Ausgabe 
20.12.1935
 
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GietzenerZainilienblätter

________Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1955 Freitag, den 20. Dezember Nummer 99

Lars der Gerechte

Roman von Wilhelm Scharrelmann

(7. Fortsetzung.)

(Fr war so bleich wie das Tor, und als Lena ihn herantreten sah, meinte sie im ersten Augenblick, einer Erscheinung zu begegnen.

Lars!" schrie sie auf.Endlich! Daß du da bist, Lars!"

Jawohl, ich bin es!" nickte Lars und seine Stimme war unnatürlich still und gehalten.Geh nur jetzt in die Stube, hörst du? Ich habe mit Krick zu reden, und es ist nichts für deine Ohren, was ich mit ihm abzu­machen habe. Drücke die Tür fest hinter dir zu, verstehst du?"

Er erhob seine Stimme nicht, aber es war etwas in seinen Worten, daß Lena schweigend gehorchte. In der Tür aber wandte sie sich noch einmal wieder um.

Lars!" sagte sie bittend.

Was ist?" fragte er.

Ich bin dir niemals untreu gewesen, Lars, in keiner Minute, und ich brauche die Augen nicht vor dir niederzuschlagen."

Das weiß ich", sagte Lars. Aber er sah nur Krick an.

Gib Krick alles, was ihm zusteht, nicht wahr? Es hat keinen Sinn, daß ihr euch streitet. Im Notfall mußt du ihm einen Schuldschein geben, und wir müssen es abarbeiten. Es muß da doch einen Weg geben, nicht wahr?"

Schon gut", sagte Lars.Ich habe nicht vor, ihm etwas schuldig zu bleiben. Verlaß dich darauf."

Lena schloß die Tür hinter sich, und die beiden, die zurückgeblieben waren, maßen sich schweigend mit einem langen Blick.

Du hast ein wenig auf dich warten lassen", begann Krick, dem das Schweigen zwischen ihnen unbehaglich wurde.Aber unser einer hat ja Zeit, nicht wahr?"

Das dachte ich auch?", antwortete Lars, kalt wie Eis.Du haft dir ja auch nicht gerade Langeweile gemacht, wie ich gemerkt habe. Du wirft nun wohl zugeben, daß ich recht hatte, als ich dich vor vier Wochen hinauswarf. Du hättest dich bei Lena nicht darüber zu beschweren brauchen."

Ihr könnt wohl beide keinen Spaß mehr verstehen, Lena und du, wie?"

Aber es ist gut, daß du wiedergekommen bist", fuhr Lars fort, ohne den Einwurf zu beachten.Es wird Zeit, daß wir die Sache zwischen uns ins Lot kriegen. Denn einem wie dir ist man nicht gern etwas schuldig, siehst du."

Hast du das Geld wirklich zusammengekriegt?" fragte Krick verblüfft. Alle Achtung! Das muh ich sagen."Nein", antwortete Lars, immer in der gleichen ruhigen Weise, die wie die Stille vor einem Gewitter in seinem Wesen stand.Davon kann wohl nicht gut die Rede sein. Ich hätte schon hingehen und einem anderen darum den Hals umdrehen müssen. Aber borm wollte ich dir nun noch keine Konkurrenz machen."

Was soll das heißen?" fuhr Krick auf.Hüte deine Zunge, Lars Hullmann, verstehst du mich? Denn wenn du dir vielleicht gedacht hast, daß es am bequemsten für dich wäre, mich hinter Schloß und Riegel zu bringen, könntest du dich eklig verrechnet haben, sage ich dir... Darum wäre es vielleicht besser, wir vertrügen uns."

Lars nickte.

So habe ich vorhin auch gedacht, siehst du, und bin mit der Absicht hierhergekommen. Aber ich muß sagen, du hast es einem verdammt schwer gemacht..."

Sein Atem ging hastig, und seine Hände ballten sich, und einen Augen­blick lang schien es, als würde nun alles, was sich an Wut und Empörung in ihm ängesammelt hatte, wie aus einem Krater aus ihm herausbrechen. Aber dann erlosch die Flamme in seinen Augen plötzlich wieder und er fuhr ebenso beherrscht wie er vorhin gesprochen hatte, fort:Es hat wohl keinen Zweck, noch einmal auf das zurückzukommen, was du dir vorhin hier bei Lena zusammengefaselt hast. Die Antwort, die sie dir gegeben hat. war ja wohl deutlich genug, selbst für einen Kerl wie du einer bist, sollte man meinen. Ich will es darum ruhen lassen. Es ist ja auch mal eine Zeit geweien, in der du mir so etwas wie ein Freund gewesen bist. Wenigstens hast du mal so getan Nein, laß mich ausreden und unter­brich mich setzt nicht! Es könnte sonst sein, daß ich mich nicht mehr zu halten wüßte..."

Es war ein so drohender Klang in seinen Worten, daß Krick wieder verstummte. Was ging in ihm vor? War er vielleicht nicht mehr ganz bei Sinnen?

. Aber" fuhr Lars nach einem sekundenlangen Schweigen fort und ließ seine Stimme wieder sinkenich bin in deiner Schuld, darüber ist

nicht weiter zu reden. Du hast mir einen Betrag geliehen, und ich habe ihn dir wiederzugeben, das ist klar. Ich habe das meiste von dem Gelde für den Kauf des Hofes hier verwendet, und kann es darum nicht so schnell wieder flüssig machen. Mühe genug habe ich mir darum gegeben, das kannst du mir glauben. Da bleibt nun kein anderer Weg, als daß du das Haus für dein Geld nimmst, das Haus und die Aecker natürlich die dazu gehören."

Wie", fragte Krick, der nicht recht verstanden zu haben glaubte, was Lars da redete.

Ich will mit alledem nichts mehr zu tun haben", fuhr Lars unbeirrt fortund ziehe noch in dieser Woche von hier weg. Hab keine Angst, daß ich viel mitnehme. Du behältst so gut wie alles, was hier ist. Nur das Notwendigste nehme ich mit. Wenn du aber willst, laß mir das Pferd. Soviel ist ja am Ende auch die Arbeit wohl wert, die ich hier an die beiden Aecker gewendet habe und an das Heideftllck, drüben, das ich schon zur Hälfte urbar gemacht habe. Denn an dem Pferd hänge ich, siehst du. Ich will es mit in die Stadt nehmen. Vielleicht, daß ich dort ein kleines Fuhrgefchüft beginne, wenn ich mir auch für den Anfang einen Fracht- wagen dafür leihen muß. So, und damit wären wir bann wohl fertig miteinanber."

Bist bu vielleicht verrückt geworben, Lars Hullmann?" rief Krick unb sprang von bem Stuhl auf, ben er sich genommen hatte.Was in des Teufels Namen soll ich mit beiner schmierigen, alten Moorstelle hier? Meinst bu, ich brenne darauf, meine Knochen zu schinden, wie?"

Mach, was bu willst", entgegnete Lars.Es gibt keinen anderen Weg für uns, auseinander zu kommen. Denn ich will nun mal nichts mehr mit dir zu tun haben unb bir auch nichts mehr fchulbig bleiben, unb ba ist es ja bas einfachste so, .meine ich..."

Reich so haben wir nicht gewettet", antwortete Krick.Denn bu bist mir Geld schulbig, Lars Hullmann, unb fein Lanb, soviel ich weiß."

Ich habe aber boch nichts anberes, unb jeber bejaht mit bem, was er hat", beharrte Lars.Dazu bekommst bu ben ganzen Beschlag, ben ich für teures Gelb gekauft habe, Pflug unb Egge, siehst bu, ben Dünger­karren unb ben Ackerwagen, wenn bu mir ben auch noch für bie nächsten Tage leihen mußt. Ich bringe ihn bir aber halb zurück, ba kannst du ganz sicher fein."

Krick krächzte vor Lachen.

Hab ich nicht immer schon gesagt, daß bu ein Schlaukopf bist, Lars Hullmann? Ich will mich hängen lassen, wenn es einen besseren Bauern­fänger gibt als bich. Hahaha! Nein, ba kannst bu nun fragen, wen bu willst, ob ich mich barauf einzulassen brauche. Auslachen tut er mich, bas ist gewiß.

Was kümmert mich bas?" antwortete Lars jetzt gereizt.Dies ist eine Sache zwischen uns beiben allein, meine ich, unb geht niemand sonst was an."

Aber es verwirrte ihn boch. Denn baß Krick feinen Vorschlag ableh­nen mürbe, hatte er nicht erwartet.

Das ist ja zuletzt bei jeder Hypothek so, siehst du", versuchte er Krick zu erklären.Wenn jemand seine Zinsen nicht zahlen und das Geld nicht zurückgeben kann, das er auf ein Haus geliehen hat, nimmt der Gläubiger das Haus dafür. Was soll er denn auch sonst wohl tun? Willst du mir das vielleicht mal sagen?"

Hab ich dir das Geld geliehen, oder hast du es dir genommen, he?" fragte Krick.Nein, Lars Hullmann, das sind Finten, die du dir da ausgedacht haft."

Nun bann tu, was bu willst! Ich will nun mal mit bir unb beinern verfluchten Gelde nichts mehr zu tun haben, verstehst bu mich? Unb wenn du die Stelle hier nicht dafür nehmen willst, bann laß es bleiben. Dann kann in Gottes Namen hier einziehen, wer Lust hat, Basta!"

Aber baß bu bamit beine Schulben bei mir bezahlt hättest, nimmst bu doch wohl nicht an, bu Aalkopf?" fragte Krick höhnisch.

Doch, zum Teufel! Das ist es ja, was ich sage! Wenigstens habe ich bann nicht einen Pfennig mehr von bem, was bir gehört, noch in Besitz, begreifst bu bas immer noch nicht? Alles, was ich hier anfasse, brennt mir an ben Fingern, bas kann ich bir sagen! Und ich will lieber auf einem Dunghausen im Felde verrecken, als noch länger hier bleiben."

Er wandte Krick ben Rücken, ging über bie Diele an ben Pferbeftall, klappte bie Futterkiste auf unb schüttete Hopla eine Molle voll Häcksel in bie Krippe.

Komm, Alter", sagte er.Du hast biese Nacht noch einen weiten Weg vor bir."

Das hast bu bir ja gut ausgebacht", rief Krick ihm nach.Glaubst bu wirklich, baß ich so bumm wäre und nun einen Strich durch alles machte unb hier sitzen bliebe?"

Tu, was bu willst, unb geh, wohin bu willst!" antwortete Lars.

Gut, benn fahre ich mit bir. Denn es ist ja wohl mein Pf erb unb mein Wagen, bas bu benutzen willst nicht wahr?"

Verzweiflung unb Wut überfiel Lars.