sitzen wie in
Meeresstrand.
Von Theod»r Storm.
Ans Hass nun fliegt die Möwe, Und Dämmrung bricht herein; Ueber die feuchten Watten Spiegelt der Abendschein.
Graues Geflügel huschet Neben dem Wasser her; Wie Träume liegen die Inseln Im Nebel auf dem Meer.
Ich höre des gärenden Schlammes Geheimnisvollen Ton, Einsames Vogelrufen — So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen, Die über der Tiefe sind.
Verantwortlich: Dr. Hans Thtzklot. - Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitäts.Vuch- und Steindruckerei. «.Lange, Giehe»
Kapitän Loder.
Von Carl Conrad.
Manitoba gab mir das Thermometer, ging hinaus und kam mit einer kleinen Kiste wieder, die er neben mein Bett stellte. In der Kiste lagen zwei Flaschen Sodawasser, mit feuchten Tüchern umwickelt. Ich nahm das Thermometer in den Mund, ich fühlte mich heute etwas besser, nur die Beine waren noch geschwollen, sonst wär' ich einfach aufgestanden. Ich dachte, daß Ann erschrecken würde, wenn sie kam und mich im Bett liegen sah. Ich hatte schon gestern abend versucht, auszustehen, aber es tat noch zu scheußlich weh, mir wurde übel dabei, und Manitoba hatte mich wieder ins Bett legen müssen. Ich sah wegen des Thermometers nach der Uhr auf dem Nachttisch, es war etwas vor vier, Manitoba hatte sich wieder mit dem Fernrohr auf die Fensterbank gesetzt, und gerade, wie ich nach der Uhr gesehen hatte, rief er: „Großes Dampfer! Sehr großes Dampfer!" Er sprang herunter, gab mir das Fernrohr und schob mein Bett ans Fenster. Ich sah zwischen den Palmen den „Candor", groß und weiß, wie er sehr schnell an unserer Insel vorübersuhr, und aus allen Schornsteinen dicken Qualm, der das ganze Achterschiff verhüllte. Ich wußte, daß meine Frau jetzt an der Reling stehen würde, ich suchte die Reling ab, aber es ging zu rasch, ehe ich etwas erkennen konnte, war er schon um die Landzunge herum, und da standen unsere alten Palmen sehr dicht und man konnte das Meer nicht sehen. Ich legte das Fernrohr weg.
„Großes Dampfer haben gefetzt weiße Fahnen mit rote Ball", sagte Manitoba. Ich hatte das Thermometer noch im Mund, und ich nahm es heraus.
„Du sein ein Kamel!" sagte ich.
„Ich haben gesehen ganz viel deutlich", sagte Manitoba sanft und lächelte. Er stand ganz ruhig zwei Meter von meinem Bett entfernt, mit einem dicken bunten Holz in der Nase, und lächelte und sah mich an.
„Du sein ein ganz viel großes Kamel", sagte ich. Ich hätte es bemerken müssen, wenn der „Candor" das Notsignal gehißt hätte. Er war sehr flott vorbeigefahren, die See lag vollkommen ruhig, es sah alles nach bester Ordnung aus. Der Schwarze war lautlos bis an die Tür gegangen.
„Missionar sagen, Freitag großes Unglückstag. Heute Freitag."
„Mach, daß du rauskommst! Und drück dich nicht im Haus herum, dich nicht will ich sehen hier, du gehn in Plantage arbeiten wie alle anderen. Du nicht eher kommen, bis Glocke machen bim bim."
Er trug den Kasten mit den Sodawasserflaschen an mein Bett heran, verbeugte sich und ging, und ich richtete mich etwas auf und wartete, bis ich sah, daß er wirklich am Haus vorbei zur Plantage ging. Die Kokos- ernte war in diesem Jahr sehr spät, deshalb eilte es damit, und alle mußten helfen. Ich besah mir das Thermometer. Ich hatte nicht mehr viel Fieber, ich konnte gut allein fein; ich lag da in meinem Bett am offenen Fenster, ich konnte über unseren Garten hinweg, den Ann angelegt hatte und pflegte, bis an die Bucht sehen, und ich dachte daran, daß der „Candor" in einer guten Stunde im Hafen von Rangho sein würde, und in weiteren zwei Stunden würde Ann mit dem Motorboot hier sein, und ich würde sehen, wie es da unten an unserer Mole an legt, — und Ann steigt aus und kommt den Weg herauf durch den Garten und die Leute hinter ihr her mit Koffern — es war sehr schön, so an eine Frau zu denken, die sieben Wochen lang verreist war. Ich stellte mir vor, wie es aussehen würde, wenn sie in ihrem weißen Leinenanzug mit den Breeches- Hosen den Weg heraufkommen würde, und dann sah ich wirklich etwas. Ich richtete mich im Bett auf, so hoch ich konnte. Ich fing sofort an zu schwitzen und zu zittern. Ein großer weißer Dampfer bog mit Volldampf um die Landzunge und steuerte in unsere Bucht hinein. Noch nie war so ein großer Dampfer in unsere Bucht gekommen. Er mußte jeden Augenblick auf Grund laufen. Ich nahm das Fernrohr; es war der „Candor", jetzt sah ich auch das Notsignal, er mußte alle Maschinen laufen haben, alle Kessel unter Druck wie verrückt, aber die Rauchfahne hinter ihm kam nicht nur aus den Schornsteinen, sie kam auch vom Achterdeck, und dann sah ich da kleine Flammen, die sich sehr rasch in dem schwarzen Qualm beroenten. Als er auflief, gab es einen furchtbaren Knall wie von einer Explosion, und ich fühlte, daß der Boden zitterte, und alles stürzte
klopft. _ .. .
Ich hatte niemand kommen hören. Ich rief: herein!, aber ich be- wegte nur die Lippen, ich brachte keinen Laut hervor. Es klopfte nochmals. Ich lag ganz steif im Bett, die Wolldecke über dem Gesicht und fror. Ich nahm mich zusammen. Ich rief: „Herein!" Die Tür ging auf, und es kam ein Mann herein, und er blieb am Türpfosten stehen, alle Haare auf dem Kopf versengt, rötlich und mit weißer Asche, die wie Puder darauflag, und das Gesicht rot, die Augenbrauen ganz weg, nur die Augen darunter so kahl, weit aufgerissen, blutunterlaufen. Er streckte sich gleich auf dem Boden aus, atmete keuchend. Und bann hörte ich das Laufen der nackten Füße und das Geschrei in der Richtung nach der Bucht. Es tarn wieder näher und Manitoba und Jossa, traten ins Zimmer. , ,
„Nehmt die beiden Boote", sagte ich, „sucht alles ab, ob ihr noch jemand findet. " , , . „ . .
„Hat — gar — keinen — Zweck", sagte plötzlich der Mann auf dem Boden. Er sprach sehr langsam und mit einer hohen, dünnen Stimme. Er drehte sein Gesicht zu mir hin, ohne die Augen zu öffnen.
„Alle verbrannt?" r ,
Der Mann gab keine Antwort, ich sah feine Brust auf und ab gehen, die Beine lagen ausgestreckt, als gehörten sie ihm nicht.
„Los!" sagte ich zu den Schwarzen, und sie gingen hinaus. „Hier ist Sodawasser und Whisky", sagte ich. Er konnte das Glas kaum halten.
„Ich danke für den Whisky", sagte er, nachdem er sich auf das Bett gelegt hatte, „es sah verdammt schlecht aus. Ich dachte nicht, daß ich noch einmal Whisky trinken würde. Als wir an den Moerenhouts vorüberkamen, fing der Automat auf der Brücke an zu schnurren. Da war doch wahrhaftig die Fallklappe für den Laderaum gefallen. Die Kontrolluhr zeigte 75 Grad Temperatur. Das war verflucht. Wir konnten nicht ran, sonst hätte das Feuer erst recht Luft gekriegt. Wir ließen vom Schraubentunnel aus unten kleine Löcher zum Laderaum bohren und blfefen den Stickstoff ein. Wir hatten immer noch die Hoffnung, als der Qualm durch den Boden in den Speifefaal kam.
„Herr Gott", sagte ich, „meine Frau war an Bord. „So?" sagte er. „Der Kapitän ließ drei Löfchboote von Rangho anfordern, aber sie lagen natürlich nicht unter Dampf. Und wir booteten die Passagiere an der Tengas aus. Von da konnten sie mit dem Dampfer nach Rangho weiterfahren. Achtern fing das Deck an zu rauchen. Der Kapitän gab Befehl, Volldampf und dann ließ er alle Mann ausbooten. Das war eine Aus- booterei! Der Kapitän wollte allein an Bord bleiben und das Schiff auf Grund fetzen, um den Rumpf zu retten. Ueberall waren Korallenriffe, und er brauchte noch jemand für den Ausguck. Ich bin nicht verheiratet, dachte ich, wenn die Sache gut geht, hab' ich solchen Stein beim Kapitän im Brett. — Der Kapitän dachte, wir könnten bis Rangho kommen, aber als wir eben hier um die Insel vorbei waren, sahen mir, daß es nicht ging. Ich hatte die Bucht gesehen, wir kehrten um, und der Kapitän steuerte hinein. Als wir aufliefen, brach der Mast ab, und ich wurde "ins Wasser geschleudert. Ich hab' vom Kapitän nichts mehr gesehen. Er war auf der Brücke, und da ist kein Stück Holz ganz geblieben. — Veit Loder hieß er. Landsmann von mir. Ans Warnemünde.
Dann kamen Manitoba und Joffai und sagten, daß sie nichts hätten, finden können. Der Mann aus dem Bett war eingeschlafen. Ich ließ mich mit meinem Bett zur Bucht hinuntertragen. Als ich an den Strand kam, hielten sie die Fackeln hoch und zogen irgend etwas aus dem Boot. Es war Kapitän Loder, er sah aus wie ein verkohltes Stück Baumstamm, und ich ließ ihn auf dem Rasenplatz am Ende von Sinns Garten begraben. Jossai holte einen Balken aus dem Magazin und machte enr hohes Kreuz. Es mußte immer vor ber- Bucht stehen, wenn man aus dem Fenster sah. Als sie das Kreuz aufrichteten, hörten wir einen Motor laufen. Ich ließ mich mit meinem Bett wieder an den Strand tragen, das Boot kam in den Lichtschein der Fackeln, Ann saß weit zurückgelehnt im Heck, einer großen Gefahr entgangen, erschöpft. Und doch mit einer tiefen Freude des Wiedersehens. Ich hatte ihr immer alles ansehere können. So stieg sie aus dem Boot, ich hielt ihre Hand und fühlte, dahi sie zitterte. _
„Es ist nicht schlimm mit mir“, sagte ich, „in drei ober vier lagere bin ich wieder ganz in Ordnung."
Sie sah nach dem glühenden Schiffsrumpf.
„Es waren nur noch der Kapitän und ein Offizier an Bord , sagte ich. „Der Kapitän ist tot. — Sieh nicht hin, Ann! Sieh mich an! Sie sah mich an, sie war sehr blaß, und ihr Gesicht hatte immer noch einem fremden, etwas betäubten Ausdruck.
, Armer Junge", sagte sie, „du hast geglaubt, wir wären noch alte an Bord, nicht wahr?" Sie drückte meine Hand sehr fest.
„In einer halben Stunde darfst du meine Hand nicht mehr los lassen, Ann", sagte ich und wunderte mich über meine Stimme, ste klang dumpf wie durch eine Wand hindurch.
ineinander. Eine hohe Feuergarbe stand noch eine Zeit lang senkrecht auf dem Schiff. Dann quoll eine dichte schwarze Rauchwolke auf schwebte langsam nach oben und blieb über der Unglücksstelle stehen. Unter ihr wuchsen die Flammen, und das scharfe Knattern und Prasseln drang bis zu mir herauf. , ,, .... „ . , ,
Ich versuchte aufzustehen, aber kaum hatte ich die Beine aus dem Boden, da wurde mir schwindlig, und ich schlug quer über das Bett. Als ich wieder zu mir kam, hörte ich noch immer das Prasteln des Brandes, und ich streckte meine Hand nach der Schnur aus und ließ die Jalousie herab. Jetzt war es dunkel im Zimmer, und ich horte und sah nichts mehr. Zwanzig Mann Besatzung an Bord, dachte ich, und achtzig Passagiere, mindestens, und unter den Passagieren ist Ann. Und dann hörte ich es wieder, ganz deutlich durch die Jalousie hindurch, ich fürchtete im nächsten Augenblick auch das Schreien der Verunglückten zu hören, ich hatte niemand an Deck gesehen, sie mußten alle in ihm sitzen wie in einem riesigen Ofen. Ich zog mir die Wolldecke über den Kopf ich lag ganz ruhig. In diesem Augenblick wurde an die Tur ge>


