Grenzen der Menschheit.
Von I. W. von Goethe.
Wenn der uralte, Heilige Vater Mit gelassener Hand Aus rollenden Wolken Segnende Blitze lieber die Erde sät, Küß ich den letzten Saum seines Kleides, Kindliche Schauer Treu in der Brust.
Denn mit Göttern Soll sich nicht messen Irgendein Mensch. Hebt er sich aufwärts Und berührt Mit dem Scheitel die Sterne. Nirgends haften dann Die unsicheren Sohlen Und mit ihm spielen Wolken und Winde.
Steht er mit festen. Markigen Knochen Auf der wohlgegründeten Dauernden Erde, Reicht er nicht auf, Nur mit der Eiche Oder der Rebe Sich zu vergleichen.
Was unterscheidet Götter von Menschen? Dah viele Wellen Vor jenen wandeln, Ein ewiger Strom: Uns hebt die Welle Verschlingt die Welle, Und wir versinken.
Ein kleiner Ring Begrenzt unser Leben, Und viele Geschlechter Reihen sich dauernd An ihres Daseins Unendliche Kette.
Oie Dohle.
Eine Geschichte von Hans Franck.
lieber dem seitlichen Haupteingonge der Breslauer Kreuzkirche sieht man, heutigen Tages noch, auf dem Simse des zweiten Giebels — vom Turm aus gezählt — eine steinerne Dohle. Sie scheint da oben zwischen den Strebepfeilern keinen anderen Zweck zu haben als Tausende von Steintieren an den deutschen Domen: den des beziehungslosen Schmuckes. Und doch weiß die Sage über ihre Herkunft und Bedeutung eine der absonderlichsten Geschichten zu erzählen, eine Geschichte von menschlicher Gier und Leichtfertigkeit, von göttlicher Strafe und wundersamer Errettung. ~
Vor vielen Jahrhunderten stiegen an einem Fruhsommermorgen zwei Domschüler heimlich auf den Turm der Kreuzkirche. Der eine hieß Bertel, der andere Barthel. Sie waren beide gleichen Alters. Sie trugen beide gleiche Gewandung. Sie hatten beide das gleiche Ziel: Dohlennester ausnehmen! Der Plan war in Bertel aufgestiegen. Denn er war gerissen Und im Hinblick auf seine elf Jahre ungewöhnlich groß. Barthel hatte seinem unermüdlichen Drängen endlich zugestimmt. Denn er war dümmlich. Und für seine Jahre ungewöhnlich klein. Auch jenseits des Zieles gingen ihre Wege auseinander. Bertel wollte sich die aus dem Nest geraubten Vögel unbemerkt braten. Die Klosterkost war schmal, und er mußte manches Mal hungrig vom Tisch aufstehen. Barthel hingegen dachte an Futter streuen, Trinkwasser erneuern, Streicheln, Aus-die-Hande-hup- fen-lassen, Sprechen lehren. Zunächst freilich, darin waren beide beim Hinaufsteigen wieder einig, zunächst mußte man die halbfluggen Vogel
.Mchts leichter als bas!" versicherte Bertel — fast ohne Atem, wahrend Barthel leichtfüßig die Steinstufen der Turmtreppen vor chm hinaus- sprang — „zu Dutzenden sind Nester voll junger Dohlen da. Wir können uns die leckersten — die schönsten!" verbesserte er hastig, als Barthel erschreckt nach ihm umsah — „unter ihnen aussuchen!"
Es waren allerdings Dutzende von Dohlennestern oben am Turm vorhanden. Aber mit dem Aussuchen stimmte es nicht. Denn die Dohlen hatten ihre Nester keineswegs drinnen tm Dachgebalk gebaut, wie Bertel dem Barthel auf Erden hundertfach zur Ermunterung versicherte sondern draußen in den Löchern, Nischen und Höhlungen des T m gemäuers. So weit Bertel sich auch nach links — nach rechts, nad) oben — nach unten ausreckte, feine Arme reichten zu keinem der Nester him Und doch saß zu ihren Häupten, in dem Steinkranz, der das südliche Schauloch des Turmes regendicht abschloh, eines der begehrten Dohlenhauser, aus dem es verheißungsvoll zu ihnen herabkrächzte.
„Was nun?" fragte Barthel, der die Sache verloren gab
„Man muß einen Schritt, einen einzigen, aus dem Schalloch hinaus- tun", antwortete Bertel. „Daß man sich nicht vorn Boden herauf um
ben dicken Lukenkranz herumzuschlängeln hat. Sondern davor steht Vom dort draußen braucht man nur halb so groß zu sein als von hier drinnen. Und kann doch h,neinlangen ins Nest. Kann beinah hineinsehen."
„Ja , lachte Barthel und tat sich auf seine vermeintliche Schlauheit "er^Luft'stehen?^ --DOn bort draußen! Aber wer kann in
„Wart nur!" schnitt Bertel, dem ein verwegener Gedanke gekommen war, das Gelachter Barthels ab und lief davon.
Nach kurzer Zeit kam er mit einem zwei Meter langen Brett zurück, das er vor der Gerätekammer des Glöckners gefunden hatte
„Das legen wir auf die Brüstung des Schalloches", bedeutete Bertel dewustaunenden Kameraden. „Ich halt es hier drinnen fest, und du steigst
„Rach dort draußen? In die Luft hinaus? bangte Barthel. „Nein!"
„Gut", entschied Bertel, „wenn du ein Hasenherz hast, steig' ich nach draußen, und du hältst hier drinnen das Brett fest. Komm!"
„Wenn ich dich Mehlsack niederwippen könnte!" lachte Barthel aus vollem Halse. „Wenn--ja, bann ginge es wohl."
„Nun also", triumphierte Bertel. „Siehst du ein, daß du hinausklettern mutzt?
„Freilich", gestand Barthel zu. „Anders geht es nicht."
„Zieh doch erst deine Schalaune aus!" befahl Bertel.
Schalaune nannte man damals den weiten steifen Radmantel, welche alle Breslauer Domschüler sommers und winters, sobald sie das Gittertor des mauerumfriedeten Schulhofes verließen, über ihrer enganliegenden schwarzen Hausgewandung tragen mußten und bei harter Strafe außerhalb der Schulfreiheit nicht ablegen durften.
„Nein!" wehrte Barthel ab. „Dich da drinnen kann man allerdings von unten nicht ohne Schalaune sehen. Wohl aber mich."
Da lachte Bertel aus vollem Halse.
.Welch ein Einfaltspinsel!' dachte er. ,Als ob, wenn ihn überhaupt von unten einer fleht und erkennt, das Mantelablegen das größere, das Vögelmausen das geringere Vergehen geheißen roürbel'
Weil er aber befürchtete, der Widersprechende könne bockbeinig werden, falls er auf feinem Befehl bestände, und es mit seiner Bereitwilligkeit, das Brett zu betreten, vorbei fein: so willigte Bertel ein, daß Barthel mit feinem Schülermantel hinausstieg. War ja ohnehin nur ein Weg von zwei, drei Schritten!
Barthel spazierte also auf dem Brett, welches Bertel drinnen im Turm so weit niederdrückte, daß es säuberlich in der Schwebe blieb, aus dem Schalloch hinaus. Er konnte mühelos in das Dohlennest zu seinem Haupte greifen. Einen der flaumigen, des Fliegens noch nicht kundigen Vögel nach dem andern holte er heraus und tat ihn in seine Mütze, die er mit der Linken — vorsichtig! vorsichtig!! Daß die Schreienden keinen Schaden durch ihn litten! — an sein Herz barg.
„Wieviel hast du?" rief Bertel, als bas Nest geleert war, hinaus.
„Sieben!" jauchzte Barthel.
„Vier kriege ich!" entfchieb Bertel.
„Ich kriege vier!" widersprach Barthel.
„Wer hat das Brett heruntergedrückt, dah du hinausspaziere» konntest?"
„Wer ist hinausgeklettert, daß dein Brett-in-die-Luft-Strecken eines Sinn hatte?"
„Ich habe das Schwerste getan. Glaubst du, es war leicht, hier drinnen dir das Gleichgewicht zu halten?"
„Ich habe das Gefährlichste getan. Glaubst du, es war einfach, nach unten zu gucken und nicht schwindlig zu werden?"
„Ich kriege eine Dohle mehr als du. Punktum."
„Ich kriege die eine Dohle. Streusand draus."
„Ich kriege vier, du drei. Damit basta!"
„Ich kriege vier, du drei. Damit: Sela!"
„Papperlapapp! Wer hat ben anbern in ber Hanb? Ich hier brinnen dich ober bu da draußen mich?"
„Schnickdischnack! Wer hat die Vögel in der Mühe? Ich hier draußen ober du da brinnen?"
„Ich laß das Brett los, wenn ich nicht vier kriege!"
„Ich setz sie alle sieben roieber ins Nest, wenn ich nicht vier behalten bars."
„Gibst bu mir vier?"
„Nein!"
„Ich laß bei Gott unb allen Teufeln, wenn ich die eine Dohle nicht kriege, bas Brett los!"
„Tust du ja doch nicht, Bertel!"
,Zch tu's!"
,Lch kann die sieben Vögel aus meiner Mütze wieder ins Nest zurücksetzen. Du aber, du kannst das Brett nicht loslasien!"
,Hch — kann — es — nicht?"
„Nein!"
„Zum letztenmal, zum allerletztenmal: krieg' ich vier von den siebe« Dohlen?"
,Lum letztenmal, zum allerletztenmal: Nein!"
Da — hat der Tobende brinnen vergeßen, daß bas Brett nicht wie eine Wippe über einem Baumstamm zu ebener Erde liegt, sondern in schwindelnder Höhe auf der Schallochbrüstung des Turmes der Kreuzkirche? Hat die Wut über ben einfältigen Kameraden ihn von Sinnen gebracht? — da läßt Bertel brinnen bas Brett los, unb draußen faust Barthel mit [einen Vögeln ins Bodenlose.
,Hilfe!" schreit Bertel, wachgefchreckt, auf. „Hilfe! Hilfe!" und rast die Treppen hinab. Plötzlich erinnert er sich, daß er feine Schalaune, nach der er im letzten Augenblick vor der Flucht griff, noch nicht anhat. Er will sie im Lausen überwerfen. Verfängt sich darin. Stolpert. Kollert die Steinstufen hinunter. Bleibt mit gebrochenen Beinen liegen.
Draußen langt zur selben Zeit Barthel auf der Erde an. Wohlbehalten. Die Schalaune hat sich nach einigen Sekunden des Todesschreckens — durch die Luft, die sich unterwegs darin verfing — aufgebläht und ihn wie ein Fallschirm zur Erde getragen. So langsam, so


