die elektrische Heizung stärker an. Wille schob seinen Teller zurück und verschränkte die Arme über der Brust.

In Deutschland wird es jetzt Frühling, Herr Schmidt. An der Bergstraße blühen schon die Obstbäume."

Dr. Schmidt kniff die Lippen z,stammen und schüttelte den Kops, als ob er eine Erinnerung verscheuchen wolle. Wille sprach weiter.

In Deutschland springen jetzt die Knospen an allen Zweigen grüne Blätter Frühlingslaub ich habe Sehnsucht danach. Seit drei Jahren habe ich es nicht mehr gesehen. Es war ja Herbst, dre Bäume ließen ihre Blätter fallen, als wir aus Deutschland nach der Antarktis fuhren."

Es war, als hätte Dr. Wille den andern damit ein Stichwort gegeben. Bon den alten Weidenbäumen im friesischen Marschenland sprach Lorenzen, die dort als die ersten Boten eines späten Frühlings ihre Kätzchen heraus­stecken. Von den Buchen des Thüringer Waldes Hub Hagemann an zu schwärmen, die den Weg zur Wartburg hinauf umsäumen und ihr lichtes Grün mit dem Dunkel der alten Bergtannen vermischten^

Ich möchte mal wieder durch den Tiergarten in Berlin gehen, wenn Rhododendron und Faulbaum blühen", wars Rudi dazwischen.

Und Sie, Herr Dr. Schmidt, haben Sie keinen Wunsch?" fragte Wille. Der kaute und schluckte eine Weile an irgend etwas nicht Vorhandenem, ehe er sich zur Antwort bereitsand.

Ich möchte mal wieder gern im Frühling durch das Fuldatal be, Kassel wandern, aber er machte eine kurze abwehrende Bewegung.Das kommt natürlich gar nicht in Frage. Meine Arbeiten hier sind noch nicht abgeschlossen, den nächsten Frühling vielleicht, diesen noch nicht."

Wille betrachtete seinen alten Mitarbeiter kopfschüttelnd.

Alle Achtung vor Ihrem Pflichteifer, Herr Kollege, aber einen kleinen Erholungsurlaub sollten Sie sich auch einmal gönnen.

Abweisend schüttelte Schmidt den Kops.Erst wenn ich meine Arbeiten abgeschlossen habe, vorher auf keinen Fall."

Aus die übrigen wirkte das Wort .Erholungsurlaub' wie ein elektrischer Funke. Hatte Wille es mit einer bestimmten Absicht gesagt, steckte etwas Positives dahinter? Mit wehmütigen Gefühlen hatten sie die Sonne ver­sinken sehen. Der Gedanke, zum dritten Male hier die lange Polarnacht durchzumachen, wirkte auf alle mit Ausnahme des langen Schmidt nieder- drückend.

Mit stillem Vergnügen beobachtete Wille die Wirkung seiner Worte auf die um den Tisch Versammelten, während er einen Brief aus der Brust­tasche zog. Der Adler aus dem Umschlag und die blaue Verschluhoblate ließen schon von weitem erkennen, daß es ein amtliches Schreiben war. Mit behaglicher Langsamkeit entfaltete er das Schriftstück und putzte sich umständlich die Brillengläser.

Ja also, meine Herren", begann er endlich,wir haben eben in ge- meinschastlicher Beratung festgestellt, daß jetzt in Deutschland der Frühling beginnt" er machte eine kleine Kunstpause.

Herr Gott, wat klöhnt der Alte heut bloß zusammen', dachte Lorenzen bei sich, und die Gedanken der andern waren nicht sehr verschieden davon. Dr. Wille fuhr fort:

Das Ministerium erteilt deshalb uns allen, die wir hier zusammensitzen, Urlaub bis zum 15. Oktober bei voller Gehaltszahlung natürlich. Morgen bringt ,St 11' die Ablösung und nimmt uns nach Deutschland mit."

Eine Sekunde herrschte nach Dr. Willes Worten Totenstille im Raum. Dann brach der Jubel los. Sie sprangen auf, sie fielen sich in die Arme und tanzten schließlich einen wilden Jndianertanz um den Tisch herum, in den sehr gegen seinen Willen sogar der lange Schmidt hineingerissen wurde.

Eine Weile ließ sie Wille gewähren, dann schrie er dazwischen.

Ruhe, Herrschaften! Genug von dem Radaul In acht Stunden ist ,St 11' hier. Kümmern Sie sich um Ihre Sachen. Es muß alles gepackt sein, wenn das Schiff kommt."

Im Augenblick wirbelten sie aus dem Ra>lm hinaus, jeder eifrig daraus bedacht, die Anordnungen des Chess zu befolgen. Nur Schmidt blieb zurück.

Nun, Herr Kollege", fragte Wille,wollen Sie nicht auch Ihre Vor­bereitungen treffen?"

Der lange Schmidt schüttelte den Kops.Nein, Herr Wille, ich ziehe es vor hierzubleiben. Erstens meiner Arbeiten wegen und zweitens es muß jemand hierbleiben, der die Herren Bolton und Garrison gebührend enipsängt, wenn sie uns doch ins Gehege laufen sollten."

Alle Versuche, ihn umzustimmen, waren vergeblich. Unerschütterlich ver­harrte er bei seinem Vorsatz. Es blieb Wille schließlich nichts anderes übrig, als ihn gewähren zu lassen.--

,St 11' kam von der Kraterstation, wo es die übliche Goldladung an Bord genommen hatte. Als erster stieg Reute über die Aluminiumtreppe hinab, begleitet von Berkoff und Hein Eggerth. Dr. Wille empfing sie am Fuß der Treppe und geleitete sie und fünf weitere Personen, die ihnen folgten, nach dem Hause hin.

Ich bringe Ihnen die Ablösung, Herr Kollege", sagte Reute.Sie alle haben einen Urlaub redlich verdient."

Wahrend sie aus das Haus zuschritten, unterrichtete Dr. Wille den Ministerialdirektor von der Absicht Schmidts, hierzubleiben. Verwundert schüttelte Reute den Kopf.

Ein sonderbarer Heiliger, dieser lange Doktor. Aber wenn ich es recht bedenke, wer weiß zu was es gut ist? Mag er in Gottes Namen hier bleiben, um so besser und schneller werden sich die andern einarbeiten können."

Die nächsten Stunden waren der Uebergabe der Geschäfte an die neue Besatzung der Station gewidmet, und es ging wirklich alles viel glatter und schneller, weil Dr. Schmidt in der Antarktis zurückblieb.

Dann noch ein letztes Winken und Grüßen. Hermetisch schlossen sich bte Türen von ,St 11'. Das Schiff stieg wieber auf. Eine Stunbe unb noch eine Stunbe raste es über enblose monbbeschienene Eisöde. Dann war über Enderby-Land bei Kap-Anne bie Küste des sechsten Kontinents erreicht. Die Sonne kam wieber, bunstig blau wogte in ihrem Licht tief unter bem Schiff die See.

In ihrer Steuerborbkabine preßten Lorenzen unb Hagemann bie Nasen gegen bas Fenster. Blaues Meer, offenes Wasser sie konnten sich nicht satt dran sehen.

Inseln tauchten aus und verschwanden wieder, und dann kam die afri­kanische Küste in Sicht. Wie aus einer Spielzeugschachtel ausgebaut zog Kapstadt unter dem Flugschifs dahin unb versank im Süben. Von Stunbe zu Stunbe veränberte sich bas Bilb. Erst sanbige Wüsten, undurchbringliche Urwälder danach, durch die der Kongostrom sein schimmerndes Band zog.

Dann geschah es, daß Hagemann in eine Koje sank und Lorenzen in die andere, und ehe sie sichs versahen, lagen beide in festem Schlaf. Sie schliefen, während ,St 11' über die Libysche Wüste dahinjagte. Sie sahen nichts vom Mittelmeer, nichts vom italienischen Stiesel und auch nichts von den Alpen.--

Eine Hand legte sich aus Hagemanns Schulter, rüttelte und schüttelte so lange an ihm, bis er endlich verschlafen bie Augen rieb. Die Stimme Berkosfs drang an sein Ohr.

»He, Hagemann, altes Faultier, jetzt wirb nicht weitergebachst. Wir sinb über Dentschlanb. Kommen Sie rüber in ben Salon, bas Essen steht auf bem Tisch."

Während Hagemann sich langsam aufrappelte, wandte Berkoff sich zu der andern Koje hin. Nach dem Geräusch zu schließen, war Jens Lorenzen eben dabei, einen kräftigen Ast obzusägen. Allzu verlockend hing sein Nchter- teil über den Kojenrand, Berkoff konnte nicht widerstehen. Seine Hand knallte darauf zweimal dreimal, bann war auch Lorenzen unter Fluchen unb Brummen munter unb folgte ben beiben anbern in ben Salon.

Die Sonne staub bereits tief im Westen, als sie ihn betraten. In knapp vierzehn Stunben hatte ,St 11' ben langen Weg von bet Antarktis nach Dentschlanb hinter sich gebracht. Es b,ieb ihnen eben noch Zeit, in Ruhe zu Abenb zu essen. Dann tauchten bie Lichter ber Reichshauptstabt auf.

Der Rückzug bet Amerikaner.

lieber den Verbleib ber Andrewschen Expebition brangen seit jenem Tage, an bem ,St 11' ihr bie glänzenden Brocken über ben Weg streute, nur spärliche Nachrichten in bie Oeffentlichkeit. Aus Funksprüchen wußte man nur, daß sie nicht verschollen war.

Schweigend hatte sich Captain Andrew in das Unabänderliche gefügt. Er ließ Bolton und Garrison, bie er für unheilbare Nariuu hielt, ihrer Leidenschaft frönen unb wartete gebulbig auf ben Tag, an dem sie unter ben Anstrengungen ihrer gegenwärtigen Tätigkeit zusammenbrechen mußten. Seine Gebulb würbe auf eine harte Probe gestellt. Sechs lange Wochen hinbutch hielten Bolton unb Garrison sich mit Gewalt aufrecht unb arbeiteten in zäher Verbissenheit. Unermüblich sammelten sie bie Erzbrocken auf bem weiten Schneeselb unb schleppten sie zu Stapeln zu­sammen, obwohl ihre Hänbe zerrissen unb zerschunben waren unb jeder Muskel, jebes Glieb sie schmerzte.

Den fünfzigsten Stapel hatten sie gefetzt, ba kam bei Garrison ber Zu­sammenbruch. Als ihn Bolton aus unruhigem fiebrigen Schlaf weckte, vermochte er sich nicht mehr von seinem Saget zu erheben. Apathisch blieb er liegen, so viel Bolton auch tobte unb wetterte. Fluchenb gab et es schließ­lich auf unb verließ in übler Laune ben Wagen, um allein an bie schwere Arbeit zu gehen.

Jetzt hielt Captain Anbrew es an ber Zeit, einzugreifeu. Im Verlauf seiner früheren Expeditionen hatte er gewisse ärztliche Erfahrungen ge­sammelt, bie ihm nun bei einer gtünblichen Untersuchung Garrisons zugute kamen.

Anbrew fand eine butch übermäßige Anstrengungen hervorgerufene Herzerweiterung verbuubeu mit einer Herzschwäche, die ihn veranlaßte, schleunigst zu ben Digitalistropfen bes Arzneischrankes zu greifen. Dazu vernachlässigte Erfrierungen an ben Hänben und Füßen, die stellenweise schon brandig zu werden drohten.

Kopfschüttelnd stellte er das alles fest. Wie konnte ein Mann von der wissenschaftlichen Vorbildung Garrifons es fo weit mit sich kommen lassen? ÜSieJebr mußte er in seine fixe Idee verrannt sein, daß et alle diese be­drohlichen Erscheinungen so lange unbeachtet ließ!

Unter der sachkundigen Behandlung Andrews besserte sich Garrisons Zustand im Lause der nächsten Stunden zusehends. Er vermochte seine Glieder wieder zu bewegen unb betrachtete verwunbert seine Hänbe, bie in biden Verbänben mit Frostsalbe steckten.

Bleiben Sie ganz ruhig liegen, Mr. Garrison", befahl Anbrew, als er es versuchte, sich in seinem Bett aufzurichten.

Ich muß raus, Captain, muß Bolton helfen, das Erz einzufammeln. Jede Stunde ist kostbar."

Andrem drückte ihn auf das Kiffen zurück.

Damit ist es vorläufig vorbei, dear Sir. Sie haben sich einen Herz­knacks geholt, der sich unter Brüdern sehen lassen kann..

Aber ich muß, Captain! Was wird Bolton sagen, wenn ich ihm nicht weiter helfe?"

Andrew zuckte die Achseln. Er erkannte, daß hier nur brutale Offenheit helfen konnte.

Mr. Bolton kann sich höchstens an Ihrem Begräbnis beteiligen, wenn Sie jetzt ungehorsam sind und gegen meine Verordnungen handeln. Ein Begräbnis in der Antarktis, Mr. Garrison! Es wäre nicht das erste, dem ich beiwohnen würde. Man hackt ein Loch in das Eis, packt den Toten hinein, schichtet die Eisbrocken über ihn unb steckt ein Holzkreuz daneben. Sechs folcher Kreuze kenne ich, Mr. Garrison. Sie stehen drüben in Marie-Byrd- Land. Vor vier Jahren habe ich sie dort hingesetzt. Es täte mir leid, wenn ich hier ein siebentes in den Schnee stecken müßte."

(Fortsetzung folgt.)