über«
heute wirk-
hing
Abendregen.
Von Gottfried Keller.
Langsam und schimmernd fiel ein Regen, In den die Abendsonne schien;
Der Wandrer schritt auf schmalen Wegen Mit düstrer Seele drunter hin.
Er sah die großen Tropfen blinken Im Fallen durch den goldnen Strahl;
Er fühlt es kühl aufs Haupt ihm sinken Und sprach mit schauernd süßer Qual:
Nun weiß ich, daß ein Regenbogen Sich hoch um meine Stirne zieht, Den auf dem Pfad, fo ich gezogen. Die heitre Ferne spielen sieht.
Und die mir hier am nächsten stehen, Und wer mich wohl zu kennen meint, Sie können selber doch nicht sehen, Wie er versöhnend ob mir scheint.
So wird, wenn andre Tage kamen, Die sonnig auf dies Heute sehn, Um meinen fernen blassen Namen Des Friedens heller Bogen stehn.
nommen hatte. _
„Na", hatte Klas zu ihm gesagt, „dann vergiß auch das Wiederkom-
OaS Denkmal.
Von Wilhelm Scharrelmann.
flüffig war.
„Nichts. Wie immer", antwortete Ol-Trin.
Nachdenklich schüttelte Klas den Kopf. „Und dabei hatte ich ben ganzen Tag so ein Vorgefühl, als wenn er nun heute Abend lich kommen mußte ..."
Ol-Trin antwortete nicht daraus. Sie kannte das schon. Klas nun mal an seiner Einbildung, da war nichts zu machen. Er wurde cvohl langsam wieder zum Kinde. Nun ihm doch alle, bis zum Pastor hinauf, versichert hatten, daß es völlig ausgeschlossen sei und er sich nicht länger unnütze Hoffnungen machen solle, daß sein Lür noch einmalwieder znrückkehren werde ... Aber der Alte war nicht zu überzeugen. Mochten |ie alle sagen, was sie Lust hatten! Wie war es denn mit Krügers Hermann gegangen, he? War nicht auch er erst Jahre nach dem Friedens- Ichluß zurückgekommen, als niemand mehr angenommen hatte, daß er noch lebte? Ebenso ruhig und selbstverständlich würde auch Lur eines Tages wieder da sein und den Damm heraufkommen, an dem der kleine Hof lag, ganz wie an dem Tage, als er von ihnen Abschied ge-
men nicht, hörst du?" .. , .. ... ,
Kein Wort sonst. Und Lür hatte dazu gelächelt, wie es sich gehörte, trenn sein Vater einen Scherz machte, ein stilles, ruhiges Lächeln ...
Jahre waren nun darüber hin. Aber was wollte das besagen? Em (Jahr — was war das viel? Ihrer fünf oder zehn waren am Ende noch nicht soviel, wie ein Atemholen des lieben Gottes, und wenn Lur heute nicht kam, kam er eben morgen ... Vielleicht hatte er Grund, sich Seit zu lassen, wer konnte darüber etwas wissen? Der Pastor und der Superintendent wußten auch nicht mehr, als sie gelernt hatten, seht 'yr.
Aber Lür kam auch am nächsten Tage nicht und auch an keinem (•er folgenden. Dafür brachte der Postbote ein paar Wochen spater emen Brief. Klas traute feinen Augen nicht. Er wußte die Seit nicht mehr, daß jemand an ihn geschrieben hatte.
„Siehst du, Mutter", sagte er zu Ol-Trm, „nun hat er geschrieben. Aber er hätte sich nicht erst groß anzumelden brauchen ...
Als der Alte endlich die Brille gefunden hatte — s'.e ^Nichten sie beide, wie es gerade kam, und Ol-Trin hatte sie mal w. der weiß der Deibel! in ihrem Sttickkorb vertütert — las er den Brief und es ging schneller damit, als er erwartet hatte. Der Inhalt war kurz und bündig. S(as alte Schwester Aleid, die bei tyren Smbern tn der Stadt wohnte mar gestorben, und der Mann ihrer Tochter zeigte es Klas und Ol-Trin en. Die Beerdigung sollte am nächsten Tage fein.
Klas ließ den Brief finken und seufzte.
Sie hätte wohl noch etwas leben können, achtundsechzig ^ohre waren eigentlich fein Alter. Aber sie hatte ja schon seit Jahren gekränkelt. Nun rar es vorbei mit ihr. Gott hab sie selig. Wir alle müssen einmal fterbem
Er hatte ja zuerst gemeint, daß der Brief von Lur fei. Nun war
lange wurde. Hier stand der Roggen schlecht, und dort wurde es Df die Kartoffeln auch Zeit, daß sie gehäufelt wurden ...
Als die Beerdigung vorüber war und die gute Aletd ihren letzten Weg hinter sich hatte, nötigte ihr Schwiegerson den Alfen vom Kirchhof wieder in fein Haus und bewirtete ihn dort, wie es Sitte war. Sie wollten sich nicht lumpen lassen, hatten sie zueinander gesagt, feine Frau und er, so wenig sie es auch dazu hatten. Darum gehörte es nur dazu, daß man dem Alten auch ein Glas von dem Wein vorsetzte, den man für die Beerdigung angeschafft hatte. Ein Gläschen Kümmel hätte es am Ende auch getan, aber Klas und Ol-Trin und die Nachbarn sollten hinterher nicht sagen, daß sie es an etwas hätten fehlen lassen.
Trotzdem stand der Alte früher wieder auf, als man angenommen hatte.
„Wollt Ihr schon wieder gehen?" fragte feine Nicht«, die sich eine Küchenschürze vor ihr Trauerkleid gebunden hatte und in der Küche stand und Schüsseln spülte.
Ja, das wollte er. Er murmelte, daß er ja zu rechter Seit wieder zu Hause sein müsse, da Lür vielfach gerade heute — hm. Er meine nur fo ...
Niemand verstand, was er damit sagen wollte, ober schließlich war der Weg ja auch weit. Swei bis drei Stunden brauchte er wohl nach Hause, he?
O, meinte Klas, es könnten wohl vier werden, und nun es schon über Mittag sei, werde es — weiß der Deibel — wirklich Seit für ihn..« Und bann könne er ja auch sowieso die Stadt nicht leiden. Man möge es ihm nicht übelnehmen, aber daß es Aleid hier solange ausgehalten habe, sei gewiß kein leichtes Stück für sie gewesen ...
Auf dem Heimweg muß er einen Platz überqueren, auf dem sich eine große Menschenmenge staut, am dichtesten vor der Tür zu einer Kirche, die sich düster und ernst in die lichte Bläue des Frühlingshimmels hebt. Musik erschüttert mit ehernen Akkorden die Luft, und alle, die vor chm und um ihn stehen, reckten die Köpfe.
Was denn da los fei? erkundigte sich der Alte.
Leise verständigte man ihn, daß da drüben bl der Bonifatius- kapelle im Eingang der Kirche ein Denkmal für die Kriegsgesallenen errichtet werde.
So, fo! nickte Klas, und will fchon weiter, als Me Musik verstummt» und eine schallende Stimme von der Kirche her zu der Menge $n sprechen beginnt. , , . „
Besangen bleibt der Alte an seinem Platze, kann aber bet aller Müh» nichts Rechtes verstehen, und nur hin und wieder erreichen ein paar abgerissene Worte fein Ohr.
Nein, es hat wohl keinen Sroecf, noch länger zu warten. Wer weiß, wie lange das da drüben noch dauert ... Aber da dröhnt dumpfer Trommelwirbel zu ihm herüber, und nun fetzt die Musik wieder ein und geht leise in die Melodie zu „Ich halt' einen Kameraden" über.
Ergriffen hört der Alte zu. Ja, das Lied kennt er, und das ist eine Sprache, die auch er versteht.
Aber als das Lied verklungen und die Feier zu Ende ist, ist es erst recht unmöglich für ihn geworden, feinen Weg wieder auszunehmen. Auch hinter ihm stehen jetzt hunderte von Menschen, die noch nach ihm hinzusttömten, und alles um ihn bewegt sich nun langsam auf die Kirche zu, wo das Denkmal jetzt zur Betrachtung freigegeben ist.
Ein Schauer überrinnt den Alten, als ihm in der sonnenwarmen Mittagsstille des Tages plötzlich der kühle Atem der Kirche entgegen- schlägt. Mit zittrigen Händen entblößt er seinen greifen Kopf und tritt bann von der lchweigenden Menge gedrängt, über die Schwelle.
3m selben Augenblick verschlägt es ihm den Atem. Mit weiten Augen starrt er dem jungen Krieger in das Antlitz.
3a, irrt er sich nun oder trügen ihn seine Augen wirklich nicht? Der da in unbeweglicher Ruhe ausgestreckt liegt, die Augen geschlossen, bte Lippen wie in ewigem Schweigen aufelnanbergeprefjt — ist ja niemand anders als sein Lür! — Nein, da ist überhaupt kein Steifet möglich, bas ist Lür, niemand anders als er, und ganz fo, wie er leibte und lebte. So, genau so sah er aus, als er damals Abschied nahm und ms '^'ßei’fTbringen aus der Tiefe der Kirche die Klänge der Orgel zu ihm herüber^" „amme((e &er mit bebender Stimme. „Lür! mein Lür!"
Der Duft der Blumen und Lorbeerkränze, die in verschwenderischer Fülle den steinernen Fußboden der Kapelle bedecken, benimmt dem Alten fast die Sinne. Er weiß kaum mehr, was um ihn herum vorgeht, will stehenbleiben, sträubt sich gegen den Druck der Nachdrängenden. Aber es fit unmöglich, und unwiderstehlich wird er von der Menge weiter- geschoben, die in ehrfürchtigem Schweigen an dem Denkmal und der aufgestellten Ehrenwache vorbeizieht und sich bann langsam tn das Dämmerbuntei der Kirche verliert ...
Durch einen bet Seitenausgange ber Kirche gelangt ber Alte enblich roieber ins Freie — . .
Als er am Abenb, sehr viel später als er gerechnet hat, roieber nach Hause kommt, steht Ol-Trin besorgt auf bem Damm unb blickt nach ihm aus Es ist so ganz gegen seine Weise, länger als notig aus,jubleiben, unb bie Sonne ist schon im Untergehen. Schließlich ist Klas ein alter ^'gtein" faqt er, „nun stehst bu schon roieber ba unb guckst den Damm hinunter Aber bas hat keinen Sroect mehr, siehst du. Denn jetzt weiß ich er kommt nicht mehr wieder, unb ber Pastor hat ganz recht barmt gehabt Aber bafür hat man ihm nun in ber Stabt ein Denkmal gesetzt Ol-Trin, was sagst bu? Ich hätte es ja in meinem Leben nicht für möglich gehalten, aber es ist so wie ich sage
Ol-Trin meint, baß es nun wohl ganz aus ist mit seinem Verstände. Vielleicht, daß ihm die Beerdigung feiner einzigen Schwester so nahe gegangen ist und ihn nun ganz aus dem Geleise gebracht hat?
Du sprichst doch wohl nicht von Lür?" fragt sie.
Doch. Natürlich spricht er von Lür. Don wem sollte er sonst wohl reden? Aber das wunderbarste sei doch die Aehnlichkeit, so daß jeder,
„Hast du noch mal den Damm hinuntergesehen, Mutter?" rief Klas über bie Diese feines kleinen Hauses und gab ber Kuh, ber einzigen, t»ie er besaß, die Strohschütte vor, die sie an jedem Abend nach bem Füttern bekam.
Ol-Trin, bie vom Kohlhof roieber auf bie Diele getreten war unb nun »n ben Herb zurückkehrte, nickte verbrofsen.
„3a, ja", sagte sie und machte eine abwehrende Bewegung mit ber Fand. „Du hättest ja sonst doch keine Ruhe gegeben."
„Na, und?" fragte ber Alte, wenn er auch wohl wußte, baß es
3nb2(m hfotgenben fege in aller Frühe nahm Klas seinen Abendmahls- "vck aus bem Spind, fetzte feinen ebenso alten Zylinder auf und macht ich auf ben Weg in bie Stadt.
Es war ein anstrengender Marsch, aber ber Alte ließ sch Z- . dazu gab es auf ben Feldern so viel zu sehen, bah ihm ber Weg nicht


