Ausgabe 
20.4.1935
 
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'Von Herrn Ruckstuhl? Ja, der sitzt mit noch einem km scharfen Arrest, weil er einen schrecklichen Rausch trank und sich gegen die Vor­gesetzten verging; es soll eine große Komödie gewesen sein."

Hol' ihn der Teufel!" sagte Frymann und ging stracks hinweg. Eine halbe Stunde später sagte er zu Hediger:Nun hockt deine Frau bei meiner Tochter im Garten und freut sich mit ihr, daß mir em Heirats- projekt gescheitert ist." , . .

Warum jagst du sie nicht fort? Warum hast du sie nicht an- O^^Wie kann ich, da wir in alter Freundschaft stehen? Siehst du, so verwirren uns diese verdammten Geschichten jetzt schon die Verhältnisse! Darum festgeblieben! Nichts von Schwäherschaft!"

Nichts von Gegenschwäher!" bekräftigte Hediger und schüttelte seinem Freunde die Hand.

Der Juli und das Schützenfest von 1849 standen nun vor der Türe, es dauerte kaum noch vierzehn Tage bis dahin. Die sieben Männer hielten wieder eine Sitzung; denn Becher und Fahne waren fertig und wurden vorgezeigt und für recht befunden. Die Fahne ragte in der Stube aufgepslanzt und in ihrem Schatten erhob sich nun die schwierigste Ver­handlung, welche die Aufrechten je bewegt. Denn plötzlich stellte sich die Wahrheit heraus, daß zu einer Fahne ein Sprecher gehöre, wenn man mit derselben aufziehen wolle, und die Wahl dieses Sprechers war es, die das siebenbemannte Schifflein fast hätte stranden lassen. Dreimal wurde die ganze Mannschaft durchgewählt, und dreimal lehnte sie es der Reihe nach des entschiedensten ab. Alle waren erbost, daß keiner sich unterziehen wollte, und jeder war erzürnt, daß man gerade ihm die Last aufbürdete und das Unerhörte zumutete. So eifrig sich andere Her­beidrängen, wo es gilt, das Maul aufzusperren und sich hören zu lassen, so scheu wichen diese vor der Gelegenheit zurück, öffentlich zu reden, und jeder berief sich aus sein Ungeschick und darauf, daß er es noch nie in seinem Leben getan und weder tue noch tun werde. Denn sie hielten noch das Reden für eine ehrwürdige Kunst, die ebensoviel Talent als Studium verlange, und sie hegten noch eine rückhaltlose und ehrliche Achtung vor guten Rednern, die sie zu rühren wußten, und nahmen alles für ausgemacht und heilig, was ein solcher sagte. Sie unterschieden diese Redner scharf von sich selbst und legten sich dabei das Verdienst des aufmerksamen Zuhörens, der gewissenhaften Er­wägung, Zustimmung oder Verwerfung bei, welches ihnen eine hin­länglich rühmliche Ausgabe schien.

Als nun auf dem Wege der Abstimmung kein Sprecher erhältlich war, entstand ein Tumult und allgemeiner Lärm, in welchem jeder den andern zu überzeugen suchte, daß er sich opfern müsse. Besonders hatten sie es auf Hediger und Frymann abgesehen und drangen auf sie ein. Die wehrten sich aber gewaltig und schoben es einer auf den andern, bis Frymann Stille gebot und sagte:Ihr Mannen! Wir haben eine Gedankenlosigkeit begangen und müssen nun einsehen, daß wir am Ende unsere Fahne lieber zu Hause lassen, und so wollen wir uns kurz dazu entschließen und ohne alles Aufsehen das Fest besuchen!"

Eine große Niedergeschlagenheit folgte diesen Worten.Er hat recht", sagte Küfer, der Silberschmied.Es wird uns nichts anderes übrig bleiben", Syfrig, der Pflugmacher. Doch Bürgi rief:Es geht nicht! Schon kennt man unser Vorhaben und daß die Fahne gemacht ist. Wenn wir's unterlassen, so gibt es eine Kalendergeschichte."

Das ist auch wahr", bemerkte Erismann, der Wirt,und die Zöpfe, unsere alten Widersacher, werden den Spaß handlich genug ausbeuten."

Ein Schrecken durchrieselte die alten Gebeine bei dieser Vorstellung, und die Gesellschaft drang aufs neue in die beiden begabtesten Mit­glieder; die wehrten sich abermals und drohten am Ende sich zurück­zuziehen.

,Hch bin ein schlichter Zimmermann und werde mich niemals dem Gespötte aussetzen!" rief Frymann, wogegen Hediger einwarf:Wie soll erst ich armer Schneider es tun? Ich würde euch alle lächerlich machen und mir selbst schaden ohne allen Zweck. Ich schlage vor, daß einer von den Wirten angehalten werden soll, die sind noch am meisten an die Menge gewöhnt!"

Die verwahrten sich aber aufs heftigste, und Pfister schlug den Schreiner vor, der ein Spaßvogel sei.Was Spaßvogel?" schrie Bürgi, ist das etwa ein Spaß, einen eidgenössischen Festpräsidenten anzureden vor tausend Menschen?" Ein allgemeiner Seufzer beantwortete diesen Ausspruch, der das Schwierige der Aufgabe aufs neue vor die Augen stellte.

Es entstand nun allmählich ein Hinaus- und Hineinlaufen und ein Gemunkel in den Ecken. Frymann und Hediger blieben allein am Tische sitzen und sahen sinster drein, denn sie merkten, daß es ihnen am Ende doch wieder an den Kragen ging. Endlich, als alle wieder beisammen waren, trat Bürgi vor jene hin und sprach:Ihr zwee Mannen, Chäpper und Daniel! Ihr habt beide so oft zu unserer Zufriedenheit unter uns gesprochen, daß jeder von euch, wenn er nur will, recht gut eine kurze, öffentliche Anrede halten kann. Es ist der Beschluß der Ge­sellschaft, daß ihr unter euch das Los zieht, und damit Basta! Ihr werdet euch der Mehrheit fügen zwei gegen fünf!"

Ein neuer Lärm bekräftigte diese Worte; die Angeredeten sahen sich an und fügten sich kleinmütig endlich dem Beschlüsse, aber nicht ohne die Hoffnung eines jeden, daß das bittere Los dem andern zufallen werde. Cs fiel auf Frymann, welcher zum ersten Male mit schwerem Herzen die Versammlung der Freiheitsliebenden verließ, während He­diger sich entzückt die Hände rieb; so rücksichtslos macht die Selbstsucht die ältesten Freunde.

Frymanns Freude auf das Fest war ihm nun dahingenommen und seine Tage verdunkelten sich. Jeden Augenblick dachte er an die Rede, ohne daß sich der mindeste Gedanke gestalten wollte, weil er ihn weit in der Ferne herum suchte, anstatt das Nächste zu ergreifen und zu tun, als ob er nur bei seinen Freunden wäre. Die Worte, welche er

Unter diesen zu sprechen pflegte, erschienen Ihm als Geschwätz, Und er grübelte nach etwas Absonderlichere und Hochtrabendem herum, nach einem politischen Manifest, und zwar nicht aus Eitelkeit, sondern aus bitterem Pslichtgefühl. Endlich fing er an, ein Blatt Papier zu beschrei- ben, nicht ohne viele Unterbrechungen, Seufzer und Flüche. Er brachte mit saurer Mühe zwei Seiten zu stände, obgleich er nur wenige Zeilen hatte abfassen wollen; denn er konnte den Schluß nicht finden, und die vertrackten Phrasen hingen sich aneinander wie harzige Kletten und wollten den Schreiber nicht aus ihrem zähen Wirrsal entlassen.

Das zusammengefaltete Papierchen in der Westentasche, ging er bekümmert seinen Geschäften nach, stand zuweilen hinter einem Schup­pen, las es wieder und schüttelte den Kops. Zuletzt anvertraute er sich seiner Tochter und trug ihr den Entwurf vor, um die Wirkung zu beobachten. Die Rede war eine Anhäufung von Donnerworten gegen Jesuiten und Aristokraten, und dazwischen waren die Ausdrücke Frei­heit, Menschenrecht, Knechtschaft und Verdummung und dergleichen reichlich gespickt, kurz es war eine bittere und geschraubte Kriegs­erklärung, in welcher von den Alten und ihrem Fähnlein keine Rede war, und dazu verworren und ungeschickt gegeben, während er sonst mündlich wohlgesetzt und richtig zu sprechen verstand.

mal also."

Hier steckt eben der Teufel!" rief er, nahm ihr das Papier aus der Hand und zerriß es in hundert Stücke.Fertig!" sagte er,es geht nicht, ich will nicht der Narr fein!" Doch Hermine riet ihm nun, über­haupt gar nichts zu schreiben, es daraus ankommen zu lassen und erst eine Stunde vor dem Aufzug einen Gedanken zu fassen und denselben dann frisch von der Leber weg auszusprechen, wie wenn er zu Hause wäre.Das wird das beste sein", erwiderte er,wenn's dann fehlt, so habe ich wenigstens keine falschen Ansprüche gemacht!"

Hermine sagte, die Rede sei sehr kräftig, doch scheine ihr dieselbe etwas verspätet, da die Jesuiten und Aristokraten für einmal besiegt seien, und sie glaube, eine heitere und vergnügte Kundgebung wäre besser angebracht, da man zufrieden und glücklich fei.

Frymann stutzte etwas, und obgleich die Schärfe der Leidenschaft in ihm, als einem Alten, noch stark genug war, so sagte er doch, sich an der Nase zupfend:Du magst recht haben, verstehst es aber doch nicht ganz. Man muß kräfig auftreten in der Oefsentlichkeit und tüchtig aufsetzen, sozusagen wie die Theatermaler, deren Arbeit in der Nähe ein grobes Geschmier ist. Dennoch läßt sich vielleicht hie und da etwa» mildern."

Das wird gut sein", fuhr Hermine fort,da so viele .also' vor­kommen. Zeig' einmal! Siehst du, fast jede zweite Zeile steht ein»

Dennoch konnte er nicht umhin, den bewußten Gedanken schon jetzt fortwährend aufzustören und anzubohren, ohne daß er sich entwickeln wollte; er ging zerstreut und sorgenvoll herum, und Hermine beobachtete ihn mit großem Wohlgefallen.

Unversehens war die Festwoche angebrochen und in der Mitte der­selben fuhren die Sieben in einem eigenen Omnibus mit vier Pferden vor Tagesanbruch nach Aarau. Die neue Fahne flatterte glänzend vom Bocke; in der grünen Seide schimmerten die Worte:Freundschaft in der Freiheit!" und alle die Alten waren vergnügt und luftig, spaßhaft und ernsthaft durcheinander, und nur Frymann zeigte ein gedrücktes und verdächtiges Aussehen.

Hermine befand sich schon in Aarau in einem befreundeten Haufe, da ihr Vater sie für musterhaft geführte Wirtschaft dadurch zu belohnen pflegte, daß er sie an allen feinen Fahrten teilnehmen ließ; und schon mehr als einmal hate sie als ein rosiges Hyazinthchen den fröhlichen Kreis der Alten geziert. Auch Karl war schon dort; obschon durch die Militärschule seine Zeit und seine Gelder genugsam in Anspruch genom­men worden, so war er doch auf Herminens Aufforderung zu Fuß hin- marschiert und hatte merkwürdigerweise ganz in ihrer Nähe ein Quar­tier gefunden; denn sie mußten ihrer Angelegenheit obliegen, und man konnte nicht wissen, ob das Fest nicht günstig zu benutzen wäre. Ge­legentlich wollte er auch schießen und führte nach seinen Mitteln fünf­undzwanzig Schüsse bei sich; die wollte er versenden und nicht mehr noch weniger.

Er hatte die Ankunft der sieben Aufrechten bald ausgespürt und folgte ihnen in der Entfernung, als sie mit ihrem Fähnlein eng« geschlossen nach dem Festplatze zogen. Es war der besuchteste Tag der Woche, die Straßen von ab- und zuströmendem Volke im Sonntags« gewande bedeckt; große und kleine Schützenvereine zogen mit und ohne Musik daher; aber so klein war keiner, wie derjenige der sieden. Sie mußten sich durch bas' Gedränge winden, marschierten aber nichtsdesto­weniger mit kleinen Schritten im Takt und hielten die Arme stramm mit geschlossenen Fäusten. Frymann trug die Fahne voran mit einem Gesicht, als ob er zur Hinrichtung geführt würde. Zuweilen sah er sich nach allen Seiten um, ob kein Entrinnen wäre; aber seine Gesellen, froh, daß sie nicht in feinen Schuhen gingen, ermunterten ihn und riefen ihm kraftvolle Kernworte zu. Schon näherten sie sich dem Fest­platze; das knatternde Schützenfeuer tönte schon nah in die Ohren, und hoch in der Lust wehte die eidgenössische Schützenfahne in sonniger Einsamkeit, und ihre Seide strasste sich bald zitternd aus nach allen vier Ecken, bald schlug sie anmutige Schnippchen über das Volk hin, bald hing sie einen Augenblick scheinheilig an der Stange nieder, kurz, sie trieb alle die Kurzweil, die einer Fahne während acht langen Tagen einfallen kann; doch ihr Anblick gab dem Träger des grünen Fähnleins

einen Stich ins Herz.

Karl hatte, indem er die luftige Fahne wehen fah und sie einen Augenblick betrachtete, den kleinen Zug plötzlich aus dem Gesichte ver­loren, und als er ihn mit den Augen suchte, konnte er ihn nirgends mehr entdecken; es war, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Rasch drängte er sich hin und wieder bis zum Eingänge des Platzes und Übersah diesen; kein grünes Fähnlein tauchte aus dem Gewühl.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'scheUniversitäts-Duch« und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.