Ausgabe 
18.3.1935
 
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Nummer 22

Montag, -en 18. März

Jahrgang 1955

miteinander buri

Und von uns le!

Eichener MiljenbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Die Hochzeitskuh

Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehnee

Copyright 1 9 2 8 b y Georg Müller Verlag A.-G., München

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cuf die Toten und Lebendigen herab, und selbst das kochende Lodern der Artillerie ringsum schien in diesem Lichte milder zu werden. Sie erzählten sich ihre letzten Schicksals, indem sie die Arme umeinander schlangen und sich an die Friedhofmauer lehnten. Keiner aber wollte von der Zukunft anfangen. , . ...

Da schwang sich Erich, der Denker, auf die Mauer, dehnte sich aus Md brachte das Gespräch auf den Tod. . - . .

Seine Worte zitterten und klangen um em Mädchen in der Heimat. Gr sagte, er werde sie nicht wiedersehen.

Bertold stritt ihm das ab und sagte ihm, er werde in diesem Ka.apse richt fallen.Bertold weiß das", bestätigte Eduard lächelnd.

Da fühlte Bertold Ottos Augen auf sich ruhens sie glanzten rätselhaft Md fragend und so voll Liebe, daß Bertold w,e zerschmettert an seine Brust stürzte. Erich hob sich erschrocken auf, Eduard zog sich einen

Schritt zurück gegen ein frisches Grab und stützte sich auf das Holzkreuz. Es wurde unendlich still.

Da hörten sie die jungen Lindenbäume über den ganzen Friedhof rauschen. Sie erschauerten und fühlten die rieselnde Macht des Lebens.

Keiner weih, wo er hinkommt", sprach Erich nach einer Weile,und ob er drüben Freunde findet. Aber ich glaube, wenn wir fallen, dann werden wir um die Lebendigen sein, so lange, bis uns der letzte Mensch vergißt. Dann mag die Erde in die Sonne stürzen und alles wieder­geboren werden."

O nein", erwiderte Eduard,es gibt Tieferes als den Kampf. Ich sah einst in die Augen eines sterbenden Kindes. Seitdem weiß ich von der ewigen Ruhe."

Donnerschläge erschütterten plötzlich die Luft. Aus allen Tälern zuck­ten Feuergarben. Die Erde schien plötzlich ringsum zu schwanken.

Da werden sie geopfert, die Menschen", ries Erich.Jetzt geht der Kampf auf der Höhe der Welt, der uralte Kampf, der vor aller Zeit schon begann zwischen den Göttern und dem Neid. Der Neid will herrschen und töten, der Gott durchdringen und zeugen. Und wir kämpfen diesen Kampf, und die lebendigen Götter werden erliegen."

Otto sagte jetzt, indem er Erichs Kopf in die Arme nahm:Noch sind wir lebendig. Und wenn uns hier die Sonne erlischt, dann blüht uns die Fackel. Ich habe keine Angst in der unendlichen strömenden Welt."

Aber die Götter unterliegen", beharrte Erich.

Deshalb ist es Zeit, daß wir gehen. Unser Opfer wird ihnen helfen. Ich spüre ihren Drang und Atem."

Es ist mir, als ob ich noch warten müsse", sagte Bertold.

Du bist schon oft der letzte gewesen", lächelte Erich.

Laß ihn gehen", erwiderte Otto.Er ist stärker al» wir, wir gehen ihm voraus."

Es wird kein Spiel sein und auch kein Lied , sagte Bertold. ,Lhr werdet es sehen, was ich weiß."

Und er ging auf die beiden Freunde zu und sah ihnen in die Augen. Sie sprachen nun kein Wort mehr, sondern hielten sich umschlungen.

Als ihre Stunde um war und sie gehen wollten, da sahen sie Eduard auf dem Grabe knien und beten. Er hatte seinen Kopf gesenkt, sein hell­blondes Haar schimmerte.

Ich bin ein Christ", sagte er leuchtend im Aufstehen.

Warst du eben in der Ewigkeit?" fragte Bertold lächelnd.

Ich war jenseits", erwiderte er. m ,

Und wir waren im Herzen der Welt", sagte Bertold leise in bie(Bott gebe uns ein Wiedersehen", schloß Eduard Blank.

Musik weckte am nächsten Morgen. Sie gingen in die Kirche und hörten die Messe und sahen die Hostie unter dem Wirbel der Trommeln aus dem Wald der gesenkten Fahnen steigen. Es war ein kriege­rischer Gott.

Dann zogen die Regimenter in die Schlacht.

Mit Keulen, Stöcken und Handgranaten, ,eder den Blick in seine Ferne gewandt, so zogen die Riesen in die Schlacht.

Otto und Erich winkten an der Spitze ihrer Kompanien Bertold und Eduard zu, dann verschlang sie Musik und das Grauen der rauchenden ^Bertolds Kompanie trat zum Abmarsch an.

(Fortsetzung.)

Sie wateten durch den Talschlamm, durch pestfahnenschwarze Dörfer, schliefen im Schnee und litten furchtbaren Hunger. Aber sie trieben den Feind von Berg zu Berg, es war ein einziger Sturm hoch oben über den gewaltigen Flußtälern, über die Weinberge der Morawa und die granitnen Täler des Jbar. Sie fühlten Tornister und Gewehre nicht mehr, sie jauchzten und schrien, wenn es zum Sturm ging. Sie fühlten Deutschlands Grenze vor der Brust und trugen sie jubelnd und tod- rerachtend in die Unendlichkeit. Es ging mit feuriger Gewalt vorwärts durch alle Schrecken. Täglich brausten sie über das Kampfziel hinaus lind mußten in der Nacht ein Stück zurückgehen. Sie kamen in moham­medanische Städte und stauten sich an den silbernebligen Gebirgen von Griechenland, unter dem magischen Mond, der da unten hell und körper­haft leuchtete.

Nur einmal schrak Bertold auf.

Sie waren in ein mazedonisches Dors einmarschiert, das, von Dornen überwachsen, von Wassern überstürzt, in einem Seitentale lag. Bertold lourde in ein Bauernhaus gewiesen. Er hatte kaum die gebälkreiche Stube betreten, da sah er am Feuer ein Mädchen sitzen. Sie war über- «us schön und trug eine kostbare Tracht.

Glaubt nicht", sprach Bertold,daß ich frevle, wenn ich jetzt etwas sage. Der Tod gilt mir nichts, und ich würde für euch tausendmal sterben, wenn ich dürfte. Als ihr so lange von mir fort wart, da fjabe ich oft vor euren Bildern gekniet, die auf einmal um mich waren. Und auch jetzt bin ich so im Traum, daß ihr als Bilder vor mir steht. Ich sehe Mondslammen um euch spielen, ihr Großen. Und wenn ihr mich noch hört, dann sage ich euch auf diesen Gräbern: Meine Brust will zer­springen wie in den Tagen meiner Jugend. Lust und Weh erschüttern mich, und der Tod hat sprengende Kraft. Und ich sehe uns als Sterne emporsteigen in die blaue Nacht, flammend und fern. Und wir schreiten ' ch die glühenden Gründe und jauchzen im Untergang. ____ ____ ____ ,ebt die Welt, und wir essen und trinken von ihr und werden zerrissen von ihr im Feuer, ewig, und ein Kuß

Jetzt stand sie auf und ging zu ihm. Ihr Gang war priesterlich ruhig. Sie bot ihm aus einer Buchsbaumflasche zu trinken.

Da stürzte er vor ihr nieder, als ob ihn der Blitz getroffen hätte, und stammelte sie an. Die Kameraden lachten ihn aus. Er stand verwirrt auf und rieb sich die Augen, aber die Besessenheit wich nicht von ihm. Vas Regiment brach noch in dieser Nacht auf, er drückte feinen Schmerz gewaltsam hinunter und wünschte sich den Tod, so sehr hatte ihn die Schönheit der stillen Fremden verwundet. Aber als sie weiterrnarschler- len da wurde ihm klar: Er hatte nicht mehr an Birge gedacht. Hatte tr sie überhaupt nicht schon längst vergessen? Ebenso wie den Vater, iie Geschwister, wie sich selbst?

Im heißen mazedonischen Frühling traten sie nach Sicherung der Front den Rückmarsch an. Sie kamen wieder nach Frankreich und übten lange in den Dörfern hinter der Front künstliche Stürme. Der Name öcrbun wurde zwar in dunkler Ahnung genannt, doch niemand wollte Hauben, daß das stolze Regiment in jener Hölle eingesetzt werde. Aber ler Zug, der sie einlud, fuhr in der Nacht mit heimlicher Biegung gen Verdun. . , t . ,.

In einem hügeligen Gelände wurden sie ausgeladen. Dort, wo tue Wolken finster im Hintergrund standen, war das Schlachtfeld, unsichtbar, von ständigem Donner umhüllt. Drei Monde schon dauerte der Kamps. Setzt sollte der letzte Durchbruch erfolgen. Jeder wußte, daß sich hier der Krieg entscheiden werde. u

Sie lagerten in einem kleinen Dorfe in der Nahe der Riefengeschutze imb warteten auf ihre Stunde.

Als sie fo in der dämmrigen Scheune saßen, hatten sie nicht gemerkt, laß zwei Offiziere auf sie zukamen und vor ihrem Holztisch stehen bheben. Nützlich sah Bertold auf. Die beiden Ankömmlinge nahmen ihre Stahl­helme ab. Es waren Otto und Erich, und sie flogen sich in die Arme.

Wir stürmen morgen mit euch", rief Otto.

Sie gingen nun, nachdem Eduard und Bertold Urlaub genommen hatten, die steile Dorfstraße hinaus auf den Friedhof, der auf der Hohe les Hügels um die Kirche lief. Der Mond war aufgegangen und schien