Ausgabe 
18.1.1935
 
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GiehenekZamMenbMek

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1955 Zreitag, den 18. Januar Nummer 5

HANS DOMINIK EIN

STERN

FIEL VOM HIMMEL

COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER Ä AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG

(Fortsetzung.)

Captain Andrew wollte von Anfang an systematisch vorgehen und so wie er es von seinen früheren Expeditionen her gewöhnt war, auf der Strecke, die sie einzüschlagen beabsichtigten, in nicht allzu weiten Abständen eine Kette von Treibstoff- »nd Lebensmitteldepots anlegen. Ohne Zweifel schasste ein derartiges Vorgehen größere Sicherheit für die Expedition, aber ebenso zweifellos mußte es auch mit einem erheblichen Zeitverlust verbunden sein. Immer wieder mußte man ja bei seiner Ausführung zu der Landungsstelle zurückkehren und neue Ladung nehmen, bis endlich alles einmal in der gewünschten Weise verteilt war. Bolton aber war ganz von der Idee beherrscht, daß sie keine Zeit mehr verlieren dürften. Aergerlich schlug er während der Aussprache auf den Tisch und schrie Andrew an:

(So etwas hat man nicht nötig, wenn man über einen zuverlässigen Raupenwagen versügt. Der deutsche Dr. Wille denkt gar nicht daran, seine Zeit mit solchem Humbug zu vertrödeln. Er fährt los, wohin er will und kehrt erst um, wenn er die Hälfte seines Treibstoffes verbraucht hat."

Andrew schüttelte den Kopf.

Sie vergessen, Mr. Bolton, daß Dr. Wille einen unbezahlbaren Rück­halt in den deutschen Stratosphärenschiffen hat, die er im Notfälle immer zu Hilfe rufen kann. Hätten Sie Lust, die Deutschen heranzufunken, wenn uns irgendein Zwischenfall passiert? Möchten Sie sich dann von einem der .St'-Schiffe, etwa von Mr. Eggerth jun. oder Mr. Berkoff nach Hause bringen lassen?"

Bolton und Garrison tauschten einen Blick, in dem eine ganze Geschichte lag. Die Namen Eggerth und Berkosf wirkten auf beide wie ein rotes Tuch.

Von den Deutschen müssen wir unter allen Umständen unabhängig sein", sagte Garrison mit Entschiedenheit.

Und auch Bolton gab seinen Widerstand auf.

Ich freue mich, daß Sie sich von mir raten lassen, Mr. Bolton", sagte Andrew. , , ,

Die wahren Gründe dieser Meinungsänderung konnte er,a mcht wissen, ba-es die Herren Bolton und Garrison vorgezogen hatten, über ihr Abenteuer auf der Robinson-Insel zu jedermann zu schweigen. . .

Mit Proviant und Treibstoff bis an die Grenze seiner Tragfähigkeit beladen, stieß der große Raupenwagen zunächst nach Westen vor. Fast unablässig machte Captain Andrew dabei astronomische Ortsaufnahmen, und in Abständen von hundert zu hundert Kilometern wurde ein kleines Depot mit je hundert Kilo Treibstoff und einigen Lebensmitteln errichtet.

Das sechste Depot war angelegt. .

Für ein siebentes haben wir noch Vorrat rm Wagen , sagte Andrew. Dann müssen wir zur Küste zurück und neues Material holen. Es geht ungefähr auf, ivenn wir das siebente an der Stelle anlegen, an der Dr. Wille seine Station hat." . _.

Er griff wieder zum Sextanten, um eine neue Ortsbestimmung zu machen, denn aus den Kompaß war in diesem Gebiet so nahe dem magne­tischen Südpol kaum Verlaß. t ,

Die Beobachtungen von Dr. Schmidt scheinen zu stimmen , sagte er, während er zu rechnen begann. Der magnetische Südpol muß seit seiner ersten Entdeckung von Shackleton stark nach Süden abgewandert sein, ^zch denke aber, daß wir die Stelle mit Hilfe der astronomischen Ortsbestim- muncten finden werden." . x

Mit wachsender Ungeduld ertrug Bolton die mehrfachen Aufentha te, die Andrew durch seine wissenschaftlichen Beobachtungen und weckerhin durch die Benutzung der Funkstation verursachte. Bei Benutzung der Rabw- anlaae war es ja unvermeidlich, den bohen Mast auszukurbeln, und das konnte nur geschehen, während der Wagen auf vollkommen ebenem Ge­lände sicher feststand. Der Funkverkehr Andrews war Bolton em Dorn rm Auge. Am liebsten wäre es ihm geweien, wenn die Welt gar nichts über den weiteren Verbleib der Expedition erfahren hatte. Wie wäreer erst ausge­braust, wenn er geahnt hätte, daß jedes Funkgespräch Andrews den deutschen Peilstationen Gelegenheit gab, seinen jeweiligen Standort, bis aus wenige ÄÄtiÄSi M chm w «WH MO- in «e*-im°-, Erzfund/: So oft es einen Aufenthalt gab, stürzte er aus dem Wagen und über aiofte Strecken schneefreie Gelände Mit dem Glas ab. Mehr als einmal sah er es dabei verführerisch aufblinken, eilte zu der betreuenden Stelle bin und konnte einen Erzbrocken in die Tasche stecken. Tie einzelnen Stücke waren nicht groß, höchstens einmal em paar Kilogramm schwer, aber allmählich begann sich ihr Gewicht erfreulich zu addieren. Vergnügt

zeigte er Garrison eine Kiste, die fast bis zum Rande mit den Fundstücken gefüllt war, und meinte dazu:

Wenn's so weiter geht, muß ich es bald ebenso machen wie Captain Andrew."

Wie meinen Sie das?" fragte Garrison.

Depots anlegen! Wenn ich neben jedem unserer Lebensmitteldepots ein ordentliches Erzdepot aufbauen kann, will ich zufrieden fein."

Garrison schüttelte den Kopf.Dazu langt's vorläufig noch nicht, aber vielleicht ein paar hundert Kilometer südlicher. Wenn wir in ein Gebiet kommen, über das der Bolide tüchtig gestreut hat, könnte es Ihnen wohl glücken." Während er sprach, erwärmte er sich an seinen eigenen Worten. Das wäre eine Sache, was Bolton? Wenn wir eine volle Schiffsladung für die .City of Boston* an den Mac-Miirdo-Sund bringen könnten. 3000 Tonnen kann der Dampfer bequem laben. 3000 Tonnen Erz, Bolton, da wäre für uns beide ausgeforgt."

,Für mich bestimmt*, dachte Bolton, aber er zog es vor, den Gedanken für sich zu behalten.---- *

Kratergold in Deutschland.

Mit gemischten Gefühlen verfolgte man auf deutscher Seite das Dor« rücken der amchnkaniichen Expedition. Ging es in dem bisherigen Tempo weiter, so mußte sie in wenigen Tagen die Grenze des deutschen antarktischen Gebietes erreichen, und man würde bann genötigt sein, in irgend einer Form offiziell zu ihr Stellung zu nehmen. Eine längere Beratung gab es daraufhin in der Kraterstation zwischen dem Ministerialdirektor Reute und Professor Eggerth, zu der zum Schluß auch noch Hein Eggerth hinzugezogen wurde.

Ihr Herr Vater sagte mir, daß Sie eine brauchbare Idee haben", empfing ihn Reute,hoffentlich ist fie nicht fo radikal wie Ihr neulicher Ein­fall, die beiden Amerikaner einfach auf einer einfachen Jnfer auszuietzen."

Durchaus nicht, Herr Ministerialdirektor. Im Gegenteil", beeilte sich Hein Eggerth ihn zu beruhigen. Mein Vorfchlag ist diesmal rein psycho­logischer Art. Er gründet sich auf dem Charakter der Herren Bolton und Garrison, den ich einigermaßen zu kennen glaube, und ich möchte meine Hand dafür ins Feuer legen, daß er die gewünschte Wirkung haben wird."

In kurzen Worten entwickelte Hein Eggerth seinen Plan, und über­raschend schnell stimmte Reute ihm bei. Kurz darauf wurde im Krater an einer Stelle gebohrt und gefprengt, die bisher nicht auf dem Arbeitsplan verzeichnet stand, und wiederum kurz danach stieg ein Schiff der St-Type auf. In seinem Leib trug es eine Last von hundert Tonnen, viele tausend Brocken des eben an der neuen Sprengstelle gewonnenen Erzes. In nörd­licher Richtung stürmte es in zehn Kilometer Höhe dahin. Neben dem Piloten stand Hein Eggerth und suchte mit einem Fernrohr die Gegend ab. Jetzt schien er gefunden zu haben, was er suchte. Das Schiff ging bis auf 5000 Meter herunter, eine Klappe öffnete sich, an der Unterseite seines Rilmpfes, blank und stückig, begann es aus der Oefsnung in die Tiefe zu riefeln, während das Schiff in langsamer Fahrt nach Süden drehte. Um hundert Tonnen erleichtert, kehrte es zum Krater zurück, und noch mehrere Male roieberbolte es den Flug.---

Einen Augenblick horchte Garrison auf.Hörten Sie etwas, Bolton? Mir war's eben fast fo, als hätte ich irgenbtvo ein Flugzeug gehört."

Eine kurze Zeit lauschte Bolton, bann schüttelte er ben Kopf.Ein Irrtum von Ihnen, Garrifon. Jchchöre nur ben Wagenmvtor. Unsere Maschine macht für ihre siebzig Vferbe einen ganz anftänbigen Krach."

Gerabe in biesem Augenblick gab Andrew ben Befehl zu halten, bet Wagenführer fetzte den Motor stille.

Sehen Sie, daß ich recht hatte", sagte Bolton.Jetzt müßte man e3 bestimmt hören, wenn ein Flugzeug in der Nähe wäre."

Während et es sagte, war ,St 11 schon wieder in die Stratosphäre ge­stiegen, aus der kein Ton und auch fein Motorgeräusch bis zur Erde hinab- brang. Jnbes aus bem Wagen langsam bet Antennenmast in bie Höhe wuchs, eilte Bolton seiner Gewohnheit getreu ins Freie, um die Oiegenb nach Erz abzusuchen. In der Ferne weit voraus iah er es in den Strahlen der tiefstehenden Sonne aufblinken. Hier und da und dort, an mehreren Stellen zugleich. Schon lief er darauf zu. Kaum daß er sich noch die Zeit nahm, dem andern zuzutnfen:

Da liegt wieder Erz, Garrison."

Nach etwa dreihundert Metern erreichte er das erste blinkende Stück und griff begierig danach. Es war ein stattlicher Brocken, an die zehn Kilo­gramm schwer, zackig und sperrig, zu groß, um in die Tasche gesteckt zu werden.