schrien, Nacht- grinste
Zwölftes Kapitel.
Verdun.
Die ^Komparüe'^marsch^rte bergauf, bergab Zerschlissene und mürbe Soldaten die aus der Schlacht einzeln zuruckkamen, gingen wie Ge- fpcnfter vorbei. Die Friedhöfe, auf denen viele Sarge standen, rochen nach frischem Tannenholz. Sie marschierten auf den Seuergurtel ber Artillerien los, die wie eine einzige Maschine rings um Verdun standen und Luft und Erde erschütterten. .
Aus den kleinen Wäldern fchossen feurige Zungen. Je mehr es Abend wurde, um so stärker wurde der Donner.
2)ie ersten schweren Geschosse heulten heran und rissen die Aecker auf. Die Kompanien lösten sich in Reihen zu zweien auf unb gingen langsam an den Fesselballonen und den eigenen schweren Geschützen vorbei. Es wurde schwül. . . m ...
Sie waren jetzt auf einem Hügel. Granaten gurgelten über ihre ftäupter und hielten jedes Herz in Bann. Brandgeruch schwelte über die Aecker notdürftig Begrabene stanken aus ihren Grabern herauf. Fern hingen die feindlichen Fesselballone wie Fledermäuse am rauchigen
Bertold blickte zuweilen auf, um sich am Himmel zu trösten. Aber er hing voller Rauch, unb Orion, der in den Schützengräben, in Serbien und Italien so oft in seine Seele geschienen hatte, war mit allen Sternen erstickt.
Sie klommen den Berg Douaumont hinauf. Hunderttausende von Geschossen glühten und zuckten wie ein undurchdringliches Geflecht über ihnen. Keine Seele konnte da hindurchfliegen. Von allen Seiten flügelte und zischte Eisen heran, und der Brand- und Totengeruch wurde bald so furchtbar, dah keiner mehr atmen mochte.
Plötzlich ging es steil hinunter wie im Gebirg auf Felspfaden. An Brustwehren vorbei, unter Ueberhängen hindurch, eine tiefe, feucht? Treppe hinunter, die nach Karbol roch. Man war in Douaumont. Cs wurde Rast gemacht. Jeder sank in die Knie und trank aus feiner Flasche. Aerzte mit Sägen und Gummihandschuhen eilten durch die Gänge, Ordonnanzen flogen, und in manchen Winkeln lagen lallende Frontsoldaten, die irr geworden waren. Die ganze Festung aber wankte dumpf vor den unaufhörlich einkrachenden Geschossen. Verwundete stöhnten in den Höhlen, wo die Aerzte ihr Werk verrichteten. Tote wurden binausgeschleift. Die Kunde lief durch die Reihen, der Bataillonsführer sei mitsamt seinem Adjutanten vor dem Abmarsch plötzlich krank geworden. Einige lachten. Das Gerücht wurde bald bestätigt. Bertolds Kompanieführer erhielt den Befehl über das Bataillon. Die Kompanie muhte sofort weiter.
Es war aus Douaumont heraus ein einziger Ausgang gegen den Feind, und dieser lag unter ständigem Feuer. Man konnte nur hinauskommen, wenn man unmittelbar nach dem Einschlag einer Salve hinaussprang. Biele Tote lagen dort und Verwundete wurden blitzschnell herein- geworsen; es war schwer, durch das Gerümpel zu fliegen.
Man sprang zu zweien durch den schmalen Ausgang. Die ersten Paare tarnen glücklich hinaus. Der alte schwäbische Landwehrmann muhte mit Bertold springen. Bertold lag herzklopfend zum Sprung bereit. Donner — und er sprang hinaus in die saure Luft, wirbelte herum und sah nach seinem Kameraden. Er sah ihn im Erdspalt stehen, unfähig, einen Schritt zu tun. Da krachte eine Brandgranate herab und hüllte den Alten in loderndes Feuer. Sein Bart brannte, er ringelte sich zusammen.
Im nächsten Augenblick sauste das nächste Springerpaar aus dem ^estungsschlund. Sie waren sehr aufgeregt und stießen Bertold mit dem Gewehr in die Seite, er solle weitergehen. Sie sprangen zu britt weiter und sausten in eine haushohe Schlucht hinunter, die von einer Zwei- undvierzigzentimeter-Granate ausgewühlt war. Sie traten in vermorschte Leiber, die mit Kalk bespritzt waren, tote Franzosen, und klommen eilig roieber den jenseitigen Hang hinauf, um die Verbindung mit der Kompanie nicht abzureihen. Rufe, Schreie schollen durch das Feuer, jeder lies dem Schatten des anderen nach, den Hang hinunter an den Bahn- bamm. Es war gesagt worben, hier solle gesammelt unb bann ber Bahnbamm, ber im Salvenfeuer lag, übersprungen werben. Aber alle waren schon hinüber.
Da ging auch Bertolb, ber nun seine Ruhe roiebergefunben hatte, aufrecht hinüber. Eine riesige Granate fauchte vor ihm in ben Boden und hob ihn in die Lust; es war aber ein Blindgänger.
$"ai5l bie Sonne hinter bem Berg Douaumont, ber hoch über ben anberen Hügeln stand, untergegangen war, hörte man die ganze Kompanie atmen, keiner fluchte mehr.
Sie waren jetzt an der schweren Artillerie vorbei und tarnen tn die 3one ber Verwesung, zuerst zu den toten Pferben, bann sahen sie bie ersten Toten, um die sich keine Hand rühren konnte, zähnegrinsende Gesichter, blau unb schwarz, entfleischte Knochen, bie mit glänzenben Fliegenschwärmen debeckt waren. Verwundete mit weißen Kopfbinden, aus denen das Blut quoll, gingen, feierlich grüßend, vorüber.
Der Weg wurde ungangbar. Man muhte von Trichter zu Trichter springen, um vorwärts zu kommen. ,
Da lag ein Toter. Ein Munitionswagen, der zur leichten Artillerie fuhr ging über ihn, und sein Leib bog sich krachend um die Räder.
Es wurde halbfinster. Ein Gefauch unb Geheul war unaufhörlich in ber Lust wie von fltegenben Katzen, unb ber Laut eines einfallenden Geschosses glich dem Lustgeschrei von Katern.
Da krachte die erste Granate in die Kompanie. Sterbende die Sanitäter flogen, die Kompanie zog weiter.
Der Kotsarg von Douaumont lag gespenstisch unter bem Himmel. Riesige Feuerblitze entschossen ihm.
Bertold schrak plötzlich auf. Am Wegrand sah ein Toter. Er „ . bie Vorübergehenben an. Die eine steife Hand hatte er ausgestreckt. So sah er wie ein Bettler unb grinste.
Ein schwerer Druck schnürte allen ben Atem. Hier war kein Ausweichen unb kein Gebanke möglich. Hier galt nur ber Befehl.
Er hatte heftige Lust, feine Freunde zu sehen. Aber alle flohen eilig durch den Wald, der nur noch aus kniehohen stumpfen Sauten bestand, um in die Feuerlinie zu kommen. Gegen Mitternacht tarnen sie hort an unb sanken erschöpft in ihre Grantlöcher. Geschosse mit glühenden Spitzen pfeilten durch die Nacht, mit Hall und Schlag bebte die Erde, aber jeder schlief fest.
In der Frühe weckte sie teuflischer Donner. Der Feind wurde sturmreif geschaffen. Jnfanteriekugeln pfiffen über das Gelände, Maschinengewehre knatterten, der Sturm schwoll zum Orkan an, weit und breit die aufgerissene Erde warf Wolken von Staub und Schollen in das rote Feuergezisch. Befehle wurden durchgefchrien, die Uhren gestellt.
Plötzlich ein gellender Pfiff: Sturm!
Die Soldaten reckten sich, standen aufrecht »m Feuer, zwischen Bertold und Eduard ein glühender Blick, ber letzte?
Sprung auf, marsch, marsch!
In die Feuerwalze hinein, bie sich langsam weiterfrah.
Sie stürmten über freies Felb, burd) Rauch unb Tote, bie Gesichter geschwärzt. Sie schrien unb stampften; Männer in blauen Uniformen tarnen ihnen flehenb entgegen, französische Gefangene. Vorbei! Rauch- gebilbe aus geborstenen Granaten zergingen wesenlos neben ihnen. Es gab keinen Tod mehrl •
Nun standen sie atmend in ben feinblichen Graben. Sie wollten weiter. Nichts! Die Linie war erreicht!
Sie legten sich nicht nieber, bie Stürmer. Sie gingen lachenb zuem- anber, und der verwirrte Feind störte sie nicht. Sie standen auf dem freien Feld wie auf einem Acker und fangen; alles Schwere war vergessen.
Eduard kam lächelnd auf Bertold zu: er lebte also noch.
Sie warteten die ganze Nacht auf den Befehl zum Weitersturmen. Er kam nicht. Kam weder in Tagen noch in Wochen.
Es war unendlich schwer, sich da hineinzufinden und stilliegend zu vermodern. _ ...
Eines Morgens erfuhr Bertold, Eduard Blank fei in der Nacht beim Waffertragen gefallen. Eine Granate habe ihm das Bein am Leib abgerissen. Er sollte keine Kinder mehr haben, dachte Bertold bitter. Er versuchte, wenigstens seine Leiche zu finden und zu begraben; aber es war unmöglich, bie vielen Toten in der Nacht voneinander zu unterscheiden. Bertold kroch verzweifelt zurück.
Endlich kam der Befehl zum Weiterstürmen am nächsten Morgen. Bertold war einige Tage vorher auf Patrouille geschickt worden unb hatte allein mit zwei Mann bes Nachbarregiments — bie anderen Mitgänger fielen — eine Gruppe Franzosen gefangen genommen, bie roeit- gehenbe Aussagen machten. Man hielt jetzt auch bei ben Stäben ben Sturm für notwendig. Bertold wurde das Eiserne Kreuz erster Klasse versprochen. .
Da er sich auch sonst ausgezeichnet hatte, wurde er zum Unteroffizier befördert. Er erhielt am Tage vor dem Sturm den Befehl, da er das Gelände genau kannte, mit zwei Leuchtpistolenschützen zwischen die feindlichen und die eigenen Gräben zu kriechen, den Feind zu beobachten und bas Feuer wirkungsvoll zu lenken. Er löste seine Aufgaben.
In ber Frühe rollten bie Regimenter zum Sturm.
Es galt, bie letzten festen Hügel vor Verbun zu nehmen. Bertold stürmte an ber rechten Flanke.
Da sah er plötzlich Otto nebenan vor seiner Truppe stürmen.
Er warf ben Helm in seine Hand und jauchzte ihm zu.
Otto sah ihn an.
Da prallte Feuer aus der Erde. Otto versank.
Bertold stürzte halb von Sinnen auf ihn zu.
Die Kompanie ging einen Augenblick in Stellung.
Otto lag in Bertolds Armen; ein Eisenstück hatte ihn an den Kopf getroffen.
Er lallte mit verdrehten Augen, fein Blut tropfte auf Bertolds Knie.
Auf einmal wurde fein Auge lebendig.
Er riß den Rock auf und deutete in die Brusttasche. Die Hand zerbrach mitten in der Bewegung.
Bertold sah einen Stoß Briefe unb nahm sie an sich. Sie trugen ben Namen Birges als Adsenber.
Otto verzog sein Gesicht, als ob er nun alles getan habe, und starb.
Bertolds Herz klopfte fieberhaft. Die Welt verging ihm.
Da rief ihn der Hauptmann; er deutete auf feinen Freund.
Der Hauptmann rief: „Ich muß Sie haben."
Die Kompanie duckte sich zum Sprunge.
Bertold ließ feinen toten Otto auf die Erde gleiten. Seine Hände waren noch warm. Blut rann ihm in die Augen. Bertold wischte mit dem Aermel (ein Gesicht rein.
„Sprung auf, marsch, marsch!"
Im Sturm flogen bie 2ßälber vor Bertolbs Augen. Er sah einen Fluß schillern. Der Hauptmann rief ihn neben sich. Sie stürmten die Festung hinauf: da lag Verdun. Der Feind floh weit und breit.
„Weiter!" schrien die Soldaten bie Front hinunter.
Ihre Ruse würben eine unerhörte Branbung.
Sie wollten nach Verbun, dann war ber Krieg gewonnen. Kein Schuß fiel mehr.
Die Offiziere geboten Halt. Hier war bie befohlene Linie. Die Salbölen ächzten vor Wut. Nichts half. Der Befehl galt.
Da warfen sich bie Männer auf ben Doben. Die Stahlhelme kollerten über bie Erbe. Sie lagen stumm ba und atmeten aus.
„Es wirb ewig Krieg sein!"
Bertolb würbe wieder zwischen die Fronten geschickt. Er erwirkte vom Hauptmann die Erlaubnis, daß vier Mann von der Kompanie Otto zurücktrugen, damit er in guter Erbe begraben werbe. Er beschrieb ihnen genau ben Ort, denn er durfte selbst nicht mitgehen.
lieber Erich konnte er nichts erfahren.
Als er jetzt in feinem Granatloch faß, kam ungeheure Müdigkeit über ihn. Ader er mußte die Augen offenhalten.
(Fortsetzung folgt.)


