«er oben in der dreckigen Kiste! Ich sah immer ihr rundes Gesicht vor mir Und dieses Gesicht lachte. Ich machte im Dunkeln eine Faust. Es wurde wirklich langsam völlig dunkel. Dicht über meinem Kopf fing eine Maus »»der eine Ratte an zu knabbern. Ganz egal! — dachte ich und kroch vorsichtig aus meiner Kiste heraus. Ich balancierte und kletterte so leise, daß es mir saft unheimlich wurde. Endlich stand ich wieder vor der Tür der Rettung. Stufe um Stufe schlich ich die Haustreppe hinab. Die Treppe schien gar kein Ende zu nehmen. Unten war niemand. , ,, .. ,
Zu Hause kam das Nachspiel Meister Luttmann hatte mich als gemeinen Apfeldieb gebrandmarkt. Meine Mutter weinte über ihren ungeratenen Aeltesten. Mein Vater lachte und meinte: ohne Aepfelstehlen wird kein richtiger Junge groß. Rach dem Abendbrot aber nahm mich meine Großmutter ins Gebet und redete vom siebenten Gebot und von Himmel und Hölle .
Ich träumte dieselbe Nacht vom Teufel, der hinter mir her war. Er hatte der Großmutter Gesicht. Aber der liebe Gott half mir und jagte ihn fort. Und der liebe Gott sah leibhaftig aus wie mein Vater.
Menschen im Hüttenwerk.
Von Heinrich Hauser.
Großzügigkeit.
Ein Hüttenwerk nach einigen Jahren Wiedersehen, heißt: es nicht wiedererkennen. In einem Hüttenwerk wird beständig gebaut, verbessert und wieder umgebaut, in älteren Werken findet man alle Zeitalter der Hüttentechnik nebeneinander und ineinander verschachtelt vor. Man kann annehmen, daß etwa der zehnte Teil der Gesamtbelegschaft Bauhandwerker sind Was dem Laien bei diesem beständigen Vorwärtsstreben und sich Erneuern besonders imponiert, das ist die Größe der dabei aufgewandten Mittel, die Großzügigkeit in der Lösung technischer Aufgaben und die Leichtigkeit in der Bewältigung großer Massen und hoher Gewichte,,die ganz allgemein ein Hüttenwerk auszeichnen.
Rehmen wir ein Beispiel: die Hütte, um die es sich handelt (sie gehört zum Klöckner-Konzern) baut augenblicklich einen von vier Hochöfen vollständig neu auf. Das erfordert etwa eine Million Mark. Sie erstellt zwei neue Martinsösen, von denen jeder eine halbe Million kostet. Dazu kommt die Unzahl der fortlaufenden kleineren Erneuerungen und Verbesserungen
Früher nannten wir alles, was uns an großartiger Technik imponierte, „amerikanisch". Die Arbeitsmethoden des Reviers sind aber von jeher amerikanisch-großzügig gewesen. Da ist etwa eine Halle zu klein geworden und soll durch eine größere ersetzt werden. Wie geht das vor sich? Man sollte meinen, die alte Halle mühte zuerst abgerissen werden, damit man die neue aufbauen kann. Keineswegs! Hier hat man die neue, große Halle einfach um die alte, kleinere herumgebaut. Soeben ist alles fertiggestellt, und man beginnt die alte Halle abzubauen, während der Betrieb in ihr ununterbrochen weitergeht, ohne daß eine Stunde dabei verloren geht.
3n der Gießhalle: Schmelzer am Werk!
Ein Abstich — und sehe man ihrer tausend, der Tausendste wird wie der erste gefangennehmen. Wie es möglich ist bei so viel dörrender Hitze und strahlender Glut, kann man nicht erklären, aber das jung aus dem Ofen sprudelnde Eisen besitzt eine Frische, die belebt und erquickt. Die Arbeit der Schmelzer am Ofen ist nicht mehr so schwer, wie sie noch zu meiner Zeit gewesen ist, geschweige denn in der Vorkriegszeit, die noch das Zweischichtensystem kannte, statt der drei Schichten seit Kriegs ende. Die Arbeit des Schmelzers ist von den „warmen" Betrieben vielleicht sogar die leichteste — wenn der Betrieb glatt und störungslos verläuft. In der Nachkriegszeit entstanden durch die allgemeine Erschöpfung des Materials viel mehr Störungen als heute. Es kam oft vor, daß das flüssige Eisen sich durch das Steinfutter der Ofenwand hindurchsrah Dann begannen die eisernen Außenwände zu glühen und die Wasserrohre der Kühlmäntel barsten. Wenn es galt, die rotglühenden defekten Rohre mit Schraubenschlüsseln abzumontieren, das Leck abzudämmen und zu dichten, und danach neue Rohre einzusetzen, das waren allerdings Stunden „mörderischer" Arbeit. Da brannte die Haut der Hände, da verkohlten die Holzschuhe und die Haare konnten unter dem Schlapphut zu Zunder werden. Viele Störungen entstanden auch dadurch, daß der Bauch des Hochofens ein „schlechtes Fressen" erhielt, was er nicht verdauen konnte, dann überschwemmte er unsere Bühne mit vielen Tonnen von Schlacke und schmiß mächtige Feuerkugeln donnernd in die ganze Gegend Das ist heute alles anders geworden; auch Gasausbruche bedeuten kaum mehr eine Gefahr, feit die Schmelzer Gas- masken tragen, und die gröbsten Arbeiten, die wir noch mit der Hand verrichten mußten, werden heute von Maschinen ausgesührt.
Wenn die Ihomasbirne „gefüttert“ wird.
®ieJe1t“n't'9cn braufenden Flammen im Thomaswerk entstehen, wenn Kaltluft unter Druck durch den Boden der Thomasbirne eintritt mH«* reBll?,!n<.^onnet’ DOn flüssigem Eisen darin durchströmt, durch- s . betanni, daß durch alle möglichen Verbrennungsprozesse h«;5m®<rk" bllbel Thomasstahl verwandelt wird. Wichtig ist, sowohl ffif^.f''9?In?kPr0^x r?,e beim Martinsösen, die Zusammensetzung des l Trö bt«, S,u,!n letzten Augenblick herumgedoktert. Das ist UN ein wunderbarer Anblick, wenn eine Thomasbirne, anzusehen wie und Z 'k nS«’5ifral! mit offenem Maul auf dem Bauch liegt, HM* 9 r e OTetfter, so wie der Wärter im zoologischen Garten dem m kaOn(nl: et et. Zusätzen in dieses Maul hineinwirft. Der
mächtige Leib der Birne wird dann ein wenig hin- und hergefchaukelt genau wie e,n Säugling, dem man die Flasche gegeben hat Der Meister mi" hUn r'k bxr ™fd,e T bmUes ®tas- durch das er beobachten kann, rate der istnd nde Magen das Genossene verdaut. ’
Bild des Weisters.
Der Meister, was ist das für ein Mann? Fast immer ist er mager, von Hitze ausgedörrt, fast immer hat er eine pergamentfarbene Haut, die sich eng um die Knochen spannt, und Augen, die vom Widerschein der strahlenden Hitze naß, gleichsam schweißig glänzen. Seine Bewegungen erinnern an die eines Dompteurs; tatsächlich ist feine Aufgabe ähnlich, er muß die „Stimmung" des Eisens erforschen, um es zu beherrschen. Ein halbes Dutzend Kranführer und Maschinenwärter heften die Augen auf seine Gestalt. Wenn er mit den Fingern schnappt und ein paar kleine Armbewegungen macht, als ob er fliegen wollte, bann weiß der Maschinenwärter genau, um wieviel er jetzt die Birne zu heben und zu senken hat.
Der Ingenieur an meiner Seite erzählt, daß der Meister ein Spektralglas, dessen Linien die Zusammensetzung des Eisens erkennen lasse, wie einen Orden führt. Es verkörpert für ihn die Würde einer verantwortlichen Stellung und ein höheres Wissen.
Zyklopen - Werkstatt.
Eine solche riesengroße Halle bietet ein unbeschreibliches Schauspiel mit ihrem Ausslammen und Erlöschen, mit dem Spiel ihrer gewaltigen Schatten, mit dem Brausen und Donnern, das sie ganz erfüllt, mit den ungeheuren Kräften und Temperaturen, die man in den Leibern der Oesen spürt. Ueberroältigenb ist auch hier bie spielende Handhabung der größten Gewichte. Man vernimmt so oft Vergleiche wie „haushocki- ober „schwer wie ein Berg". Man vernimmt sie so ost, baß man sich meist nichts mehr barunter oorstellt. Man versuche einmal, sich bilbhaft vorzustellen, wie bas wäre: em Haus, bas, an einem Henkel hängend, burch bie Luft getragen wirb, wie eine Kaffeekanne zwischen Daumen uub Zeigefinger. Ober, baß schwarze Zylinderhüte, groß wie Kirchenglocken, mit eleganter Bewegung aufschweben wie zu höflichem Gruß unb statt bem Scheitel eines Kavaliers kommt ein kirschrot glühenber Stahlblock barunter hervor. Ober: ein mächtiger Kuchenteller aus Eisen senkt sich am Drahtseil wie vom Himmel herab unb auf einmal fliegen ihm von ber Erbe her mächtige eiserne Kuchenstücke entgegen, als hätten sie alle Schwere verloren. Man weiß natürlich: bas ist ein Elektro- Magnet, und doch wirkt es fo wie Trickfilm oder wie Zauberei.
Artisten im Walzwerk.
Glühende Stahlblöcke von einigen Tonnen Gewicht werden in zentimeterftarke oder noch dünnere Drähte, in zentimeterdünne oder millimeterdünne Platten verwandelt. Andere in Eisenbahnschienen und so fort. So wie der Block zwischen den Walzen sich streckt, und von Walzenpaar zu Walzenpaar dünner und biegsamer wird, nimmt die Drehzahl der Walzen und damit das Arbeitstempo zu. Rollt der große Block langsam und schwerfällig mit gewaltigem Poltern und Rollen die Walzenstraße entlang, so schießt der dünne Draht wie ein Blitz aus den seinen Führungen der Walzenstraße. Ausgabe des Arbeiters ist es, ihn an der Spitze mit einer Zange zu packen, herumzuschwingen und zwischen die nächstkleineren Walzen hineinzuschieben.
Wenn ber Fuchs eine aufflatternbe Ente, an bie er sich angeschlichen hat, im Sprung ersaßt, wenn ber Bussarb mit unfehlbarer Sicherheit bie in ihr Loch schlllpfenbe Maus sich krallt, so betrachten wir bas als Wunder an Geschicklichkeit und Schnelle, die dem Menschen nicht erreichbar sind. In jahrelanger Uebung Haden diese Menschen hier es aber soweit gebracht, daß sie dem Raubtier im Sprung oder dem Vogel nichts nachgeben. Ich vermag die Geschwindigkeit bes dahinsausenden Drahtes nicht abzuschätzen, würde aber sagen, daß sie mindestens zehn Meter in der Sekunde beträgt. Man stelle sich vor, was es heißt, einen solchen Blitz genau an der Spitze mit einer eisernen Zange zu packen. Man stelle sich weiter vor, daß der Draht ja nach seiner Stärke ein erhebliches Gewicht, einen Biegungswiderstand und einen mächtigen Schwung besitzt. Nehmen wir an, alles in allem, die Kraft eines sich heftig sträubenden kräftigen Hundes. Und nun versuche man sich vorzustellen, daß alle paar Sekunden ein derartig wehrhafter, glutatmender Blitz erscheint und man gewinnt eine Vorstellung davon, was der Walzwerkarbeiter zu leisten hat
Rhythmus wirkt wunder.
Nach einer langen Weile wird man bemerken, wie wundervoll die einzelnen Arbeiter, so wie sie verteilt an den Walzenstraßen stehen, 1 in die Hände arbeiten Ein fliegender Blick genügt als Verständigung. In der Bewegung des einen ahnt der nächste die Bewegung voraus, die er in der nächsten Sekunde machen muß. So entsteht Rhythmus, Rhythmus, ein gewaltiges und in feiner Bedeutung noch längst nicht erfaßtes Wort. Er bestimmt das Lebensgefühl von Tierstaaten und primitiven Völkern. Er bestimmt auch unser Lebensgefühl; in welchem Maß, haben wir bisher kaum erkannt. Rhythmus: Der stärkste Erwecker des Gemeinschaftssinns, der stärkste Förderer von Arbeitslust und Arbeitsfreude. Die preußische Armee hat ihn zuerst in der Neuzeit wieder nutzbar gemacht, der Arbeiter entbehrt ihn, wo er ihn nicht findet und wo es irgend möglich ist, versucht er ihn sich zu schaffen.
Wir sehen das noch beutlicher im Blechwalzwerk, wo die Menschen in Gruppen arbeiten und im Akkord. Akkordarbeit bedeutet Ausnutzung aller Geschicklichkeit und aller Intelligenz des einzelnen in seinem eigenen Interesse. So führen uns die Gruppen im Blechwalzwerk Geschicklichkeitsleistungen vor wie sie von keiner Turnertruppe übertroffen werden. Aus oieltausendfacher Uebung erwächst Instinkt; so gewinnt man den Eindruck, daß diese Menschen Augen im Rücken haben und daß sie in ihrem Zusammenwirken Glieder eines Körpers sind.
Daß wir hier wirkliche Höchstleistungen vor uns haben, zu denen nur verhältnismäßig wenig Menschen befähigt sind, das geht sehr klar hervor aus den Löhnen, die in diesen Abteilungen gezahlt werden: 2 Mark die Stunde (ohne Abzüge). Und daß der Beruf eines Meisters ganj besondere und seltene Fähigkeiten in menschlicher und technischer Beziehung verlangt, bas geht ebenfalls aus der Lohnliste hervor: bis zu tausend Mark im Monat...
aJeran moiHicö. Ur. Hans Thyriot. Druck und Berlag: Drühi'jche Univerf itätS.Buch, und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.


