Ausgabe 
18.11.1935
 
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SWnerKmiilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1935

Montag, den 18. November

Nummer 90

Liebesroman

GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE

Von Walther von Hollanöer

Copyright 6g August Scherl S.m.b.h., Berlin

17. Fortsetzung.

Sie steht und sagt:Gott sei Dank, daß ich dich gefunden habe, Alfred!" Er antwortet:Ich habe dich da oben gesucht", und zeigt auf das Haus am Hang.Und Ich habe Rauthammer gesucht. Aber ihr wäret beide nicht da. Nur Sophie Wahnke war da. Weißt du das?"

Barbara nickt. Sie dreht sich langsam um und geht wieder weg.

Barbara!" ruft Meimberg. Sie bleibt stehn, aber sie sieht sich nicht um.Barbara!" Er geht ihr nach. Er steht neben ihr.

Warum hast du mich eigentlich vorhin gerufen?" fragt Barbara leise. Das klang so ... so ... als wüßtest du endlich alles."

Ja", sagt er schnell,ich weiß jetzt auch alles ..."

Nein, nein", fällt sie ein,nicht, wie du es meinst, nicht, wie es jetzt aussieht. Und vielleicht immer aussehen wird. Ich dachte, du wüßtest, wie es wirklich ist. Das dachte ich."

Damit will sie nun endgültig weggehn. Für immer. Aber etwas muß sie doch noch sagen.Ich bin natürlich schuld an der ganzen Sache", sagt sie und legt ihre Hand auf Alfreds Arm. Genau so, wie sie ihn beim Autofahren immer draufgelegt hat. Das ist sehr merkwürdig. Denn nun ist ein Kontakt geschlossen. Da kann man machen, was man will. Nun versteht man sich plötzlich.

Das geht durch alle Mauern des Mißtruaens und der Mißver­

ständnisse.

Ich bin schuld daran", wiederholt sie,als wir heirateten, steckte mir noch ein bißchen Liebe zu Rauthammer im Blut. Ich wußte es nicht, bis ich ihn gesehn hatte. Und ich hatte auch noch Angst um meine Selb­ständigkeit. Darum war ich geheimnisvoller als nötig. So ist alles gekom­men. Ganz klar ... jo ist es gekommen, wenn ich auch im einzelnen nicht mehr verstehe, wie es kommen konnte."

Also ist es doch gekommen", sagt Alfred,bis jetzt hatte ich immer noch gedacht, du könntest mich nicht betrügen ..."

Barbara dreht sich nun endlich wieder ganz um. Sie sieht ihren Alfred an Sie muß die Sache nun ganz entwirren, wie sie sie ganz verwirrt hat.

Jedes Wort macht die Sache scheinbar noch verrückter. Schließlich weiß sie selber nicht mehr, was sie getan hat.

.Alfred", sagt sie,nun sag mal ganz deutlich, was du eigentlich denkst. Hier ins Ohr sollst du es mir sagen. Ganz leise ..."

Mir ist gar nicht nach Niedlichkeiten und Späßen zumute , murrt Alfred. Die Backpfeife sitzt sehr gut. Gut, denkt Barbara, das war für das erste Verschweigen, und für das zweite Verschweigen war der eisige Empfang vorhin, und für das dritte Verschweigen oder Verzögern werde ich gleich noch eine Ohrfeige kriegen, und dann werde ich noch wegen des letzten Restes von Liebe zu Rauthammer bestraft werden, und dann wird ja endlich alles Hezahlt sein.

Du mußt jetzt sprechen", fängt sie von neuem an. Sie legt die Arme um seinen Hals, sie läßt auch nicht los, als er sich ungeduldig befreien will. Dritte Ohrfeige! denkt sie. Sehr gut. Es geht schneller, als ich dachte. Es ist wohl eine schreckliche Marter, einem Mann am Hals hangen, der einen gar nicht haben will. Aber er irrt ja. Er will sie ja haben. <-ie weiß es genau. Die Frau, die sie wirklich ist ...tue will er bestimmt haben Und nur dieses Phantasiegebilde, das er sich zurechtgemacht hat, diese kleine Lügnerin und Gaunerin und Verschwörerin, die will er Rechtens loswerden. Und da sagt er es denn endlich Aber nicht ,n ihr Ohr, sondern laut über die Wiese weg.Es muh w,rkl,ch m,t dem Ve^ stecktspiel ausgehört werden. Du hast ganz recht. Was ich glaube? Ich glaube, daß du mich gestern abend mit Rauthammer betrogen hast.

Als er es gesagt hat so mit dürren Worten gesagt glaubt er es selber schon nicht mehr. So in der Sonne wird der Verdacht unsinnig. Aber Barbara nickt.Gott sei Dank, nun ist es gesagt. Nun kann es klar­werden. Ich habe dich wirklich betrogen. Es ist wahr Aber ganz anders, als du denkst, und ich meine, du wirst mir verzeihen können, wenn ich dir ^VnbS f,Ub>" Alfred versteht sie ganz gut.Anders?" Sie haben schon einmal über Siebe gesprochen und über Abenteuer. Damals auf der ersten Fahrt nach der Hochzeit.Anders ... , sagt er zart ...zlnöera .' ich glaube" ich verstehe dich. Ich glaube ,. du ... es w,rd vielleicht doch noch gut zwischen uns ... meinst du .. - f(innt

Ja ich meine, wir werden es schon kriegen , sagt Barbara. Es kli g nicht gerade sehr mutig. Sie sieht nämlich jetzt, rote ungeheuer leichtsinnig

sie beide ihre Liebe angefangen haben. Und daß es wirklich kein Wunder ist, wie schnell die Sache schiefging. Und sie sieht, wie viel Arbeit und Kummer, wieviel Versuche und wieviel Demütigungen dazu gehören werden, um zu einer richtigen, zu einer gut gebauten Liebe zu kommen. Vom Hause Rebstock klingt das Mittagsgong ins Tal. Es brummt und schwingt durch die Mittagsglut und beendet diese Szene, deren Schau­spieler sonst noch lange keinen Abgang gefunden hätten.

Jetzt werden wir erst mal wie ganz normale Sommerfrischler essen gehn", sagt Barbara,ich habe auch gar keinen Hunger. Das ist einerlei. Wir wollen uns aber das mußt du mir schon zuliebe tun denen da unten stellen. Sie denken alle dasselbe, was du gedacht hast, und ihnen kann man es nicht einmal Übelnehmen. Und dir kann ich es nicht Übel­nehmen, wenn du mir böse darüber bist, daß ich dir das eingebrockt habe."

Aber Barbi", lacht Alfred,glaubst du wirklich, daß mir das was ausmacht? Nein, wirklich nicht. Da soll dich nur mal jemand falsch angucken, dem drehe ich den Hals um!" (Er kennt anscheinend keine andere Todesart über seine Gegner, unser Meimberg.)Außerdem fahren wir einfach heute nachmittag weg, und dann kann uns die ganze Gesell­schaft den Buckelrauffteigen ..."

Heute nachmittag?" fragt Barbara, und sie beantwortet es selbst: Ich glaube, wir fahren erst morgen früh. Frühestens sogar."

Sie gehen Arm in Arm über die Wiese zum Fluß. Drüben sind schon die Gäste gor dem Haus erschienen. Sie haben teilweise schon an ihren Tischchen Platz genommen. Bei gutem Wetter, nicht wahr, ißt man unter der Esche. Hauptmann (Beriete hatfür diesen Tag" sogar ausdrücklich seinen Tisch wie immer mit Meimbergs zusammen haben wollen. Wozu einen Krach, wozu die Aufregungen seiner Frau? Morgen werden sie abfahren. Dann ist der Fall Meimberg erledigt.

Man sieht also den beiden gespannt entgegen. Körners winken. Die Kichermädchen winken, der Oberlehrer winkt, der (Blpbetrotter, der alle Frauen verehrt.Schnell, schnell!" ruft das eine Kichermädchen ganz recht, die mit der roten Glaskette.Schnell! Wir warten schon!"

Einen Augenblick!" ruft Alfred zurück. Und zu Barbara:lieber die Brücke, das ist viel zu unbequem ... und viel zu weit!" Er hat mit zwei Griffen sich ausgezogen, steht im Badeanzug. Er wirft feine Kleider mit einem ordentlichen Schwung über den Fluß, greift Barbara, hebt fis hoch und trägt sie langsam durch das Wasser. Es ist gar nicht so leicht. Die Steine sind glitschim das Wasser reicht bis an die Hüfte. In der Mitte des Flusses sagt Barbara:Und was hättest du getan, wenn ich dich betrogen hätte, wenn ich nun doch Rauthammer liebte?"

Alfred antwortet:Ich weiß es nicht. Ader am liebsten hätte ich dich dann genommen wie jetzt, wäre in einen tiefen Fluß mit dir gegangen und hätte mich mit dir zusammen fallen lassen. Ertrinken wäre dann sehr schön gewesen."

Und Barbara:Das wäre wirklich das einzig Richtige gewesen. Und außerdem war das die erste Liebeserklärung, die du mir gemacht hast."

Damit betreten sie das andere Ufer, als wären sie andere Menschen geworden. So frei fühlen sie sich.

Alfred läuft in die Hütte, sich anzuziehen. Das Mittagessen kann beginnen.

Und Rauthammer? Rauthammer sitzt immer noch am Markt in der Gaststube mit dem dicken Kaufmann und feinem leberkranken Partner, der in der rechten Tasche Schlüssel trägt und in der linken Markstücke. Und wenn er nichts sagt, so klappert er abwechselnd mit den Markstücken und mit den Schlüsseln. Oder mit beiden zusammen. Er ist ein gescheiter Geschäftsmann. Nur zu mißtrauisch und zu langsam. In diesem Fall aber kommt er mit feiner Langsamkeit nicht durch.

Rauthammer treibt zur Eile. Zwei Stunden hat man gesessen, zwei­einhalb Stunden. Die Bedingungen sind sestgelegt. Es handelt sich nur noch um die Verteilung des Risikos, das sehr gering ist. Rauthammer bietet sich an, das Risiko allein zu übernehmen. Nur damit man fertig wird. Aber der dicke Kaufmann und fein Partner wiegen bedenklich die Köpfe. Was verlangt Rauthammer dafür, daß er das ganze Risiko trägt? Gar nichts? Wieso gar nichts? Was steckt dahinter?

Sie ziehen sich mit ihrem Notar in eine Ecke zurück. Sie beraten ausführlich. Warum will Rauthammer das Risiko tragen? Er ist em ausgezeichneter Kaufmann und ein Kenner der fernöstlichen Verhältnisse. Ist es nicht möglich, daß er in Mandschukuo irgendein Recht eingeraumt bekommt auf Grund des übernommenen Risikos? Vielleicht sind die Leute dort so. Was der Rauthammer von ihnen erzählt, ist recht unheimlich und un$rrd^jar9 fann Hx^en leider nur Auskünfte über deutsches Recht geben und Fragen aus dem Vertrag beantworten, die sich auf die Verrechnung über Deutschland beziehn.

lieber Mandschukuo weiß wohl niemand etwas

Während sie noch beraten, kommt Sophie Wahnke herein und flüstert erregt mit Rauchammer. Die Herren spitzen ihre Ohren, aber sie können