Ausgabe 
19.8.1935
 
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reizt und maßlos überarbeitet, meldeten sich mahnend bei Handel die Nerven. Gerade war er dabei, einen in unversöhnlichem Ton gehaltenen Bries als Antwort auf feindliche Zeitungsartikel abzufassen, als er plötz­lich ein Gefühl der Benommenheit im Kopf hatte und nicht weiterschreiben konnte. Die Buchstaben tanzten vor ihm, die Gedanken liefen kreuz und quer ... Als er die Hand erheben wollte, blieb sie auf dem Tisch liegen Nach einer Weile ritz sich Händel zusammen. Aber ohne den Brief fertlg- aeschrieben zu haben, ging er aus dem Theater fort.

Vis Ende Sommer hielt Händel durch. Dann ging er in das Bad Tunbridge Wells, um feine Gesundheit aufzufrijchen. Es nützte nicht viel, daß er sich rasch erholte und kräftig wieder das Steuer seiner Oper in die Hand nahm. Gleich bei den ersten Proben gab es den lange schon m der Lust schwebenden Krach mit Carestini, und der Kastrat, von Handel Hund und Esel genannt, trat von dem Recht zurück, seinen Vertrag zu erneuern. Es fand sich in der Eile kein passender Ersatz für ihn. Handel behalf sich mit Notbesetzungen. Ein Trost war, auch den Feinden ging es nicht besser als ihm. Dennoch fühlte er den Leerlauf in seinem Leben schmerzlich. Kein Aufschwung kam in diesem innen und außen nebelgrauen Herbst. Gerüchte liefen um, beide Opernhäuser würden bald schließen. Müde sah Händel das Prophezeite langsam Wahrheit werden. Zwei wunde Hirsche lagen, er und die Italiener, mit zerriebenen Geweihen am Boden. Da brachte ihm kurz vor Weihnachten die Post ein über­raschendes Schreiben. Mit wachsendem Staunen las er:

Verehrter Herr Händel! Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr an mich und an unseren gemeinsamen Besuch der Bettleroper. Ich habe mich bei der zweiten Royal Academy um keine Stelle mehr als Choristin be­worben. Mein Lebensweg wurde auch bald anders bestimmt, als ich einen Mann kennen und schätzen lernte, der mir die Ehe anbot. Ich habe vor drei Jahren geheiratet. Trotz anderer Pflichten blieb ich der Kunst treu und nahm Gesangsunterricht, um mich für ein Fach auszubilden, das mir besser entsprechen dürste als die Oper; nämlich der Konzertgesang. Etwas über das Sümmchen bin ich schon hinaus. Reben meinem kleinen Leben achtete ich auch ohne Unterbrechung auf Ihr großes. Ich weiß von Ihren Hoffnungen und Kämpfen, fast jeden der von Ihnen ge­leiteten Opernabende besuchte ich mit meinem Mann, und als Sie aus dem Haymarkettheater vertrieben wurden, tat es mir ebenso weh, wie es Sie schmerzen mußte.

Und nun ein Vorschlag: mein Vater trägt sich mit dem Gedanken, der italienischen Oper, die Ihnen soviel Enttäuschungen brachte, eine eng­lische Oper, aber besser als die Bettleroper, entgegenzustellen, vielleicht sogar etwas anderes als eine Oper, etwa Konzertabende. Er denkt dabei an Werke einer Gattung, in welcher Sie, Herr Händel, sich schon meister­haft erprobt haben. Wurden Sie zur Aufführung eines Oratoriums aus Ihrer Feder die Erlaubnis geben? Oder wäre Ihnen eine persönliche Mit­wirkung lieb?

In unwandelbarer Treue Ihre Susanne Cibber."

Die Choristin! Das Weib, dessen Mädchenname niemand mehr wußte, als Händel nach ihr suchte. Nun löste sie selber das Rätsel: sie hatte ge­heiratet ... Und ihn nie vergessen, Theaterkarten gekauft, damit seine Oper nicht leer sei, hatte für ihn gebangt und war gewiß der Anlaß, daß ihr Vater Oratorienkonzerte plante ... Was für ein reiner, gesunder und nüchterner Mensch ihr eigenes Leben erfüllend und Zeit findend, über ein anderes, titanisches, zu wachen ...

Händel kam sofort in Bewegung. Er setzte sich hin und antwortet der Cibber, daß es ihn freue, sie und ihren Vater aus so schönen Wegen der Kunst zu wissen und daß er nichts dagegen habe, wenn ein Werk von ihm aus der genannten Gattung aufgesührt würde. Er könne sich nicht den Rahmen dafür denken im Augenblick. Auch wäre es ihm persönlich kaum möglich, derzeit außerhalb seiner Oper zu wirken, da er mit Arbeit überlastet sei.

Selbst wo ein Mensch wie diese wertvolle junge Frau im Spiele war, übte Händel Vorsicht und wollte erst beobachten, ob sich Arnes Unternehmen bewährte. Er war erstaunt, zu sehen, wie der gute Vater die Sache anging Dieser bekam von den Italienern, die lieber Miete ein- steckten als schlecht besuchte Vorstellungen gaben, das Haymarkettheater für einige Abende frei und brachte so neben der künstlerischen auch eine andere Leistung zuwege: er begann seinen stillen Krieg gegen die italienische Oper in der Höhle des Löwen. Auch wie er die Londoner und vor allem womit er sie unauffällig an eine neue Kunstart gewöhnen wollte, war klug: er wählte eines der sprühendsten Werke Händels im Oratorienstil, richtete es als Oper ein und fand so den Weg zur Ueberlsitung. Junge Gesangs­kräfte englischer Herkunft bestritten die Ausgaben mit Geschmack, die an sie gestellt wurden. Auch Susanne Cibber erntete Lob. Der starke Zulauf, den David Arne mit HändelsAcis und Galatea" hatte, machte auch andere Köpfe der Londoner Musikwelt stutzig. Es sprach sich herum, daß Händels Oratorien unter Umständen ein besseres Geschäft seien als seine Opern. Er selber bekam Wind von diesen Munkeleien und horchte auf. Konnte er seine eigenen Schätze nicht selber heben, brauchte er fremde Leute dazu? Warum kam er nicht selbst auf Arnes Einfall, ein Ora­torium aufzusühren? Und wo steckten die Partituren?!

Bei Händels reicher Arbeit mar es natürlich, daß er sich nicht immer um die Rechte (einer Werke kümmerte und für ihren Schutz ungenügend sorgte. Gab er eine Partitur auf eigene Kosten heraus, fo wurde sie tot- sicher nachgedruckt. Ueberließ er sie einem Verleger, bann hatte er noch den Merger, daß ihm stets nur eine geringe Äuflage vergütet wurde, während der Geschäftsmann die Raubauflage, welche er neben der anderen druckte, absetzte. Gefürchtet war in dieser Hinsicht John Walsh, derRäu­ber des Notenmarktes". Als Händels Verleger noch der alte Cluer war, druckte Walsh nach, die Rodalinde, Julius Cäsar, Ottone, die Krönungs- anthems, alles. Händel wußte sich nicht anders zu helfen, als den Räuber zu seinem Verleger an Stelle des verstorbenen zu bestellen. Walsh machte einen Vertrag und betrog den Komponisten fortan hinterrücks. Händel merkte das und fuhr dazwischen: er ließ die Höhe der Auflagen, die von seinen Werken gedruckt wurden, gerichtlich beglaubigen, forderte pünltliche Abrechnung und drohte mit dem Galgen. Walsh stutzte und wurde vorsichtig. Aber bald hatte er einen Ausweg gesunden, um das

anständige Geschäft zu umgehen: er gewann Cluers Witwe dafür, daß sie nun Raubdrucke von Händels Partituren anfertigte und den Ertrag des Verkaufes mit ihm, John Walsh, ehrbar und redlich teilte...

Wie die Verleger, so die Konzertunternehmer, die Theater. Arne bot Händel einen Teil der Einnahmen ausAcis und Galatea" an. Das lehnte der Komponist ab, er wußte, Arne war selbst nicht reich. Aber von anderen Leuten, die jetzt daran dachten, seine Oratorien aufzusühren, wollte er sich nicht übers Ohr hauen lassen. Es hals nur eines: er mußte ihnen zuvorkommen.

Einer, der sich Bewunderer Händels nannte, war fast schneller. Er hatte den Komponisten schon in Cannon kennengelernt und dort von ihm als Zeichen der Freundschaft eineEsther"-Partitur zum Geschenk erhal­ten. Gewiß besah dieser Mann, Bernard Gates, der später Chormeister der Hoskapelle geworden war, große Achtung vor Händels Kunst, aber er teilte die Leidenschaft seiner Landsleute, jedes Geschäft wahrzunehmen, das Erfolg versprach. Noch während Arne mitAcis und Galatea Lon­don entzückte, studierte Gates in seinem Hause zu Westminster mit deii königlichen SängerknabenEsther" ein, gewann ein Orchester von Rus, das Philharmonische von Joung, zur Mitwirkung und führte das Orato­rium in halbem Bühnenstil auf. Es war eine Art Generalprobe, die Gates, schon vor breiterem Publikum, im Saale eines vornehmen Gast­hauses wiederholte. Der Erfolg bewies ihm, daß er wagen konnte, was er plante: eine konzertmäßige Aufsührung vor ganz London. Im Hause der Vorkbuildings sollte sie stattfinden. Als Händel von dieser Ankundi- gung fjörte, geriet er in helle Wut. Mcin betrog ihn vorne UNO hinten! Aber diese Füchse sollten sich getäuscht haben! Händel hatte schon manchen Läufer überholt!

Mit rasender Hast richtete er nun die Partitur desselben Werkes, bas Gates antünbigte, für [ein Opernhaus ein, erweiterte bas Werk bedeutsam und zwang bann seine Truppe zu Proben bei Tag und Nacht. Obwohl er fast nur italienische Solisten hatte, mußten auch diese, wie der Chor, englisch fingen. Auch verbat er sich, um den Charakter bes Oratoriums besser zu wahren, jebe Bewegung auf ber Bühne. Nur Kostüme unb Kulissen sollten daran erinnern, daß man in einem Theater war.

Und er hatte Glück durch seine Eile! Genau einen Tag bevor Gates seineEsther" aufführte, brachte Händel das gleiche Werk heraus. Die zweifache Ankündigung hatte London neugierig gemacht, und Covent- qarben bekam viel Besuch. Um so weniger Leute gingen am nächsten lag; ins Äorkbuilding. Hänbels Ausführung würbe als bie schönere unb leben­digere gepriesen. Gates wagte keine Wiederholung mehr, Handel bafur konnte bas Werk noch mehrere Male spielen. Der Reinertrag war nicht QCri2Iber seine Feinbe gönnten ihm den Erfolg nicht. Es war, als ahnten sie bas mächtige Reich, in welches Hönbel burchzustoßen begann. Sit glaubten auch hierin es ihm gleichtun zu können wie mit feinem Opern­schaffen. Flugs ging Porpora baran, auch ein Oratorium zu schreiben, wobei ihn bie älteren Meister biefer Gattung beeinflußten, aber auch Hönbel. Nun ftanb biefer nicht müßig babei, er suchte sich rasch aus einem Bekanntenkreis einen Textdichter. Unschwer verfiel er babei, ba Arduth- not nicht mehr lebte, auf Samuel Humpreys, ber schon an berEsther Anteil hatte.

Der feinfühlige Schriftsteller unb Händel setzten sich mit der Bibel an einen Tisch. 'Sie entschieden sich für die Geschichte ber Debora des seherischen Weibes, unb in ganz kurzer Zeit steckte Hönbel Hals über Sopl in ber Arbeit. Wieber überholte er bie anberen, bie alttestamentarischen Worte beflügelten ihn feuriger als bürre Operntexte, unb er komponiert! Debora" in einem Zug. Ohne Aufenthalt, schier mit nassen Notenblättern, ging er ans (Einftubieren. Er tünbigte eine Festaufführung an, mit neuen Bühnenbilbern, allerbings zu erhöhten Eintrittspreisen.

Dieses Uebertrumpfen ihrer eigenen Absichten war den Italienern zu­viel. Sie nahmen Klagen ihrer Landsleute aus Händels Truppe, daß er bei den Proben Unmenschliches verlange, zum Anlaß, einen Zeitungs­krieg gegen ihn zu eröffnen. Einen Skandal aus der politischen Well und die in seinem Mittelpunkt stehende Persönlichkeit zogen sie zum Ver­gleich heran. Es war Walpole. Niemals beliebt beim Volke, hatte er (ich durch eine grausame Steuervorlage völlig verhaßt gemacht. Früh schon fanden boshafte Leute zwischen diesem vierschrötigen Gelbstatthaltet und Händel, dessen nach außen oft brutale Kraft doch anderen Zielen diente, eine Aehnlichkeit. Nun schrieben dies seine Feinbe in wider­lichen Schmähschriften, verteilten Flugblätter auf ber Straße und warnten jebermann vor bem Besuch berDebora", bie einen geldgierigen um menschenquälerischen Sadisten, einen vom Dersolgungswahn Besessenen, reich machen solle, damit er seine tolle Tyrannei vergrößern könne. Dte Italiener scheuten nicht davor zurück, an Händels deutsche Abstammung zu erinnern.Schenkt dem Ausländer eine Irrenhauszelle oder schickt ihn heim!" .

Die Aufsührung kam. Der König besuchte sie. Aber es schadete Handel eher, als daß es ihm genützt hätte, denn noch immer währte die Verstim­mung mit bem Kronprinzen, bem zu Gefallen das breite Publikum aus- blieb. Freilich konnteDebora", bas mächtige, bämonifche Werk, nut) abgelehnt werden, und Händel durfte bie Aufführung sogar mehrerema wieberholen. War auch ein durchschlagenber Sieg nach ben vielen Ver­leumdungen nicht mehr möglich, so konnte Hönbel boch beweisen, daß Unrecht geschah unb baß er Künstler fei, nicht Narr. Was böse Menschen ihm antun wollten, bas -machten gute wieber recht. Es kam ehrend uno überraschend für ihn eine Einladung ber Universität Oxforb, für De. Schluß bes Schuljahres ein Oratorium zu schreiben. Nun rasch einen Text, vielleicht etwas aus ber hohen Literatur, mit Geschmack bearbeitet Da mußte Humphreys wieber helfen. Er schlug RacinesAthalia vor, zweifellos ein Werk, bas in Oxford Verehrer hatte. Humphreys lockert bie kalten Verse bes Franzosen, Hönbels Blut überströmte alle Worte . - Mit bem neuen Werk unb älteren in ber Mappe reifte Händel, bie Serien seiner Oper früher als sonst ansetzenb, ab nach ber Stadt ber Doktoren

(Fortsetzung folgt.)