der Lür gekannt habe, ihn auf den ersten Blick erkennen müsse. Gleich morgen wolle er wieder hin, und Ol-Trin müsse auch mit, da helfe nun alles nichts.
Verzweifelt und unglücklich schüttelt Ol-Trin den Kopf.
„Wie so was bloß möglich ist?" denkt sie im stillen und hilft dem Alten, daß er erstmal seinen Rock ausbekommt und die engen Lederstiesel. So, da sind seine Holzschuhe... Ja, sie hat neues Haferstroh hineingelegt, er soll mal probieren, ob sie es auch zu gut gemeint und zuviel hineingeltopft hat...
„Vielleicht, daß es ja noch mal wieder vorübergeht mit ihm", denkt sie, „wenn er nach der Aufregung, die ihm der Tag gebracht hat, erst wieder richtig zur Ruhe gekommen ist."
Sonst muh sie morgen unbedingt nach Diemenbusch hinüber, damit ihr Harm Klüth ein Sympathiemittel gibt für Klas. Keiner versteht sich so darauf wie er.
OReife ins Llrtangmeer.
Von Dr. R. H. Francs.
Wir waren erst wenige Tage von den Küsten Zentralamerikas entfernt und fuhren unter einem paradiesischen Himmel, als sich plötzlich die große, blaue Leere des Atlantischen Ozeans um uns änderte. Wenn man die Weltmeere befährt, und auch auf unseren schnellfahrenden Dampfern wochenlang nichts sieht als Himmel und Wasser, gewöhnt man sich daran, auch die kleinste Aenderung in diesem Bilde zu beachten, und hier begann allmählich, dann überwältigend ein vollkommener Wechsel in der Meeres- natur. Goldgelbe und fuchsrote Tangbündel trieben im tiefblauen Wasser, zunächst ein von den Wogen zu einem langgedehnten Streifen ausgezogenes Hundert, dann kamen viele Streifen und zuletzt schimmerte das ganze Wasserrund goldgelb von Tausenden und aber Tausenden kleinen und großen Tangen.
Wir waren in der Sargassosee und durchfuhren sie fünf Tage lang. Ein Erdteil von Wasserpflanzen war das. Auf jeder Karte der Weltmeere findet man ihn eingezeichnet wie eine riesige Wiese, aber von der Größe ganz Mitteleuropas.
Seitdem Kolumbus mit seinen Holzschiffen darin sestgehalten wurde, war eine Seemannssage mehr entstanden von dem furchtbaren Tangmeer, das den Schiffen die Fahrt verwehre und sie bis zum Verhungern ein* schließe und gefangenhalte. Ich glaube es schon, daß die alten Schiffer festgehalten wurden in jenen Regionen, aber nicht von den Pflanzen, sondern mit den Tangen zusammen von dem Mangel an Strömung in Luft und Meer. Gerade hier dehnt sich eine der ruhigsten Gegenden der Erde. Die Wasser des Meeres, sonst überall in Strömen dahinwallend, stehen hier still, und wachen- und monatelang spannt sich über ihnen ein seidenblauer Himmel und ruhige Luft, die auch nicht ein Wellchen kräuselt. Lieblich wogen die Tage auf und nieder, spiegelglatt dehnt sich die See bis zum Himmelsrand. Wenn irgendein kleines Glitzern und Getümmel die Wasserfläche erzittern läßt, so ist es höchstens ein Zug Flügelschnecken oder eine kleine Flotte von Staatsquallen, die geheimnisvoll mit rosa Segeln kommen, aus fernem Blau, und wieder dahinfahren in blaue Fernen.
Die Geschichte von der Entstehung des Lebens erzählt uns, daß einst, in letzter Vergangenheit der Erde, es überhaupt kein anderes Leben unb Sein gegeben habe, als solche Urtangmeere, auf einer Erde, die fast nahezu oder vielleicht überhaupt nur von blauem Wasser bedeckt und in lautloser Einsamkeit dahindämmerte.
Können wir das glauben? Das jetzige Sargassomeer, übrigens nicht das einzige auf Erden, ist kein Ueberbleibsel einer Urzeit, wenn es auch feit des Kolumbus Zeiten unverändert geblieben ist, also wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden an gleicher Stelle wogt. Die darin lebenden Tange gehören hauptsächlich einer Gattung an, dem gewöhnlichen Blasen- tang, von dem Verwandte auch an deutschen Küsten, ganz besonders häufig in der Ostsee, auf Steinen und Holzwerk angewachsen sind. Das sind keine Urzeitpflanzen, sondern hochentwickelte, vielzellige, wohlgebaute Gewächse, von denen man annimmt, daß sie an den Küsten der zentral- amerikanischen Inseln wachsen, durch Stürme abgerissen und durch Strömungen zusammengetragen sind. (Was ich übrigens nach meinen persön- fidjen Untersuchungen nicht glaube.) Immerhin wäre die erste Pflanzenwelt auf Erden nicht gut anders vorzustellen. Sie muß im Meer gelebt haben, denn alle Wasserpflanzen sind einfacher, als die Landpflanzen, und nach allgemeiner Erfahrung ist das Einfachere meist das Aeltere. Im Meer aber kann sie nur die Form von Kleinpflanzen oder aber Tangform gehabt haben. Eine andere Vorstellung ist nicht möglich.
Noch heute gibt es in den großen Ozeanen Tangwälder von wahrer Urwaldpracht. Gerade die allergrößten Gewächse der Erde, dreihundert Meter lange Riesentange fluten dahin; in hunderterlei Formen wuchern gelbe, braune, rote, wie Palmen oder Blattpflanzen anzusehende Algen, bald klein wie die Kräuter und Gräser, bald dichte Büsche bildend, zwischen denen sich dann Riesenbäume erheben. Ein Dickicht undurchdringlich und schattig, in dessen Laubengängen die Fische aus- und einschlüpfen, große Tintenpolypen ekle Arme heben und das gefräßig-räuberische Volk der Krabben und Meeresspinnen sein Unwesen treibt, das ist der Tangwald von heute. Und der aus den Urtagen der Erde kann wohl kaum anders ausgesehen haben, wenn auch keine Spur von ihm übrig geblieben ist.
Dieser letzte Ausdruck entspricht zwar nicht ganz der Wirklichkeit, denn Spuren einer untergegangenen Pflanzenwelt finden sich in den allerbesten Gesteinen massenhaft. Aber es sind eben nicht mehr erkennbare Pflanzen, sondern es ist bloß — Kohle. Wenn Pflanzen derart vermodern, dann hinterlassen sie Kohle. Das weiß heute bereits jedermann. Denn alle Welt kennt die Steinkohle und Braunkohle, und gelegentlich hat schon jeder in ihr Blattabschnitte oder Holzreste mit eigenen Augen erkannt. Darum hat sich auch die Forschung daran gewöhnt, überall, wo sie Kohle sieht, einstiges Leben anzunehmen.
«verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl
Man fleht riesige Gebirge aus Schiefer aufgebaut, der ganz unzweifelhaft erkennen läßt, daß er nichts anderes als trocken gewordener, durch Erdrindenbewegungen aufgefalteter und durch den dabei entstehenden Druck „schiefrig", das heißt plattig gewordener Meeresfchlamm ist. Man kann, wenn man Meeresschlamm trocknet und unter den Druck der hydraulischen Presse bringt, diese Spaltung in Platten künstlich nachahmen. Dieses Schiefergebirge und seine Platten aber sind allgemein bekannt. Als Abcschützen haben wir die Schiefertafel herumgetragen und mit dem Griffel gekritzelt und uns daran gefreut, wie prächtig der weihe Strich auf der schwarzen Platte erschien. Und als wir dann das erstemal von Berlin nach München fuhren, dann hat wohl jeder von uns staunend hinabgesehen auf die kohlschwarzen Ortschaften, als der Zug durch die schönen Waldberge des bayrischen Frankenwaldes fuhr. Ludwigstadt, Lehesten und andere Orte dieser Gegend sind aus tiefschwarzen Schiefer- platten erbaut, auch die Hauswände sind mit ihnen belegt, denn in jener Landschaft ist Schiefer das billigste Baumaterial. Von dort kommen die deutschen Schultafeln und Griffel her, der ganze Frankenwald ist ein Tonschiefergebirge, und in bergeshohen Massen ist dort jener älteste Meeresschlamm aufgehäuft, der schwarz ist von der Kohle einstiger Sar- gassoseen und Tangwälder. Vergeblich sucht man in ihnen irgendwelche Versteinerungen; sie sind ganz leer, und nur einzelne Algenspuren verraten, daß unsre Meinung von einem Urtangmeer, in dem sich diese Schlammschicht abgesetzt haben, richtig ist.
Solche Urtonschiefer aber gibt es viele auf Erden. So gewaltige Ge- fteinsmaffen, daß zur Goethezeit die Meinung verbreitet war, im wesentlichen hätte sich die ganze Erdrinde nur aus Wasserabsätzen gebildet. Nach dem Schutzgott der Meere nannte man bas die neptunische Theorie. Blasentange und allerlei rätselhafte Algenfäden fand man in diesen Bergen und sonst nichts und man baute nun mit luftiger Phantasie darauf eine Urgeschichte der Erde auf, die in alten, populären Büchern aus der Kinderzeit ganz ergötzlich zu lesen sind. Allen Ernstes erzählte man da, als ob man dabei gewesen wäre, wie das kochende und brodelnde Urmeer ungeheure, viele Meilen im Durchmesser haltende Blasen aufgeworfen habe, die bann platzten unb tiefe Einsenkungen im weichen Schlamm- grunb hinterließen. So seien Täler unb Untiefen im Meer zustanbe- gekommen. Großpapa hat solche Dinge gläubig hingenommen, unb sich zweifelsohne gebucht, baß unsre liebe Erbe boch ein furchtbarer Hexenkessel gewesen sein muß unb es wahrlich sehr gut sei, in ben jetzigen fortschrittlichen unb ruhigen Zeiten zu leben, in benen solches ausgeschlossen unb selbst die Wildnis schon merklich gezähmter sei.
Aber das Wissen von heute belächelt das alles als naive Vorstellungen, unb so wie sie ben Neptunismus aufgab, so hat sie auch mit ber Ansicht gebrochen, als habe es jemals „roilbere" unb katastrophenreichere Zeiten gegeben als just eben jetzt. Sie stellt sich auch bas Urtonschiesermeer nicht anbers vor, als etwa bie Saragossasee in unseren Zeiten: blau, lieblich, leer unb ruhig unb nur im geheimen mirtenb und bauend an den Gesteinen künftiger Jahrmillionen. Einfach dadurch, daß Körnchen und Körnchen in die Tiefe rollt von dem feinen Staub, den die Winde dahertragen, von den letzten zerlösten Trübungen die ins Meer als zur letzten Nuhe- ftätte geraten.
Wir Haden uns von jenem Zeitalter nur insofern noch ein phantastisches Bild zurechtgemacht, als wir jenes Urmeer für frei vom Tierleben ansehen. Wir nennen es das algonkische Weltalter, was aber nicht die Algenzeit bedeuten soll, wie man nach dem ähnlichen Klang vermutet, sondern auf den Stamm der Algonkin-Indianer bei den großen Seen der Vereinigten Staaten zurückgeht, auf deren einstigen Grund und Boden jenes Urmeer besonders große Schichtungen hinterlassen hat. Zwanzig- und dreihig- taufenb Meter dick sind jene Meeresabsätze und man kann dort, wo sie nebeneinander liegen, wie die Seiten eines auf den Rücken gestellten Buches, an diesem Buch der Vergangenheit tagelang hinwandern, ohne daß sich die Natur dieser längftoergangenen Welt änderte.
An diesem Punkt aber höre ich einen Einwand meiner denkenden Leser. Sie sagten sich, der Meeresschlamm bilde sich doch nur sehr langsam. Ein Zentimeter entsteht nicht einmal jedes Jahr. Gewiß nicht, auch zehn Jahre sind dafür noch keine übertriebene Annahme. Ein Meter entspricht sicher einem, wahrscheinlich sogar mehreren Jahrtausenden. Und da liegen, noch durch ihr Gewicht zusammengepreßt, 20 000 Meter dicke Meeresschlammablagerungen. Dreißigtausend Jahrtausende, dreißig Millionen Jahre, lang wogte dort die See und sanken die Schlammteile, und wenn es zehnmal schneller ging, drei Millionen Jahre lang ... Wer kann das glauben?
Die Erdforscher von heute aber machen strenge Mienen unb sagen: Wir schätzen bie Zeit, bie seit bem Algonkium vergangen ist, auf fünfzig Millionen Jahre, aber bie Mächtigkeit ber ersten Ablagerungen zwingt uns, bas algonkische Zeitalter für ebensolang zu halten.
Wir hören bie Botschaft, aber uns fehlt ber Glaube. In fünfzig Millionen Jahren (immerhin angenommen, biefe phantastischen Ziffern feien richtig) habe sich auf Erben nichts entwickelt, es sei kein Fortschritt geschehen, unb in ben barauffolgenben sei alles anbers geworben, ja in ben letzten fünftausenb Jahren sei ber jämmerliche Menschenfresser unb Tiermensch zum Mann von heute geworben! Man versuche, das nur auf ein Papier von einem Meter Länge aufzutragen, um ein bißchen Anschauung dieser unglaublichen Dinge zu erhalten. Fünfzig Zentimeter lang ist ber Stillftanb, bie anderen fünfzig sind die Entwicklungszeit des Lebens. Unb ber allerletzte Millimeter (ich bitte, ben zwanzigsten Teil eines Millimeters aufzuzeichnen), bas ist bie Entwicklung ber menschlichen Kultur...
Aber ba liegt bie breifjig Kilometer birfte Schlammschicht bes Urtangmeeres unb sagt in ber Sprache ber Natur: Gebirge bezeugen es, wie um faßbar alt bie Welt, wie groß bie Naturkräfte und wie klein das Menschengeschlecht ist. Fröstelnd blickt man hinaus in bas ferne Blau dieses Ozeans des Einst, der noch immer der Ozean von heute unb bie blaue Dämmerung von morgen ist, unb fühlt sich so erbrütft, baß selbst bas Wissen, bas man von biefen Dingen hat, nur wie ein Mythos erscheint.
sch« Antveriitäts-Buch- und Steinbruckerei» A. Lange, Gießen.


