verstandenen Interesse gegen dte auch dann noch vorhandenen Kritiker Stellung nehmen. In vielen Tanzbuchern aus dieser Zett können wir wohlgesormte Verteidigungsreden der „edlen Kunst des Tanzes gegen die Sittenrichter lesen, die den Tanz „als etwas Bestiales oder Sund- liches beurteilen. In dem wichtigsten dieser Werke, der 1707 erschienenen Beschreibung wahrer Tanzkunst" von Johann Paschen heißt es daß die Tanzkunst auf nichts anderes als aus honnetete, Modestie, Sittenhaffter Manier und tugendhaftem Verhalten begründet" sei. Allerdings muh Tanzmeister Paschen mit Bekümmernis zugeben, „daß der wahren Tanhkunst durch greuliche Abusus heutzutage mancher Tort und Schandfleck zugezogen worden, wann nemlich kein gebührender Unterschied zwischen dem alten und neuen Tantze und zwischen dem kunstmaßlg- und lasterhassten irregulairen Täntzen gemacht wird. Und nun stellt er einen Sittenkodex des Tanzes auf, den er „Ordinatwnes zur Sittenlehre" nennt; mit geharnischten Worten wendet er sich gegen die Unarten, die sich in die schulgemähen Tänze eingeschlichen haben, und er versäumt es nicht, die Schuldigen zu nennen, die ländlichen Tanze, aus denen die Schleifer und Hopser übernommen wurden. Er verspricht sich viel davon, wenn ältere Leute mit kritischem Blick die Tanzenden und dem Tanzmeister zusehen. „Die Täntze", erklärte er, „foUen nimmer anders, als in praesence alter, ehrbarer und honetter Leute geschehen. Es könnte nicht schaden, wenn allezeit gar eine Geistliche Person dabet wäre, damit die Tantzenden ihre actiones desto respectueuser verrichten mühten und die lieben Herren selbst sehen könnten, wie es darbei hergehet; zumal wenn sie sich nur theoretisch vor einem rechtschaffenen Meister hätten im Grunde dieser Kunst instruiren lassen, vielleicht schütteten sie nicht so gar das Kind mit dem Bade aus, wie einige thun!" Die Voraussetzung für einen wohlgefälligen Tanz aber ist nach Ansicht dieser Tanzmeister die strenge Beachtun^der von ihnen ausgeklügelten Regeln und die Wahrung nötigen Anstandes, wobei allerdings oft ein sehr merkwürdiges Benehmen gefordert und anderes, was uns seltsam erscheint, gebilligt wird. „Wenn man die Dame bei der Hand saht, soll es nicht lange und bei dem Aeuhersten der Finger geschehn und sollen auch die Tänzer beyderseits Handschuh anhaben!" Und wenn es „in- zivil" erscheint, „im Vorbeitanzen der Dame näher als eines Schrittes zu nahen, so ist es .zivil'", dah sich die Paare das Gesicht zuwenden, denn „das Abwenden des Gesichtes würde eine Verachtung sein!" Auch das Gesicht des Tänzers und die Miene, die er bei diesem Anblicken der Partnerin macht, werden genau vorgeschrieben. „Hierbei sollen die Gesichter weder lachen, noch sauer sehen, sondern sich modest und indifferent erweisen. Reden kann man gar nicht in den Täntzen, so nach wahrer Kunst eingerichtet sind, und wenn man ausgetanzt hat, so ist man denen anderen honetten Leuten so nahe, daß es sich sehr Übel schicken würde, von unanständigen Dingen zu reden!" Bei den Damen muh aber selbstverständlich „die Modestia alle Zeit die Ueberhand haben und dürfen ihre Sprünge niemals das Contreternps überschreiten."
Neben diesem gestrengen Herrn Johann Paschen aber sind andere angesehene Tanzmeister zu nennen, die zwar sicher nicht weniger ehrenwert, aber doch ein wenig duldsamer und nachsichtiger waren und ihren Schülern auch hin und wieder einen kleinen Seitensprung ober ein Küßchen in Ehren beim Tanz nicht verwehren wollen. So äußert sich der Leipziger Gottsried Taubert in seinem 1717 erschienenen „Rechtschaffenen Tantzmeister" folgendermaßen: „Eine Dame vom Verstand und Esprit, so nicht weniger als andere keusch und züchtig, bedencket, daß ihr ein Kuß um nachfolgender dreifacher Ursache willen im geringsten kein Macul weder im Gewissen noch in der Fortun zuwege bringen kann, nemlich: 1.) weil es das Spie! so mit sich bringt, 2.) weil ehrliche Leute babet) seyn, und 3.) weil es andere auch thun und leiden müssen. Ob sie sich daher schon anfänglich aus Schamhaftigkeit, weil sie dergleichen Lecerey ungerechnet ist, ein wenig weigert, und ihren Nachbar freundlich bittet, daß er sie damit verschonen wolle; so leidet !le es doch endlich, wenn sie fielet, daß es nicht anders ist und wehret ich nicht zu närrisch!" Mit diesem nachsichtigen Grundsatz sollte aber offenbar auch einem Wunsch der Eltern der Tanzenden Rechnung getragen werden, denn diese sahen in einem solchen Tanzvergnügen etwas sehr Zweckmäßiges; es sollte „zu aoantageufen Heyrathen nicht wenig contribuieren".
Welcher Tanz aber mar für einen solchen Zweck geeigneter als der um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts aufkommende Walzer, der aus Allemande und Ländler hervorgegangen den französischen Gesellschaftstanz besiegte und dem Einzeltanz der Paare den Weg ebnete. Aus einem Gesellschaftsspiel vieler, bei dem die Einzelnen wohl ihre Paffen trieben und sich hin und wieder einmal zu einer „Extratour" beiseite stahlen, war nun ein Tanz geworden, der eine Art Zwiesprache zweier Menschen darstellt. Zunächst roar man über das „Herumhopsen einzelner Paare" sehr entsetzt, aber bald gewöhnte man sich an seinen Anblick, und wer erst einmal im Dreivierteltakt durch den Raum schwebte, dem „hing der Himmel voller Geigen".
Jahrtausende unter dem Hut.
Zur kullurgeschichte brr männlichen kopsbebeckun^
Don Dr. Wolsgang Frahm.
Ueberblufen mir die bunte Fülle der männlichen Kopstrachten durch die Jahrhunderte und in allen Zonen, so tritt uns in ihnen fast immer ein Symbol von Herrschermacht und Standesbereußtsein, von volklicher Eigenart ober religiöser Gedunbenheit entgegen, bas reeit mehr ist als das Verlangen nach einem zweckmäßigen Schutz gegen bie Unbilben der Witterung ober ein inbioiduelles Schmuckbedürfnis. Die Ursprünge der Kopfbedeckung verlieren sich im Dunkel der Vorgeschichte. Bei den Grie- chen mar sie jedenfalls als Pilos vor allem bei Schiffern und Handreer- kern als Petasos, dem in Thessalien getragenen flachen Filzhut mit verhältnismäßig breiter Krempe, und als tellerförmiger Strohhut bereits
tütff verbreitet. Von großer westgeschichtlicher Bedeutung ist die phry. gische Mütze mit der nach vorn gebogenen Spitze geworden, die im Altertum die Tracht der Phryger war, die in dec französischen Revolution von 1789 das Wahrzeichen der Republikaner wurde und die auch jetzt noch bei manchen Bewohnern der Mittelmeerküsten wie bei den Neapolitanern zu Hause ist. Die alten Römer gingen gewöhnlich barhaupt, später aber wurde das Tragen einer Kopfbedeckung Üblich, ja sie galt als das Vorrecht des freien Mannes, und dem Sklaven wurde sie ausdrücklich mit seiner Freilassung gewährt.
Jrn Mittelalter kannte man im allgemeinen keine Kopftracht, aber schon im 10. Jahrhundert stoßen wir auf Stroh- und Stoffhüte aus grober Wolle, und im 11. Jahrhundert sind deutlich Modeschwankungen zu beobachten. Der Hut wird immer mehr zum Schmuckstück, und häufig wird er mit kostbarem Pelzwerk verbrämt. So erzählt bas Nibelungenlieb von Siegfried, daß er einen „huot von ,30beie, ber riche was genuoc" trug. Die Pfauenfeber, bie wir heute eigentlich nur noch in Faschingszeiten als Zeichen närrischster Ausgelassenheit bulben, war im 13. Jahrhundert ein bei roürbigen Bürgern geschätzter Hutschmuck. Noch lange blieb ber Hut bas Sinnbild des Abels unb entwickelte sich erst allmählich zu einem Abzeichen auch für anbere Stäube unb Berufe. Biccius berichtet: „Auf bem Haupt eines Hertzogs saß ein rother atlaffer Hut, mit Lassatz über« stülpet, einer zweren Hanbbreik. Der ßanbgrafenfjut roar von braunem Damast, forne mit einem fehem Aufschlag. Der Markgrafenhut auch von braunem Damast, besten Ueberschlag forne von Bundwerg ist." Auch als Zeichen ber Schaube mußte er getragen werben. Wer feinen Gläubiger in Geschäften betrogen hatte, erhielt ben gelben Hut aufgesetzt. Um bie Mitte bes 14. Jahrhuuberts würbe ber Hut eine Zeitlang burch bie Gugel verbrängt, eine Kapuze mit Schulierkrageu, bie sich bis in bas 16. Jahrhunbert hinein erhalten hat. Daneben kam bas Barett auf, es muhte aber halb bem hohen spanischen Hut weichen. Dann folgte ber uieberläubifche sog. Rubeushut unb später zu Beginn bes 17. Jahr- hunberts ber breitkrempige schwedische Schlapphut, der uns als Sol- dateuhut mit wilder Federupracht aus dem dreißigjährigen Kriege bekannt ist. Diese Tracht aber wurde, als Europa wieder zu gesitteteren Formen überging, der Perücke zum Opfer gebracht.
Unter Ludwig XIV. wurden Hüte mit vorn unb hinten aufgeschlagenen Krempen getragen, woraus bie sog. Zweispitze unb Dreispitze entstauben finb, von benen wir Ueberrefte noch heute in ber Tracht der italienischen Karabiniers unb bet ber spanischen Polizei finben. Die Kopf- bebetfung am Hofe bes Sonnenkönigs, bie natürlich auch in ben oberen Schichten ber anbereu Länber nachgeahmt würbe, würbe so zum Symbol der überlieferten Herrschermacht ber Dynastien, unb es roar beshalb ver- ständlich, baß überall bork, wo bie Bollwerke ber alten Gewalten in blutigen Revolutionen niebergeriffen würben, eine neue Huttracht aufkam. Cromwells puritanische Reiter unterschieden sich von ihren Gegnern, den Soldaten des Stuartkönigs Karl I., durch ihre runden Hüte, nach denen sie ben Spottnamen „Rundköpfe" erhielten, unb die französischen Jakobiner trugen zum Entsetzen ber Umwelt nicht mehr den allgemein üblichen Dreispitz, sondern runde Hüte mit rundem Kopf und hohe Krempe. Das sind die aufrührerischen Vorfahren bes roürbigen Zylinders, ber beshalb bei feinem Auftreten zuerst von allen staats- erhaltenden Kreisen ingrimmig verfolgt würbe.
In einem Hamburger Blatt von 1797 heißt es: „Der runbe Hut schändet bie Figur bes Mannes ebenso sehr als bie Hunbsohren, womit er sich zu schmücken beliebt. Unter ber Ueberflügelung seines Hutes scheint er irgenbeine schänbliche Absicht, eine schwarze Tat auszubrüteu, sowie ber Bebiente in ber Komöbie mit niebergeftülpfem Hut, zu bem fein Kamerad sagt: er gleiche einem Mitverschroorenen wie ein Wassertropfen dem anderen. Offenbar ist ber runbe Hut bem behilflich, ber ben Blicken anberer entschlüpfen will, ein Mann von feinem Gefühl wirb daher schon dadurch sich zweideutig zu machen fürchten. Dieser Hut ist ein Schlupfwinkel her Verworfenheit und Schande, unb ba er zubem bie Gesichts- unb Körperform entstellt, so konnte unmöglich ein Mann ihn mit ber Staatsfleibung Zusammentragen." Der Erfinber bes Zyliubers, ber Londoner Hutmacher John Hetherington, würbe sogar allen Ernstes verhaftet, als er mit bem aufsehenerregenden röhrenartigen Gebilbe auf bem Kopf burch bis Straßen ging. Im Polizeibericht warbarüber zu lesen: „Hetherington erschien auf ber Straße mit einem hohen glänzenben Bauwerk auf bem Kopfe, bas er einen Seibenhut nannte unb bas geeignet war, ängstliche Leute in Furcht zu versetzen. Bei bem ungewöhnlichen Anblick fielen mehrere Frauen in Ohnmacht, Kinber schrien, Hunde bellten, ein kleiner Junge brach ben Arm, weil er von ber Menge um« gestoßen würbe. Der Verhaftete erklärte, daß er nur sein gutes Recht ausgeübt habe, nach bem jebem (Engländer volle Freiheit in ber Wahl feines Hutes zustehe."
Die politische Zeichensprache ber Hüte würbe nun immer eindringlicher, und bald wurde sogar der biedere Zylinder, in dem sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts der aufstrebende Liberalismus verkörpert sah, als Symbol ber Rückstänbigkeit verbächtigt unb in ber revolutionären Bewegung ber breifjiger und vierziger Jahre von dem sog. Kalabreser abgelöst, der feinen wildromantischen Namen nach der Heimatprovinz ber italienischen Verschwörer ber Carbonari führte. Das war ein nieb- riger, weicher Filzhut in schwarzer Farbe unb mit breiter Krempe, ber seinem Träger bas gewünschte Ausrührer-Aussehen gab. Die Frei- fchärler Heckers haben ihn zu höchster Vollenbung gebracht. Aber fchon nach einiger Zeit geriet seine revolutionäre Vergangenheit in Vergessenheit, unb bie Mobe nahm sich bieser praktischen weichen Hutform an, stutzte sie ein wenig auf bie Bedürfnisse bes bürgerlichen Alltags zurecht unb machte bie Kopsbebeckung baraus, bie wir auch heute noch in mannigfaltigen Abwandlungen überall antreffen. Seitdem auch Bismarck sich zu dem gxoßen breitkrempigen Schlapphut bekannt hat, sind die letzten Spuren seiner politischen Vorgeschichte getilgt, unb er behauptet sich neben manchen anderen Hutformen im Reiche der männlichen Kopftracht.
Verantwortlich; Or. Hans Thyriot. — Druck undDeriag:Drühl'scheUniversitäts»Buch» und Eteindruckerei,A. Lange, Gießen,


