Das Antlitz Lübecks.

Gröhe und Schönheit einer allen deutschen Stadt.

Von Wilhelm Hausen st ein.

Dem Zureisenden steht das Profil der Stadt als eines der reinsten, die man erleben kann, im bewundernden Blick, der sogleich auch Ver­trauen saht: da ist die Stattlichkeit und Sicherheit der alten Stadt.

Das Holstentor, das berühmte, in weihnachtlichem Marzipan schon den Kindern, auch im deutschen Süden, gar wohl bekannt, bestätigt sicy nun endlich im Märchen der Wirklichkeit sein eigenes Siegel. Die fest zusammengedichteten Ziegelsteine sind ein Urbild des Massiven und ^Am^ User der nahen Trave halten sich die Salzspeicher. Mit ihren Treppengiebeln hangen sie zurück den Rücken anlehnend an die stutzende Geisterkrast einer Vergangenheit, die auch in diesem lichten Morgen als eine wirkliche Macht anwesend ist. Das Wasser vor den Hausern steht moorig aus. t , .. , ... ..

Der viereckige Platz mit dem Rathaus und der Marienkirche ist einer der schönsten Platzräume, die es geben kann. Es ist eine Piazza, wie nur je in Italien eine gewesen ist: auch der Markt in Nürnberg ist nicht glücklicher! Die rüstige Gotik des Rathauses hat sich spielend und auch großartig bewußt in die Höhe gestreckt; eine verwegene Backstein­wand durch kreisrunde Windlöcher gegen nördliche Stürme geschützt, die von der See her durch die Luken schießen, dem Gemäuer aber eben darum nichts anhaben können diese Mauer sitzt wie ein Diadem auf der Stirn des bürgerlichen Stadtpalastes, und schlanke Türme über der Wand sind wie Zinken eine Krone; auf der Brust trägt dies Rathaus mit reizender Eitelkeit den Schmuck der gleichsam vorgesteckten Renais­sanceformen aus hellem, plastisch ziseliertem Haustein. Dies Bild ist köst­lich. Aber den entscheidenden Zug der Größe empfängt der Platz von der Marienkirche, die mit einfacher Mächtigkeit das Rathaus und den Platz überschattet und versichert, wie überhaupt die Kraft des geistlichen Lebens dem bürgerlichen Selbstgefühl, der bürgerlichen Heiterkeit das Recht, das Maß und vollends den Hintergrund jenseitiger Bürgschaften verleiht.

Veran »wörtlich: vr. Hans Thhriot. Druck und Beklag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. 2L Lange, ffiiefie»-

Jakob, die Katharinenkirche: dies ist der nämliche Akkord - bloß wem. aer mächtig angeschlagen, weniger großartig gespielt Aber jenfetts des Hauptplatzes, dem südlichen Rand der Altstadt nahe, erhebt sich eine Kirche von kathedralischem Geist. Der Dom, den Heinrich der Lowe 1173 gestiftet hat. Die romanische Stirnseite mit den mächtigem die hundert Meter weit übersteigenden Türmen ruht hinter einem Schleier von Baumzweigen: rot vom Backstein. Auch innen hat die gewichtige Gewalt romanischer Form an der Gestalt gebildet, und dies so sehr daß man des romanischen Wesens am gewissesten und liebsten ,nne wird

Der Dom umschließt überm gotischen Lettner ein erregendes Flam- bonantkreuz des Bernt N o t k e. Er umfangt einen Altar aus der Hand des M e m l i n g , und niemand wird leugnen, daß Kreuztragung, Kal­varienberg, Grablegung, auch Auferstehung, wie sie von der vollkom­menen Innigkeit eines großen gotischen Meisters da gemalt sind, dar Gemüt auf ebenso nachdrückliche wie seine Art anruhren. Der Künstler und Kunsthandwerker der Renaissance haben eine große Uhr herein­getan, damit die Gläubigen lernen, die Zeit zu betrachten. Aus dem Zifferblatt ist eine Sonne eingesetzt; sie wendet die Nutzen nach। rechts und links -r- sieht alles drüben wie Huben, bringt auch alles an den Tag Nun ist es zwölf Uhr. Nun schlägt in Gestalt eines Jungt,ngs das Leben selb« viermal mit dem Ham.uer an die Glocke, um anzumelden, daß die Vollendung der Stunde, die Mitte des Tages da ift Unb nun geschieht'-, daß der Tod in der Gestalt eines Gerippes das Stundenglas umdreht und schrecklich den Schädel schüttelnd, den Hammer zwölf harte Male an die Glocke fahren läßt. r. . _. .

Die wahrhaft gewaltigen Baudenkmale der Stadt sind durch Straben und Gassen verbunden, in denen die Einheit des lübischen Geistes be scheidener und dennoch eindringlich genug sich bezeugt: die Hauser sind in rotem Backstein aufgemauert, und gotisch gestaffelte oder barock! ge schweifte Giebel zurücksinkend da und dort wie an den Salzspeichern sind säst die einzige Zierform. Mitunter haben bie Hauser einen simplen Verputz und Anstrich empfangen. Da sind von Gaffen abge- zweigt kleine Höfe, in denen alte Witwen wohnen: Hofe gleich den Beghinenhösen Flandern oder der unvergessenen Fuggere, in Augsburg. Alte Weiblein sitzen aus grüner oder weißer Bank vor ihrenl Puppen- Häuschen und sonnen sich oder sie putzen das Messing ihrer Türklinke mit eifernden Händen. Und wenn sie den Fremden em aden das In­nere des Häuschens zu besehen, so ist ein winziges, mit alten Linge überfülltes und sehr behagliches Stübchen da, in dessen Grund ein reinliches Bett den Alkoven einnimmt. Es gibt ein Heiliggeisthospital. Man tritt in eine schöne gotische Kirchenhalle, die durch seine unb robuste Schnitzaltäre der Gotik ausgezeichnet ist; aus dieser Kirche blickt man in das angeschlossene Hospiz, in dem die alten Menschen, Greste und Greisinnen, als Psründner in Zellen sitzen, rote Mönche und Non­nen in ihren Klosterzellen tun. Wenn sie zur Straße wollen, dann neh- men sie immer gern den Weg durch die Kirche denn er ist der ge­gebene; und ebenso kehren sie zu ihren Zellen zuruck.

In merkwürdiger Begegnung ergibt sich, daß aber auch das Museale dieser Stadt eine leidenschaftlich angreifende Gewalt empfangen kann, der Sankt Jürgen, dem Original des großen lubischen Spatgotikers Bernt N o t k e in der großen Stockholmer Kirche vorzüglich nachgebildet und in der zu einem erstaunlichen Museum gewandelten Lübecker Katharinenkirche mit anderen bewundernswerten Drngen ausgestellt - dieser heilige Georg ist ein Werk von unerhörter Gegenwärtigkeit! Alle Modernen, die je nach Kraft und Ausdruck begierig waren, dürfen froh sein wenn sie, zusammengenommen, als Heer, die pulsierende Gewaii der Form, die phantastische Fülle des Ausdrucks besäßen, die von dieser Gruppe eines mittelalterlichen lübischen Meisters noch in unserem Augenblick erregend und vollkommen überspringt, wie die Schweden ehe­dem in Staunen hielt.

1143 nahe einer alten wendischen Siedlung, als deutsche Stadt ge gründet, erfährt Lübeck die Gunst Heinrichs, den man den Löwen nannte und die Freundschaft des Rotbarts, auch jenes zweiten Fried­rich, der unter den Staufern der genialste, der weiteste m Raum und Idee am großartigsten ausgespannte Geist gewesen ist. 1367 wird Lübeck Vorort der Hansa. An der Spitze dieses wirtschaftlichen und weltpoliti­schen Verbandes stehend, greift Lübeck nach Flandern und nach Krakau, nach Köln und Breslau, nach London und Nowgorod, nach Lissabon und Island nicht nur handeltreibend, sondern auch gebieterisch aus; es git» der nordischen Welt auch das Beispiel der Kunst! Nicht em einziges Schiff auf der Ostsee, das in jenem Zeitalter vor Lübeck nicht anlegt Die dänischen Könige halten eine Weile die gepanzerte Hand aus Der Stadt; aber sie schüttelt sich, und siehe, 1370 gewinnt sie sogar die Ae- fuqnis, die dänischen Könige zu bestätigen! Es verschlägt ihr auch nichts, das unbotmäßige Kopenhagen zu zerstören. Diese ungeheure Herrschast währt bis etwa 1500: bis zur Entdeckung Amerikas und der atlantischen Gewässer. Dies wird die Katastrophe für Lübeck dies unb bie Abwon- berunq des Heringszuges, der vordem den Lübeckern ein Monopol er­beutet hat. Ist bas Gewicht bes Ereignisses unwahrscheinlich? So le!' man in Hamsuns Romanen, wie ber Schwarm ber Fische Leben uno Sterben einer Küste schicksalhaft regelt ...

Mit biefen Dingen stimmt es überein, wenn bie große Gestalt oer Stabt romanisch unb gotisch ist. Ader noch in ben Zeiten nach 1500, Die wir Renaissance und Barock nennen, ist die Kraft der Stadt zum wenig ften so stark, daß Rathaus und Kirchen aus eine überschwengliche Weil- geschmückt werden können. Nun empfängt der Dom den barocken Staats- altar, nun die reiche Barockorgel in Braun, Weiß und Gold, nun w- Alabasterreliefs der Renaissancekanzel; nun empfangt die Aeglbienkirm- die gewaltige Orgel, deren Form von der Renaissance zum Barock vm- überschwillt, und den prächtigen Renatssancedeckel auf dem gottschea Taufstein ... Die Spannungen der Reformation und der barocken ^onn- lust sind wenigstens noch in diesem stolzen, ja schwelgerischen May oes Schmuckes ein produktiver Antrieb geworden, und noch m jenen Zene hat das Meer die lübische Flagge hoch geehrt.

Es ist eine Kirche von kathedralischen Graden: kathedralisch außen, kathedralisch auch innen, wo die weihgetünchte Kirche die ganze gott- selig ausgejchwungene und demütige Ueberlegentjeit der weitesten und edelsten Gotik beurkundet. Der Ausbau hat aus späteren Zeitaltern die lebhastesien Verzierungen empfangen, ohne an kirchlichem Adel einzu­büßen. Eine gewaltige Orgel gehört jener spätesten und am Üppigsten entwickelten Zeit der Gotik an, die man um ihres gleichsam flammen­den, um ihres feurig ausschlagenden Charakters willen das Flamboyant genannt hat. Renaissance und Barock haben ein Übriges getan: die Kirche starrt vom Dekor der nachgeborenen Jahrhunderte. Die Fülle nimmt der Reinheit des gotischen Bauwesens und der gotischen Andacht den Platz nicht ernstlich fort. Die Dinge schieben sich voreinander, aber man erkennt die Gröhe gotischen Ursprungs.

Die Marienkirche, bereit Großartigkeit bem noblen Stil französischer Kathedralen nicht auszuweichen braucht, ist das überragende Beispiel der lübischen Kirchen des gotischen Mittelalters. Sankt Aegidien, Sankt

ihnen bann nachts hin. Wo sie uns doch aus dem Schilf geholt haben.- Und die Pfeile lasten wir in den Enten brm, das gut aus.

Unb wir könnten ihr Lager nachts bewachen, wo es bodj TOabdjen finb. Ja", sagt ber Häuptling,aber jetzt wollen wir erst einmalorbentlich was essen."Das ist ein Gebaute", fagt Doppelrenner unb legt fein Pabdel weg. ____

Morgenlied an die Sonne.

Von Matthias Claubius.

Da kommt sie her: Der Berg frohlocket laut unb bringt ihr feinen Rauch!

Das Tal frohlockt, geschmückt wie eine Braut!

Unb mir frohlocken auch.

Auf, denkt an den, der sie erschaffen hat!

Der ist ein großer Herr:

Held, Friedesürst und Vater, Kraft und Rat, und keiner ist wie er!

Ihm wird's nicht Tag, er hat kein Schlasgemach, er schläft und schlummert nicht!

Sein Daterherz ist ewig, ewig wach und ewig Lieb' und Licht!

Er sitzt dort hoch in stiller Einsamkeit

und sinnt aus unser Wohl;

den großen Schoß voll Wohltat weit unb breit, unb beibe Hände voll! '

Unb sieht herab auf Sterne, ßanb unb Meer mit unverwanbtem Blick, sieht seine Kinber alle rund umher, ihr Elend und ihr Glück!

Du Gnädiger! o du Barmherziger!

Barmherzig für und für!

Du Gnädiger! o du Barmherziger!

Herr Gott, dich loben wir!