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Unterhaltungsbeilage zum Eiehener Anzeiger

Jahrgang <955 Montag, den 18. Zebruar Nummer H

Die Hochzeitskuh

Roman einer jungen Liebe von Josef Magnus Wehner

Copyright 1 9 2 8 b y

Georg Müller Verlag A.-G., München

(Fortsetzung.)

Als der Zerrwanst erklang und die Paare zum Tanz antraten, gab Anna ihrem Freund ein Zeichen, ging hinaus, er folgte ihr unbemerkt und fand sie, zum Heimgehen gerüstet, am Garten stehen. Sie brach eine Aster ab und steckte sie sich in den Gürtel. Dann gab sie Bertold den Arm und zog mit ihm in den warmen Föhn. Sie drückte sich an ihn und sang von unten herauf. Ihr Haar war frei, ihre Hände heiß. Plötzlick blieb sie stehen. Er sah ihr blasses Gesicht, das von der Nacht überströmt war, ihre Augen waren wie Samt. Sie bot ihm den Mund.

In diesem Augenblick kam der Schmiedejunge daher. Er ging mit starken Schritten, und von seinem Hufeisen stoben die Funken.

Als er die beiden erblickte, drängte er sich zu Anna. Bertold ging des Weges zurück, niemand rief ihn mehr. Am Bildstock blieb er stehen. Fern und tief hallte die Nacht. Er hörte die lachende Stimme des Schmiedejungen, der immerzu sprach, ohne von der verstummten Anna eine Antwort zu erhalten. Bertold blickte in die wunderbaren Mond- gewölke und schwieg.

Auf einmal, leise wie der Schlag eines Ruders, flog ein Bild um ihn und umhüllte ihn ganz. Ein süßer Schmerz umflorte seine Brust, und endlich wuchs stark und lieblich eine Gestalt in ihm empor und stand vor ihm. Er sagte:Birgel", feierlich, fast im Traum, als stünde sie eben aus dem Grabe aus Er mußte sie jetzt sehen und ging in das Haus zurück.

In der Küche war sie nicht. In der Stube stampften die Tänzer, vielleicht flog sie da mit. Er ging hinein und prüfte die Gesichter im Wirbel.' Sie war nicht da. Er eilte in die Kammer, auch da nicht. Hott! Er war nicht in der Stube ... Bertold stürzte, wahnsinnig vor Schreck, aus dem Haus. Ein Wirbel trieb ihn durch den Hof, er ries ihren Namen, leise, inbrünstig. Dann sprang er um das Haus herum in den Garten. Kaum war er um die Ecke, da was war das? Dort im Grase? Er hörte zwei Menschen lachen. Hott und

Da schlug ihn der Wirbel herum. Er erstickte den Schrei und ging Er taumelte in den Hof. Da sah er Licht aus der Scheune dringen, dachte, es fei der Knecht und ging auf das Licht zu. Kaum hatte er die Tür geöffnet, da schrie er ihren Namen:Birge!"

Sie war es wirklich, stand vor einem großen Haufen Stroh und band Seile. Sie stand völlig in Gold und . Licht, zog die Augen hinauf und sprach fast erschreckt:Da bist du ja!"

Bertold wand sich an der Tür, endlich ging er zu ihr und half ihr. Er erzählte ihr bei der Arbeit von seinen früheren Streichen, sie banden Seile, bis die Leute aus dem Haus gepoltert waren.

Birge deckte ihm heute das Bett selbst auf, aber trotzdem hatte Bertold schreckliche Träume. Er mußte über ein großes Feld fahren und Garben mit der Gabel aufladen. Jede Garbe aber war ein Bauer, und sie wurden immer dicker und schwerer. Zuletzt am Ende der Reihe aber lag ein Paar: Hott und die Magd. Bertold stach zu.

Da wachte er auf und sah den Mond scheinen.

Drittes Kapitel.

Föhn.

Vorn Süden her über die Berge wälzte sich der Föhn in mächtigen Wellenschlägen. Zuerst kam er, Donner unter den Füßen, Himmel und Erde erfüllend, seine nächtliche Bahn daher, man hörte einen lang- gezogenen dunklen Ton und sah ungewisse Helle aus der Schwärze des Raumes aufbranden. Dann wurde es ebenso ungeheuer still hinter ihm. Einzelne Sterne schmolzen aus ihren blauen Feldern herab.

Aus dem Berghof tappte reisefertig Friedrich, der Pate, stülpte seinen Hut fest und rief, als er vor dem erleuchteten Fenster des Nachbarn angekommen war, krächzend und hustend:He, Matthies, es ist ja höchste Zeit."

No, no, Friedrich, halb so wild", gab eine fette und brummige Stimme zurück,ich muh mir doch das Brot noch erst in den Ranzen reinstecken." ,

Derweil bind ich das Kalb los. Tummel dich, tummel dich. Friedrich klatschte in die Hände.

Bald darauf gingen die beiden Bauern und das Kalb, das auf den Markt gebracht werden sollte, die fahle Straße zum Fluß hinunter.

Alle drei ließen den Wind gewähren; Friedrich steckte seine hageren Beine seitwärts fest in den Boden, Matthies torkelte, wenn der Föhn einhielt, und schwamm mit zugekniffenen Augen, wenn er losblies; das Kalb stolperte in der Mitte, senkte, wenn der Wind kam, die Deckel über die vorgetriebenen Schlafaugen und ließ sein Fell zittern, wenn es sttll wurde.

Bor einem kleinen Wald, der das Gelände mit kurzen Tannen über­lief, blieb Matthies plötzlich stehen, deutete mit seinem Stock rückwärts und fragte gedämpft, als stecke das Tannicht voller Wegelagerer:Ist dein'Pate schon fort, der Student?"

Was weiß ich!" entgegnete Friedrich mürrisch.Ich hab' ihm jeden­falls ein paar Pfennig neben feinen Rucksack gelegt, daß ihm der Ab­schied nicht so schwer fällt."

Das ist ein Volk", meckerte der Dicke und schneuzte sich.

Er hat aber was los", knurrte Friedrich, der seine Patenschaft nicht so leichtfertig in den Wind hängen wollte.

Jawohl", krähte Matthies mit hoher Stimme und fiel beinahe über das Kalb, das inzwischen eingeschlafen war. Dann, indem er Wort für Wort dem Kalb sein Schnupftuch um das Maul klatschte, ließ er seine Gedanken, die er sich in der Nacht zusammengeschirrt hatte, los

Jawohl, Seile hat er mit ihr gebunden bis in die finstere Nacht. In der Scheune hat er bei ihr gesteckt Und mein Hans mein Hans kannst du dir denken, dem ist der Mund sauber geblieben .. Das wär mir eine Schwägerschaft Prost!"

Dieses Prost hatte eine eigentümliche Wirkung auf Friedrich. Er trank oft und gern mit Matthies in der Stadt einen guten Schnaps und war auch bei solchen Sitzungen mit ihm einig geworden, daß Hans und Birge einst ein Paar werden sollten. Ja und nun, als Mat- thies Prost rief, stiegen alle Widerwärtigkeiten, die das Patenkind gestern Über seinen Hof gebracht, als trockener Dampf in seinem Halse her­aus, zugleich aber auch, unsichtbar wie die Sonne, die goldene Flasche, deren Bild eben durch das Prost ihm lebendig vorgemalt worden war. Voll Eifer, den Streit zu beenden und möglichst schnell ins goldene Morgenland zu kommen, gab er dem unschuldigen Kalb einen Schlag über den Rücken, so daß es entsetzt auffuhr, und rief, indem er wie ein Reiter dem in den Wald dahinstiebenden Kalb den Zügel lüpfen ließ:Richtet nichts aus, nichts bei der Birge. Wird sich in den Finger schneiden. Hallo!" Und der Wald nahm mit seiner allmächtigen Ruhe das widerspenstige Dreigespann auf.

Im selben Augenblick wachte Bertold in seinem Bett langsam auf. Er ließ die Augen zu und horchte. Der Wind drehte sich lustvoll schnar­rend, gurgelnd und heulend durch Lehm und Läden des alten Hauses.

Da hörte er unten einen Schritt gehen. Er setzte stark und geschmeidig an und verrauschte dann wie Wellenschlägen. Birges Füße. Wenn sie doch da wäre! Sie hätte wenigstens einmal von unten an die Decke stoßen sollen, klingend, mit dem Besen. Aber ihre Brüder waren noch da und die Schwester. Bertold legte sich in die Welle des Windes und wartete.

Pferdegetrappel weckte ihn wieder. Da fuhren sie den Berg hinauf, die Brüder, eilig hinter dem Pflug. Dann kam die Viehherde, die Hoch­zeitskuh. Hinter dem Hirten tauchte die Schwester auf in einem Ballen von Mägden. Sie trugen rotwollene Kopftücher, und in den Händen schwangen sie Kessel mit Essen, aus denen noch der Rauch stieg. Die Kessel waren so groß, daß sie für den ganzen Tag reichten. Zuletzt schnarrte der Knecht mit einem andern Pflug aus dem Hof und den Berg hinauf. Dann war es totenstill. Auch der Wind legte sich. Birge? War sie noch im Hause? War sie nicht unter den vermummten Mägden gewesen?

Bertold hörte etwas die Treppe heraufstreichen, nicht anders, als wenn ein Busch unter dem Wind über das Fenster streift. Da blieb es auf dem Vorplatz stehen, lauschte, hustete ..

Bertold stellte sich schlafend. Die Türklinke zwitscherte, und Birges Kopf schnupperte in die halbhelle Stube.

Er atmete laut und langsam, als ob er im tiefsten Schlaf hinge. Sie kam zögernd näher, dehnte ihre Hand aus und hielt sie ihm über die Stirn, streifte bann sein Haar, indem sie immer die Tür im Auge behielt, und wollte ihn eben am Ohr, nur ganz leicht, ansassen. Da