(£m Lied hinterm Ofen zu singen.
Von Matthias Claudius.
Der Winter ist ein rechter Mann, Kernfest und aus die Dauer;
Sein Fleisch suhlt sich rote Eisen an Und scheut nicht Süß nach Sauer.
War je ein Mann gesund, Ist er’s;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weih nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs Und schläft Im kalten Zimmer.
Er zieht sein Hemd im Freien an Und läßt's vorher nicht wärmen Und spottet über Fluh im Zahn Und Kolik in Gedärmen
Aus Blumen und aus Vogelsang Weiß er sich nichts zu machen, Haßt warmen Drang und warmen Klang Und alle warmen Sachen.
Doch wenn die Fuchse bellen sehr, Wenn's Holz im Ofen knittert, Und um den Ofen Knecht und Herr Die Hände reibt und zittert;
Wenn Stein und Bein nor Frost zerbricht Und Teich und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht, Dann will er tot sich lachen..—
Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hot er auch ein Sommerhaus Im lieben Schweizerlande.
Da ist er dann bald dort, bald hier, Gut Regiment zu fuhren,
Und wenn er durchzieht, stehen wir Und sehn ihn an und frieren.
Oer Erzieher.
Von Wilhelm von Scholz.
Eine mir — mit „mir" bezeichne ich mich, nicht den Verfasser, der diese kleine Geschichte vielleicht gegen meinen Willen einmal drucken läßt —
Also: eine mir befreundete Familie — Vater, Mutter, Tochter von acht und Sohn von sechs Jahren — luden mich des Sonntags ost zu Fahrten mit ihren: Wagen ein. Ihr bequemer Ford lief gut und nicht nur über Geschäftsunkosten. Der Besitzer, mein Freund Dr. Erhardt, war Architekt und hatte neben städtischer eine ausgedehnte Bautätigkeit an verstreuten Landorten. Ein Wagen zu Geschästszwecken mußte ihm zngestanden werden, wenn auch seine seltener gewordenen Aufträge nur noch verringerte Einnahmen erbrachten. UebtigenS war Erhardt ein ausgezeichneter, ebenso sicherer wie vorsichtiger Fahrer,- dem man sich gern anvertraute.
Um sich für die Blätter der eleganten vornehmen Welt am Steuer oder an den Kühler gelehnt photographieren zu lassen, war sein Wägelchen ungeeignet. Von der Geburtsfirma abgesehen, hatte es dazu schon einige Jahre zu fleißig arbeiten müssen. In seiner Polsterung und seinem Glanz hatte es auch durch Hero und Max, die Kinder, gelitten, die das Spielzimmer lange nicht so sehr als ihr Zuhause betrachteten wie den Wagen, der sie jeden schönen Sonntag im Sommer und Winter über Land führte, zu auswärts wohnenden kleinen Vettern brachte, in dem sie auch Spielgefährten manchmal von weit herbeiholen dursten. Dp ihnen das Stilllitzen befchwerlich fiel, kletterten sie ost während der Fahrt vom Rücksitz, wo sie die Mutter vergeblich zu bändigen suchte, über die Polsterlehne zum Führerplatz vor neben den Vqter und wieder zurück.
Der Junge hatte schon technische Neigungen. Er schraubte an allein, was nicht mit dem Motor zusammenhing — hier hatte der Vater denn dock) rechtzeitig ein Machtwort gesprochen — herum, so daß es längst zweifelhaft war, ob die Uhr, der Kilometerzähler, der Schnelligkeitsmesser und der Benzinzeiger noch als glaubwürdig, dagegen nicht, daß sie verkratzt anzusehen waren.
Ich bin kein ausgesprochener Freund des Luxus. Mich stören abgenutzte Polsterungen, brüchiger Lack, erblindete Politur und selbst cm abg-schraubter Geschwindigkeitsmesser nicht sehr, wenn der Wagen bequem, der Fahrer zuverlässig ist, und die Fahrt in die Weite von Land, Berg, Fluß, See und Wald huiausgeht — und wenn sich, woraus ich mich bei Erhardt stets verlassen konnte, am Ziel auch immer ein gutes Gasthaus findet, dessen Wirt zum miichesten aus einem Gebiet Meister ist: sei cs aus dem wichtigsten des Weins oder dem der Forellenbereitung, eines wenigstens brauchbaren Tees, oder wenn er für Kasfee und Kuchen Lob verdient.
Unter diesen Gaststätten, die irgendeinen Taselrekord hielten, waren natürlich gelegentlich auch Ranghotels. In denen machten wir sowohl mit dem Wagen wie mit den in ziemlicher Wildheit ausgewachsenen Kindern keine durchaus entsprechende Figur. Und ich gestehe, daß ich recht gern eine etwas strengere väterliche Autorität und Einslußnahme aus die Kinder gewünscht hätte. Im Speisesaal eines Kurhauses, auf der Aussichtsterrasse eines Berghotels, gelten eben andere ungeschriebene Verhaltungsvorschriften als auf einem Schulhof oder einem Turnplatz; auch wird ein Barren doch nur sehr unvollkommen durch Stühle ersetzt, die man von zwei Nachbar- tischen holt und Rücken zu Rücken stellt, um dazwischen sich zu schwingen oder Handstand zu versuchen.
Eigentlich war nur ich um Erziehung bemüht, und Vater Erhardt lachte einmal, als Max und Hero trotz meiner Onkelermahnungen durch den Saal fortgetollt waren: „Ich wünschte, sie folgten dir. Wir beide, Lilly und ich, haben es schon lange ausgegeben."
Frau Lilly nickte mir resigniert zu und wandte sich dann an ihren Mann: »Aber vernünftigerweise geht es doch so nicht weiter!"
„Unsere eindringlichsten Vorstellungen und Bitten nützen doch aber gar nichts!" erwiderte der Vater, der im Streben nach einer gewissen
IterierelnfHmnmng seines Lebens nnd seiner Banwekse In der Er^ehung den neuesten Grundsätzen huldigte.
Er ließ sich, trotzdem er in vielem auf mich hörte, iperim auch von mir nicht beeinflussen. Es focht ihn nicht an, daß ich ihn für einen ausgesprochen schwachen Vater erklärte; es erschreckte ihn nicht, wenn ich düstere Prophezeiungen von den viel härteren Methoden des Lebens als Erzieher aus- sprach, das Immer balm eingreife, wenn die Eltern eS hier am Nötigsten hätten fehlen lassen — womit ich altväterisch genug neben der bewegenden überzeugenden Rede auch mal einen Klaps nnd Knuff meinte.
Ich resignierte den Eltern — wie die Eltern den Kindern gegenüber.
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Wir hatten uns längere Zeit nicht gesehen. Ich las zn meiner Freude in der Zeitung, daß Erhardt einen großen Auftrag, den Bau eines Sanatoriums oder Internats, übertragen bekommen hatte und auch sonst seit jüngster Zeit viel im Zusammenhang mit staatlichen Plänen genannt wurde. Da gehörten seine Sonntage wohl der Schreibtischarbeit. Ich selbst luar damals oft auf Reifen, so daß Erhardt mich gewiß mehrmals vergeblich zn erreichen versucht haben mochte. Die sonntäglichen Autotouren hatten sich nnmerklich bei mir wieder in Wanderungen und kleine Bahnfahrten zurückverwandelt.
Daß mir das doch sehr leib tat, erkannte ich an Folgendem: ich suchte mir alle Augenblicke klar zu machen, daß es eigentlich so viel angenehmer sei; und unter den Gründen für meine jetzigen Wanderungen und gegen die früheren Wagenfahrten war auch ber? daß das Benehmen der Kinder, die bei jedem Ansslug ihren Anzug zerriffen und beschmutzten ober plötzlich ohne Schuh und Strümpfe ankamen, wirklich keine Freude mehr gewesen sei.
Das sprach mein Kopf, aber mein Herz zog mich deshalb doch oft an die gewohnten Ausflugsorte, in die Speisesäle, in denen es nun ohne die kleinen Erhardts, ohne Nero und Max, langweilig gefittet und korrekt zuging.
Nach einer kurzen überfüllten Bahnfahrt, an die sich eine dreistündige Waldwanderung angcschlossen hatte, betrat ich im Grandhotel Quellenhof den Speisesaal, in dem damals der Barren aus Stuhlrücken errichtet worden war, setzte mich, bestellte — und erstaunte auss Freudigste, als ich unter den sich gemessen benehmenden Gästen zwei, drei Tische von mir die Haarschleife von Hero und den Schopf von Max, also Erhardts, entdeckte, die meiner auch erst im selben Augenblick ansichtig wurden und mich nun zu viert an ihren Tisch zogen.
Nach herzlicher Begrüßung sprach ich meinen aufrichtigen Glückwunsch zu den neuen großen Aufträgen ans, übet die befonders Fran Doktor Erhardt als über ein rechtes Glück lebhafte Freude äußerte.
Wir affen, waren fröhlich, wieder zufammen zu fein, lachten, es war wie stets bei unseren Ausflügen — und doch: es war irgend etwas anders geworden. Ich kam über die Wiedersehenssreude nicht gleich darauf, was mich immerfort störte und mir Erhardts auch angenblicksweise fern rückte. Jetzt hatte ich's, natürlich: die Kinder liefen, turnten, tollten nicht im Saal herum, fie saßen artig auf ihren Stühlen, sie aßen manierlich, sie schwiegen, wenn wir Erwachsenen sprachen, sie antworteten bescheiden und deutlich, wenn man sie etwas fragte, und sahen einem dabei offen ins Ange. Der Vater schickte sie bann mit einem Ton in bet Stimme, wie ihn nur bas ausgesprochene Oberhaupt einer Menschengruppe hervorbringen kann, zum Spielen hinaus: woraus Hero und Max sofort aufstanben, eine artige Verbeugung machten und sich leife entfernten. Ich glaube sogar — ober ich kann mich, da ich ihnen von einem dazu ungeschickten Platz nachsah, auch getäuscht haben — sie gingen Hand in Hand I
Der Vater hatte meinen verstörten, noch nicht alles fassenden Blick bemerkt und lachte: „Ich kann es mir denken, wie du dich wunderst und wie wenig es dir recht ist, daß die Kinder angefangen haben, ihr Naturburschentum abzustreifen. Aber so sehr du die Dressur in Freiheit, die einfach ein Dutchgehenlasfen aller Unarten ist, immer gepriesen hast, es war längst Zeit, daß die beiden einen Anslug des guten Benimm bekamen. Es ging so nicht mehr."
Mein Erstaunen wuchs. Aber ich sagte zu der geschichtlich nicht einwanb- sreien Vertauschung unserer Standpunkte, die Erhardt mir nichts dir nichts vorgenommen hatte, kein Wort, weil mir in diesem Augenblick auffiel, wie außerordentlich gut Erhardt und seine Fran diesmal angezogen waren.
„llebrigens darfst du nicht böse sein, daß wir heute ohne dich gefahren sind", fuhr Erhardt fort, „ich habe dich vor ein paar Tagen ans Argendorf angerufen und keine Antwort bekommen, nahm also an, daß du noch in Spanien feist. Aber es war unrecht, daß ich es nicht nochmals versuchte, dich zu erreichen. Nun fährst du natürlich mit uns zurückI"
„Gern", erwiderte ich, „aber ich habe deinen Wagen draußen gar nicht bemerkt. Ich spielte mit dem Gedanken, daß ihr hier (ein könntet, und habe die Wagenpatade wie ein General abgefchritten, euren Wagen aber zu meinem Bedauern nicht entdeckt."
„Er steht am alten Platz, wo ich immer parke. Du mußt geschlafen haben", fcherzte Erhardt.
„Und ich bilde mir ein, jeden Wagen angesehen zu haben, und die Physiognomie des deinigen kenne ich doch wahrlich genau. Hast du ihn umlacken lassen, als ob er eine 9lutoräubergaragc passiert hätte ? Selbst das wär' keine genügende Entschuldigung für mich, ihn nicht zu erkennen."
Wir hatten gezahlt. Die Kinder waren wie auf einen drahtlosen Ruf sofort zur Stelle, wir gingen hinaus.
Erhardt behauptete: „Du wirst dich gleich überzeugen, daß mein Wagen am alten Platze steht." Er zog einen kleinen Patentschlüssel ans bet Tasche mit einer Bewegung, an bie ich mich gar nicht bei ihm erinnerte; und kcnn- zeichnende Bewegungen prägen sich mir nierkwürbigerweise stets sehr fest ein.
Sollte ich benn aus dem Staunen heute gar nicht herauskommen? Erharbt, ber, wie mit jetzt einfiel, auf meinen Rat, ben Wagen abzuschließen, einmal mit bem mittelhochdeutschen Vers „verloren ist das slüzzelin" geantwortet hatte, hielt den Wagenschlüfsel in der Hand? Und die Kinder, die sonst, wenn wir aus dem Hotel traten, bereits durch die vier offenen Tüten des Wagens, über die Lehnen und Sitze weg jagten, gingen ar': j hinter uns? Träumte ich?


