Der Vater.
Don Emil Strauß,
„Komm, laß mir deine warme fianb, ich wärme mich noch dran;
nun plötzlich ja verkühlt der Brand, der mich so lang durchrann, so lang durchrann, seitdem die Fei in meine Wiege lachte, und einer Geige Sehnsuchtsschrei im Säuglingsohr erwachte.
Wo wogt es her? Wo wogt es hin? Es wiegt dich aus und nieder, verzaubert deinen Erdensinn, entkörpert deine Glieder: du stürzest ab, du ringst dich auf, was dir gerät, mißlingt, ist nur des Fiedelbogens Lauf, und das Ewige singt —
Es singt so süß, es singt so wild, es schmelzt dich in sich ein; du willst dich sträuben, Menschenbild?! kannst du denn anders sein?
Die höchste Krone, die du hebst mit trotzigem Genick, was ist sie, wenn du klingend bebst vom ewigen Augenblick?
Du hörst die Melodien nicht, die heute in mich münden, mit meiner frühsten Tage Licht nun diesem letzten zünden, ausglühen, was ich tat und war, bis auf den einen Ton: wie schwillt er an, wie rinnt es klar! ich fing es dir, mein Sohn!"
Und anhob seine greise Stimm und kämpfte tiefbewegt — so raschelts und greinte, wenn Windesgrimm vereiste Büsche fegt, ein Raunen, Zittern, Seufzen nur — fein Auge blaukristallen lauschte, als schritt er auf Maienflur im Rausch der Nachtigallen.
Das Lenchen und die Ida.
Bon Hermann Claudius.
Ohne Frage: ich hatte nut meinen elf Jahren das Lenchen sehr lieb. Ich hatte es mit den Augen lieb, und ich hatte es mit den Ohren lieb. Und ganz heimlich wußte ich wohl: das Lenchen mag dich auch. Und daß es heimlich war, das war ungewuhterweife die Hauptsache dabei. Wenn ich mitten unter den anderen Knaben stand und wir redeten von ganz anderen und oft groben Dingen, vermochte ich mir Lenchens schmales Gesicht mit der feinen, leise gebogenen Nase und den lichtblauen Augen, in denen immer ein heimlicher Funke lauerte, deutlich oorzustellen. Hatte ich doch, ehe ich es gewagt hatte, ihr irgendein offenes Zeichen meiner Zuneigung zu geben, oft genug mein Gesicht gegen das Glas der Fensterscheibe unserer Speisekammer gedrückt, derart, daß mir die Nase hinterher schief stand, weil ich von dort her unbeobachtet das liebe Gesicht betrachten konnte, wenn Lenchen vor der Werkstatt-Tür ihres gestrengen Vaters, des Olafen Meisters Peter Popp, in der Sonne faß und häkelte oder strickte.
Was ist Zeit — und was ist Ewigkeit? Reichten sie sich nicht beide damals lächelnd die Hände?
Und wieviele Male hatte ich mit meiner Rechten, die wohl zu zeichnen verstand, die beiden Buchstaben L und P auf kunstvolle Urt miteinander verschnörkelt? Diese Zettel mit den Berschnörkelungen steckte ich Lenchen verstohlen zu und wagte kaum, ihre Hand dabei zu berühren.
Und bann kam jene glückliche Zeit, in der wir beide unser jedwedes jiingftes Brüderchen im Kinderwagen vor uns herschoben — den Eppen- teorfer Weg entlang — nach dem Eimsblltteler Gehölz. Aus der stillen grünen Wiese ragte eine alte gabelige Pappel und rauschte im leisesten Winde. Dort lagerten wir, das Lenchen und ich, und spielten mit den Veschwisterchen Mutter und Kind. Dabei gerieten unsere Blicke bann unb Dann ungewollt ineinander. Fing Lenchen in solchem Augenblick an zu lächeln — unb es war ein Lächeln nur um bie Augen herum —, so Darb ich verwirrt unb schoß schnell im Gras koppheister ober machte irgenbeinen anberen albernen Ausfall. Danach kehrten mir beibe schnell in ben Ernst unseres Spiels zurück, der dennoch nichts weiter war als i in verkapptes Versteckspielen voreinander.
Lenchen sagte plötzlich zu mir: „Was willst du werben, wenn bu groß düst?" Sie sah mich nicht an unb summte leise vor sich hin. Ich glaube.
ich habe ein sehr dummes Gesicht gemacht. Was ich werden wollte? Darüber hatte ich im Ernst noch gar nicht nachgedacht. Etwas Besonderes wollte ich werden. Das war klar. Etwas, was die anderen Buben nicht werden konnten. Und ebenso plötzlich antwortete ich: „Maler will ich werden!" — und machte eine sehr wichtige Miene dazu. Da lachte das Lenchen schelmisch aus und sagte mit ihrer tiefen Stimme: „Ich will aber einen Mann haben, der bei der Feuerwehr ist wie mein Vetter."
Wenn man zum Ausgehen angezogen ist, und es wird plötzlich Regenwetter — so war mir auf einmal zumute. Die alte Pappel rauschte auch sehr verdächtig. Lenchen summte wieder vor sich hin.
„Warum soll ich kein Feuerwehrmann werden können?" — fragte ich schließlich verdrießlich. „Kannst du auch klettern?" fragte sie dagegen und fah mich saft spöttisch an.
Ich sagte gar nichts, sondern fing an, bie alte sperrige Pappel zu ersteigen. Ich war in biefen Dingen sonst kein Helb, aber wir warb bei jebem Meter, ben ich höher stieg, um so wohliger zu Sinn. Als ich in bem einen schröghängenben Gipfel saß, wagte ich hinunter zu blicken. Da ftanb Lenchen unb sah fast ängstlich zu mir auf. Ich warb vor lauter Stolz übermütig unb fing an, auf meiner Gipfelschwebe zu schaukeln. Unb beinahe wäre ich abgerutscht. Ich fühle ben Schreck noch heute im Blut, wenn ich ber Szene gebenfe. Sehr sehr langsam kletterte ich roieber hinab. Meine leinene Bluse war über ben weißen Einsatz weg grau unb schmutziggrün geworben. Es sah häßlich aus. Das Lenchen schien es nicht zu bemerken. Es saß unb summte roieber vor sich hin. Mein kleiner Bruber machte bann beutliche Zeichen, baß etwas Not- roenbiges mit ihm vorzunehmen sei. Ich war ihm bantbar bafür und entschwanb mit ihm im nahen Gebüsch. Balb barauf schoben wir nach Hause. Vom Feuerwehrmann fiel kein Wort mehr.
Am selben Adenb im Bette vor bem Einschlafen war zum ersten Male nicht mehr bas große Singen in meiner Seele vom Lenchen unb mir, jene allerersten, ungeschriebenen Gebichte, bie mich durchbraust haben. Die große Orgel schwieg still. Ich kniff die Augen zu und schlief trotzig ein.
Ich weiß nicht mehr, wie es anging, aber ich weiß, daß es bald danach die rund- und rotbackige Ida Lüttmann war, bie mir Abend für Abend einen runden und reifen Apfel zusteckie, ehe wir nacheinander zum Abendbrot und Schlafengehen in die Häuser gerufen wurden.
Diesen Apfel steckte die Ida mir immer sehr heimlich zu. Und bald wußte ich, daß sie ihn ebenso heimlich Abend für Abend aus der Apfel- tifte ihres gestrengen Herrn Vaters entwendete. Ich wollte es dann nicht mehr dulden. Aber Ida Lüttmann sagte: „Wenn du mein Mann bist, bann müssen wir ein schönes Haus haben mit einer Werkstatt dabei." Ich begriff nicht, was ich mit einer Werkstatt follte, sagte aber ja. „Dann mußt du viel Geld verdienen und bann reifen wir nach Itzehoe." Warum wir nun gerabe nach Itzehoe reifen wollten, wußte ich wiederum nicht. Aber ber Name klang gut. Ich sagte wieder ja. „Dann mußt du gut auf die Kinder aufpaffen, hörst bu? Damit sie nicht ins Wasser laufen." Ich nickte Das Wasser interessierte mich. „Da ist auch ein Walb", sagte Iba Lüttmann eifriger, „ber geht immer weiter — immer weiter. Da wohnt meine Großmutter. Aber wirklich!" Dabei sah sie mich an, unb ihre Augen würben ganz groß. Ich war schon in Gebanken halb beim Wolf angelangt, als Iba Lüttmann mich anstieh unb fragte: „Du, wieviel Kinber wollen wir haben?" „Vier" — sagte ich unvermittelt. Meine Brüber unb ich waren auch vier. Da lachte sie sehr luftig los, und ihre Augen kugelten beinahe heraus. „Haha! Vier? Nee — acht! Vier Jungs und vier Mädels. Und Pfingsten kriegen sie alle neues Zeug. Das macht Spaß! Fass' mal eben ben Wagen mit an", sagte sie im selben Atemzug weiter, „bas eine Rab ist in eine Kuhle gerutscht." Ich hob ben Wagen, in bem bie bicken Zwillingsbrüderchen saßen unb auf ihren Daumen lutschten, bis das Rad roieber heraus war. Danach schoben wir nach Hause, unb abends bekam ich wieder meinen runden roten Apfel.
lieber solchen Apfel ging aber eines Tages unsere kinderreiche Liebe auseinander auf Nimmerwiedersehen
Der gestrenge Herr Vater, der Tischlermeister Andreas Lüttmann (sie hießen sich alle mit Standesstolz Meister, die in unserer langen Terrasse und ihrer Nachbarschaft hausten: ber Küpperrneister, der Malermeister, der Drechslermeister — bis auf den Schuster Jessen, von dem ich noch erzählen werde), Herr Tischlermeister Andreas Lüttmann mit der goldenen Brille auf ber großen Nase hatte seine Tochter beim Entwenden des abendlichen Apfels beobachtet unb bes ferneren auch gesehen, wo ber Apfel verschwanb. Ueberhaupt schienen ihm bezüglich seiner Tochter unb mir bie schwersten Bebenken zu kommen. Ich ftanb in unserem Hauseingang. Herr Lüttmann kam langsam auf mich zu. Im Rücken verbarg er etwas. Daß bei Lüttmanns bie Rute noch eine Rolle spielte, wußte ich bereits. Der offenbaren Schanbe zu entgehen — denn auf lange Reben mürbe sich ber immer mürrische Meister nicht ein= lassen, — verließ ich mich auf meine langen Beine unb kniff aus. Der Meister hinterher. Ich in ben nächsten Eingang hinein, bie Treppen hinauf wie ein Eichhorn. Der Alte wie ein Marber hinterher. Ich hörte beutlich fein roütenbcs Keuchen. Aus ber engen obersten, ber Boben- treppe, dachte ich: wenn die Tür nun verschlossen ist? Unb ber Angstschweiß brach mir aus allen Poren. Ader — Gott sei Dank! — bie Bobentür ftanb offen. Ich schlüpfte hinein unb fchlug bie Tür hinter mir zu. Ich hörte, roie ber Meister sie roieber aufriß, baß sie mit bem Eisengriff gegen bie Bretterroanb prallte. Dann eilte ich im Halbbunkel des Äachgiebels über bie langen Balken weiter, vorsichtig taftenb immer weiter bis an bie Dachluke Hier verkroch ich mich in eine große leere Kiste, bekam bas ganze Gesicht voller Spinnweben, blieb aber ruhig barin hocken unb horchte Sobalb ber Meister mir nachkäme, müßte ich aus ber Luke heraus unb über bas Dach hinweg in ben Dachbaben bes nächsten Hauses kriechen unb durch bie Treppe biefes Hauses entwischen.
Ich lauerte in ber Kiste unb horchte lange. Ich schalt mich innerlich in eine große Wut auf bie dumme Ida hinein: ihretwegen saß ich nun


