gehen wird.
(Fortsetzung folgt.)
„Bist du Satan denn überhaupt nicht wieder los zu werden? schrie I er ergriff eine Wagenrunge, die beim Pferdestall an der Wand lehnte und schleuderte sie mit einem Schwünge auf Sn cf daß das elfen- beschlagene Holz dicht an Kricks Kopf vorbei mit dumpfem Krach an die $Cra“e7Öf*on9'im nächsten Augenblick kam er wieder zur Besinnung. Mein Gott, war es denn möglich? Was hatte er da tun wollen. Eine Schwäche überkam ihn und aufstöhnend brach er in die Kme.
Ein paar Sekunden war es still zwischen beiden, daß jeber nur seinen Atem hörte. Auch Krick war erbleicht, und der Schreck ließ seine Knie 3litjSieMt du nun", sagte er leise, „ein wieviel besserer Kerl du bist als ich? Denn da hätte nun wirklich nicht ganz viel gefehlt... Vielleicht, wenn du eine alte Frau vor dir gehabt hättest, Lars Hullmann — wie? Meinst du nicht auch, daß sie hinüber wäre? Und so einer will mit nur nichts mehr zu tun haben und hält den Kopf hoch und spuckt aus, wenn er einem begegnet? Wie? Bin ich im Recht oder nicht?
Lena, die in der Stube auf das Gespräch der Manner auf der Diele gelauscht hatte, ohne viel zu verstehen, war drinnen entsetzt auf- gefprungen. q£s bie jür aufstieß und ihren Mann auf den
Knien liegen sah. „Lars! Um Gotteswillen! Er hat dir was angetan?
Nee", antwortete Krick für Lars. „Für diesmal nicht. Warum muß ich es denn immer gewesen fein? Beinahe könnte man diesmal das Gegenteil sagen, siehst du!" *
Das Hotel „Zum Schwan", in dem Dörte dient, liegt in einer der engen und winkeligen Straßen beim Bahnhof. Handlungsreisende übernachten dort, kleine Angestellte und Gewerbetreibende. Der Eingang mit dem abgetretenen Läufer auf den Treppenstufen, die hinter der Haustür auf den Flur führen, verrät schon im Eintreten, daß der Gast hier keine Ansprüche zu stellen hat. „ ,
Schlimmer noch sieht es in den Wirtschaftsraumen aus. Besonders die Spülküche ist so düster, daß auch bei Tag Licht darin gebrannt werden muß. Der Lichtschacht über dem Spülstein dient eigentlich nur zur Entlüftung, aber der Qualm des heißen Wassers und der Geruch der Speisen, die von der Küche aus in den kleinen Raum bringen, sind trotzdem so dick, daß sich einem schon beim Eintritt die Luft fchwer auf die Lungen legt. Dorf steht Sorte und spült die abgegeffenen Schüsseln, bie man ihr burch den Aufzug hinunterschickt. Seneben darf sie in den Stunden, in denen weniger zu tun ist, Gemüse putzen und Kartoffeln schälen, und der Tag ist lang und dauert bis tief in den Abend, und die Arbeit nimmt niemals ein Ende. t ... ,
Aber eines Morgens hat es oben mit einem der Zimmermädchen einen Krach gegeben, und bas gleich fo, baß bie Erna noch in derselben Stunde gegangen ist. Nun, bie Sache wirb noch ein Nachspiel vor bem Arbeitsgericht haben, sowohl. Braucht man sich am Ende alles gefallen lassen? Bielleicht, daß bann überhaupt mal Drbnung ins- Haus kommt. Es ist boch seit langem schon ein Skanbol, wie bas Personal im Hause ausgenutzt wirb. Denn was Erna betrifft, fo will sie lieber verhungern, als noch eine Stunbe bleiben, und wenn sie vor bem Richter einmal auskramen wird, was für Zustände im Haufe herrschen, wird sich der Wirt wohl etwas verwundert umsehen ...
Erregt setzt sie unten in der Küche ihre Angelegenheit auseinander. Aber natürlich, solange alle im Hause so dumm sind, sich widerspruchslos in alles zu fügen, geschieht ihnen nur recht. Sie jedenfalls bedankt sich schön, und Sorte vor allem ist so einfach polizeiwidrig dumm, für den geringen Lohn, den man ihr zahlt, tagein, tagaus in bem bunftigen, düsteren Loch da hinter der Küche zu stehen. Es werde wirklich höchste Zeit, daß die Gewerbeinspektion da einmal nach dem Rechten sehe ...
Eine Stunde später wird Sorte unverhofft ins Kontor zum Geschäftsführer gerufen, und sie wird rot und blaß, als sie gefragt wird, ob sie Lust hat, an Ernas Stelle zu treten? Sie soll bie Zimmer im zweiten Stock bekommen, unb wenn sie will, kann sie heute noch mit ber neuen Arbeit beginnen. Ein anderes Küchenmädchen ist schon bestellt ...
Sorte ist beinahe schwindlig vor Glück. Aber sie hot sich bie Arbeit doch leichter gedacht, und nun sie am späten Nachmittag mit den Zimmern fertig ist, ist sie müde zum Umfallen. Als aber am Abend das neue Kattunkleid, das sie bei ihrer Arbeit jetzt tragen soll, aus bem Geschäft gekommen ist, unb sie in ihr Zimmer geht, um es anzuziehen, ehe einer der Gäste sie auf bem Flur in bem alten erblickt, in bem sie ihre Arbeit in der Spülküche getan hat, ist alle Müdigkeit vergessen. Strahlend, wie sauber unb schmuck sie nun ist, geht sie in bie Küche, um sich bort in ihrem Staat zu zeigen und benutzt zugleich die Gelegenheit, ein paar Worte mit ber Neuen in der Spülküche zu wechseln, einem stillen unb blassen Geschöpf, bas sich noch gewaltig sputen muß, wenn es mit ber Arbeit Schritt halten will. Aber Hebung macht viel, unb mit ber Zeit ftnbet man allerhanb Kniffe heraus, sich den Kram ein wenig zu erleichtern. Vor allem soll sie die Schüsseln gehörig lange ab tropfen lassen, ehe sie mit bem Schreiben beginnt, es geht bann noch einmal fo schnell damit.
Da hört sie plötzlich vom Flur aus die Stimme ihres Baiers.
Ist es möglich? Nein, so ein Glückstag aber auch heute!
Wirklich, da steht Lars im Halbdunkel des Ganges, die Schulter an die Wand gelehnt und bie Mütze verlegen in ber Hand.
Sorte lacht, überrascht und stoh in dem Selbstgefühl, das ihr die neue Stellung unb besonders das neue Kleid verleiht. Ader sie will nicht selber davon beginnen und wartet nur darauf, daß der Vater die Veränderung an ihr bemerkt unb sie fragt, ob sie mitten in der Arbeit vielleicht Sonntag feiert, ober was sonst mit ihr los ist?
Als Lars aber in ben Lichtschein tritt, der aus der offenen Tür in den Flur fällt, erschrickt sie über sein Aussehen, daß ihr eine Blässe ins Gesicht tritt. Was ist denn nur mit ihm. so verfallen und düster, wie er ausschaut? Sein Gesicht ist grau wie schmutzige Kreide, unb bie Arme hängen so müde an ihm herab, als hätte er eine wer weiß wie schwere Last getragen.
Besorgt zieht sie ihn in die ßeuteftube, die nach hinten am Ende des Ganges liegt unb in ber Lars auch sonst mit ihr gesessen hat, wenn er mal in bie Stadt kam und nach ihr sehen wollte, em niedriger Roum, in dem es muffig und vornehmlich nach der Schuhkreme riecht, mit der der Hausdiener früh morgens hier den Gästen die Stiefel putzt.
Ob etwas passiert ist? antwortet Lars auf ihre Frage. Wie sie nur auf fo etwas kommt? Nein. Es geht allen zu Haufe gut.
Er hat sich auf einen der Stühle an den Tisch gesetzt. Blaugefroren hängen seine Hände zwischen den Knien herab, und der Blick seiner Augen ist fo erloschen und tot, daß das Lächeln, zu dem er sich zwingt, Sorte doppelt schmerzlich erscheint.
Wie falt dir unterwegs geworden ist", sagte sie verwirrt und nimmt seine Hände, um sie in den ihren zu wärmen. „Warte, ich hole dir eine Tasse Kassee aus der Küche. Oder soll es etwas anderes fein?
„Nein, nein", wehrt Lars hastig ab. „Auf keinen Fall, ich wollte nur einmal nach dir fehen ... Ich hatte sowieso in der Stadt zu tun,
/Wirklich?" fragte Sorte. O, ihr geht es so gut, wie sie nur wünschen kann. Unb nun kann sie es doch nicht mehr für sich behalten unb sie erzählt ihm, welches Glück sie gehabt hat und jetzt zehn Mark im Monat mehr verdienen wirb. Sie wunbert sich aber im stillen, wie gleichgültig Lars bei allem bleibt. Ja, sie hat ben Einbruch daß er kaum herhort . . Sieht er beim gar nicht, wie gut ihr bas blau- unb weißgestreifte Kleid steht, das sie kaum eine Halde Stunde am Leibe hat und das noch leise knittert, wenn sie sich darin bewegt?
Nein, Lars hat heute wohl kein Auge dafür. Geistesabwesend starrt er vor sich bin. . .
Eine Anost überkommt sie. So wie heute war er noch nie. Vielleicht, daß er sich krank fühlt und nur nicht sagen will, wie schlecht ihm zumute ist? Hat er ihr nicht sonst immer ein Lächeln gezeigt, wenn sie ihn sah?
„Vater", bittet sie ihn leise.
„Ja, ja", antwortet Lars hastig. „Laß nur, es ist alles nicht weiter von Belang, siehst du", bricht aber verlegen ab. Denn er will ihr nicht jagen daß er schon seit gestern abend unterwegs ist und die Nacht tm Freien zugebracht hat. Er erinnert auch selber kaum, wie es gekommen ist daß ihn bie Unruhe abermals von Haus getrieben hat. Nur, daß ihm über der Wirrnis, bie in ihm ist, zuletzt die Idee gekommen ist, zu Sorte zu gehen.
Cs ist gewiß lächerlich und er schämt sich vor sich selber, nun er darüber I nachbenkt. Aber Sorte ist ber einzige Mensch, ben er wirklich aus tiefster Seele liebt ... Lena ist gut zu ihm, gewiß, aber sie hat etwas in ihrem Wesen, was das Letzte in ihm nicht zu lösen vermag, und er muß endlich einen Menschen haben, bem er gestehen kann, was ihn bedrückt ... Vielleicht liegt es auch nur daran, daß er ihr nicht gleich die volle Wahrheit gesagt hat und manches sonst vielleicht anders gekommen wäre. Er weiß es nicht. Aber jetzt, hinterher kann er es unmöglich mehr. Jedesmal, wenn er es versuchte, war ihm, als schlöffe ihm ein Krampf den Mund. Darum ist er zu Sorte gekommen. Aber nun er vor ihr sitzt und den Srurf ihrer kleinen Hand in ber seinen fühlt, wagt er kaum ben Blick zu ihr zu erheben. Nein, es ist wohl erst recht unmöglich. Was soll auch bas unschulbige Kinb zu dem sagen, was er mit sich herumschleppt? Es war wohl nur feine Verzweiflung unb Ratlosigkeit, baß er überhaupt darauf verfiel, zu ihr zu gehen. Nein, was hat er sich da nur ausgedacht? Ihm kann nun mal niemand helfen, mag es immer fein, wer will.
Schwerfällig erhebt er sich wieder.
„Also", sagte er, „ich habe ja jetzt gesehen, daß es dir gut geht, da will ich nur wieder gehen. Paß gut auf, wenn du jetzt eine fo schone Stelle gekriegt hast, daß bie Zimmer ba oben immer „hübsch sauber sind, und dir niemand etwas nachsagen kann, nicht wahr?"
Aber er kommt nur bis zur Tür, und er muß sich einen Augenblick lang an ben Pfosten festhalten. Aber bann ist es auch schon roieber vorüber, unb es ist gut, baß Sorte es nicht einmal gemerkt zu haben scheint. Nur baß ihr von neuem auffällt, wie verfallen er aussieht.
„Nein, daß du jetzt schon wieder gehen willst", sagte sie. „Du bist gewiß krank ... Komm, bleib doch noch ba unb ruh dich wenigstens erst ordentlich aus."
Aber Lars schüttelte nur ben Kops. Er ist in seinem ganzen Leben nicht krank unb bettlägerig gewesen. Ober kann sich Sorte vielleicht bar- auf besinnen? Nein, krank ist er bestimmt nicht, bas kann er zu ihrer Beruhigung sagen. Aber gewiß, wenn sie noch ein paar Augenblicke Zeit für ihn hat? Für ihn Drängt es, offen gesagt, noch nicht gerade mit dem Heimwege, unb vielleicht ist es wirklich ganz gut, wenn er sich noch ein wenig ausruht. Denn mübe ist er, bas will er nicht bestreiten.
Aber es ist mehr bie Unsicherheit in ihm, wohin er nun gehen soll, nun alles noch immer so ist, wie es immer war ... Am besten, er macht ein Ende mit sich selber. Ist es nicht unmöglich für ihn, jetzt nach Haufe zurückzukehren? „ r ,
„Erzähl mir doch von zu Hause", bittet ihn Sorte. „Euren Besuch seid ihr nun wohl wieder los, wie?"
Senn Sorte ist neulich Sonntags draußen gewesen und hat sich nicht wenig gewundert über die Einquartierung, bie sich bie Eltern ba ins Haus genommen haben.
„Nein", antwortete Lars. „Sen werden wir auch sobald nicht wieder los werden ... Er hat dir wohl wenig gefallen, ber BesiuH? Sieht ber Kerl nicht aus, als wenn er jemand umgebracht hätte, wie?
Lars erschrickt, aber das Wort ist heraus, und statt in das Lächeln einzustimmen, hinter dem er sich zu verbergen sucht, steht ihn Sorte nur befremdet an.
„So etwas muß man nicht einmal im Spaß sagen , verweist sie ihn.
Sen Teufel auch, ich sage es durchaus nicht im Spaß, denkt Lars in plötzlichem Trotz. Er hat wohl keinen Eindruck auf sie gemacht, wie? O, er kann ihr Singe sagen, daß sie nicht fo leicht darüber hinweg-


