sand der andere Sozius, und wie man verhindern kann, daß die Tante Anna Schreiner, geborene Löpel von Lösfelholz, mit Fraulein von Brett- win über die Ahnen in Streit gerät, und wie man die alte Frau Meim- berq recht gut setzt, damit sie trotz ihrer Schwerhörigkeit alles mithoren kann, und wie und wie. Es ist alles wirklich einfach. Sie werden den Tag über noch arbeiten oder Besorgungen machen. Und sie werden sich zum Abendessen bei Schreiners treffen, zum Polterabend, zu dem niemand eingeladen wurde, der nicht das Poltern abgeschworen Hal, einschließlich Brautkranzversen und Scherzaufführungen, Man wird nut ein paar Freunden und den notwendigen Verwandten «ine gewaltige Bowle leeren, ein kaltes Büfett ausessen, und um elf oder zwölf wird man alle hinauswerfen, Dann ist nur noch der Hochzeitstag zu überstehen, und dann kann man wieder machen, was man will. Sie hängen beide ganz getröstet ein, während Dr, Meimberg sich vor dem Spiegel einseist und einen Filmschlager pfeift aus „Die Nacht zweier Herzen" oder „Die Nacht der Liebe oder „Eine Nacht m,t dir" oder „Nachts mit dir allein oder „Nachts, nur nachts, mein Herz" oder „Eine Nacht in Budapest mit dir oder „Pußtanacht ,,. Zigeunernacht" oder „Schenk mir dein Herz in Wien bei Nacht" (in Filmen gibt es bekanntlich einen Tag nicht mehr), währenddessen ist Barbara zu ihrem Vater in den Garten hinuntergegangen. Sie hat ihn am Moosrosenbeet gefunden, wie er einen kleinen Strauß von halb erblühten Knospen abschneidet, " Sie hat ihm ein paar besonders schöne Knospen entgegengebogen, und er hat mit einem kurzen Kopfnicken, einem Augenzwinkern gedankt, wie er bei den Operationen zu danken pflegte, wenn sie ihm die Messer, die Tupfer, die Nadeln entgegenreichte, wenn sie auch in ganz schwierigen Fällen gleich das richtige Instrument bei der Hand hatte, Vater und Tochter sind so in ihre Gedanken vertieft und in die gleichen, etwas wehmütigen Erinnerungen, daß der Moosrosenstrauß in der Hand des Professors immer großer wird. Aber endlich ist es doch genug, Schreiner hat ein Stückchen Bast aus der Tasche gezogen, hat den Strauß zusammengebunden, und nun gibt er ihn mit einer kleinen Verbeugung an Barbara, seine Tochter, Die aber nimmt die Rosen mit einem befangenen Kopfnicken, die ersten Blumen, die der Vater ihr schenkt.
Sie weih, wieviel Liebe, wieviel Trauer, wieviel Gedenken und wieviel Wünsche mit diesem kleinen Geschenk verbunden sind. Das Moosrosenbeet hat die Mutter vor fünfunddreißig Jahren angelegt, gleich als sie mit dem jungen Privatdozenten Schreiner in das kleine Haus in Lichterfelde einzog. Und feit sie tot ist, seit fünfzehn Jahren also, darf niemand an dem Beet irgend etwas arbeiten oder eine Rose abschneiden. Das macht der Prosessor alles selbst, und er hat bisher alle Blüten am Strauch aufblühen und welken lassen. Was Barbara in der Hand hält, ist also ein Gruß der Mutter, ihr Geschenk und ihr Segenswunsch. So meint es der Vater, und so nimmt sie es auf.
Sie gehen schweigend ein paarmal um die Rasenplätze, sie stehen zwischen den Stangen des Teppichklopfers, sie beschauen sich ernst die verrosteten Schrauben der Kinderschaukel, das vermorschte Holz des Sandkastens. Mit einem Mal steckt Abschied in jeder Ecke, Wehmut in jedem Winkel, ganz zu schweigen davon, daß man nicht nur zusammengelebt hat, sondern auch zusammengearbeitet und daß der Vater deshalb jetzt nicht in seiner Arbeit den Verlust seines Zuhause wird vergessen können.
Darüber schweigen sie nun miteinander, indem ihre Schritte gleichzeitig vor der Linde zögern, aus deren Wipfel die zornige Mutter ihre ungehorsame Barbara heruntergeschüttelt hat wie einen Apfel (es war ihr gar nichts geschehen, aber die Mutter war tagelang verstört, daß der Zorn sie immer noch besinnungslos machen konnte), indem sie an der „schlimmen" Laube vorübergehen, der ganz zugewachsenen, verwucherten Laube, in die hinein Barbara den amtlichen Bries gebracht hat, daß der Bruder gefallen war, 1918, am 28. Oktober. Zwei ... drei Minuten, dann ist die Gedenkfeier vorüber. Man braucht nicht viel Zeit, sich zu erinnern.
Dann stehen sie schon an den Stufen, die zur Glasveranda führen. Oben am gedeckten Frühstückstisch ist die Göttin des Alltags erschienen, Fräulein von Brettwitz, in einem schwarzseidenen Kleid von betonter Einfachheit, und ruft nach den beiden. „Na alfo", sagt der Professor, „dann mach das man auch so gut, wie du bisher alles gemacht hast. So ordentlich, so exakt, so sauber. Bist ein großartiger Kerl."
Barbara nickt und springt die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Sie Ist puterrot geworden wie ein kleines Mädchen, und ihre Augen glänzen wie die einer Klassenersten. Der Vater hat sie gelobt!! Zum erstenmal. Er ist einverstanden mit ihr. Dann muß wirklich was an ihr dran sein. Denn er findet sonst das Außergewöhnliche gerade ausreichend und das durchschnittlich Gute nicht weiter erwähnenswert. Wenn aber etwas an ihr dran ist, dann wird sie auch die Ehe, diese Ehe mit Alfred Meimberg, gut und richtig führen, nein, sehr gut. Denn auch sie findet, daß das Durchschnittliche nicht genügt, daß die durchschnittlichen Ehen zum Beispiel keine Anstrengung und kein Opfer wert sind.
Noch ein Telephongespräch mit Alfred Meimberg. Sie möchte ihn gern am Kursürstendamm treffen. Sie möchte wenigstens die paar Reisesachen mit ihm zusammen kaufen. Aber Alfred hat wirklich keine Zeit. Steht gerade und wartet auf seinen Wagen. Muß zum Termin, studiert noch am letzten Aktenzipsel und hat am Vormittag außerdem drei Konferenzen und eine notarielle Verhandlung. Barbara muß also allein kaufen.
Gut, gut! Oder vielmehr schlecht, schlecht. Barbara hat das Gefühl, daß mau sich zur Herzstärkung vor dem Auftreten als Brautpaar noch einmal sehen sollte. Ihr ist, als wäre das nötig. Aber wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht. Sic hat genug Einblick in wirkliche Arbeit und genug Achtung vor Arbeit. Sie wird also allein kaufen. Wird um halb zwölf die Tante Anna Schreiner, geborene Löpel von Lösselholz, von der Bahn abholen, um vier einen Besuch bei Mutter Meimberg machen, um fünf bei Sophie Wahnke zum Mädchenabschiedskaffee sein, und um sechs wird sie zu Hause eintreffen, wo um sieben der offizielle Teil der Festlichkeiten beginnt. Man braucht also nichts zu tun zu haben, um den
ganzen Tag bis zur Atemlosigkeit besetzt zu fein. Adieu ... adieu ... Adieu ... adieu ...
Um acht Uhr dreißig verläßt der Professor Schreiner mit seiner Tochter die Villa in Lichterfelde. „Machen Sie es nur, wie Sie es für richtig halten, Brettwitz", ruft er zurück, „ein Blankoscheck liegt auf dem Schreib- tisch, und die Schlüssel haben Sie ja alle. Nein, ich weiß nicht, wieviel eine Hochzeit kosten muß. Seien Sie aber, bitte, barmherzig! Sehr großartig sind wir es ja nicht gewöhnt." Die Brettwitz zuckt ergeben die Achseln. Sie geht langsam ins kühle, dämmrige Haus zurück, setzt sich ans Telephon und bestellt, bestellt ...
Der Professor aber und Barbara gehen, wie sie immer gegangen sind, ein Stück die Eichen hinunter, unter den hohen Bäumen der Straße und der Gärten, in einem angenehmen Laubschatten. Sie grüßen viel in die Gärten hinein. Sie kennen beinahe jeden Menschen dieser Berliner Kleinstadt, und sie kennen auch jeden Chauffeur an der Ecke. „Heute ist Böckau dran", sagt der Professor, und da steht auch schon der Chauffeur Bockau ein wenig abseits von den andern Wagen mit feinem Wagen, hat den Wagenschlag geöffnet und die Mütze abgenommen. Es find 4 Mark 80 bis zur Klinik zu verdienen und 20 Pfennig Trinkgeld. Eine gute Sache, in die sich wechselnd vier Chauffeure teilen.
„Morgen, Böckau", fagt der Professor und nimmt aufseuszend Platz, und Barbara setzt sich rechts neben ihn. Es ist alles wie immer. Die Straßen, der Sommer, die Menschen, die Schweigsamkeit des Vaters. Wie er halb im Auto liegt, di« eine Hand an der Quast« des Halterriemens, den Kopf mit den ziemlich kurz geschnittenen weißen Haaren hintenübergelehnt, die Augen halb geschlossen. Heute endlich begreift Barbara, daß der Vater sich jetzt entspannt, daß er jetzt Krast sammelt, daß hier das Geheimnis seiner Leistungsfähigkeit liegt, der Grund, warum er so frisch in der Klinik ankommt und so frisch zu Hause. Komisch ... sie hat das fünf Jahre gesehen, und am letzten Tag begreift sie es.
2.
Am Zoo biegt eigentlich der Weg des Professors vom Weg der Tochter ab. Aber an diesem Tag« bringt er sie noch bis zum Wittenbergplatz. Er spricht sogar das letzte Stück ein bißchen mit ihr. Ob sie wirklich alles hat, was eine Braut aus gutem Hause zu haben hat, einschließlich Kranz, Schleier und Myrte. Ob sie sich nicht doch noch einen Koffer kaufen muß. Nein, dankt Barbara, sie hat eigentlich alles. Höchstens, wenn ihr der Vater zur Hochzeit ein anständiges Tennisrakett schenken will. So? Er muß also ein Hochzeitsgeschenk machen? Donnerwetter, ganz vergessen. Etwa dem Alfred auch? Nicht daran gedacht. Und Brettwitz, die ansehnliche Dame mit dem Eigenkapital, hat ihm auch nichts gesagt. Vielleicht kann er einfach zwei Raketts schenken? Ja? Wäre richtig? Na also, dann wird Barbara die Freundlichkeit haben, das zu besorgen.
Der Wagen fährt gerade fehr langsam. Denn er ist eingekeilt zwischen zwanzig andere Wagen, in denen andere Berufsmänner sitzen. In diesem Augenblick winkt jemand vom Gehsteig. Ein Herr in einem gelbweißen Anzug aus grobem Stofs. Er ist groß, ziemlich dürr. Etwas eingetrocknet, ein adlerköpfiger Mann ... ja natürlich: adlerköpftg. Denn die sehr scharfen braunen Augen beherrschen das Gesicht, das eine große, kühne Nase hat, einen kleinen Mund und ein kurzes spitzes Kinn. Er hebt den weißen Sommerhut, einen sogenannten Panama, wie man ihn in Berlin selten trägt, von einem ziemlich kahlen, aber schön geformten Schädel. „Tag, Professor", ruft er, „Tag, Profeffor Schreiner ..."
Der Professor richtet sich in seinem Auto ein wenig auf. Er sieht den Herrn auf der Straße an, der vielleicht zehn Schritt vom Auto entfernt steht, getrennt durch zwei andere Wagen. Er greift an feinen Hut. Er kennt den Fremden. Das ist ... warte mal ... das war ein Fall von Darmkrebs ... eine einfache glatte Sache. Gutartig noch. Im Änsanzs- ftadium. Wollte Gott, man kriegte viele solche Fälle zu sehen. Ein billiger Erfolg. Man wird viel zuviel bedankt. Kann jeder Stümper operieren. „Tag, Herr Rauthammer", sagt Schreiner. Denn da hat fein wunderbares Gedächtnis auch noch den Namen heroorgeangelt.
Auch Barbara hat gegrüßt. „Tatsächlich, Rauthammer", sagt sie Überrascht. „Tag, Herr Rauthammer."
Das Auto ruckt. Böckau, der Chauffeur, bekommt endlich freie Fahrt und zischt davon. „Rauthammer", versucht Schreiner diesen Fall zu beenden, „du wirst dich noch erinnern. Hatte ziemlich verrückte Ideen. Vom Willen, der die Welt aus den Angeln hebt. Na, Gott sei Dank, kann das keiner von denen, die es zu können glauben. Würde sonst noch toller schaukeln, unsere gute Welt. Also adieu denn, mein Kind. Da ist der Wittenbergplatz. Ich komme pünktlich um sieben Uhr. Der letzte Patient ist zu vier Uhr bestellt. Tschö ..."
Da steht also Barbara Schreiner aus der Tauentzienskraße, in ihrem hellgrauen Leinenkostüm mit einer rot-weiß gewürfelten Bluse, einem hellroten Hut, den eine kleine Teufelsseder schmückt ... steht vor einem Photographengeschäst, und da fällt ihr ein, daß sie auch kein richtiges Hochzeitsgeschenk für ihren Mann hat. Ein« wunderbare Familie, die Schreiners. Vergeffen alles. Sic sieht im Schaufenster einen winzigen Apparat, den wird sie kaufen und Alfred schenken. Sa etwas wünscht er sich lange, und man muß doch „für später seine Erinnerungen" haben, wie? Sie geht also schnell in den Laden und läßt sich viele kleine Apparate vorlegen und erklären. Aber sie gefallen ihr alle nicht. Es gefällt ihr nur ein ziemlich teurer Apparat. Mittelklein, ausgezeichnet. Man kann damit vierzig. Bilder hintereinander aufnehmen. Sie zögert eine Weil«. Sie steht in der Tür des Photvgraphengefchäfts und sieht durch den Sucher die Straße an, die sommerlich bunte, luftige Tauentzienstraße. Sie findet gerade, daß das Leben in der Stadt feine besondere Schönheit und Farbe hat und daß die Städter eigentlich jetzt auch ein bißchen stolz werden sollten auf die besondere Art ihres Lebens. Sie blinzelt einem Auw nach, das fast wie Alfreds Auto aussieht. Es ist aber die Type vom vorigen Jahr ohne Heckmotor und Stromlinie... Es ist ... weg ist es, und an feine Stelle tritt ein Mann ins Bild, der Mann mit dem Panama- Hut und dem gelbweißen Anzug aus sehr grober Wolle ... Rauthammer.
(Fortsetzung folgt.)


