Ausgabe 
18.11.1935
 
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doch nur verstehen, daß dte Frau zur Vorsicht rät, daß er abreisen sott, der Rauthammer. Man wird also doch schnell zupacken müssen

Rauthammer schickt die junge Dame hinaus. Sie sitzt auf dem Mar» zwischen den staubigen Efeuwänden, springt einmal aus, als em Auto über das Pflaster fährt, setzt sich wieder, springt nochmal auf. Es mutz wirklich was im Gange fein.

Also", sagt der Partner endlich und klingelt mit Markstücken und Schüsseln,'wir sind mit unseren Beratungen so ziemlich fertig."

Rauthammer nickt:Ich habe auch höchstens noch zehn Minuten Zeit. Dann muß ich eine andere dringliche Sache erledigen. Seit)«.'

Wir nehmen dann die Bedingungen an", sagt der dicke Kaufmann.

Aber", fällt der Partner ein,wir wollen nicht, daß Sie das ganze Risiko tragen, das ist uns unangenehm." .

Die Schreibmaschinendame wird hereingeholt, eine weißhaarige Steno­typistin, eine hängengebliebene Sommerfrischlerin. Der Vertrag wird herumdiktiert. Die Telegramme nach Mandschukuo find bereits am Tag zuvor abgeschickt. Die Ware es handelt sich um Chemikalien und ärztliche Instrumente ist auf Abruf bestellt. Es ist eigentlich keine Schwierigkeit zu erwarten. Jeder der Anwesenden hat wahrfcheinlich eine fünfstellige Ziffer verdient. r., ..

Rauthammer kommt pfeifend auf den Markt. Setzt sich zu «ophie Wahnke.Macht doch Spaß", sagt er,aber komisch ist es. Früher hab ich mir nicht den Kopf darüber zerbrochen, aber jetzt seh ich den Unfug: Drei fetzen sich an einen Tisch und bekommen für eine Ware, die einem Vierten gehört, viel Geld, weil ein Fünfter die Ware kaust."

Der Partner kommt noch einmal herausgeschossen. Man sollte vielleicht doch lieber noch zusammen nach Stuttgart fahren und einen Kenner der fernöstlichen Verhältnisse und Rechtsgestaltungen befragen? Rauthammer weigert sich. Er hat keine Zeit. Entweder kriegt er jetzt den Vertrag auf der Stelle zur Unterschrift, oder aus der ganzen Sache wird nichts.

Das ist gut fo", sagt Sophie,Sie muffen nämlich sofort abreisen. Sie kann jetzt endlich erzählen, wie Alsted den Berg herausgestürmt ist, wie er geklopft hat, wie er sie gepackt hat. Rauthammer muß wirklich fort. Bitte. Ein Meimberg spaßt nicht.

So", sagt Rauthammer,ein Meimberg spaßt nicht? Run will ich Ihnen sagen: Ich spaße auch nicht! Glauben Sie etwa, ich wüßte nicht, was daraus folgt, wenn man die Frau haben will, die ein anderer hat, wenn man sie haben muß, und sie hängt noch am anderen? Halten Sie mich für einen kleinen Jungen? Ich habe diesen Meimberg vor der Trauung an der Kirchentür gesehn. Er ist ein entschlossener Mensch. Vielleicht ist er sogar ein bedeutender Mensch. Sehn ja alle gleich aus, diese jungen Leute. Haben dos gleiche verschlossene Gesicht, in dem man schließlich ebenso gut lesen kann wie in den offenen Gesichtern meiner Generation. Ich denke also, der Meimberg ist ein Kerl. Drum wird der Kampf nicht einfach fein."

Sie wollen sich also schießen?" sagt Sophie leise.Alfred Meimberg schießt bestimmt sehr gut."

Um fo besser! antwortet Rauthammer.Dann wird es einmal ein ganz richtiges Duett. Ich schieße nämlich auch sehr gut. Also werde ich gewinnen."

Warum werden Sie gewinnen?" fragt Sophie.

Das verstehe ich nicht." Rauthammer lacht. Man weiß das, aber man kann es nicht sagen. Sophie soll fein fo trauriges Gesicht machen. Wer weiß, ob es zu einem Duell kommt? Vielleicht verzichtet diefer Meimberg überhaupt, oder er verzichtet nicht, und Barbara kommt zu ihm, zu Rauthammer. Aus immer. Das ist doch auch möglich.

Er steht auf. Er mutz gehn. Wo ist der »ertrag? Roch nicht fertig? Er geht hinein. Die Stenotypistin schreibt noch. Rauthammer sieht auf die Uhr.In drei Minuten muh ich leider gehn. Wenn wir bis dahin nicht unterschreiben können, muß ich verzichten. Tut mir leid, die andere Sache ist ebenso wichtig."

Er steht auf dem Marktplatz neben Sophie. Er stützt sich schwer auf sie. Da ist wieder diese scheußliche Atemnot, diese Schwäche. Es ist, als ob das Herz in einem Fahrstuhl ins Bodenlose fällt. Man kriegt keine Atemluft mehr, obwohl doch ringsumher soviel schöne, gute, sonnige Luft ist. Es ist verdammt schwül. Es wird ein Gewitter geben. Nein? Einen Augenblick mal ... Er fällt auf einen Stuhl. Er duckt sich hinter die Cfeuwand. Er zieht die Wand dicht an sich heran und birgt fein Gesicht in den staubigen Blättern. Einen Augenblick ...

Rauthammerl" ruft Sophie.Rauthammer ...I Was ist ._..?"

Er sieht ganz wächsern aus, totenfarben, die Lippen bläulich, der Atem ... Wo bleibt der Wem ...?

Da kommen die Herren endlich mit ihrem Vertrag aus der Wirts­stube. Die Stenotypistin ist ans Fenster getreten und sieht verhetzt und böse herüber.

Wir sind nun also in allem einig", sagt der dicke Kaufmann.

Und es ist, als ob das Geschäftliche Den Kaufmann Rauthammer zurückrufe. Er hat fein Herz wieder in der Gewalt. Er lacht. Lacht schattend.Man wird alt, klapprig. Eine Schande mit zweiundfünfzig JahrenI Na, das werden wir bald wieder in Ordnung haben."

Er fetzt feinen Kneifer auf, schraubt am Füllfederhalter, hat unterdes schon alles gelesen, hat zwei Tippfehler verbessert und unterschreibt. Er hat eine winzige gestochene Schrift. Druckschriftähnlich. Er schreibt seinen vollen Namen: Karl Rauthammer. Bitte! Damit ist dies also erledigt. Er muß sofort gehn. Er drückt den Herren flüchtig die Hand. Er hebt feinen Panamahut grüßend vom Kopf, er nimmt Sophie Wahnkes Arm, und indem er sich ziemlich wenig auf sie stützt, geht er mit ihr über den Marktplatz, der in der prallen Mittagssonne liegt, der eine trockene Pflasterhitze flimmert, und verschwindet zwischen den schmalgiebeligen Häusern dem Waldtal zu.

Toller Kerl!" sagt der Partner und klimpert mit Markstücken und Schlüsseln.Hat da sicher schon wieder eine zweite Sache im Gange."

Könnte ja auch eine Sache mit der Rothaarigen sein, wie?" lacht der dicke Kaufmann.So was ist auch mal nett, wenn man Geld verdient hat." Der Notar und der Partner schütteln die Köpfe. Die Rothaarige gefällt ihnen nicht. Und nun fangen sie ein Männergefpräch an über die

Vorzüge und Nachteile Sophie Wahnkes und darüber, was sie eigentlich von einer Frau wollen. Es ist nicht viel, was sie verlangen.

Rauthammer aber ist mit Sophie Wahnke oben in feinem Haus an­gekommen. Er fall sich hinlegen? Nein, das kommt nicht in Frage. Er hat noch einiges zu regeln. Er fitzt eine halbe Stunde an feinem Schreib­tisch, macht eine Anweisung an seine Bank, zeichnet die Begegnung mit den Geschäftsleuten kurz auf und schreibt in sein Tagebuch:Herz bedroht. Vorsicht! Aber ungeheures Glücksgefühl."

Ein ungeheures Glücksgefühl! Langsam kommen auch die Kräfte wieder. Das Herz arbeitet gut, nicht wahr. Etwas zaghaft und langsam noch. Man muß sich an das neue Leben, an dieses stille Leben auf eine Frau hin, an ein zurückgezogenes, ruhiges Denken und Dasein erst ge­wöhnen. Es ist ihm ganz klar, wie das alles sein wird. Meimberg? Meimberg geht ihn nichts an. Es wird höchstwahrscheinlich ohne diese blutige Auseinandersetzung, ohne Duell, gehn. Denn Barbara wird zu ihm kommen. Er weiß es. Barbara wird kommen, und bann wird jenes Leden beginnen, das der chinesische Freund daswirkliche" Leben genannt hat, das Leben in der Stille der guten Gedanken, im Studium der Welt und ihrer Gesetze. Er hat es immer gespürt: Es ist unwürdig, in einem Erwerbsberuf bis ans Ende zu verharren; es ist unwürdig, Geld zu verdienen, wenn man es nicht um der Freiheit und Würde des Alters willen verdient. Das Ziel ist aufgetaucht, er ist darauf zumar» chiert, und nun wird er es gleich haben. Barbara ... und das Leben. Durch Barbara ist er entscheidend darauf aufmerksam geworden, durch Liebe hat er Barbara gewonnen. Liebe, wirkliche Liebe hat ihn gerettet Er ruft nach Sophie. Er umarmt sie freundschaftlich, als sie hereinkommt

Ich bin fo glücklich", sogt er.Ich bin auch Ihnen fo dankbar. Sie haben mir fo gut geholfen. Ich habe nur noch eine Bitte ..."

Sophie nickt. Sie denkt, es komme etwas Großartiges; aber Staut» Hammer braucht nur noch einen starken Kaffee, einen fehr starken. Er muß sich nur noch einmal konzentrieren können, muß noch einmal alle Kraft auf das eine Ziel werfen, daß er Barbara herbeizieht. Nicht wahr, sie wird ihm diesen Dienst noch tun?

Er geht in den Garten, nimmt sich einen Liegestuhl, stellt ihn in den Schatten der kleinen Linde, dorthin, wo man das Tal überblicken kann. Er hat sein Fernglas mit. Aber er braucht es nicht Er sieht auch so, er weiß auch so, daß Barbara kommen wird.

Ja ... sie wird kommen. Unten in der kleinen Holzhütte sitzen Meim­berg und Barbara unter dem Teerpappendach, das unter der Sonne knistert wie von Mausezähnchen, neben dem Fluß, der durch die offene Tür hereinblendet, hereinspricht mit Glucksen und Schurren. Der Fluß rennt, die Zeit verrinnt

Barbara hat endlich gesprochen. Sie hat ihrem Mann alles erzählt Vom Krankenhaus damals, und wie Rauthammer sie wirklich hätte mit­nehmen können, wohin er wollte. Wie er sie unter den vielen unent­schlossenen Kranken, unter den vielen, die nicht wußten, ob sie nun weiterleben sollten und wozu sie leben sollten ... wie er sie dadurch anzog, daß er sich gegen die Krankheit stemmte und nach der Gesundheit Sreifte. Dadurch, daß er mit seinem Willen alles anging in der festen eberzeugung, daß man bekomme, was man bekommen will.

Aber sie, Barbara, hat er doch nicht bekommen? Nein. Das kam daher, daß er sich nicht klar entschieden hatte. Daß er noch feine Frau hatte, mit der er verbunden blieb, obwohl er von ihr getrennt lebte. Er wußte eben nicht, daß man in der Liebe auch nur dann gewinnen kann, wenn man rückhaltlos, mit aller Kraft, offen und ohne jede Angst liebt. Darum bekam er sie nicht.

Es lag nicht an ihr. Sie will sich jetzt nicht nachträglich in ein moralisches Licht stellen. Sie hätte keine Bedenken gehabt, mit ihm zu gehn. Sie hätte auch auf niemanden Rücksicht genommen: auf ihren Vater nicht und auf feine Frau nicht. Aber zuvor muhte er ganz zu ihr stehn. Und das tat er nicht.

Und nun die Geschichte dieser vierzehn Tage: Sie will nichts be­schönigen und nichts entschuldigen. Sie liebte noch nicht rückhaltlos, als sie Alfred heiratete. Daran lag alles. Und vielleicht war er auch nicht so weit. Wie? Nickt er? Ja, er nickt. Er hatte noch die Üblichen männlichen Vorbehalte. Da war verschiedenes, waswichtiger" war als Liebe. Nicht wahr? Ach, sie will doch nicht einen ewigen Honigmond aus dem Leben machen, besonders jetzt nicht, nachdem sie gesehen hat, was es mit dem berühmten Honigmond auf sich hat, daß er ju den schwierigsten und gefahrvollsten Dingen des Menschenlebens gehört, die Zeit, in der man alles falsch machen kann und bestimmt vieles falsch macht. Aber wichtiger als Liebe ist nichts, und wenn man sie auch nicht vor andere Dinge fetzen darf, fo muß sie doch durch alle Dinge durchfcheinen. Ja?

Das muß man wissen. Und man wußte es nicht. Wer liebt, soll auch

wirklich lieben, und wer noch Vorbehalte hat, soll nicht heiraten. Sie

waren beide also noch nicht so weit, als sie schon mitten in der Ehe

faßen. Dann kommt man eben in solche Geschichten hinein. Und so tarn

die Sache mit Rauthammer, und so glitt sie hinein ... und fo war es bann. Sie erzählt ihm alles. Wort für Wort.

Gut", Jagt Alfred zum Schluß,und vielen Dank! Wir wollen uns nun feine Schuld mehr zuschieben, wir wollen uns auch nicht entschul­digen. Wie es kam, mußte es wohl kommen. Wie es uns geht, wird es mit ganz anderen Schicksalen den meisten gehen, die anfangen, sich zu lieben. Man kann es nicht gleich. Und es hat nicht jeder das Glück, daß er gleich im Anfang so heftig, fo unausweichbar gerüffelt wird. Man muß sich ganz anders einsetzen. Das habe ich kapiert. Wenn die Menschen etwas haben wollen, bann setzen sie sich ein. Unb wenn sie etwas halten wollen, bann strengen sie sich sehr an. Aber mit den Frauen halten es bie Männer anbers. Eine Frau kriegen ... dafür kämpfen wir ja noch. Aber eine Frau halten und lieben ... dafür tun wir recht wenig. Wie man ja überhaupt immer dazu neigt, alles im Leben bis zu einem gewissen Grad gut zu machen unb nachher nicht mehr."

(Schluß folgt.)