durch Arbeit, nicht allein durch Sammlung. Handel war es gleich in den ersten Tagen seines Ausenthalts in Cannon bewußt geworden, die Schloßkirche gefiel ihm besser als das Opernhaus in London. Dort waren Sänger, ewiger Wettstreit mit dem Orchester das Merkrnctt ge­wesen, hier gab es die Orgel, die so unwiderfprechlich klang ... Slng- stimm'en, Menschenstimmen, sie traten im Gottesdienst nie derart an­maßend hervor wie auf der Bühne, sie waren Dienst am Brausen, sie klangen mit, sonst nichts ... Händel hatte bei der Aufführung ferner, ersten Kirchenwerke, beiTedeum" undJubilate , schon ei.ne größere Macht der Musik empfunden, als er doch, der Anfänger in London, noch so fehr nach dem Glanz der Erde strebte, daß Oper oder Kirchen­musik ihm gleichviel galten. Inzwischen hatte es Enttäuschungen ge­geben. Sein Mißtrauen gegen die Italiener war erwacht. So gegiert und füß wie ihre Melodien empfand der Deutsche sie bald selber. Aber er dachte beileibe nicht daran, um ihretwillen die Oper aufzugeben. Nur eben jetzt in Cannon wurde er mit einer Form der Kirchenmusik vertraut, die bescheiden, fromm und demütig während der Gottesdienste erklang.

Händel hatte zweierlei Musikdienst auf dem Schlosse des Herzogs von Chandos. Der größere Teil galt der Hausmusik, einschließlich aller Dar­bietungen im Park und an Orten außer Hauses für besondere Stim­mungen. Aber der Herzog wollte auch, daß sein neuer Direktor die Schönheit der Sonntagsmessen in der Schloßkapelle durch fein schon berühmt gewordenes Orgelfpiel hebe. Händel suchte nun die Bestände der Notenschränke n^ben dem Orgelkasten durch und fcknb Musikstücke, deren Bezeichnung ihm neu war. Auf den meisten Notenblättern stand als Titel das WortAnthem".

Keine besondere Sache, ein Wechsel von Einzel- und Chorgesang, mit Orgel und Orchester als Begleitung. Ein biblischer Text gab die Unterlage. Händel hatte etwas Aehnliches in seiner Jugend schon mit der Vertonung der Passionstexte von Brockes geschaffen. Dies war freilich keine Tat großer Frömmigkeit von ihm gewesen, er hatte mit Stucken aus Opern und Oden nicht gespart, und obwohl die Melodien der Anthems, welche er da in der Kapelle Whitchurch auffanö, an Glanz den seinen in den Passtonstexten nicht gleichkamen, so klangen sie doch er spielte sofort die meisten durch viel verklärter und mehr gott­nahe. In seiner Kirchenkomposition hatte ihn ein eitles und schwülstiges Dichterwort zu Versuchen verführt hier in den Anthems fang das Volk, das schlichte und innige, mit mäßiger Kraft, doch mit gutem Ver­trauen.

Und plötzlich wurde es Händel bewußt: man mußte Vertrauen zu einem höheren Wefen soffen, bann galt die eigene Kraft viel mehr! Dann kam man auf den richtigen Ton! Und er fetzte sich hin und schrieb Über einem Schriftwort der Anthems, das längst schon vertont worden war, neue Musik, ebenso einfach, demselben Zwecke dienend, nur mit dem Händelschen Nachdruck ...

Der Herzog von Chandos hatte den richtigen englischen Spleen. Sehr begütert, einsam und kinderlos, herb und doch liebebedürftig, war er zu einer hohen, wenn auch nicht einhelligen Bildung der Seele gelangt und öffnete sein Haus den Anwärtern der Kunst und Wissenschaft, den schöpferischen und ringenden Geistern feiner Heimat, aus deren Wider­sprüchen er noch am ehesten die Kraft zur Erhaltung des Gleichgewichts für sich selber empfing. Er lud an mehreren Wochentagen regelmäßig nicht nur die Londoner Angehörigen feines Standes, sondern noch auf­merksamer die Künstler und Gelehrten zu Gast auf fein Schloß, ermahnte jeden namhaften Besucher, das nächste Mal ein unbekanntes Talent mit­zubringen, und kam ein solcher Schützling an, so konnte er der Teil­nahme und der Förderung sicher sein. Wer einmal auf Schloß Cannon gesehen wurde, der hatte es auch in London viel leichter. Dichter, die hier zum Vortrag ihrer Verse kamen, fanden leichter einen Verleger, Maler, von deren Bildern man sprach, konnten diese eher und gut ver­kaufen. Und wie im Hause des Grafen von Burlington mochten auch hier von scheuen und errötenden Gelehrten, die ihre mächtigen Erkennt­nisse mit weniger als Kinderkraft darzulegen wußten, Dinge ausgespro­chen und von manchem Gast überhört werden, die ein Jahrhundert später das Geistesgebäude der Kultur erschütterten. Händel hörte, wenn sein Vortrag als Dirigent oder Meisterspieler beendet war, gerne schwei­gend die Gespräche der Geister mit an und begann erst mitzusprechen, wenn Gelächter in die Gesellschaft kam. Da übertönte er die anderen. Kühl blieb er vor den Aristokraten, die an nichts so sehr Anstoß nahmen als an seinem stets hochaufgerichteten Haupte. Es fah sich an, als wären feine Schultern und fein Nacken Erz gewesen und der Kops darüber unbeugsam vor jedermann. Und Händel konnte sich nicht beugen. Sein Verneigen vor den Damen war so knapp, daß viele es kaum gewahrten. Er überragte sitzend oder stehend jeden Mann. Das paßte nscht den Lords und Herzögen, die das heimliche Königtum des Musikers nicht ahnten.

Von dem Tage an, da Händel fein erstes Anthem schrieb, wandte er seine neue Liebe der Kirchenmusik zu. Außer seine Kapelle brauchte er hier zur Mitwirkung einen Chor und gute Solostimmen, zunächst drei: Sopran, Tenor und Baß. So bescheiden, ganz nach der Ueberlieferung, stattete er den Wechselgesang aus bei der Niederschrift des früheren Anthems. Der Einzelgesang sollte auch nur überleiten, wenn während des Gottesdienstes der Chor, der Verstärker der heiligen Handlungen, schwieg. Zart oder mahnend riefen ihn Sopran und Baß an. Händels Vorgänger hatte ihm an Singstimmen nicht eben viel des Guten hinter­lassen. Kinder, Mägde und Männer aus dein Schloß, Dienerschast, geduckt lebend, geduckt fühlend, riefen sie zaghaft Gott an. Händel fühlte bei der ersten Probe, daß die Demut mächtiger, freudiger gesungen werden mußte. Er entsann sich seiner bäuerlichen Freunde in den umliegenden Ortschaften. Sein eingeborenes Geschick dafür, die Leute zu finden, die er brauchte, hals ihm auch hier. Er ließ sich Volkslieder vorsingen, alte Balladen und fromme Melodien. Er konnte bald zwei recht begabte Burschen und einen Schmied mit gehörigem Brummbaß zu sich auf das Schloß bestellen, um mit ihnen die Kirchenmusik einzuüben. Seine

besondere Entdeckung aber war ein Bauernmädchen mit Altstimme und von merkwürdiger Nuhe des Wefens, bei einundzwanzig Jahre Alters.

Sie hieß Mary Black und lebte allein mit ihrer alten Mutter. Der Vater war schon lange gestorben, ein Bruder tat Soldatendienste im königlichen Heer, ein anderer hatte Abenteurerblut in sich und lebte als Seefahrer meist fern der Heimat. Die Blacks waren arm, sie hatten ein Häuschen, ein paar Morgen Land, ein Stück Rind und mehrere Schafe Biel Arbeit gab es für die beiden Frauen, für die jüngere befon- ders Sie mußte ackern, mähen, das Haustier verforgen, Brennholz Her­richten, im Winter weben, und hatte überdies alle Wege zu Maller, Schuster oder Schmied zu machen. Doch ihr Körper, groß und kräftig, war diesen Mühen gewachsen. Feiner mochte ihre Seele sein, empsmd- famer da sie das Lied liebte und den Blick, den langen Blick, in das Morgen- oder Abendwerden der Landschaft. Ader es lag keine Schwer­mut, nicht einmal Sehnsucht, in ihren runden, braunen Augen, sondern eine Ruhe sprach daraus, eben die Ruhe ihres Wesens. Kein Ding war so groß, daß sie es nicht gelasien in ihren Blick ausgenommen hatte Händel erkannte, als er auf sie zutrat, sogleich eine schwere, doch echt weibliche Kraft. Sie an ihm eine Fülle, nicht nur leiblich, sondern auch im Willen. So stellte sich Mary Black wohl unbewußt das Kommen des Bräutigams vor. Doch der Fremde sprach nicht vom Freien, sondern von Musik. . .. o, , .

Er frug Mary, ob sie fingen könne, und erkannte an ihrer Antwort im Redeton, daß sie cs könne und welches ihre Stimmlage sei. Er bat bann um ben Vortrag eines Liedes. Das Mäbchen sagte gefällig zu, schlug aber vor, in bie Stube zu gehen, wo sie ben Herrn auch mit ihrer Mutter bekannt machen könne. Selbe, Bauernmutter unb -tochter, fahen eine Ehre barin, als ber leibesstarke unb gutgetleibete Mann ihr Haus betrat. Hänbel schaute sich um in ber sauberen Stube, hatte sosort em kluges Wort für bas gute Gewebe in den Betten unb freute sich, kaum baß er faß, Brot unb Speck vor sich liegen zu fehen. Unb ber warme, ruhige Blick bes Mäbchensl

Mary fang ein Lieb. Es war eine Ballade von Lebenslust unb kühnen Taten, boch auch von Unglück unb Verzweiflung. Trotzbem sie viel fingen mochte unb ihre Stimme voll unb kräftig klang, war ihr Gesang boch völlig ungeschult unb würbe verwohnten Musikkennern wohl nur em Lächeln abgezwungen haben. Aber Hänbel hörte nur nach ber mensch­lichen Ueberzeugungskrast bieses einfachen Gesanges. Da fühlte er, als das Mädchen den getrosten Schlußton der Ballade dreimal gesteigert anftimmte, daß sic glaubte.Gott fah bas Rechte vor", waren bie letzten Worte des Liebes. Unb Hänbel hörte, baß man Glauben singen konnte er hatte bas noch nie fo gehört, er nicht, in keinem Gottesbienft, geschweige denn in einer Oper! Das war immer Anpassung unb unterwürfiger oder eitler Ueberschwang. Das war kein Ton, kein Blick, wie dieses Mädchens runder, voller Blick!Gott sah das Rechte vor" das hieß tn ihrem Blick: ich weiß es schon, was man dazutun, wie mans sagen muß! Das hieß ja Händel dachte, daß in seinem ersten Anthem für diese Mad- chenstimme keine Noten waren, er dachte an ein zweites Anthem mit einer Stimme, die zu Gott sprechen sollte voll Maß und Menschenstolz und Wärme... J

Doller Freude ging Händel an das Niederschreiben neuer Anthems, und mit gleicher Lust an die Ausbildung des Bauernmädchens für den Gesang im Gottesdienst. Als Mary das erstemal zu einer Probe den Chorraum betrat, dachten die Musiker, sie habe sich verlausen, und spöttisch meinte einer:

Was will die Mähre da heroben?"

In das Gelächter der anderen hinein gab Händel laut Auskunft:

Sie bringt in Ihre dünne Luft, meine Herren, etwas vom Roßstall!" Sie brachte die geheimnisvolle Kraft zum richtigen Strömen in Händel, wenn sie neben ihm fang ober auch nur stand. Sie gab seinem Herrscherwillen Ruhe, und wenn er sich später einmal in bie Tyrannei bes Opernleiters verlor, hätte er nur an bieses Mäbchen zu benken brauchen, um sofort davon abzulassen, schwache Menschen unmäßig anzu- treiben oder ein geschäftliches Ziel allzu wild zu verfolgen. Den Ehrgeiz in lautere Tatkraft umzuwandeln, die Welt nicht durch Herrschsucht, sondern durch Freude zu bändigen und mitzureißen durch den Ton Gottes dazu brauchte seine Kraft einen Wegweiser. Der Allmächtige schickte nicht nur einen in Handels Leben. Aber Mary Black war der früheste und rührendste. Sie stand in blaugefärbten Linnenkleidern unb hielt in arbeitsrauhen Hänben ein Notenblatt unb fang. Sonst brauchie sie ber Chorregent zu nichts, buchte sie. Wohl hatte er gute Worte für sie, so manches Mal nach bem Gottesdienst, doch er hielt sie nie zurück. Auch während sie noch in der Woche zweimal aufs Schloß kommen durfte, in fein schönes Arbeitszimmer, hatte er nach dem Gesangsunter­richt sie jedesmal gehen lasten. Zuweilen lud er sie vorher noch W Weißbrot und Schinken ein wobei es schon ein Genuß war, allein ihn essen zu sehen und machte die Tafel noch kurzweiliger durch Scherze, die ihm kunterbunt einfielen. Aber das, woran Mary zwar nicht zu denken wagte, was sie aber aus gesundem Wefen wünschte, das schien dem doch nicht zimperlichen Musiker nie in ben Sinn zu kommen.

Er war zu stark, um zimperlich zu sein. Hätte er Mary begehrt, er würbe sie genommen haben, ohne sich viel dabei zu benken. Aber in seiner Natur, bie beinahe allen menschlichen Leibenschasten Raum netz, fehlte bie bes Geschlechtes. Hätte er sie besessen, mürbe es bei feiner Kraft eine überroältigenbe Berührung mit dem Irdischen geworden fein, segnend und verheerend. Nie wäre aus einer solchen Gemeinschaft mit dem Weide die Musik geboren worden, die nach dem Engelskampfe dieses Künstlers mit sich selber entstand: die Händellche Mufik! Der Mangel an Geschlecht bei dem leibesstärksten aller Künstler, welche dieser Erdball jemals trug, ist das Gleichnis des Vaters im Himmel: wo immer wir uns ihn denken, in Familien, in Völkern, im Zorn, in der Siebe, im Segen ober im Fluch immer wirb er nicht nur einem Geschöpfe gerecht, sondern dem zweiten fo gut wie dem dritten, unb ist immer einsam...

«Fortsetzung folgt.)