Ausgabe 
20.12.1935
 
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Weihnachien.

Von Friedrich Schnack.

Der Himmel tut so hell sich aus.

Der Mond, die Sterne ziehn herauf:

/ Sie wollen das Kind in der Krippe betrachten,

Himmel und Erde feiern Weihnachten.

Die Berge sind vom Winter klar, So tief die Nacht, wie nie sie mar. Besteckt mit Kerzen und Sternenlichten, Winken vom Wald herüber die Fichten.

Es ist, wie wenn auch die Natur Von der Geburt des Herrn erfuhr.

Sie leuchtet rein und traumkristallen: Auch ihr ist Gnade zugefallen.

Oer hölzerne Weihnachtsbaum.

Eine Geschichte aus Island von Gunnar Gunnarsson.

Als es nur noch eins Woche bis Weihnachten war, schien uns Kindern allgemach gar zu wenig zu geschehen.

Wann geht denn der Vater in die Stadt?" fragten wir die Mutter, die mit Mamsell Anna auf dem Schoße dasah und sie fütterte.

Am Tisch unterm Giebelfenster ihr gegenüber hockte der Vater, sah uns vier Kinder und die Mutter, die auf ihrem Bett sah, schweigend an und kaute seinen Tabak.

Es war nahe an Mittag und trotzdem noch dämmrig in der Stube. So düster war es in Breiddalur nicht gewesen wie hier in Hamrafjördur. Auch war dort eine Kirche, und aus Weihnachten läuteten die Glocken so laut: Komm! ... Komm! ... Komm! ... Komm! ... Aber jetzt waren wir weit, weit fort und würden wohl nie mehr dorthin kommen.

Die Mutter lächelte, strich Beta über ihre roten Locken, streifte Vei- gas Wange, in die so leicht eine flackernde Röte stieg, die aber doch lang darauf haften blieb und lächelte mir zu. Zum Vater aber sagte sie: Könntest du denn nicht heut hinübergehn, Greipur?"

Wie gewöhnlich dauerte es eine Weile, bis der Vater antwortete. Dann aber entgegnete er:Ich meinte, Sesselja, du solltest es dies Jahr leicht haben..

Die Mutter lächelte, aber es war nicht ihr altes richtiges Lächeln.

Etwas müssen wir doch tun ... um der Kinder willen..."

Der Vater aber schien doch nicht so ganz unvorbereitet zu fein, wie es den Anschein hatte, denn er brauchte gar nicht lang zum Aufbruch. Dafür wurde uns der Tag um so länger. Die ganze Zeit hingen wir Kinder aneinander, ohne daß uns das aber Vergnügen gemacht hätte, im Gegenteil; wußten wir doch nicht recht, was anfangen. Wir fühlten uns ja so sonderbar fremd aus diesem neuen Hof und in dieser neuen Gegend und unsere Mutter war immer so müde und der Vater mit­unter Plötzlich so unlustig zu allem. Nichts glich dem Früheren und alles war schlechter.

Selbst als unsere Mutter jetzt, wohl nur um uns die Zeit zu ver­treiben, daran ging, Talg in einem Topfe heiß zu machen, um daraus Weihnachtskerzen zu fertigen, was sie dies Jahr, wie sie sagte, lieber unterlassen hätte, etwas, was wir nicht begriffen selbst da beim Kerzengießen wurde es uns nicht so heimlich und wohl zumut wie vor­dem in Breiddalur. Die Arbeit ging ihr einfach nicht so recht von der Hand, und mußte sich die ganze Zeit niedersetzen.

Warum bist du denn immer so müde, Mutter?" fragte ich sie, als sie einmal lange so untätig dagesessen hatte.

Ich trage ja an einem Brüderchen für dich", antwortete sie, lächelte und erhob sich. Aber es war ein Lächeln, was mich verstummen machte. Trotzdem war da ein Zorn in mir oder ein Mißmut: warum lächelte sie nicht mehr so wie früher!

Sehr bald mußte sie sich wieder fetzen, und da ging für einen Augen­blick ein solcher Ausdruck des Erschreckens über ihr Gesicht daß wir drei Kinder uns ganz verlassen vorkamen. Dann schloß sie die Augen für eine Sekunde, öffnete sie wieder, lächelte und begann, uns von Weihnachts­bäumen zu erzählen.

Aber was war denn ein Weihnachtsbaum? Und was waren über­haupt Bäume? Der höchste Saum, den wir gesehen hatten, war Nicht dicker als ein Finger und nicht größer als Beta. Und doch wußten wir, daß es da draußen in der Welt Bäume gab, und zwar große Baume, und daß sie Namen hatten. Wir hatten ja Bilder von einer Tanne, einer Eiche, einer Buche und einer Palme gesehen, und unter diesem Palm- baum ritt Maria auf einem Esel mit dem Iesuskmdlein auf dem Schoß, und Josef führte das Tier am Zügel. Aber wie sah wohl ein Weiy- nachtsbaum aus? Vielleicht wie eine Palme?

Aber nein, es war ja eine Tanne. Eine Tanne? Sollten wir ihr das wirklich glauben? Ein Tannenbaum war doch ein Tannenbaum...

Bist du da ganz sicher? Mutter?"

Denn jetzt wollten wir nicht betrogen werden, und sie war doch so müde und irrte sich immer wieder in den Gußformen. La konnte sie ja auch gut sich hierin irren. .

Ganz gewiß, mein Junge! Denn auf die Zweige werden ja Kerzen gesteckt, ganz vorn auf die Spitzen, dort, wo im Sommer, rote es heißt,

rote Blüten sitzen und leuchten. Das hat mir der Großvater erzSM Und beim Tannenbaum sind die obersten Zweige die kürzesten, und dann geht es triptrap hinunter bis zu den untersten Zweigen, die die längsten sind. Darum kann man auch auf alle Zweige Kerzen stecken» ohne daß die Kerzen schmelzen oder den Baum anzünden.

Wir Kinder standen stumm. Das war doch wohl ein Märchen?

Ist das wirklich wahr, was du da erzählst, Mutter?" fragte ich.

Da fah sie mich ganz verwundert an.

Ist das nicht bloß so eine Geschichte?" fragte ich weiter.

Da setzte sie sich nieder und lachte, wurde aber doch gleich wieder ernst.

Das ist so wahr als wie ich hier sitze, mein Junge. Reiche Leute, di» sich das leisten können, Haden oft Bäume so hoch wie hier vom Boden bis zur Decke."

Nehmen sie denn da die Bäume mit in die Häuser?" fragte ich.

Die Mutter nickte.

Sterben denn da die Bäume nicht?"

Ach, nachher können sie sie ja verbrennen", entgegnete sie.

Ich würde meinen Baurn draußen tm Wald schmücken", meinte ich. Ich würde mir da einen heraussuchen, der immer Weihnachtsbaum sein müßte und nur Weihnachtsbaum, und jedes Jahr würde ich da neue Kerzen draufstecken. Und vielleicht nicht bloß auf Weihnachten."

Jaja, das sieht dir gleich, mein Junge", meinte die Mutter.Aber glaubt ihr mir wohl, wenn ich euch sage, daß wir daheim bei unferm Vater und unserer Mutter jedes Weihnachten einen Weihnachtsbaum hatten?"

Wir standen schweigend. Wir glaubten es und glaubten es nicht.

Aber es ist doch wahr. Nur war es kein Tannenbaum, sondern ein Baum, den unser alter Vater selber gemacht hatte. Zuerst nahm er da ekn Brett und steckte ein Holz hinein, das ausrecht stand, und in dies ander« Hölzer, ringsherum nach allen Seiten, wie die Zweige bei einem Tan­nenbaum. Man konnte sich gut vorstellen, daß das ein Tannenbaum war..."

Und nun hatten wir so viel zu fragen, daß der Vater schon daheim war, ehe wir mit unserer Fragerei zu Ende waren. Er kam mit vielen Sachen aus den beiden schwer beladenen Pserden daher. Und darunter war verschiedenes, wovon wir Kinder nichts wissen durften. Als er aber die neuen Kerzen sah, sagte er leise zur Mutter:Und ich habe extra Kerzen gekauft, um dir die Arbeit zu ersparen ..."

Das ist ja nur gut, Greipur", entgegnete sie.Auf Weihnachten kann man nie genug Kerzen haben."

Das meinten wir Kinder auch! Aber wozu diese überschüssigen Kerzen Verwendung finden sollten, das fiel uns nicht ein nicht bevor rott es den Tag darauf aus der Kammer fügen und hämmern hörten und wir uns klar wurden, daß das unser Vater war, der da drin etwas vor­hatte. Mir als dem Nettesten wurde es ja zuerst klar und ich sagte sofort zu den Mädeln:Ihr dürft auf keinen Fall dorthin gehen. Ja, nicht einmal schauen!"

Wer hat das gesagt?" wollte Veiga wissen.

Schaust denn du auch nicht?" fragte Beta.

Darauf antwortete ich nicht und sagte nur:Macht, was ihr wollt?' und ging meiner Wege.

Aber es schaute niemand, und so hatte keiner unseren Weihnachts­baum gesehen, ehbevor er am Weihnachtsabend auf dem Tische unterm Giebelfenster stand, mit roten, gelben, blauen und weißen Kerzen besteckt. Veiga durste die gelben, Beta die blauen und ich die roten anzünden. Wegen der weißen tarnen wir überein, daß die Mutter sie für Mamsell Anna anzünden sollte.

Niemand soll Kerzen für andere entzünden", sagte die Mutter lest» und zündete die weißen an. Während das geschah, blickten wir alle auf sie und verwandten kein Auge von ihr. Obwohl sie die Augen voller Tränen hatte, strahlte ihr Antlitz. Da lächelte sie, und unsere Benom­menheit wich. Wir lachten und klatschten in die Hände.

Als ich unfern Weihnachtsbaum näher betrachtete, konnte ich sofort sehen, daß ihn der Vater von den für die neue Stube bestimmten Fuß­bodenbrettern gemacht haben mußte, und zwar von den mit den meisten Astknorren darin. Besonders an zweien von ihnen erkannte ich das Brett wieder. Demnach hing noch so etwas von einem knorrigen Boden­brett daran ein echter Weihnachtsbaum war es also nicht.

Da sprach meine Mutter:Ja, hier schmücken wir nun einen Baum mit Kerzen, zur Erinnerung an die Nacht, in der uns der Heiland gebo­ren ward. Aber was taten die Menschen mit ihm? Sie hängten ihn <m ein Kreuz und schlugen große Nägel durch feinen lebendigen Leib. Denkt daran, liebe Kinder, wenn ihr feibst einmal groß werdet und Hammer und Nägel in die Hände bekommt. An ein Kreuz aus Holi, das tnt Walde gewachsen war, ganz wie das Holz hier von diesem Baum. Zu so Verschiedenem läßt sich Holz gebrauchen. Wem wollt ihr lieber glel- chen: den Henkersknechten oder dem Heiland? An wessen Statt wollt lhr Heber fein, wenn ihr wählen könntet? Denkt darüber nach und beweint nicht nur die Toten, sondern seid gut zueinander und zu allem, was lebt..." .

Da meinte unsere Mutter, und wir Kinder standen stumm, und der Vater saß schweigend da. Aber als sie nicht mehr weinte, wurde es ein Weihnachten wie nie zuvor. Unser erstes Weihnachten. Und unser [ctitcs.

Denn mit dem beginnenden Frühjahr wurden die übrigen Boden­bretter zu einem Sarge gebraucht für unsere Mutter, die uns einen deinen Bruder gebracht, selber ober uns verlassen hatte.

Aber übrig blieb außer dem Leben, was jeder zu leben hatte, unser einziger Weihnachtsbaum. Unser hölzerner Weihnachtsbaum Und die (Erinnerung an einen Hos mit seinen eine ganze lange Nacht von Lichter- glanz erhellten Ecken und Winkeln. Unsere einzige Weihnacht. Und ein