SießeimZainilienblätter
________Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1955 Montag, den 19. August Nummer 6<
Seine Kraft war in ihm mächtig
Gin händd-Roman von Cm st 9Iurm
Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Mnotalt, Stuttgart und Berlin
(9. Fortsetzung.)
In dieser Zeit erhielt Händel die Nachricht vom Tode seiner Mutter. Gebeugt vom Schmerz, allein, erschöpft, suchte er nach einem Menschen. Jene Choristin, Susanna Arne, welche ihm Liebe schenken wollte, war nicht mehr der zweiten Opernakademie beigetreten. Händel hatte sie im Arbeitsfieber vergessen. Jetzt dachte er traurig an sie und ließ nach ihr suchen. Aber man fand sie nicht. Niemand in der Straße, wo sie gewohnt hatte, wußte mehr ihren Namen...
5. Kapitel.
M a n l a.
In dieser Zeit gab sich Händel einen künstlichen Auftrieb, der dem eines Fanatikers glich und nicht vom Zorne des starken Herzens gespeist wurde, sondern vom unversöhnlichen Hasse. Das Verzeihen, das hinter allen Grobheiten des Riesen sein Leben lang stand, blieb diesmal aus, und er glaubte nicht das Feld räumen zu dürfen vor Menschen, an die er nur mit zusammengebissenen Zähnen denken konnte. Ja, er wollte sie schlagen und vernichten. Und Unheil kam mit dem bösen Vorsatz über seine Seele, die Kraft versagte ihm, er lernte das beschämende Nackenbeugen, und düster wurde sein Sinn.
Nachdem es keine Royal Academy mehr gab, übernahm Händel auf eigene Faust das Haymarkettheater. Zwar hatte er weiterhin Heidegger neben sich, da dieser Pächter der Oper war, aber nun ließ sich Händel nichts mehr dreinreden. Er ging mit kalter Wut daran, sich wieder eine Truppe zu schaffen, scheute zu diesem Zweck sogar die Mühen einer Ueberfahrt nicht und — beging drüben den ersten Fehler. Er hatte die Wohl zwischen zwei männlichen Sängern und entschied sich für den geringeren, den in Spätblüte stehenden Carastini. Fahren ließ er den neuen Gott des Gesanges, den umjubelten Farinelli. Händel haßte in seinem Innern diese ganz Großen so sehr, daß er sich vornahm, ohne sie seine Oper durchzubringen. Seltsam wurde die Wiederbegegnung mit der Dura- stante, die er einst neben der Bordoni nicht halten konnte. Sie war eine zweite Größe geblieben und ging gerne wieder nach London mit. Händel gewann Zuversicht, als er auch noch die Schwestern Maria und Rosa Negri und den Sopransänger Scalzi verpflichten konnte. Rasch kehrte er nach England zurück und stürzte sich dort in die Vorarbeiten zum Wiederbeginn. Er glaubte gut daran zu tun, wenn er als selbständiger Opern- leiter nicht mit einem eigenen Werk anfing. Aus Italien hatte er sich seinerzeit eine Menge Partituren der neuen Schule mitgebracht und wählte nun aus ihnen drei, die er der Reihe nach bringen wollte. Im übrigen tat er mehr als je bei einer seiner Opern, um die Eröffnung planzvoll zu gestalten. Er setzte alle seine Freunde in Bewegung, daß sie für ihn warben und schrieben und legte den Tag der ersten Auf- sährung auf den Geburtstag des Königs fest. Persönlich überreichte er dem Zeremonienmeister seine Einladung an die königliche Familie und erhielt die Zusage ihres Erscheinens. Damit hatte er das vornehme London, Adel und Reichtum, für den ersten Abend zu Gast.
Aber die Feinde waren reich an Zahl und verbissen wie er. Sie kündigten in den großen Zeitungen eine Versammlung an, zu der alle gebeten wurden, die mithelfen wollten, eine neue „untyrannische" Oper ins Leben zu rufen, und es bedeutete ein Ereignis, daß alle großen Sänger der Royal Academy, die Cuzzoni und Senefino an der Spitze, Zünftig diesem Opernverband angehören wollten. Viele Gesellschafter der ehemaligen Akademie, die Händel an deren Niedergang schuld gaben, wagten nun aus Trotz gegen ihn ihr Geld. Die Gegenoper wurde gekündet, und ihr Schirmherr war der englische Kronprinz. Händel hatte 'ach auch ihn zum Feind gemacht, als er die Königsfamilie zur ersten Vorstellung lud. König und Sohn lebten in bitterem Zerwürfnis miteinander. Und der Kronprinz war beliebter beim Volke.
_ Nun hatten die Italiener trotz Glückes am Anfang auch etwas Pech. Ss fehlte ihnen der Komponist. Bononcini hatte sich durch eine dunkle beschichte in London unmöglich gemacht und lebte außer Landes. Hasse «hnte ab, ebenso Pergolesi, denn diese Komponisten achteten Händel zu -he, um ihm schaden zu wollen. Aber einer besann sich nicht lange, Nicolo
Porpora. Er hatte mit einem Werk in der ersten Royal Academy Mißerfolg gehabt und konnte diesen Händel nie verzeihen. Nun ergriff er die Gelegenheit, sich aufzuschwingen. Es paßte ihm, daß Händel als vierte Oper in der Spielzeit ein neues Werk aus eigener Feder brachte, dessen Stoff Porpora gleichfalls vertont hatte. So gab es im Haymarkettheater eine „Ariadne" und — in der anderen Oper auch! Ein Zeitungskrieg war die Folge. Arbulhnot, ber mit seinem Feingefühl ahnte, daß Handel sich in Gefahr befand, schrieb eine Satire zu seinen Gunsten. Als sie erschien, eilte Händel zu dem Freund, um ihm zu danken. Er fand A» buthnot schwer krank daniederliegen. Händel verbarg seine Bestürzung und versuchte zu scherzen:
„Ist dir ein Gebräu nicht geglückt oder ein fremder Salat? Komm! Das läßt sich auswetzen, eine Scharte im Magen! Ich habe gestern eine Fleischbrühe getrunken — von der bring ich dir das Rezept! Da wird dir — schluckst du's, merkst du's! — im Handumdrehen besser!"
Aber der Arzt lächelte müde, und matt, ganz matt war seine Stimme schon:
„Guter Goliath, — es wird verdammt wenig helfen ...'
„Höre, ich verbitte mir jedes Wort Aberglauben aus deinem Mund! Verstehst du?"
„Leider kenne ich von anderen kaputten Leibern her das, was in mir vorgeht, schon zu gut ..."
„Arbulhnot!"
„Erschrick nicht, Frederic. Für uns darf bas nichts bedeuten. Am wenigsten für dich. Tausende kleine Arbuthnots wirst du leben und sterben sehen, beglücken und überdauern — sieh! Es bleibt dir ein treues Gesicht von ihnen in Erinnerung, ein verläßliches Kochbuch, und — vielleicht achtest du auch noch auf ihren Rat ..."
„Sage ... du willst mich verlassen ..."
„Achte den Rat — der Freunde — mein Mammut — irre nicht ab ...” Mühsam sprach Arbulhnot die letzten Worte und sank darauf in Ohnmacht. Gelähmt sah Händel auf bas sanfte Gesicht bes Freunbes, in bas kein Leben kam, solange er auch wartete. Wassertropfen unb Streicheln erweckten bie Seele nicht aus bem Schlaf. Als eine Wärterin kam, ging Hänbel starr unb betäubt...
Welche Einsamkeit inmitten bes Opernwirbels! Unb wie grimmig im Schmerz bie Abwehr der Feinbe! Die Italiener vermochten Heibegger von besseren Aussichten zu überzeugen, bie sie gegenüber Hänbel hätten. Sie rechneten längst schon mit bem Opernhaus. Unb nun tat ihnen ber Schweizer ben Gefallen unb setzte Hänbel mit seiner Truppe vor bie Tür. Gleichzeitig lieh er bie Italiener in bas Haymarkettheater überfiebeln.
Es war eine erschütternbe Nieberlage Hänbels, die sich noch verschärfte dadurch, daß er kein anderes Haus für feine Vorstellungen fand als jenes, welches bie Feinbe verließen. Es war Lincolns Jnn-Fielbs- Theaker in ber Vorstabt ... Aber nicht mit ber Würbe bes gebeugten Königs zog Hänbel bort ein, fonbern roütenb und haßverzerrt. Rich, burch bie Bettleroper vermögenb geworben, baute ein neues Theater in vornehmer Stabtgegenb, unb Händel sicherte sich die erste Pacht. Inzwischen mußte er einen Monat lang, um nicht seine Sänger leer zu bezahlen, im Nothaus spielen. Der Schlag gegen ihn wurde dadurch gemildert, bah eine Prinzessin aus bem Königshaus, eine Deutsche, bem Landsmann helfen wollte und gerade feine Vorstellungen draußen in der Vorstadt mit ihrem Besuch beehrte. Das brachte ihn wieder auf die Füße, unb als er nach bem Umzug in bas neue Conventgarbentheater bort mit einem Ballett anfing, hatte er gute Einnahmen. Aber er bachte zu sehr an feine Gegner unb freute sich, seiner Kraft nicht angemessen, allzu schabenfroh über ben geringen Zulauf, ben bie Italiener im Haymarkettheater hatten. Nicht bei ihm war bie Gunst bes Schicksals in biefem niebrigen Opernwettstreit. Kaum fing Hänbel an aufzuatmen, verstauben es die Feinbe auch schon, ihm bas Publikum wegzunehmen mit einer Zugkraft, bie er selbst verschmäht hatte vor zwei Jahren. Bonbon verfiel, wie schon so oft, wieder einmal der Starleidenschaft, als Farinelli auf bem Plan erschien. Dieselben Geschichten wie einst mit ber Borboni unb Senefino spielten sich ab. Ausspannen ber Pferbe, Gebränge vor bem Bühneneingang, Auflauf vor bem Gasthof. Unb wieber bas gnäbige Lächeln einer eitlen Fratze ... Vielleicht war es bie furchtbare Strafe an ber Hohlheit, baß Senefino vor Jahren selber Gegenstanb biefer Begeisterung war unb nun unbeachtet zusehen mußte.
Jetzt lief eine Weile alles Farinelli nach. Es war schon genug, um Händel zu gefährden. Er machte verzweifelte Anstrengungen, neue Werke zu schreiben. Zwei davon halfen ihm wenig. Erst ein drittes, das er in schlaflosen Nächten komponierte, füllte wieder bie Häuser, vor allem burch eine Glanzleistung der Straba, bie Hänbels Sorgen mitfühlte unb sich um seinetwillen mehr Mühe gab, als wegen bes eigenen Ruhmes. Doch bie Treue ber einen Sängerin war ben anberen fein Vorbild. Besonders Carestini zeigte, über Farinellis Austauchen in London verärgert, einen schlechten Charakter unb machte Hänbel bei ben Proben zu schaffen. Zur Beherrschung gezwungen, um ben Sänger nicht zu verlieren, babei über-


