Gießener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1935 Freitag, den 19. Juli Nummer 53
ürchtete die Dienerschaft des
nen
Seine Kraft war in ihm mächtig 6m Bändel-Roman von Ernst Älurm
Aber wenn sein Haupt so aufzuragen begann, da fühlten die Bauern bald, daß er ein König aus dem Menschengeschlecht war, der Herr eines sReidies. das ihm Gehorsam entgegenbrachte und das er zornig oder
bald, daß er ein König aus dem Men,cheng Reiches, das ihm Gehorsam entgegenbrach! wohlwollend lobte und tadelte. Niemals fi—,— . .
Schlosses Cannon einen Gast wie diesen, der vor wenigen Wochen in einer derben Kutsche aus London kam, einen Hausen unbeschriebenes Papier auf sein Zimmer bringen ließ und in die Schloß!,rche lies noch ehe er sich dem Besitzer des Hauses, dem Herzog von Chandos oorstellte. Und welcher Ton, als der Fremde vor feiner Hoheit stand! „Sieben Pfeifen" schrie er beim Eintritt in das Empfangszimmer des Herzogs, „sind an der Kirchenorgel kaputt, ausgemistet muhte sie werden mit Besen durchgekehrt!" Halbe Antworten auf des Herzogs Fragen dafür aber Gehaltsvorfchläge, plumpe Sorgen eines Mannes, der auf Geldverdienste fah ... Und nach der Unterredung mit dem vornehmen Gönner sogleich der Weg in die Küche! Es muhte die Leute, welche dort beschäftigt waren, empören, daß ein Fremder ihren Arbeitsbereich so durchforschte. Zuerst glaubte man, der Hofmeister habe einen Lebensmittelbeschauer bestellt, aber als es sich herumflüsterte, daß der Eindringling bloh des Herzogs neuer Musikdirektor fei ging der Küchenmeister auf ihn los und herrschte ihn an, was er hier suche^ Da geriet der neue Schlohbewohner in Erregung, und es war rührend, wie er dies außergewöhnlichen Rechte schilderte, bie fein Leib forderte d, doppelten Mengen und kräftigen Speisen. Rührend auch sem Bück * .i «edaRen der Küche auf einen Berg rohen, rosigen Hammelfleisches, das auf die
Zubereitung wartete ...
Bald fühlten es die Leute im Schloß: er war unschuldig m seinen Leibesaenüssen unschuldig in seinen Wutausbruche», er hatte das große Herz emes Kindes Und er besaß die schönste Gabe des Menschen den Fleih. Täglich stand er ganz früh auf, machte Spaziergänge und aß tüchtig, aber dann kamen die Musiker der S-hlohkapelle, und es wurden viele Stunden geprobt, nicht so wie unter dem früheren Leiter, zimperlich und mit Maß, sondern oft bis zur Erschöpfung^Die Leute standen, matt von den Instrumenten auf und ?'Ngen Heun zu ihren Familien er aber ah und trank jetzt für drei, breitete dann Blatter aus in seinem Zimmer und schrieb sie voll Und nachher kam> er in das Dorf- wirtshaus und trank wieder und war frisch wie am Morgen ...
Es war keine Arbeit für ihn, auf Cannon Musikdirektor zu sem, sondern eine Erholung. Die Leute des Schlosses hatten keine Ahnung, was für e"n Ung-Heuer aus dem Gnadenreich der Kunst unter ihnen weilte Gott lieh Ihn einsam sein, ohne We,b. Er gab lhmeinenGaw men, dem alles schmeckte, und einen dazu geschasscnen Leib der aus Masten zugeführter Speisen Kräfte bauen konnte. Und Gott endlich verlieh ihm den herrschenden und doch reinen Ton den selbst Könige als natürlich achteten, so dah dem zornpolternden R'esen memals der Gehorsam verweigert wurde, niemals böse Ungunst, g .. Freiheit drohte. Ohne diese Gesundheit seines Leibes und ohne die Gröhe seines Charakters hätte er den Strapazen fernes^äußeren und inneren Lebens nicht standgehalten und wurde ihn die Welt semdselig
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Erstes Kapitel.
Anthem.
Den Bauern der Landschaft Cannon war der Riese neu, ebenso den Leuten des Schlosses Cannon, von welchem die Landschaft ihren Namen hatte. Aber wer ihn einmal erschaute, vergaß ihn nicht wieder, wer ihn reden hörte, nährte monatelang die Phantasie mit den Bildern dieses Gemütes, und wer ihn essen oder trinken sah, bekam Durst, bekam Appetit! Wenn er an ihren Gehöften und Ställen vorbeikam oder auf Feldwegen zwischen Aeckern ging, aus denen sie pflügten, sahen die Menschen des Landes nach ihm und verglichen seine schwere und kräftige Gestalt mit der ihrer Tiere. Auch er blieb manchmal stehen und hob den Kops wie ein Hengst, der soeben noch das Futter zu seinen Fußen achtete und nun zu fressen aufhörte und Schweigen gebot durch die Gewalt seines weiten Blickes, der seltsam über die Erde wegging ...
zermalmt haben. Denn er riß sie aus wie einen schlafenden Hund. Er störte sie beim unterwürfigen Spiel, beim säuselnden Gesang, er sperrte die Fenster auf und lieh frische Lust herein! Und überall war sein Bor- recht dabei zu fein, größer als das der anderen. Seine Akkorde waren kraftvoller, feine Melodien wärmer und wahrer als die der Wettbewer- der Und wie er sich mit Lichtftrömen der Musik und mit weltlicher Unternehmungslust Bahn durch die Gesellschaft brach, wie er immer ge- bieterischer wurde, sich hinwegfetzte über die Gebrechlichkeit der irdischen Majestäten, wie er mit den Primadonnen der Oper reinen Tisch machte und in Chören die Gewalt Gottes sammelte, daß sie immer mächtiger in den Ohren der Menschen klang, der Königsbefehl aus Ewigkeiten, vor dem eines Tages endlich der König eines Erdenreiches ganz selbstverständlich sich erhob — das war der Sieg des kahlen Riefen Handel!
Er trug in Cannon nur an Sonntagen, wenn er die Orgel m der Kirche spielte, feine lockenreiche Perücke, fonst eine Mütze auf dem Kopf ohne viel Haar. Das nahm ihm nichts von der Würde und gab ihm ein gutmütiges Aussehen. Es paßte auch zu feinen etwas krummen Beinen, an denen stets die Strümpfe ein wenig rutschten. Die peinliche Ordnung an den Kleidern mochte er nicht. Oft genug zog er beim Orgelspiel den Rock aus und schwitzte noch in Hemdärmeln recht stark. Gerne ging er an so heihen Tagen hinaus in die Landschaft und bestellte sich in manchem Bauernhaus ein kräftiges Esten mit Trunk, bei dem er luftig und gesprächig wurde und sich auch fragen lieh, von woher er sei. Born Schloß. Schon immer dort gewesen?
„’Rein, lieber Freund. Der neue Musikdirektor bin ich. Habt ihr den alten nicht gekannt?"
„Der kam nie zu uns."
„War wohl ein scheuer Gimpel! So sind bie meisten Musikanten! Ich "bin anbers, Bauer. Immer schon gewesen ..."
Viel gereift?"
"Allerdings Noch dazu kreuz und quer. Kennt ihr die Bärentreiber? Ja,"die kennt ihr. Und so bin ich, ein Bärentreiber, aber der Bar und der Treiber in einem. Wenn's mir wo nicht mehr patzt, bin ich Der Treiber, und wenn's was zu fressen gibt, bin ich der Bär!"
Horen mögen, was sie zu den Lebensformen feinerer ™ '
doch bann lieh er es bleiben, sie, benen ber Acker bie Wett war, von bem Dasein anspruchsvollerer Menschen zu unterrichten. Lieber erzählte er ihnen wie bas Getreide in anderen Landern wuchs, welches Geflügel er dort gesihen hatte, und bat, ihn durch ihre Stätte zu fuhren. D.e Bauern taten es nicht ohne Stolz, zeigten Pferde und Binber, und betonten vor einer stattlichen Herde von Jungfchafen, daß nur die Ha ste im Pferc' fei. Die andere Hälfte befinde sich >m Weidegebiet. Und nächstes Jahr würden es wiederum fünfzig Stuck mehr fern ...
Nachdenklich ging Händel ins Schloß zurück. Das Bäuerische gefiel ihm, er konnte bie Freube an h-nbgreiflichen Erfolgen, an Fruch en unb Zuchttieren mitfühlen, aber fremb blieb ihm, was em Bauer zeitlebens über mufr bie Gebulb. Jählings trieb ihn bie Borstellung zu schnellerem Gehen °n,' bah er hier auf den Feldern mit langsamer Hand em Leben hindurch den Pflug führen mühte. Und wie er fetzt fühlte, daß fein Leben drängte, frag er sich mit einemmal, wohin es bisher gedrängt hatte und die Jahre feiner Entwicklung standen, noch viele Möglichkeiten für die Zukunft offenlastend, vor feinen Augen.
Zuerst die Wahl des Berufes, gegen bes Vaters Willen, die Jugend in Halle, mit Telemann als Anreger, die Zeck in Hamburg, die erste Berührung mit der Oper, die Wander,ahre in Italien, das verfuhre- ritoc Geben dort die Musikanten des Südens, die Gefahren ... Dann die Rückkehr nach dem Norden, bie Berufung nach London Und immer trat, ber Erfolge eine Unzufriedenheit mit sich felbft, und em wenig Gtticksgefühl nur im Kampf mit Komponisten und 3-'iungsleuten und Sänaern Und eines Tages, jetzt, als der Ruf des Herzogs von Chandos tarn, die Annahme dieses idyllischen Postens, von dem aus obwohl die kunltliebende Gesellschaft Londons auch hier zu Gast war, sich doch nicht die Welt erobern lieh ...
Es trieb ihn etwas zu diesem rasch gewählten Erholungsurlaub für unbestimmte Zeit. Und doch war es die Borbereituug großer Taten auch
Die Bauern freuten sich, dah der Herr aus dem Schloß fö offenherzig über sich sprach Und sie schienen ihn auch mit bem feinen und sicheren Gefühl des gefunden Volkes nicht mißverstanden zu haben, es chien, fie sahen ihn nicht für einen Frehbold an, sondern für emen Einsamen, der doch vernünftig genug war, dah er sich das Herz mch: zu schwer werden lieh auf dieser Welt. Er ging und kam ein anderes Mal wieder. Und danach wußten die Leute schon, daß er m Deutschland geboren war und Italien gesehen hatte und den königlichen Hof! von London kannte. Gern hätte Handel diesen unverdorbenen Menschen etwas über das Gelichter der Städte vorgeschimpft, hatte woh auch sie zu den Lebensformen feinerer Menschen jagten, ooch oann ueß ei es bleiben, fie, denen der Acker die Welt mar, von dem Dasein anfpruchsvollerer Menschen zu unterrichten. L'eber erzählte


