In der Fremde.
Von Ludwig Thoma.
Wo ist bie Heimat? Ach, so weit!
Wer über hundert Hügel geht, Wer auf dem höchsten Berge steht. Kann sie noch nicht erschauen.
Wir hören's wohl im frohen Mai, Es grüne in der gleichen Welt Der deutsche Wald, das deutsche Feld, Und 'wollen schier nicht trauen.
Wo liegt die Heimat? Ach, so nahl Ich weih mit jedem Herzensschlag, Daß nichts von ihr mich scheiden mag, Nicht Berg und Fluß und Auen.
Angriff auf die Nordwand.
Wie die Brüder Schmid das Matterhorn bezwangen.
Von Luis Trenker.
Der Verfasser ist einer der überzeugendsten Künder von der Schönheit der Berge und vom Heldentum ihrer Bezwinger. In seinem im Verlag Th. Knaur Nachf., Berlin, erschienenen Buch „Helden der Berge" gibt Trenker auch eine fesselnde Schilderung der Erstbesteigung der Matterhorn-Nordwand im Jahre 1931, mit der sich die Brüder Franz und Toni Schmid ruhmvoll neben den bedeutendsten Alpinisten behauptet haben.
... Es ist vier Uhr früh im ersten Morgengrauen, als sie die jähe Wand angehen.
Sie schlagen keine Stufen. Sie verlassen sich nur aus ihre Steigeisen; denn alles kommt jetzt darauf an, daß sie diese Eiswand so rasch wie möglich bewältigen. Trotzdem der Neuschnee noch die Flanken des Berges bedeckt, schlagen unaufhörlich Eis- und Steintrümmer nieder, springen mit der ungeheuren Wucht eines Sturzes aus tausend Meter Höhe links und rechts in die Felsen oder klatschen, tiefe Löcher wühlend, rings um sie ins Eis.
Sie müssen schneller sein als der Tod. Und doch, jedes unrichtige Einsetzen der Zacken ihrer Steigeisen kann sie in die Tiefe reihen, wo breit und gähnend die Riesenkluft des Gletschers alles verschlingt, was über die Wand herabkommt.
Wie sie mitten in diesem splitternden Steinhagel sich emporkämpfen, kommt es ihnen vor, als würde eine feindliche Gewalt hoch in der Wand oben mit tückischer Absicht ihre Geschosse nur deshalb so schlecht zielen, um das seltene Spiel mit den beiden Menschen tief unten ganz auskosten zu können; denn je höher sie kommen, desto näher rücken die Einschläge, desto enger und enger wird der Raum um sie abgesteckt, aus dem sie nicht entrinnen können.
Und doch — mit dem Glück, das sich stets dem Mutigen stellt, kommen sie beide ohne ernsthaften Schaden aus dieser Hölle heraus und queren über vereiste Felsen in die senkrecht aufschiehende Wand . .
Mit durchgekletterten, aufgeweichten Fingern, die völlig gefühllos geworden sind, klettern sie weiter; denn es ist unmöglich, hier eine Stelle zu finden, an der sie die Nacht über bleiben können, überall glatte Wände, überhängende Eiswülste, Rinnen, durch die der Steinschlag niebertyeult ... .....
Es wird eine schlimme Nacht werden. Irgendwo hier müssen sie bleiben. Wenn sie wenigstens soviel Platz finden würden, daß sie mit beiden Füßen dort stehen können!
Hastig suchen ihre Augen die Felswand ab. Eis, überschneite Plattenstürze, immer das gleiche Bild.
Schon ist es so dunkel, daß sie kaum mehr die Einzelheiten unler- Icheiden können. Da entdecken sie endlich noch im letzten Augenblick em wenig links einen winzigen, verschneiten Felsvorsprung. Kaum einen Quadratmeter groß und zudem noch abschüssig.
Ein gewagter Quergang, der ihnen nur gelingt, weil sie wissen, daß er die letzte 'Möglichkeit für sie ist, bringt sie auf die kleine Kanzel. Im beginnenden Nachtdunkel reinigen sie die Stelle von Schnee und Cis. • Sie schlagen einige Haken in die Wand und binden sich kurz an, um 1 im Halbschlaf nicht in die Tiefe zu fallen. Mühsam lösen sie die Steigeisen von den Schuhen und hängen sie mit den Pickeln zusammen in i»ie Haken ein. . . .
Dann versuchen sie vorsichtig, eng aneinandergeschmiegt, sich auf dem ichmalen Postament niederzulassen. Den Schlassack stülpen sie sich über i»le verrenkten Glieder, so gut es eben geht. Jede kleinste Bewegung, i lelbft die Uhr aus dem Sack zu ziehen, ist hier eine Gleichgewichtsübung.
Cs ist halb neun Uhr abends. Also sind sie sechzehn Stunden ununterbrochen geklettert. , . , . ..
Der Höhenmesser zeigt 4150 Meter. Das bedeutet, daß sie fast »00 Meter hinter sich gebracht haben. Nur 350 Meter trennen sie noch »om Gipfel.
Sie essen eine Tafel Schokolade und etwas Dörrobst. Für den grimmigsten Hunger muh das genügen; mehr wagen sie nicht zu nehmen; i»enn der kärgliche Proviant muh noch mindestens für einen zweiten Tag reichen. Ein kalter Wind fegt über die Wand. Eisige Schauer sthutteln lie, denn ihre Kleider sind von der Eisarbeit völlig durchnäßt. Nur die Gummihülle schützt sie vor dem sicheren Erfrieren. An Schlaf ist nicht yu denken. ,. , ....
lieber ihnen spannt sich unendlich weit der Sternenhimmel. Deutlich ireten die Umrisse der Berge hervor. Sie erscheinen von dieser Hohe aus xesehen weniger bedeutend, obwohl genug Viertausender unter ihnen lind. Irgendwo In der Tiefe rauscht ein Gletscherbach durch die Einsamkeit der Nacht. Im Tale flimmern die Lichter van 3ermatt.
Zehn Stunden müssen sie in dieser Lage ausharren. Endlich um Üben Uhr morgens können sie aufbrechen. Die Glieder sind völlig fteit, iairch die erzwungene Lage beinahe erstarrt. Fast unmöglich ist es. Die
Steigeisen anzuschnallen. Das Selk steht ein Stück waagerecht in die Lust hinaus wie eine Eisenstange.
Sie hoffen, nun leichtere Felsen zu finden, doch ihre Hojsnung wird zunichte. Was ihrer nun wartet, ist das Schwierigste, was die Wand hat. Es find glatt aufstrebende, vereiste Platten, senkrecht sich aufbäumenb, an beiden Seiten durch Steilrinnen flankiert. Mit zäher Verbissenheit kämpfen sie sich empor. Alles, was sich ihnen bisher entgegengestellt hat, ist hier in einer einzigen Wandstelle vereinigt. Mehrmals sind sie dem Verzweifeln nahe und blicken hinunter in die grauenvolle Tiefe. Es gibt nichts anderes, als ein — Durch!
Jetzt klettern sie um ihr Leben. Es sind Stellen, wo sie alles auf das eine setzen müssen: Leben, leben, erlöst werden aus dieser peinigenden Gefahr, durchkommen, irgendwie, nur durch — wie, das ist gleichgültig. Dies ist der große Augenblick, da nicht mehr technisches Können und sichere Führung entscheiden, da es auf den ganzen Menschen ankommt, jetzt muh sich zeigen, aus welchem Holz sie geschnitzt sind
Da sind sie an der übereiften Plattenwand, schweben mehr als sie stehen, die beiden Schmidbuben vom Baierbrunner Klettergarten draußen im grünen Isartal, und die nächsten Augenblicke entscheiden über ihr Leben. Sie sprechen kein Wort. Sie sind völlig eins. Sie verstehen einander ohne viel Reden. Ueberhaupt, feit sie in der Wand sind, haben sie noch kaum etwas zu sprechen brauchen, nur die nötigsten Zuruse am Seil. Franz ist fast am Ende. Verzweifelt kämpft er sich zurück, erreicht mit letzter Kraft feinen kleinen Stand wieder. Toni oerfucht es, aber auch er kommt nicht durch. Fast tausend Meter sind sie hier über dem Einstieg — ein Zurück ist Wahnsinn, der sichere Tod.
Wieder ist Franz vorn. Auf dem steilen, rotgelben Fels halbrechts hat er eine angefroene Schneeschicht entdeckt. Sie wagen das Aeußerfte, queren hinüber. Und kommen durch; Kaum sechzig Meter Wand haben sie vier Stunden Arbeit gekostet Es war das Schwierigste, was sie ie in ihrem Ringen in Fels und Eis erlebt haben. Nun beginnen steile, tief verschneite Felsrinnen, die sie rasch emporsühren. Um zwei Uhr nachmittags erreichen sie den Grat, mitten im Blitz und Hagelschlag eines überraschend hereingebrochenen Hochwetters.
Dreiundzwanzig Stunden sind sie in der Wand geklettert. Nun stehen sie am Gipfelkreuz. In wortlosem Druck finden sich ihre blutenden, zerschundenen Hände. Sie wissen in diesem Augenblick nicht, was ihr Sieg bedeutet, wissen nicht, daß er einem leidgeguälten Volk Ausdruck seiner unzerstörbaren Lebenskraft wurde, wissen nicht, daß eine ganze Welt in ihrer Tat ein Sinnbild jenes jungen Deutschland sah, das sich in diesen Tagen und Wochen aus tiefster Not und Zerrissenheit zu Licht und Freiheit emporkämpfte.
Ihr ganzes Leben drängt sich in diesem Augenblick zusammen, und in der höchsten Anspannung ihres Willens, im letzten, das sie zu geben vermögen, liegt die Zusammenballung alles dessen, was sie bisher geleistet und erkämpft haben.
„Oie Tänzer sollen beyderseits Handschuh anhaben!*
Von Dr. Kurt Warnecke.
Nicht eine Geschichte des Tanzes im Wandel der Zeiten soll hier gegeben werden und auch zur Ausstellung von Regeln über den schönen und liebenswürdigen Tanz sind wir nicht befugt, das soll den sachverständigen Tanzmeistern und nicht zuletzt den tanzenden Paaren selbst überlassen werden, die in rechter Fröhlichkeit und gutem Geschmack schon selber finden, was sich schickt. Aber einiges von dem, was zu Zeiten sozusagen an den Rand der Geschichte des Tanzes geschrieben wurde und an Lob und Tadel zuweilen in strenge Verordnungen und ernste Mahnungen geformt wurde, das ist ein reiches kulturgeschichtliches Inventar, dem wir einige absonderliche, sowohl ernsthafte wie komische Aeuhe- rungen entnehmen wollen.
Zwei Tanzsormen bestanden in Deutschland vom frühen Mittelalter an nebeneinander und sie geben schon die Standorte an, von denen aus eine Kritik und eine Ordnung der Tänze möglich war. Hier war es der ausgelassene, heitere, lebendige Bauerntanz bei den großen Volksfesten im Freien, bei dem es müßig gewesen wäre, nach enabegrenzten Regeln zu suchen. Uralte Sitte hatte in den verschiedenen Landschaften Tänze entstehen lassen, von hohem Reiz und lustigem, abwechslungsreichem Figurenspiel, Tänze, die heute wieder belebt werden. Dort gab es einen gemessenen, ruhigen und vornehmen Gesellschaftstanz der Adligen und der Patrizier in geschlossenen Räumen, der sich streng an Sitte und Brauch der höheren Stände richtete. Aber zuweilen drangen Formen des Bauerntanzes auch in diese Festsäle ein und dann entstand oft eine Tanzübung, die viel Mißfallen und manchen Tadel hervorriefen. Die hohe Obrigkeit muß schließlich zur Wahrung von Anstand und Sitte eingreifen und sie tut dies auch mit ihrer etwas papiernen Ausdrucksweise, die aus dem Aktenstaub der Amtsstuben stammt. So lefen wir in einem Nürnberger Stadtgesetz aus dem 14. Jahrhundert, „daß niemand, es sei fraw ober man nach der letzten (12.) Stunde einen tantz haben soll. Auch soll niemand nicht länger tantzen, denn zwischen den zweien malen und man soll aufhören, wenn man vesper zusamme schlägt, und in welchem Hause man darnach tanzet, der must geben zehn pfund." Und ein Polizeigesetz aus dem 15. Jahrhundert genügt sich nicht in eine Begrenzung der Tanzzeit, sondern rügt auch das Beneh- tnen der Tanzenden und die von ihnen neuerdings mit Vorliebe gewählten Tänze. „Nachdem an einen ehrbaren rate hat gelangt, daß vil ungewöhnlicher schändlicher unzymlicher und neuer Tänze täglichen getrieben wird, das nicht allein Sünde und der allmächtige Gott ohn Zweifel myßfällig ist, sondern auch mannigerlei unehrlicher leichtfertig- feit und darzu nachrede gebären mag, gebieten unsere Herren, daß hinfüro nymant an den längen an einander it halsen ober umbfahen sollen."
Vielleicht hat es dazumal aber auch nur an geschmackvollen und gestrengen Tanzmeistern gefehlt, die zwei Jahrhunderte später schon ein achtsames Auge darauf warfen, daß die Paare, denen sie ihre Künste beibrachten, sich nicht gegen die Lehren ihrer Schulmeister vergingen. Dafür konnten sie aber auch mit gutem Gewissen und im eigenen wohl-


