SiehenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 73
Zreitag, den 20. September
Jahrgang 1935
unersetzbar, nicht wahr? Mußte diese Liebesgeschichte dazwischenkommen? Ja, sie mußte. Barbara streift seufzend das Haar zurück, das ihr in die Stirn gefallen ist. Sie holt sich das Telephon heran. Wählt. B 5 3750 ... „Ja ... hallo. Ja ... Barbara ... Guten Morgen ... Nein ... Grimmig ... Werde nicht fertig. Zwei Hefte .Medizinische Klinik" ... Vier Münchener Wochenschrift" und weiß der Teufel was noch. Was sagst du? Einpacken ... Einpacken ...?" Der Mund bleibt ihr osfen- stehen. „Einfach mitnehmen, sagst du? Medizinische Zeitschriften auf die Hochzeitsreise?"
Rechtsanwalt Alfred Meimberg, der in seinem Schlafzimmer über Akten gesessen hat, Alfred Meimberg, der Bräutigam, lacht. „Ganz einfach, Barbi", sagt er, „ich nehme ein paar Akten mit und du ein paar Zeitschriften, und wenn wir irgendwo gelandet sind, dann holen wir sie "raus und machen unsere Arbeit fertig. Wird uns guttun. Wie?"
„Na, großartig", lacht Barbara, „und du meinst nicht, daß man sich schämen muß, wenn man auf der Hochzeitsreise arbeitet? Es gehört sich bestimmt nicht, das ist klar."
„Also werden wir unsere Schande tief unten in einem Koffer verbergen", antwortet Meimberg, „und oben drüber legen wir einen Roman oder eine Bonbonniere, oder was man sonst Süßes auf eine Hochzeitsreise mitzunehmen hat. Du wirst das schon wissen."
Barbara schüttelt den Kopf. Sie weiß es nicht. Sie hat nicht die geringste Erfahrung in Hochzeitsreisen. Aber ein Mann wie Alfred muß es wissen.
„Nein, ich weih es nicht", lacht Meimberg, „und da gibt es nur einen Ausweg: Wir machen es, wie wir wollen. Man nehme einen Koffer oder auch drei, schnalle sie hinten auf den Wagen und fahre los. Ganz einfach. , _.
Barbara schweigt. Sie sieht in den kleinen Garten hinaus. S,e blinzelt in die Sonne hinein, die jetzt gerade über den Pappeln des Nachbargartens herausgekommen ist. Sie sieht den Vater die Stufen der Glasveranda hinuntergehen, den weißhaarigen Vater, mit dem hellen, jungen Gesicht. Sie winkt ihm zu, und er winkt zurück, verschwindet hinter der Wildrosenhecke, will sie sicher nicht stören.
„Oder siehst du irgendwas Schwieriges?" fängt Meimberg wieder an. „Man geht sich drei Jahre lang mehr oder weniger aus dem Weg. Man sieht schließlich ein, daß man sich doch nicht aus dem Weg gehen kann. Also heiratet man, und schon ist die Sache in Ordnung. Hallo ... Bist du noch da?"
„In Ordnung", wiederholte Barbara Schreiner, und leise setzt sie hinzu- Du, Alfred, du mußt mal einen Augenblick ehrlich sein, nein, noch ehrlicher. So, wie du zu einem Mann bist, zu einem Freund, zu Weppen zum Beispiel oder zu Doktor Kleesand. So ehrlich."
„Donnerwetter", sagt Alfred, „das ist ja allerhand."
Du liebst mich doch, Alfred. Sag mal ruhig: Ja. Gut also. Und du weißt auch, daß ich dich liebe? Nein, es ist mir ganz ernst. Also ja. Und nun sag mal: Du hast also gar keine Angst, mit einem anderen Menschen, einem fremden Wesen zusammenzuziehen, nur, weil du dieses Wesen zu-
Komische Ideen hast du, Barbi", wehrt Meimberg ab; „Man weiß doch, wen man heiratet, und man weiß, es ist ganz einfach."
,Gar nichts weiß man", fällt Barbara ein, „und niemand weih etwas. Sie tun nur alle so. Es ist nicht einfach." „
„Liebe Barbi", setzt Meimberg wieder an, „liebe Barbi...
Aber man kann Barbara Schreiner nicht trösten. Sie ist kein kleines Mädchen. Sie ist achtundzwanzig Jahre alt, fünf Jahre Operationsschwester bei ihrem Vater gewesen. Sie hat an die 2000 Operationen mitaemacht, 2000 Schicksale miterlebt, komische und traurige, glanzende und armselige. „Liebe Barbi...", damit ist es nicht zu machen Alm wird Meimbergs Jungensgesicht nachdenklich. Er fährt sich mit dem Zelge- finqer der linken Hand, wie immer, wenn er nachdenkt, durch den Scheitel des scharf an den Schädel gebürsteten hellen Haares und sagt schließlich- Also wenn wir hier schon vor dem Richterstuhl stehen: Natürlich, Barbi' jeder Mensch hat ein bißchen Angst vor dem Heiraten. Vor allem jeder Mann Deshalb heiratet man zehnmal nicht. Weil es nicht ganz notwendig ist oder weil die Frau ein Tyrann ist oder ein Frauenzimmer oder eine Dame oder darum oder darum. Aber bei dir ist das alles eben nicht Darum muß ich dich notwendigerweise heiraten, und deshalb . Kopf- ivrunq, los! Und ein bißchen Herzklopfen bat, man vor jedem Kopfsprung, ob man ihn auch tadellos macht. Aber Angst... Nee, Angst nicht.
Wenn du Herzklopfen haft", schließt Barbara, „dann ist es gut Dann wirst du es schon tadellos machen und ich auch. Wenn nur erst diese Heiraterei vorbei wäre!" t.
Ja da hab' ich dich auch noch allerlei zu fragen , lacht Meimberg.
"j)at aber nichts mehr mit Liebe zu tun, sondern nur noch mit ^'untHo sprechen sie denn über den Brautstrauß, und welche der Brautjungfern Dr. Weppen, der eine Sozius, haben soll, und welche Dr. Klee-
Liebesroman
GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE
Von Walther von Hollanöer
Lopgright 6y August Scherl G.m.b.h., Berlin 1.
Fräulein von Brettwitz, die Hausdame von Professor Schreiner, sitzt am Bett der Köchin Rosa und klagt. Der Schlachter wird bestimmt den Hochzeitsbraten nicht in der richtigen Größe und nicht zart genug liefern. Ob das Gemüse reicht? Erbsen schnurren mehr ein, als man denkt. Der Konditor wollte das Eis schon um elf, zwei Stunden vor der Trauung, liefern. Da hätte man Eissuppe geben können mit Sahneklümpchen. Und das kleine Gebäck ist lange nicht so gut geraten wie zu Weihnachten, wo der Professor gesagt hat: „Brettwitz ... das Gebäck ... großartig."
Die Köchin Rosa liegt behaglich, die Arme unter dem Kopf, und sieht die Brettwitz mit einem vor Schläfrigkeit starren Blick an. „Na, na", sagt sie ein paarmal beruhigend, „na, na, wird schon werden."
Dann fallen ihr die Augendeckel wieder zu. Mit ein paar eiligen Atemzügen versucht sie, sich noch ein bißchen Schlaf einzupumpen. Die Brettwitz schüttelt den Kopf. Natürlich: alles bleibt wieder an ihr hängen! Während sie seit Wochen schlecht schläft, schweißgebadet und mit Herzklopfen aufwacht, weil sie auch im Schlaf immer an diese Hochzeit denken muß, während sie jede Kleinigkeit besorgt und bedenkt, geht der Professor gedankenlos seiner Arbeit nach, macht Barbara, die Braut, Besuche, Besorgungen, Ausflüge. Und die Köchin Rosa, auf die schließlich einiges ankommt, schlummert wie ein Kind. Sie alle wissen zu genau: die gute, gute Brettwitz wird zur rechten Zeit alles fertig haben. Jawohl: die andern haben es gut. Sie haben ihre Brettwitz. Und wen hat sie. Sie blickt hilfesuchend umher. Niemand ist da. Niemand. Oder? Drüben in dem Spiegel sitzt eine, auf die man sich verlassen kann. Strass in der Haltung, zwei starke Zöpfe um den runden Kopf geflochten: mit gütigem Lächeln: unsere Brettwitz, eine ansehnliche Fünfzigerin mit viertausend Mark Eigenkapital. Man kann sich nur auf sich selbst verlassen — das ist der Grundsatz des Chirurgen Professor Schreiner. Er hat ja >o recht. Fräulein von Brettwitz kann sich nur auf Fraulem von Brettwitz ver- ^Sie legt ihre Hand auf die Schulter der Köchin. „Rosa, Sie werden aufstehen müssen." Rosa schlägt die Augen auf, nickt wohlwollend und seufzt: „Wir werden noch dicke fertig, Fraulein von Brettwitz. Vierund- zwanziq Stunden! Da kann man ein Regiment bekochen. Und indem sie sich langsam aufrichtet: „Nur Ruhe ... sonst brennt es an! „Was brennt an?" fragt die Brettwitz entsetzt. Rosa schüttelt mitleidig den Strumpf, den sie gerade anziehn wollte, unterdrückt ein Gähnen und sagt: „Anbrennen? Ich lasse doch nichts anbrennen. Das hat doch bloß der dicke Komiker gesagt ... Wie heißt er denn ... Na, Sie wissen i ... Na, doch der im Atlantikkino ... Nee ••-3$ fomme mc^t Darauf " Die Brettwitz kennt das Atlantikkino nicht. Sie verachtet solche Volksbelustigungsstätten, und dicke Komiker kann sie nicht le'den. Sie geht schnell aus dem Zimmer. Sie will noch Zwei Sekunden A Barbara hineinschauen, zur Braut. Es ist noch em.ges »u besprechem S e schient au Morgenschuhen aus der Mansarde in die erste Etage hinunter. Sie steht mit nachsichtigem Lächeln vor dem Zimmer Barbaras und k opft. Keine Antwort. Sie klopft ein zweites Mal. Von drmnen kommt em ärgerliches Räuspern. Jetzt entdeckt die Brettwitz auch das kSchild. ..Nicht zu sprechen. Anreden — auch durch ine Tur " hostichst verbetem
Die Brettwitz schüttelt den Kopf. So sind die Schreiners! Anreden höflichst verbeten! „Wenn du jemanden brauchst, dem du dem Herz aus schütten möchtest —?" hat sie vor einer Woche zu Barbara gesagt Und Barbara hat sie auf die Schulter geklopft und geantwortet. „Sollte ich wirklich mal jemanden brauchen" (erwartungsvolle> Pause, ... »d°"N -r- schieße ich mich." So ist das Kmd. Heftig wie ihre verstorbene Mutter,
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«»»-,»«"°m SchreMIfch un» lieft. Sie »Q* 6r*' Swe? Dhint- »■ÄÄ,OÄ.SS sie wird es nicht schaffen. Wann soll sie das serttgm ch • klinischen das fertigmachen, wenn sie es nicht fertigmachtt Jn . y ^lr- J°hren, als Operationsschwester ihres Vaters, ha sie langsam alle Ar besten einer Sekretärin für ihn übernommen. 6te i ma(.e3U
nein, ein ganzer Mediziner. Eine glanzend eingearbeitete Kraft, ^hezu


