Eine Billardpariie.
Von Frank g. Braun.
Es war nicht Berlin oder Hamburg, wo diese Affäre spielte, aber Immerhin eine der nächsten großen Städte, denn Adalbert Steier fand sich plötzlich in einem Viertel, in welchem er sich nicht auskannte, obgleich er seit mehreren Jahren in dieser Stadt wohnte. Er kam eben zu wenig heraus; immer an diesem Schreibtisch sitzen und Kriminalromane aus dem Tintenfaß ziehen — freilich, — nur in der Tinte entwickelten sie sich. Die schönsten Blüten aus diesem Gebiet brachte jenes geschweifte Marmorsläschchen hervor. Im Leben passierte ja nichts. Es gibt keine Talente mehr unter den Verbrechern! Jawohl, er hatte diesen Sah behauptet und an seinen Romanen gemessen, mußte man das zugeben. Gott sei Dank. Aber die Menschheit besteht nun nicht nur aus Moralisten. Es gibt da etliche, die so etwas wie Bewunderung aufbringen für die Außenseiter der Gesellschaft, wenn sie nur kühn sind und verblüffen, Ochsen und Kühe sind höchstens schätzenswert, aber imponieren, selbst hinter den Eisenstäben, können uns nur die großen Katzen. Aber wo kam man da hin. Das war sein Romanschluß gewesene die grüne Hand; gut für ein Romanende, aber im Leben ... Adalbert Steier bog um die Straßenecke, ah, da war ein Schild, Markgrafenallee, nun jetzt würde er sich zurechtfinden.
Ein feiner Regen fiel. Man merkte ihn erst, wenn man naß war. Adalbert Steier sah ein Restaurationsschild und bog daraus ein. Wenig nach ihm betrat Jens Jensen den Raum. Tische und Stühle hockten an den Wänden und schienen zwecklos. In der Mitte des Zimmers stand ein Billard; saftiggrün, massig. Der Wirt wartete hemdärmelig hinter der Toonbank. Als Adalbert Platz genommen hatte, schwenkte jener bei und fragte: Bier? Der Schriftsteller nickte. Jens Jensen saß plötzlich am Nebentisch und rief ebenfalls: Bier. Steier fah sich um. Zum erstenmal bemerkte er diesen Mann, der lautlos hinter ihm eingetreten war. Aber dieser Filzhut mit dem hellgrünen Streifen — hatte er diesen Mann nicht vor einer Viertelstunde nach dem Weg gefragt? Jens Jensen beugte sich vor. Wollen den Regen abwarten? fragte er vertraulich, und als Steier nickte: Wie wäre es inzwischen mit einer Partie Billard?
Das Spiel begann. Jensen jonglierte sich und das Queue. Der Wirt zog sich zurück. Er steckte im Keller ein neues Faß an. Da verpaßte Jens Jensen eine totsichere Sache. Er zog sich die Jacke aus und trat zurück. Adalbert spielte, aber erfolgte bald dem Beispiel des andern; ihm ward auch heiß. Die beiden Jacketts hingen nebeneinander, baumelten wie halbe Gehenkte mit leeren Armen. Jens Jensen blieb im Hintergrund. Er lehnte sich gegen den Garderobeständer und wartete. Worauf? Daß sein Spiel beginne? Adalbert war in Hochform. Er ließ feinen Ball aus.
Wollen Sie eine Minute aussetzen, bat Jens Jensen, ich bin sofort wieder da. Steier setzte den Stock ab, trank sein Glas Bier aus und wartete gegen das Billard gelehnt. Das Spiel war ihm nicht mehr zu nehmen.
Jens Jensen entblätterte auf der Toilette eine Brieftasche. Sorgsam las er einen Bries, sortierte Scheine, Papiere ... Da zog er feinen Füllfederhalter und tat zwei Striche. Zwei Striche auf ein weißes Papier; sonst nichts. Aber doch; auf der Treppe kehrte er noch einmal um und zog einen Brief heraus. Er lächelte dünn. Dann nickte er sich selber eine Bestätigung zu und schrieb mehrere Zeilen auf die Rückseite des Papiers. Er steckte die Tasche wieder ein und ging hinauf.
Als die Stunde um war, hatte der Regen aufgehört. Jens Jensen warf seinen Anteil der Zeche auf den Tisch. Dann zog er seine Jacke an. Schon da ward er unruhig. Nanu, meinte er und begann cm Euchen.
Was ist, haben Sie etwas verloren?
Meine Schlüssel. Ich habe sie herausgetan. Hier auf den Tisch hatte Ich sie gelegt, sie hinderten mich beim Spiel. Herr Wirt, haben Sie meine Schlüssel hier weggenommen?
Der Wirt beteuerte das Gegenteil. Vielleicht hat der andere Herr versehentlich ... Aber kein Gedanke, sagte Adalberg. Sie können immer- hin einmal nachsehen ... aber das ist vollständig sinnlos, ich habe doch Ihre Schlüssel nicht, Herr!
Sie könnten immerhin nachsehen, sorderte nun auch der Wirt.
Adalbert schüttelte den Kops. Schön! Hier. Und leerte die Hosentasche auf den Tisch. Ein Buch, ein Bund Schlüssel, in der anderen Tasche ein Notizblock — ober das sind ja meine Schlüssel, rief Jens Jensen.
Waas? Adalbert war baff. Geben Sie meine Schlussel zurück, Mann! Wie können das die Ihren sein! . .
Jens Jensen hatte die Schlüssel fest in der Hand. Hm, meinte er, ich habe Sie nicht gefragt, mit wem ich es zu tun habe, aber roenn Sie mir so kommen ... Adalbert glühte auf einmal rote Feuerwerks körper. Die Schlüssel her! Eins, zwei ... ■
Sagen Sie ruhig drei. Jens Jensen schien ruhiger zu werden. Herr Wirk, sagte er, wenn der Mann keine Vernunft annehmen will — wo ist hier die nächste Polizeistelle? . . „ gr.
Adalbert lehnte am Billard. War er blödsinnig geworden? Aber er beherrschte sich. Schön, stimmte er bei, holen mir einen Schutzmann — Der Wirt telephonierte, er war einen Augenblick ”ertorounben. $ie beiden Billardgegner sahen sich grimmig an. ©le hieltensich 'M B >ck keiner wich aus. Es kommt ein Kriminaler sagte der Warf. Er mußte da am Telephon einen ganzen Roman erzählt haben, tatsächlich kamen ein Schutzmann und ein Kriminalbeamter. . , ,.
Sie sind nicht betrunken, meine Herren, nein? Gut. Dann darf ich zunächst um Ihre Ausweise bitten. Die Schlussel nehme ich an mich. Bitte wollen wir uns setzen. nrs.,
Jens Jensen reichte seinen Meldeschein hinüber. Herr Adalbert Steter, Schriftsteller, las der Kommissar, gut, danke und er gab das Papier zurück. Jens Jensen zog seine Brieftasche; sie war, He lge b ledern und fast neu. Da hinein tat er den Anmeldeschein. Adalbert Steier sah starr. Das ist, sagte er, und hatte die Hand am Herzen, dort, wo seine 3i«f- tasche, die hellgelblederne, gesessen hatte, das ist ...
Das war mein'Ausweis, erklärte Adalbert. Dieser Mensch muß mir meine Brieftasche gestohlen haben, während des Spiels vielleicht
Jens Jensen sah den Wirt an, bann den Schutzmann, zuletzt, etro» dringlich, den Kriminalbeamten. Ist so eine Frechheit schon dagewesen?
Der Kommissar zuckte die Achseln. Er überprüfte die beiden Gesichter. Meine Herrn, warnte er, das ist eine Komödie, die Ihnen teuer zu stehen kommen kann!
Adalbert rang nach Luft. Jens Jensen nickte. So plump, meinte er kopfschüttelnd. Da schien dem Kommissar eine Idee zu kommen. Wie hieß denn Jl;re Mutter? fragte er den ratlosen Adalbert. Der schoß einen triumphierenden Blick. Johanna, Hedwig, Margarete, sagte er. Jens Jensen lachte hell auf. Nun sagte der Beamte. KePi Name stimmt, lachte Jensen, meine Mutter hieß Paula, Anna, Luise. Adalbert sprang auf. Ihre Mutter, schrie er, plötzlich wütend geworden, wer will die Namen Ihrer Mutter wissen! Nach der meinen war gefragt!
Der Komisfar bat sich noch einmal die Brieftasche aus. Wann sind Sie geboren? fragte er den Schriftsteller. Adalbert, wie aus der Pistole geschossen: 2. Januar 95. Jens Jensen hieb sich auf jein Knie. Dann stutzte er. Aber die Jahreszahl stimmt. Er sah den Kommissar zweifelnd an. Der lächelte begütigend. Zufall, sagte er, geschätzt. Und zu Adalbert: Sie sind am 12.11.95 geboren, werter Herr; wenn Sie Adalbert Steier wären, müßten Sie das wissen. — Jetzt prustete auch der Wirt los. Der Kommissar schien nicht mehr zu schwanken. Sie wissen selbstverständlich ihre Adresse, lächelte er Jens Jensen an. Jens nickte. Natürlich, Kirchtorplatz 16, eine Treppe links.
Danke. Herr Wirt, ist ein Adreßbuch zur Hand? Gewiß, Herr Inspektor. Der Kriminalbeamte blätterte auf. Stimmt, sagte er, es steht ja auch auf Ihrem Schein. Wer ist Ihr Hauswirt?
Herr Ziermann.
Wohnt?
Parterre.
Richtig. Und der Beamte sah höhnisch den unglücklichen Adalbert an. Wie heißt denn Ihr Hauswirt mit Vornamen, wissen Sie das zufällig?
Adalbert schwitzte Blut. Er verstand, das war eine Chance, die fein Glück ihm ließ, aber sein Pech war stärker. An der Tür im Parterre stand lediglich Ziermann.
Dieser Ziermann, ein plumper, dicker Mensch, war ihm unsympathisch; wie hätte er dessen Vornamen wissen können. Der Mann kam jeden Ersten des Monats einkassieren, sonst bestand keine Verbindung. — Herr Kommissar, hob er an, es sind kleine Wohnungen da, am Kirchtorplatz, der Hauswirt kassiert das Geld selber ein ...
Wie heißt er mit Vornamen, Herr?
Ich weiß es nicht.
Jens Jensen sah den Schriftsteller bedauernd an. Er schüttelte nochmals den Kops. So plump ... wiederholte er. Der Hauswirt steht ja auch im Adreßbuch. Friedrich mit Vornamen.
Sehr richtig. Der Kommissar sah nach. Es ist natürlich alles sonnenklar, meinte er und zögerte. Jens Jensen sah das. Fragen Sie ihn, bat er leise, beugte sich vor und sprach es dem Kommissar ins Ohr, wie der Friedrich Ziermann aussieht.
Beschreiben Sie mir Ihren Hauswirt, forderte der Kommissar.
Adalbert beschrieb. Dick und rund und rot. — Merkwürdig äußerle Jens Jensen, ob wir einen Irren vor uns haben? Mein Hauswirt ist ein kleiner patenter Kerl, er sieht aus wie ein Kellner — aber das wollen die Herren ihm bitte nicht als meine Aeußerung hinterbringen. — Die Beamten lächelten. Und Jens Jensen spielte Trumps Aß aus, er sagte seinen Satz dem Kommissar nicht ins Ohr, sondern er redete laut: Ich habe da einen Bries in der Tasche, und hastig: vom Sonnenverlag, — was habe ich auf diese Anfrage erwidert?
Der Kommissar zog den Brief heraus. Er las, dann fixierte er Adalbert. Der schwieg erschüttert. Der Brief ist überhaupt noch nicht beantwortet, sagte er schließlich matt. Jens Jensen nickte. Sie müßten auch Gedankenleser sein, um dies erraten zu können, sagte er (schließlich) saust. Die Antwort, Herr Kommissar, ich pflege bas stets so zu handhaben, steht aus der Rückseite des Briefes. Wollen Sie bitte umdrehen, dort.
Der Kommissar las Ja, sagte er, der Fall scheint mir denn doch nun ganz klar. Er sah sich nach seinem Beamten um, der nickte. Hm aber Sie entschuldigen, Herr Steter, und er sah Jens Jensen bedauernd an, ich muh Sie bitten, mit in die Wohnung zu kommen. Eine Person Ihrer Umgebung muß Sie ausweisen. Es ist das einsachste für Sie, Sie brauchen dann nicht mit uns zur Wache.
Selbstverständlich, gern, sagte Jensen, ich wäre jetzt sowieso noch Hause gegangen.
Die vier Leute brachen auf. Der Wirt sah ihnen nach. Adalbert, zwischen den beiden Polizisten, fing diesen Blick tiefer Verachtung gerade noch auf. Er trottete mit den anderen durch die Straßen; wie geistesabwesend war er. So etwas gab es doch nicht? Nicht einmal in seinen Romanen kam eine derartige Frechheit vor. In aller Kümmernis mußte er plötzlich lächeln. Wie nun, roenn man Kirchtorplatz 16 angelangt war, roenn der dicke, rote Ziermann seine Tür öffnete — und — und — es war nicht auszudenken.
Da war der Markt, dort die Kirche. Die vier Leute bogen um die Ecke Das dritte Haus, links, sagte Jens Jensen. Adalbert ärgerte sich. Er hätte das gerne selber gesagt. Aber nun war es schon gleichgültig. Mochte dieser Gauner noch zwei Minuten seinen Triumph feiern, vor der Tür ober im Hausflur würde er gewiß entwischen wollen. Adalbert nahm sich vor, die Augen offen zu halten. ..
Da war die Nummer 16. Zwischen zwei winzigen Vorgarten zur Rechten und zur Linken führte der Aufgang zum Haustor. — Hier in der Tür geschah eine Begegnung. Ein kleiner, patenter, dunkler Herr wollte heraus, stieß gegen den vorderen Polizeimann und musterte ihn mißtrauisch. Ader dann bemerkte er den Jens Jensen, und sein Gesicht hellte sich auf. Guten Tag, Herr Steier, sagte er freundlich, und lüftete den Hut Jens Jensen hielt diesen Mann an. Herr Ziermann, bat er, walten Sie bitte dem Herrn Kommissar bestätigen, daß ich meine Miete regelmäßig gm 1. bezahlt habe — daß ich keine Schulden bei Ihnen habe.
Der Kommissar fand diesen kleinen Ausweg des vermeintlichen Adal-


