Ausgabe 
18.10.1935
 
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kennenlernen ober die Männerwelt. Aber nein, das kennt sie alles allzu

Wie erst viele zum und sein

unerschöpfliche Arbeitskraft ... ,

Ich bin müde", sagt sie in eine Pause des Gesprächs hinein,aber ihr dürft euch nicht stören lassen. Ich finde allein ins Hotel."

Sie nimmt sich einen Wagen. Es ist schön, durch die warme Nacht allein zu fahren. Seltsam, daß die meisten Frauen so ungern allein smd. Sie ist sehr gern allein. Ja, es ist ein erregendes Erlebnis, wieder ganz allein in einem Zimmer zu stehen und niemanden nebenan zu wissen. Sie geht eine ganze Weile hin und her, um das voll auszukostem Dann holt sie aus dem Koffer die medizinischen Zeitschriften heraus. Sie sitzt und liest. Sie taucht wieder ein in ihre alte Welt. Er riecht nach Karbol, nach Aether, nach Jodoform. Sie liest nüchterne Krankengeschichten über Steinbildung in beiden Nierenbecken, über nichtoperative Therapie des Stars über klinische Behandlung der Lungentuberkulose. Vertraute

gensu muht keine Angst haben ..." Wo hat sie das gesagt? Richtig! Auf einem Spaziergang in Heidelberg auf die Molkenkur. Es war sehr heiß und drei schnatternde Amerikanerinnen gingen vor ihnen mit Ho'w nicely undHow wonderfull ...Du muht keine Singet haben. Ich will dich gar nicht mit Haut und Haar und Beruf schlucken."

Und er hat geantwortet:Man muß vor dir keine Angst haben. Du drängst dich wahrhaftig nicht auf. Höchstens weih man nicht, rote du eigentlich bist." . .... ... .

Sie lächelt. Man kann sich nach acht Tagen wirklich nicht kennen, viele Bewegungen eines Menschen gibt es, wie viele Worte, die allmählich hevauskommen, aber auch wie viele Erlebnisse und rote Wunden! Manchmal ist sie Alfred ganz nah, an jenem Fruhmorgen Beispiel im Waldhaus, die ersten Vögel zwitscherten, und sie sah studierte den Schlafenden. Wie edel war seine Stirn, rote gelost Schla, wie kraftvoll seine Hand. Wie kindhaft noch bte halb geöffneten Lippen, als wenn sie mehr und mehr von dem köstlichen Schlaf trinken wollten. Manchmal also ist man sich nah. Warum soll man sich nicht zuweilen noch fern sein? ... s.

Und, bitte, nicht alles so ernst nehmen! Wenn diese beiden über die vergangene Generation Verfallen, fo braucht sie nur an ihren Vater zu denken, an seine Gedankenschärfe, an seine Phrasenlosigkeit, an seine

gefährliche Ergebnis dieses Abends.

Ain andern Morgen aber, bei einem Frühstück aus der Terrasse des Hotels unter schönen Linden, bei einer Sonne, die herrlich warm und fröhlich strahlt, scheint das Leben der beiden an der Stelle roeiterzugehn, an der es am Abend aufgehört hat. Sie find sich über alles vollkommen eiinig. Dah man an Fehr die Folgen des junggesellenhaften einseitigen Denkens erkennen könne, daß man ihm anmerkt, wie wenig er mit wirklichen Frauen zu tun gehabt hat. Daß es dennoch für Alfred gut war, nach acht Tagen Hochzeitsreise eisten Männerabend zu haben, und für Barbara sehr schön, ein bißchen Medizinwelt zu riechen. Endlich, daß es Zeit ist, mit dem Herumstromern Schluß zu machen, irgendeine Landschaft wirklich kennenzulernen. Sie sind schon, wie die anderen Autler, richtige Landschaftsfresser und Kilometermörder.

AUred hat eine famose Sache herausgefunden. Fehr hat sie empfoh­len. Eine stille kleine Pension in einem Flußtal ganz nahe einer kleinen Stadt, zwei Autostunden von Stuttgart. Hier die Adresse: Haus Rebstock, Besitzerin Frau Görnewitz. Hier eine Bildpostkarte! Sehr nett, nicht wahr? Also mal anjchamü

Alfred sitzt eine Viertelstunde an ihrem Bett. Er möchte, daß sie aus- wache. Er möchte gleich mit ihr sprechen. Er will nicht die Zweifel behalten. Alte Freunde sind ja immer gefährlich in einer jungen Ehe, weil sie zu srüh dasobjektive" Bild der Frau geben. Allzu leicht glaubt der Mann, dasobjektive" Bild (ei auch das wirkliche. Er hat zu oft gehört und erlebt, daß Liebe blind mache. Er fürchtet sich also, auch blind zu sein und nachher sehend zu werden. Tatsächlich macht aber nur Leidenschaft blind, und Liebe macht sehend. Denn der Liebende sieht durch alle Vordergründe-Tatsachen und Taten hindurch den Kern, die echte Wirklichkeit des Geliebten. Und wenn er an dieser Sicht festhält, Hilst er ihm, formt er ihn. Deshalb ist Liebe auch nicht unmännlich, wie immer noch sehr viele glauben, nicht ablenkend vom wahren Ziel des Lebens, sondern zum Ziel lenkend, also männlich im schönsten Sinn.

Alfred also ist ein wenig irre geworden. Nicht daran, daß er Barbara liebt, aber daran, dah es wichtig sei, daß er Barbara liebt. Das ist das

Worte. Ihre Welt.

Ihre Welt? Ist sie nicht gern hinausgegangen? Hat sie sich nicht gesehnt aus der Krankenhausluft in die gesunde Lust Alfred Meimbergs? Und ist sie nicht zusrieden? Ja, sie ist zufrieden. Aber die Welt Alfred Meimbergs ist noch nicht ihre Welt. Ihre Welt muß sie sich erst schaf en. Ihre eigentliche Ausgabe muß sie erst finden. Und was ist ihre Aus­gabe? Auch das beginnt sie in diesem Augenblick zu ahnen. Sie wurde gern ein paar Menschen aufmerksam machen auf die in ihnen schlum­mernden Möglichkeiten, ihren Mann Alfred Meimberg vor allem, der noch lange nicht das ist, was er eigentlich ist. Und später ihre Kinder. Ja, sie wüßte vielleicht genau, daß ihre Welt die einer echten Frau und einer rechten Mutter sein wird, wenn nicht die unechten Frauen und schlechten Mütter soviel süßlichen Heiligenschein um diese natürlichen Dinge gemalt hätten (die die meisten von ihnen auch nicht im ent­ferntesten beherrschen). Und wenn nicht die Männer so sehr die Erkennt­nisse der Frauenwelt ablehnten. Bitte, man muß sich nur vorstellen, sie ginge jetzt in das Bierrestaurant zurück und spräche mit den beiden Man­nern Meimberg und Fehr über die in ihnen schlummernden Möglich­keiten. Sie muß herzlich bei diesem Gedanken lachen. Aber sie ist beruhigt. Hier ist ihr Weg, in ihre Welt... Damit schläft sie ein. Sie hört auch nicht, wie Alfred gegen zwei Uhr vorsichtig in ihr Zimmer schleickt, wie er sich an ihr Bett setzt, wie er sie anfchaut, verliebt, weil sie so zart aussieht im Rahmen ihrer Kissen. Besorgt, weil Dr. Fehr gesagt hat, sie sei allzu empsindsam, und unsere Zeit brauche Frauen, die sich auch allein zurechtfänden, wenn der Mann mal ein Jahrzehnt keine Zeit hätte. Prüfend, weil sie sich darüber gestritten haben, welchen Raum eine Frau im Leben des Mannes einnehmen dürfe, die Hälfte, ein Viertel ober viel, viel weniger, ein Zehntel etwa.

Viertelstunde an ihrem Bett. Er möchte, daß sie auf-

Sie fahren durch die Vorlandschaft der Rauhen Alb, durch Weize,, selber, durch Rebengelände, durch Obstgärten, Obstgärten. Sie essen ijer kleinen Stadt auf einem Marktplatz zwischen spitzgiebeligen Foh. werkhäusern zu Mittag, und am Nachmittag halten sie hundert TOettr vom Rebstock der Frau Görnewitz,

Ein Fluß flieht dicht am Hause vorbei. Hundert Meter oberhalb sich eine Holzhütte auf der Wiese. Ein paar Herren springen umher und werfen sich Gummiringe zu. Kinder patfchen schreiend unter der Sniie im Wasser. Gleich hinter dem Haus beginnt ein Hügelwald aus Sannet, Buchen und Akazien. Die Pension ist hell gestrichen, hat große Fensig und vor jedem Fenster einen Balkon. Im Garten am Fluß stehst en paar Tische, mit bunten Schirmen drüber.

Es ist wie überall", sagt Alfred Meimberg.Don weitem sieht $ luftig aus und um Sehnsucht zu kriegen. Beinahe mondän, wenn moi. dän was wäre. Es ist wie auf dem Wannsee, wenn man Segler oorb<|. rauschen sieht. Von weitem sind das alles sehr vornehme Menscher Näher befchen, sind sie genau wie wir: nett oder weniger nett. Also-'.

Na also", sagt Barbara.Vielleicht kann man da oben die Hch Hütte kriegen." ?

Nein, die Holzhütte", lächelt Frau Görnewitz,die Holzhutte roij) erst am Sonntag frei. Ist auch zu primitiv für die Herrschaften Seit fließendes Wasser. Aber die besten Zimmer sind zufällig frei."

Zwanzig Minuten später haben sie die besten Zimmer, Westzimm«, in die gerade die Sonne scheint, mit bunten Vorhängen und bunten Wänden, mit blauem Bett (Meimberg) und rotem Beit (Barbara), mit einem Schreibtisch auf ganz dünnen Beinen, mit einem Schrank in in: Wand, der mit dem Schrank im Nachbarzimmer dieselbe Wand hck. Man muß also, wenn man nicht schwerhörig ist, am Leben der Nachdem ein wenig teilnehmen.

Die Görnewitz, die Pensionswirtin, ist ein wenig blonder, als es Sie Natur mit ihr vorhatte, ein wenig jünger, als es ihr Geburtsschein en- zeigt, viel liebenswürdiger, als es ihrem Temperament entspricht, rt viel gesprächiger, als für den Frieden des Hauses gut ist. Sie ist imnnt noch sehr hübsch, verkauft für einen guten Witz jeden Freund. Und oet< sieht es, ihre Gäste miteinander zu mischen. Eine Stunde nach EinzH kennen die Meimbergs bereits alle Mitbewohner. Und da sie sich iittqt viel um sie kümmern wollen, wird es wohl gut gehn.

11.

Barbara wacht aus dem Frühschlaf auf. Sie ist schön um zehn in) Bett gegangen. Man wird so sehr müde von der Sonne, dem Bades dem Spazierengehn, dem Nichtstun und vor allem von dem Sprech-» mit den fremden Menschen Aber jetzt ist sie ausgeschlafen. Das Zisss» blatt der Uhr leuchtet: Zwölf Uhr. _ , i

Durch den Spalt der Flurtür schimmert etwas Licht. Man hört ein en Mann flüstern, eine Frauenstimme antwortet abwehrend. Dann zutrm licher, dann lacht sie. Mitten im Lachen löscht das Flurlicht a.us. Cie Männerstimme spricht weiter, leise, leiser. Sie verlischt. Man hört, wie ein Schlüssel umgedreht, ein Riegel vorgeschoben wird.

Barbara liegt mit offenen Augen. Das junge Mädchen drüben [t eine der blonden Freundinnen, die am Nachmittag mit großem Geschmi im Fluß badeten und am Abend auf der Wiese kicherten. Ein hübsche Mädchen mit fonnüberbräunten zarten Farben und einer kandiert» Stimme. Und der Mann? Barbara schlägt ungeduldig ins Dunkel. £( wird sich noch den Kops zerbrechen, wer der Mann ist. Sie wird nm) eine echte Sommerfrischlerin. Wie sagte die Pensionsinhaberin, Fr»» Görnewitz:Sie sinden bei uns immer das Leben, Frau Meimberg, » feinem steten Wechsel. Und man kann mitleben, oder man kann beob» ten."Nein, danke!" hat Barbara geantwortet.Ich beobachte wclwt gern, noch lebe ich gern mit!" Und Frau Görnewitz lachend:6t ir begreiflich auf der Hochzeitsreise, sehr begreiflich!"

Barbara richtet sich auf. Sie horcht hinüber. Vielleicht schläft Alft-i noch nicht. Er chat, ein Buch in der Hand, lange neben ihrem Bett gesesi» Komisch, nicht wahr, daß man das angenehm und warm in den SchD! hinein spürt. Merkwürdig überhaupt, ganz anders, als alle Mensch-« gesagt haben, ist eine Ehe. Oder ihre Ehe. Inniger, wärmer, freundlichst als sie zu hoffen wagte. Trotzdem bleibt man sich in manchem erstaun lich fremd. Wurde sie es etwa wagen, Alfred zu wecken? Nur, weil sich nach ihm sehnt? Ausgeschlossen. .

Sie sieht hinaus. Der Stern, der die erste Nacht durch den Nu:>? bäum schien, ist untergegangen. Die andern Sterne sind auch weg. w vierzehn Tagen Sonnenschein, Mondschein, Sternenschein ist der s)w mel unsichtbar. k

Barbara nimmt ein Tuch um und geht auf den Balkon. Es ist hattv- warm draußen, sehr dunkel. Ab und zu zuckt der Widerschein ent» Wetterleuchtens über das Haus. Dann sieht man die Felsenmauer, M den Bergwald oben abschließt, man kann den Fuß erkennen, die beton» Eschen am Ende der Wiese. Da sie sich umdreht, taucht der kleine FW auf, grauschwarz, dämmerfarben. Das Wasser trommelt oben auf ow Wiese gleichmäßig über ein kleines Wehr. Es schnurrt gegen die m® Holz versteifte Uferböschung am Knick. Es gluckert am Haus vord-i. Vom Wald her geht ein Schatten über die Wiese, pfeift leise, duckt M blumenpflückend, der kleine Oberlehrer, der still für sich in der Ecke ©peifefaals ißt und in alle Damen gleichzeitig verliebt ist. Jetzt ne­unten in der Glasveranda Licht gemacht. Drei Schatten fallen über c. Wiese: der Schatten der Görnewitz, der Schatten des zweiten kicherm® Mädchens und ein Mannsschatten. Der wird dem Bankrat Met?»® gehören, dem stattlichen Witwer, der die Holzhütte bewohnt, seine Stt-n mit Tran schmiert und immer sagt, er fei zu alt für die Frauen. hat er einen Arm um die rechte Schulter der Görnewitz gelegt und " - andern Arm um die linke Schulter des Mädchens, das immer kicyn» Ein Grammophon beginnt zu schleifen, Jazztrompeten, mit ganz leUV- Nadel gespielt... Ein paar Tropfen fallen auf Barbaras Nacken ui» Hände. Angenehm, Wenn es mehr regnete, würde sie ein Regen»» nehmen.

(Fortsetzung folgt.)