Bert Steier ganz yeschickt. Er beschloß, die peinliche Angelegenhell, pein­lich für Herrn Steter, abzukürzen. Sie sind der Hauswirt Friedrich Zier- mann? sagte er und zeigte seine Marke.

Zu dienen.

Kennen Sie diesen Herrn?

Den Herrn Steier? Wo werde ich ihn nicht kennen? Er ist mein Mieter. Liegt denn etwas gegen Herrn Steier vor?

Es liegt gar nichts vor. Kennen Sie diesen Herrn? Der Kommissar schob Adalbert vor.

Der neue Hauswirt kannte den alten Mieter natürlich nicht. Nein, beteuerte er.

Aber Sie sind auch gar nicht der Hauswirt, schrie Adalbert, was für ein verteufeltes Spiel gelingt hier! Herr Kommissar, ich beantrage, daß man bei dem Hauswirt Ziermann anläutet. Er wird öffnen, er wird...

Herr Ziermann, der neue, stand ftarr; sein Mund blieb einfach offen. Wer ist denn der Mann, Herr Steier, fragte er entsetzt.

Herr Steier zuckte die Achseln. Wollen Sie nicht ein Glas Wein zu sich nehmen, Herr Kommissar, sagte er, und er lächelte den Schutzmann an, eine Zigarre? Der Kommissar wehrte ab. Wir find im Dienst, Herr Steier, und er legte Adalbert die Hand auf die Schulter. Kommen Sie gutwillig mit zur Wache!

Adalbert riß sich los. Ich bin doch kein Idiot! Lassen Sie mich bei Ziermann anklingeln ... aber er kam nicht einmal bis in den eigentlichen Borflur. Der Polizist erwischte ihn rechtzeitig. Stop, sagte er, nicht in den Keller, mein Guter! Der Kommissar sagte: Hier sind Ihre Schlüssel, Herr Steier! Ab! befahl er ärgerlich zur anderen Seite hin.

Jens Jensen nahm das klirrende Bund. Danke, sagte er, und er nickte einen Gruß. Sie hören noch von mir, meine Herren.

Im Abgehen vernahm der Kommissar, wie der Hauswirt Ziermann betroffen fragte: Was ist denn eigentlich los, Herr Steier? Ja, sehen Sie mal an, Herr Ziermann, da kommt dieser Kerl hier riß das Gespräch ab. Jens Jensen und der neue Hauswirt probierten die Schlüssel. Adalbert zog mit seinen Bewachern auf das Polizeirevier. Er verbrachte eine un­ruhige Nacht. Der Morgen kam grau und kühl. Er hatte hier keinen Rausch, nur Jammer abzulösen.

Adalbert konnte von Glück sagen, daß er schon an diesem Tag vor den Untersuchungsrichter kam. Der Richter war ein Mann seiner Art, mit ihm vermochte Adalbert zu reden. Er setzte es durch, daß man Herrn Ziermann nochmals beorderte. Da kam der richtige Hauswirt. Es gelang prompt, den guten Adalbert loszueisen. Gravierte Uhr und Siegelring, das war ihm über Nacht eingefallen, taten ein Uebriges. Etliche Bekannte, tele­phonisch verständigt, marschierten auf.

Am Mittag fuhren sie in feine Wohnung. Ein Schlosser öffnete die Tür. Sie war nicht verschlossen, nur das Schnappschloß war zugeschlagen. Auf dem Bord in der Dielengarderobe lagen Adalberts Schlüssel. Ein Brief dabei. Er riß ihn auf. Sehr geehrter Herr Steier! Es besteht die Notwendigkeit, Ihnen zu beweisen, daß die Talente in unserer Zunft keineswegs ausgestorben sind. Man soll Ehrenangelegenheiten nicht mit dem Geschäft verknüpfen. Der Vertreter Ihres Hauswirts und der er- gebenst Unterzeichnete haben daher lediglich eine Flasche Rotwein und eine Kiste Zigarren als Andenken mitgehen heißen. Hochachtungsvoll Jens Jensen.

Adalbert und Genosten haben sofort die Wohnung, Schublade und Kasten durchsucht. Es fehlte nichts. Von Jens Jensen und seinem Kollegen hat keiner wieder etwas gehört.

Kleine Vögel längs der Eisenbahn.

Von Franz Hotzen.

Als Student kam ich auf Fußwanderungen in die Werraberge oft über einen im Buchenhochwald einsam gelegenen Bahnübergang, den ein Bahnwärter betreute, dessen Art und Wesen mir vertraut wurde. Ein ernster, gescheiter Mann mit einem Kinderherzen, der aus blanken, klugen Augen warm in die Welt blickte. Ost lauschte ich den Erzählungen meines Freundes von dem, was er in jahrzehntelangem Dienst an der gleichen Stelle erlebt hatte. Er besaß vor allem eine Eigenschaft, die den gebore­nen Forscher kennzeichnet er sah und beachtete auch das Kleine, schein­bar Unbedeutende in der Natur und brachte es in Zusammenhang und Wechselbeziehung zu dem Nakurgeschehen.

Er kannte jedes Insekt, jeden Käfer, jede Schnecke, und ^og aus ihrem eigentümlichen Verhalten sichere Schlüsse auf das Eigenleben der Tiere, auf bevorstehende atmosphärische Veränderungen und andere Er­scheinungen. Besonders vertraut war ihm die Vogelwelt: kein Vogel­schlag, den er nicht richtig ansprach, aus Form und Stoff eines Nestes erkannte er die Vogelart, und auf weite Entfernungen unterschied er an den seinen Abweichungen des Flugbildes alle Tag- und Nachtvögel. Im Herbst lieferte eine kleine Anpflanzung von Sonnenblumen freie Weide für die größeren Gäste, und für die Winterzeit stand neben feiner Bude ein selbstgezimmertes Futterhäuschen, unter dem es von Finken, Am­mern, Grünlingen und allen Arten von Drosseln wimmelte.

Als ich ihm mein Erstaunen über fein Wissen aussprach, erwiderte er mit der Schlichtheit des wirklich Kenntnisreichen:Ich habe nie ein Buch über Vogelkunde in der Hand gehabt, aber die Hecke dort drüben" dabei wies er auf eine jenseits der Gleise an der Böschung des Ein­schnitts sich hinziehende, fast zwei Kilometer lange Weißdornhecke in der fast alle hier lebenden Vogelarten nisten und wohnen, ist mein Lehrmeister geworden."

An diese Worte erinnerte mich eine Mitteilung in einer natur­wissenschaftlichen Zeitschrift, in der ein Thüringer Zoologe Ergebnisse von Beobachtungen bekanntgab, die er an zwei Weißdornhecken gemacht hatte. Beide Hecken zogen sich an einer Schnellzugstrecke mit lebhaftem Tag- und Nochtverkehr entlang. In der einen von ihnen, 1000 Meter lang, fanden sich nicht weniger als 132 Nester von Rotkehlchen, Braun­kehlchen, Finken, Grasmücken. Rotschwänzchen, Grünlingen, Stieglitzen, Ammern, Schwarzblättchen, Singdrosseln, Spöttern, Hänflingen. In der

änderen, von 1600 Tiefer Länge, zähste er 115 Nester, zusammen also auf nur 2*/$ Kilometer Heckenlänge 247 Brutstätten. Rechnet man gering geschätzt durchschnittlich vier Eier auf das Nest, so ergibt das eine Ver­mehrung um annähernd tausend nützliche Vögel. Man erkennt daraus, wie wichtig die Anlage und Erhaltung von Weißdornhecken für den Vogelschutz ist. Denn diese Heckenstrauchart bildet, zumal wenn sie all­jährlich i m Herbst verschnitten wird, ein dichtes, festes Gestrüpp, das für vierläufiges Raubzeug wie Marder, Katze, Wiefel, Eichhörnchen nur sehr schwer zugänglich, für Raubvögel aber und auch für den ge­fährlichsten Nesträuber, den Eichelhäher undurchdringlich ist.

Der Hauptgrund, daß gerade die Hecken an Eisenbahn st recken von der Vogelwelt zur Verrichtung der Brut bevorzugt werden trotz des durch die Züge verursachten Geräuschs, dürfte darin liegen, daß die brü­tenden Tierchen hier am wenigsten gestört werden: denn ihre größten Feinde, die Menschen, die ohne Ehrfurcht vor den Geheimnissen dec Natur das Brutgeschäft am häufigsten zu beunruhigen pflegen, haben hier nichts zu suchen. An den Zugverkehr gewöhnen sie sich schnell, wie ja auch das Wild sich dadurch in keiner Weise stören läßt. Es kommt hinzu, daß die täglich mehrfach und regelmäßig wiederholten Aufsichts­gänge der Streckenbeamten das Raubzeug fernhalten und dadurch den Vögeln ein Gefühl der Sicherheit geben, das ihnen jeder Naturfreund von Herzen gönnen wird.

Nicht selten wählen gewisse Arten ihre Brutplätze an Stellen, wo man sie kaum vermuten sollte. Als nach dem schweren Eisenbahnunglück bei Eschede unweit Celle die zerstörten O-Zugwagen nach der Reparatur­werkstätte Leinhausen bei Hannover abgeschleppt und dort auf gericht­liche Anordnung auf einem toten Gleise sichergestellt worden waren, fand man später nach Abnahme der Plomben in dem Gepäcknetz eines Abteils erster Klasse ein verlassenes Singdrosselnest. Die Tierchen waren durch die zertrümmerten Scheiben in das Abteil gedrungen und hatten dort die Brut durchgeführt. Der Steinschmätzer wählt häufig als Nist­stätte einen Platz unter dem sogenannten Herzstück der Weichen und läßt sich durch den Zugverkehr weder in der Brut noch in der Aufzucht stören. Auch Nester der gelben und weißen Bachstelze hat man wieder­holt in Hohlräumen unter den Schienen gefunden. Aus dem Güterbahn­hof von Treuchtlingen entdeckte man auf einem seitlichen Schwellenstück unmittelbar neben der Schiene ein Nest der in Deutschland sehr seltenen Kalanderlerche, das von den Beamten sorgfältig geschützt und durch ein Drahtnetz abgeschlossen wurde, dessen Maschen zwar den alten Vögeln den Durchschlupf gestatteten, unberufenen Eindringlingen aber den Zu­gang verwehrten: sämtliche Insassen wurden flugbar. DieNatursor- schende Gesellschaft zu Altenburg" bewahrt in ihren Sammlungen das Nest eines Rotschwänzchens, das über der Koppelung eines Güterwagens angelegt war. Um den Tierchen den Abschluß des Brutgefchäfts zu er­möglichen, war der Wagen auf Bitten der Gesellschaft sogar für einige Wochen aus dem Verkehr gezogen und auf dem Altenburger Güterbahn­hof abgestellt worden.

Auch sonst ist die Reichsbahn bemüht, den Naturschutz, sonderlich den Vogelschutzgedanken zu fördern. In West- und Mitteldeutschland kann man neuerdings längs der Bahnanlage zahlreiche dichte Schlehdorn- und Schwarzdornpflanzungen und junge Fichtenhorfte wahrnehmen, die zwar vornehmlich der Bodenbefestigung an Böschungen, Dämmen und Ein­schnitten, zugleich aber den Vögeln bei Frost, Niederschlägen und in Ge­fahr als Zuflucht dienen sollen. Andere Anpflanzungen werden zu Futterzwecken in beerentragenden Straucharten, wie Eberesche, Mehl­beere, Kornelkirsche und Schneebeere ausgeführt. In einigen Direktions­bezirken ist man noch weitergegangen und bemüht sich, künstliche Nist­gelegenheiten in größerem Umfange zu schaffen, und zwar unter Berück­sichtigung der verschiedenen Vogelarten. So hat die Direktion Karlsruhe in vorbildlicher Weise 1000 Nisthöhlen in ihrem Verwaltungsbezirk an­bringen lassen, darunter solche für Wildenten. Erwähnt sei auch die Schwalbenkolonie von Ahütte an der Linie AdenauGerolstein in der Eifel, an dessen kleinem Stationsgebäude sich annähernd zweihundert Schwalbenpärchen, eins neben dem andern, angesiedelt haben, die 3roar dem Stationsbeamten manche Arbeit verursachen, aber gleichwohl liebe­voll gehegt werden.

Von einer merkwürdigenAnpassung der Vögel an den Bahnverkehr" berichtet Professor Komvert:Letzten Sommer konnte ich eine Anpassung der Lachmöve an den Bahnverkehr gelegentlich einer Reise von Dresden nach Breslau beobachten. Als der Zug in Liegnitz einfuhr, tauchten auf einmal Scharen von Lachmöven am haltenden Zuge auf, den sie mit heiserem Schreien umkreisten, offenbar gewöhnt, von den Reisenden ge­füttert zu werden. Die aus den Abteilen ihnen zugeworfenen Brotbrocken singen sie geschickt in der Lust auf oder lasen sie vom Boden auf. ohne sich durch den Verkehr der Reisenden stören zu lassen: sie begleiteten den abfahrenden Zug sogar noch eine Strecke weit, solange ihnen nämlich noch etwas zugeworfen wurde. Dann verschwanden sie nach dem östlich von Liegnitz gelegenen Kunitzer See, der eine starke Brutkolonie der Lachmöve birgt. Auf der Rückreise sah ich dasselbe Schauspiel. Die Vönel beobachteten genau die durchfahrenden Züge, um von ihnen ihren Durch­gangszoll an Nahrungsmitteln zu erheben."

Ein Gegenstück hierzu bietet ein Vorgang, den jeder Fahrgast der Nordfeebäder-Dampfer täglich beobachten kann. Sobald bet* Dampfer Helgoland verlassen hak, sammeln sich Scharen von Silbermöven, soge­nannte Blaumäntel, die dem Schiff das Geleit bis zur Landungsbrücke von Hörnum-Sylt geben, ohne auf dem fast vierstündigen Flug zu er­müden. Die Reifenden vergnügen sich damit, ihnen Brotbrocken zuzu­werfen, die die Möven in der Luft auffangen. Mißlingt dies, bann stürzen sie sich mit wirrem Geschrei in ben Gischt bes Heckstrubels, und wenige Augenblicke später erhebt sich bie vom Glück Begünstigte in die Lust, wo sie ben Brocken verschlingt, währenb bie Schar ben Flug fort­setzt. In ber Nacht ruhen die Tiere in den hohen Dünen von Hörnum, um, wenn ber Dampfer sich zur Rückfahrt nach Hamburg in Bewegung setzt, bas Spiel von neuem zu beginnen. In fielgolanb kehren sie ZU ihren Niststätten auf ben roten Klippen unb Felsen zurück.