SiehenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang l935__________________ Montag, den 2<. Zanuar Nummer 6

HANS DOMINIK

EIN

STIEIRN

FIEL VOM HIMMEL

COPYRIGHT 1934 8Y KOEHLER & AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG

(Fortsetzung.)

,Der Gold-Run in Deutschland', ,Die Reichsbank zusammengebrochen', ,Das Ende des deutschen Experimentes', .Unmöglicher Wahnsinn' waren so etwa die Ueberschriften, die noch druckfeucht, wie sie aus der Maschine kamen, auf den Boulevards von Paris und in der Londoner City verschlungen wurden, während in Deutschland die Auszahlung schon längst wieder glatt weiterging.

Am zehnten Tage nach der Wiederaufnahme der Goldeinlösung begann der Andrang bei den Bankfchaltern nachzulassen. Der erste Goldhnnger des Publikums tvar gestillt und langsam, wie es ja in den wirtschaftlichen Not­wendigkeiten begründet war, setzte ein Rückfluß der goldenen Münzen zu den Kaffen des Staats und der Banken ein.

Richt alles Gold kain wieder. Als man in der Zentrale der Reichsbank Inventur machte, stellte es sich heraus, daß zwei Milliarden gemünzten Goldes in den Sparstrümpfen des deutschen Volkes hängengeblieben waren.

Der entsprechende Betrag an Noten war dafür zur Bank zurückgekehrt. Der Oeffentlichkeit wurde diese Tatsache nicht bekanntgegeben. Eine Mit- t.ilung der Reichsbank besagte nur, daß die Wiedereinführung der Gold- einlösung sich reibungslos ohne nennenswerte Erschütterungen und Zwischen­fälle vollzogen habe. Das Ausland stand vor einem Rätsel. War das Volk im neuen Deutschen Reich wirklich so wohl diszipliniert, ließ es den Gemein­nutz tatsächlich so vor jeden Eigennutz gehen, daß hier möglich wurde, was kein anderer Staat mehr zu tun wagte, daß man das Gold frei zirkulieren lassen konnte? Viele Fragen, auf die keiner der fremden Benksachver- stündigen eine Antwort zu geben wußte.---

Ein Monat und noch ein zweiter waren darüber ins Land gegangen, als die Welttvirtschaft durch neue Verfügungen der deutschen Regierung in Erregung geriet. Mit einem Schlage wurden die schweren Beschränkungen des internationalen Zahlnngs- und Handelsverkehrs, die man in den schlimmen Jahren der Wirtschastsschrumpfung anordnen mußte, von ihr aufgehoben. Unbehindert durfte jedermann in Deutschland wieder fremde Devisen gegen Reichsbanknoten kaufen und verkaufen. Gleichlautend fiel das Urteil über die neuen Maßnahmen an allen großen Bank- und Börsen­plätzen der Welt aus. .Die Deutschen sind wahnsinnig geworden', hieß es kurz und bündig überall. Während die Leiter der fremden großen Geld­institute sich ihre Köpfe noch über die Beweggründe der Reichsregierung zerbrachen, wurde das internationale Schiebertum sofort sehr mobil.

An der deutschen Grenze mußten die Fernzüge ihren Aufenthalt ver­doppeln, weil es nicht mehr möglich war, die in das Reich strömenden Fremden in der vorgesehenen Zeit abzufertigen. In Hellen Haufen kamen sie von Osten und Westen her. Viele Hunderte brachte jedes Schiff, das in Hamburg oder Bremen anlegte, von Uebersee mit.

Zu neunzig Prozent waren es wenig erfreuliche Zeitgenosse, deren Geschäfte gewöhnlich das Licht zu scheuen hatten. Seit Jahren lebten die meisten von den Gewinnmöglichkeiten, welche die Devisenvorschriften aller Staaten denjenigen boten, die sich über das Gesetz hinwegzusetzen verstanden. Ganz legal konnten sie jetzt in Deutschland die fremden Noten, die sie mit allen möglichen Listen und Tücken aus dem eigenen Lande herausgebracht hatten, an jedem Bankschalter gegen klingendes Gold einwechseln, konnten frei und ungehindert mit dem so heiß begehrten gelben Metall das Reichs­gebiet wieder verlassen.

Die Fährlichkeiten ihres Geschäftes begannen erst außerhalb der deutschen Grenzen, denn dort gab es Vorschriften, die das Goldhamstern, ja sogar den Besitz weniger Goldstücke unter schwere Strafen stellten.

Bis aus das Tüpfelchen genau traf alles so ein, wie es die deutsche Negierung bei der Aufhebung der gesetzlichen Beschränkungen voraus- gesehen hatte. Kratergold im Werte von fünf Milliarden war drei Monate später aus Deutschland verschwunden, aber in keinem Ausweis der großen ausländischen Banken kam es zum Vorschein. Spurlos war es in Millionen von Sparstrümpfen und privaten Safes versickert. Die deutsche Reichsbank konnte dafür auf einem Geheimkonto den Betrag von fünf Milliarden in fremden Devisen verbuchen.

Professor Eggerth notierte sich sorgfältig die Zahlen, die Minister Schröter während des langen Gespräches nannte. Bei den letzten Ziffern ließ er den Bleistift sinken.

Zwanzigtausend Tonnen Nickel sollen meine Werke in Kanada kaufen? Wird das möglich fein, Herr Minister, ohne unerwünschtes Aufsehen zu erregen? Zwanzigtausend Tonnen es ist meines Wissens die halbe Jahresproduktion Kanadas."

Macht nichts, Herr Professor. Infolge der allgemeinen Absatzkrise lagert in Kanada noch ans früheren Jahren her ein Vorrat von mehr als fünfzigtausend Tonnen. Die Leute werden heilfroh sein, wenn sie aus einen Plutz zwanzigtausend loswerden und für unsere kanadischen Devisen ist es die beste Anwendung."

Gut, ich werde meine amerikanischen Vertreter telegraphisch anweisen, den Kauf zu tätigen mit der nötigen Vorsicht natürlich, um ein unge­sundes Ernporfchnellen des Nickelpreises zu verhüten. Aber" kopfschüttelnd beugte sich der Professor wieder über seinen Schreibblock.

Haben Sie irgendwelche Bedenken oder Zweifel?" fragte der Minister.

Offen gesagt, Herr Minister, ich wundere mich."

Darf ich fragen, worüber, Herr Professor?"

Ueber die Tatsache, daß wir das Nickel in Kanada kaufen, während wir es doch ebenso gut aus dem Kratererz gewinnen könnten."

Aber nicht ebenso vorteilhaft, Herr Professor, das ist der Unterschied. Aus dem Kratererz können wir mit genau den gleichen Unkosten und der gleichen Mühe ebenso gut ein Kilogramm Gold wie ein Kilogramm Nickel herausziehen, und für ein Kilogramm Gold bekommen wir auf dem inter­nationalen Metallmarkt, wie Ihnen bekannt sein dürfte, fünfhundert Kilogramm Nickel. Wir kommen also fünfhundertmal besser weg, wenn wir in Kanada kaufen und unser Meteoritennickel liegen lassen, wo es liegt."

Sie haben recht, Herr Minister! Meine Frage war unüberlegt. Aber ich glaube doch, daß der Kauf einer solchen Menge durch mein Werk zu allerlei Erörterungen und Mutmaßungen Anlaß geben wird. Man weiß schließlich draußen in der Welt, daß die Eggerth-Werke vorwiegend Leichtmetalle verarbeiten."

Der Minister griff nach einer Zeitung, schlug sic ans und schob dem Professor eine rot angestrichene Notiz hin. Der überflog sie und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.

Sehr gut, was man doch alles so en passant aus der Zeitung erfährt." Auch der Minister Schröter lachte.

Ja, mein lieber Professor, das wußten Sie noch gar nicht, daß die Münz­anstalt in Berlin mit den Eggerth-Werken über eine große Lieferung von Nickelblechen für die Ausprägung von Scheidemünzen in Verhandlung stebt. Uebermorgen werden Sie noch etwas Geneneres darüber lesen können. Daß es !ick> nämlich um die neuen Nickelstücke im Gesamtwert von hundert Millionen Mark handelt. Hundert Millionen Mark, das entspricht gerade 20000 Tonnen. Die Reichsregierung beabsichtigt ich möchte das nebenbei bemerken in Zukunft auch die .Scheidemünzen als ein vollwertiges ehrliches ®elb auszuprägen, bei dem der wirkliche Wert ebenso wie bei den Goldmünzen dem Nennbetrag entspricht. Sie sehen jedenfalls, daß der Nickelkauf auf diese Weise so getarnt ist, daß kein vernünftiger Mensch im In- und Ausland etwas dabei finden kann."

Der Professor verabschiedete sich, um auf schnellstem Wege nach Bitter­feld zurückzukehren. Er war nicht der einzige Industrielle, der in diesen Tagen vom Finanzminister empfangen wurde. Die Führer der großen Elektro- konzerne wurden ebenso wie die führenden Männer der Textilindustrie in das Finanzministerium gebeten und hatten mit dem Minister ähnliche Unterredungen wie Professor Eggerth. Sie bekamen Kansorders auf Kupfer, Kautschuk und ausländische Faserstoffe, daß iie vor der Höhe der dazu erforderlichen Beträge erschraken. Aber ihre Bedenken und Einwände wußte der Minister mit wenigen Worten zu zerstreuen. Es war stets die gleiche Antwort, die sie von ihm erhielten:

Kausen Sie, Herr Direktor. Die Reichsbank stellt Ihnen die erforder­lichen Devisen zur Verfügung, und das Reich übernimmt die Ware von Ihnen. Ihre Firma wird durch die Transaktion nicht belastet."

Im übrigen waren auch für diese Käufe in jedem Falle Zeitungsartikel und Handelsnotizen vorbereitet, welche sie ganz unverfänglich erscheinen ließen. Zielbewußt führte die Reichsregierung den Plan durch, sich mit Hilfe ihres Devisenschatzes für lange Zeit mit allen denjenigen Rohstoffen zu versorgen, die Deutschland selbst nicht hervorzubringen vermochte. In erster Linie geschab cs, um der einheimischen Industrie wieder volle Beweg­lichkeit und Arbeitsmöglichkeit zu verschaffen. Darüber hinaus aber führte dies Vorgehen, wie die kommenden Monate zeigen sollten, zu einer Wieder- ankurbelung des internationalen Handelsverkebrs. Es erwies sich bald, daß das kühne Experiment der Reichsregierung geglückt war, daß die Welt­wirtschaft, die so lange krank daniedergelegen hatte, durch die Injektion von sieben Goldmilliarden wieder zu Kräften kam und anszuleben begann.

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