Ausgabe 
20.9.1935
 
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Oie Hausgeister.

Von Hans Thyriot.

Sieh, wir saßen schon mit dir am Tisch, Als du noch im Kinderkleidchen spieltest, Ball und Bilderbuch in Händen hieltest ... Teilten mit dir Brot und Wein und Fisch

Später, als du jene längst vergessen, Deiner Liebsten schriebst die ersten Briese ... Wir, in deines Zimmers Schattentiefe, Haben ungesehn bei dir gesessen

Als dein Hausgesinde, ganz verschwiegen. Doch du fühltest tröstlich unsre Nähe, Und du brauchtest, wenn dich keiner sähe. Nachts im Mondlicht, nicht allein zu liegen.

Nie leibhaftig sind wir dir begegnet, Doch wir mischten dir den Trunk im Krug; Stern und Blume, die die Liebe trug, Haben wir behütet und gesegnet.

Und nicht einen leisen Schlag der Herzen Und nicht einen dunklen Uhrenschlag Warst du einsam. Selbst am Hochzeitstag Hielten wir euch still die goldnen Kerzen.

Mag dein Leben dir vorüberwehn

Jahr um Jahr: noch in der letzten Stunde Werden wir, auf daß der Ring sich runde, Lautlos hinter deinem Sarge gehn.

Wir hüten die Pferde...

Von E r n st W i e ch e r t.

Wir: das find Christoph, der Sohn des Schulzen, Adam, der Kätner- fohn, David, der Dorfhirt, mein Bruder und ich.

Die Pferde: das find die Pferde und Fohlen des Dorfes. Fünfzehn. Das Dorf hat drei Höfe und zwei Kätnerstellen, und Kutschpferde gibt es nicht. Das Dorf liegt hinter dem Moor auf einem Sandberg. Vom Forsthaus können wir jeden Menschen sehen, der es betritt und ver­läßt, und wenn Wichtiges geschehen ist, klettert Christoph auf sein Scheu- nendach und winkt uns mit seinem Säelaken, damit wir kommen. Wich­tig ist, wenn sie einen Iltis gefangen haben oder einen Igel, wenn Da­vid ein Erdnest der Wespen gefunden oder mit der Schleuder eine Krähe getroffen hat, ober wenn Zigeuner am Horizont aufgetaucht sind. Wir sind alle zehn bis zwölf Jahre ult, haben jeder eine Schleuder aus einem gespaltenen Haselstock, Bogen und Pfeile mit eingeschmolzenen Eisenspitzen, mein Bruder und ich außerdem einen Sechs-Millimeter- Tesching, für Kugel- und Schrotschuß, den wir nach einem schwierigen Erbfolgerecht abwechselnd führen, und der uns eine sagenhafte 1leben legenheit sichert.

Aber mehr eine des Besitzes als des Ruhmes. Denn an der Spitze unsrer Schar steht David, einer Witwe Sohn. David führt die Herden des Dorfes und heißt wahrscheinlich Michael. Aber niemand weih das mehr. Mit neun Jahren hat er in dem großen Kampf um die Wald- roeibeqrünbe ben Hirten des Nachbardorfes besiegt, einen langen und breiten Patron, der noch einmal so alt war wie er. Mit der Schleuder hat er ihn an die Stirn getroffen, daß er bewußtlos unter den Kiefern lag, hat die fremde Herde fortgetrieben und das Schlachtfeld behauptet. Niemand würde wagen, ihn anders als David zu nennen.

Die Welt riecht nach Heu und Flieder, und am Samstag in der Frühe wird bestimmt, daß wir die kommende Nacht lang die Pferde hüten dürfen, auf der Wiese am See, die dem ganzen Dors gehört und die von den Schilfrändern wie ein Pfeil tief in ine Walder fpnngt Sie Sonne geht unter, als wir reiten. Wir sammeln uns auf dem Schulzen­hof und stehen neben den Pferden. Mein Bruder und ich haben jeöer eine große grüne Botanisiertrommel auf dem Rücken, mit aufgemalten Feuernelken, darüber eine Decke als Mantel gerollt. David hat nichts als feinen schweren Hirtenrock über dem Arm, aber feder v°n uns hat die geschärfte Holzlanze in der rechten Hand.Auf! ruft David leise. Unsere Gesichter sehen aus wie vor der Schlacht von Mars la Tour, und das ganze Dors steht da und sieht uns an.

David hat die Spitze mit drei Pferden dann kommt jeder oon uns mit zwei. Wir haben einen Trensenzugel und weder Sattel noch Wwlach. Die Fohlen folgen wie Kälber hinterher. Es wird aus Vordermann ge­ritten, die Lanzenspitze neben dem rechten Pferdeohr.

Mein Gott ... wie sie da reiten ..sagt eine grauenftimmeam Weg, und es klingt, als fei das alles traurig uni) gefährlich unb groß^

Hinter der letzten Kate hebt David die Hand und wir traben Rotlich noch steht der Staub über dem Wege, al- wir schon auf der Wiese sind Der Fischadler zieht heim, und Nebel heben sich über dem: Erlensließ. Die Pferde werden gekoppelt, die Lanzen im Kreis um den Eingang der Rohrhütte gesteckt. Dann sammeln wir Holz zum Feuer unb türmen es mitten auf der Wiese zu einem großen Berg. Unb bann beginnt bie fRad^

Wir liegen vor ber Hütte. Das Gras ist warm, unb Spinnen laufen über die Halme. Ungeheuer steht ber Walb hinter uns, unb m feinem

vorjährigen Laube beginnt das Geheimnis sich zu regen. Unter ben Erlen fpricht bas schwarze Wasser, und ber erste Reiher fällt mit seinem ver­wunschenen Ruf in bas Schilf. Schon steht ber Nebel um bie Füße ber Pserbe, unb ihre Körper schwimmen riesengroß über ben weißen Tüchern.

Daoib stopft eine kleine Holzpfeife mit getrocknetem Klee. Er liegt auf bem rechten Ellbogen gestützt, unb seine hellen grauen Augen folgen bem Flug bes Reihers.Der Schwarzfpecht hat geschrien", sagt er,ben ganzen Tag ... heute könnte er vielleicht kommen ..."

Wer?" rufen wir leise aus einem Munbe, unb Abam greift nach seinem Lanzenschaft. Daoib sieht uns langsam ber Reihe nach an. ,Wie schön seine Stirn ist', benke ich noch.Der Moorwolf", sagt er ruhig. Eine Elster flog über meinen Weg unb lachte mich aus."

So ist Daoib. Unbewegt ist fein Gesicht, unb es wäre lächerlich, unter seinen Augen nicht an ben Moorwolf zu glauben. Er selbst glaubt an ihn, aber er fürchtet sich nicht, unb bas ist ber Unterschieb zwischen uns. Mit einem Schlag ist bie Erbe anbers geworben unter seinem Wort. Er kommt", flüstert bas Wasser.Er kommt", flüstert bas Schilf. Der Abenbstern steht über ben Fichten, aber er ist kalt unb sehr fern. Wirb er zu unsrem Haus gehen unb um Hilfe rufen, wenn bie Stunbe ba ist? Im Namen bes Vaters unb bes Sohnes unb bes Heiligen Geistes! muß man rufen", fage ich. Aber Daoib sieht mich gebankenvoll an.Unb wie war es mit Piontek?" fragt er.Ein Testament trug er auf bem Herzen, Tag unb Nacht, unb hat man ihn nicht gefunden, bas Gesicht im Rücken?" Wir wissen es alle. Erschlagen hat man ihn gefunben, vor zwei Jahren, aber niemanb weih, wer es getan hat.In seine Augen muh man sehen", sagt Daoib,unb ben Stein hineinschleubern zwischen sie .. ."

Ob man nicht Feuer machen sollte, fragt Abam leise. Aber Daoib schüttelte ben Kops. Ein Ast bricht im Walbe, unb unsre Gesichter sind weih.Ein Reh", sagt David.Auch im Krieg ist es nicht anders in der Nacht." Mit diesem Wort richtet er uns wieder auf. Der Wald ist wieder warm und schön, die Pserde rupfen sorglos das Gras, der Stern ist hell und milde wie ein Abendgebet. Hinter dem See steht ein Licht auf und ist allein im dunklen Raum. Wir streiten, ob es bei Davids Mutter fei ober in Christophs Hof. In ber vorigen Nacht hat Abam ein Licht' gesehen auf bem Moor. Es ging vor sich hin, blieb stehen, ging weiter. Ein müber Schein, ber plötzlich ertrank.Meine Mutter brennt kein Licht", sagt Daoib.Wir sinb zu arm." Eine Weile ist Schweigen über bas schwere Wort. Dann packen wir aus unb beginnen zu essen. Eine große Flasche Kafsee geht von Hanb zu Hanb. Daoib bekommt bie besten Stücke aus unsren grünen Kapseln.

Nun ist bie ganze Welt weiß, unb bie Erlen stehen wie Türme über bem milchigen Glanz.Alles ist groß im Nebel, sagt Christoph.Der Lehrer, wenn er hier sein möchte, wie ein Haus würde er fein." Ja, der Lehrer ... was würde fein Stock ihm nützen in dieser wilden Welt? Nirgends steht in der Bibel", sagt Christoph,daß Gott bie Lehrer ge­schaffen hat. Bloh Sonne unb Mond unb alle Tiere unb alle Pflanzen, unb zuletzt Adam unb Eva." Christoph hat einen schweren Kopf und er liebt den Lehrer nicht.

Der erste Kauz erwacht und ruft in der Eiche über uns. Man sieht nur die Schwärze des Waldes, und so ist es, als ob die Schwärze rufe. Ist es wahr, daß er anmelbet?" fragt Adam. Wir antworten nicht. Es ist schwer zu wissen, ob die Lehrer recht haben ober Davibs Mutter, bie abenbs auf ihrer Schwelle sitzt unb Geschichten erzählt. Nur Christoph sieht unruhig zu bem finstern Gewölbe empor.Solch eine Nacht war", jagt er,als Wilhelm roiebertam, aus bem Lager in Frankreich. Auch damals hat er gerufen. Der Braune war krank, und ich muhte auf der Stallfchwelle fitzen. Da hörte ich, wie es kam. Es knarrte bei jedem Schritt, und dabei war etwas Dumpfes, als ob ein Pferd über das Moor geht. Und da kam Wilhelm, auf Krücken, und fein rechtes Bein war ab. Keiner hatte es gewußt, denn er hatte es nicht geschrieben. Den Koffer hatte er auf ben Rücken gebunden. Milhelm', sagte ich, ,bist du es, Wilhelm? Was ist?' Da sah er mich an. .Friede ist', sagte er und lachte, daß es mir kalt am Rücken wurde ... die ganze Nacht haben sie gemeint ... und auch damals rief der Kauz ..."

Wir schweigen, unb ungeheuer ist bie Stille ber Nacht. Der große Bär flammt über ben Wölbern, unb immer neue Sterne steigen lautlos aus ben Wipfeln.Jetzt haben sie Tag in Neu-Seelanb", sagt Abam, und noch größer wirb bie Welt bei feinem Wort. Wiebep knackt ein Zweig hinter ber Wiese, unb Daoib steht auf.Wollen Feuer machen", sagt er kurz. Unb plötzlich ist alles anbers. In bem roten Kreis ist alles nahe unb lebenbig unb warm, aber bahinter steht bie Nacht noch unburch- bringlicher. Ein Pferb taucht aus bem Nebel, sieht lange mit glänzenben Augen auf un<- unb versinkt roieber im Dunkel. In ber heißen Afche beginnen bie lirtoffeln zu braten, unb wir sprechen vom Herbst, ber kommen wirb, unb baß wir In bie Stabt auf bie Schulen sollen. Unb wie Wilhelm sich erhängte am Balken auf bem Speicher, unb wie ber faüenbe Baum Davibs Vater erschlug, unb wie wir bas ßanb verteidi­gen werden, wenn die Russen kommen, und wie der Mann ohne Kops am Graben stand.

Und bann kommt es durch den Wald, ein schwerer Schritt, der die Zweige bricht, und wir stehen da, die Schleudern und die Lanzen in der Faust. Unb bann ist es ber alte Michael, ber ein bißchen bettelt unb ein bißchen trinkt unb nun nach Hause stolpert.Ach, ihr Teufel", stöhnt er unb sucht sich ben wärmsten Platz.Ein Feuer haben sie rote bie Herren ja" Sein Gesicht ist roilb unb traurig, unb seine Augen tränen immer'von bem Schnaps, ben er trinkt. Er bekommt Kartoffeln unb Brot Den Kafjee will er nicht, aber feine Pfeife raucht er mit Davibs Steinklee. Er spricht nicht viel, aber es ist immer, als stehe em großer Raum um ihn, ein großes Schicksal, fremb für unsren Sinberftnn.Ja , sagt er , weit ist bie Welt ... sehr weit ... eine Brücke werde ich bauen über bas Moor unb hineingehen auf ins Parabies ..

Er faltet bie grauen Hänbe um bie Knie unb sieht über uns hinweg. 2öie bie Blinbschleichen leben sie itn Dorf, unb auch ihr werbet fo