Ausgabe 
17.6.1935
 
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theaker" der in der Tat eines derletzten Kapitel von der Geschichte der Welt" ist die Marionette als dos Urbild der Grazie erkennt, die in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten scheine, der entweder gar keins oder ein unendliches Bewußtsein habe: in dem Gliedermann oder in dem Gott so wird man auch das Komische in seiner Grazie dort wiedersinden, wo es regelrecht marionettenhaft erscheint und etwa als Micky Maus in das Fabelreich einer bloßen optisch-akustischen Be­wegung einzieht.

Es mag auf den ersten Blick seltsam, vielleicht sogar befremdlich an­muten: aber die Linie des höchsten oder auch tiefsten Humors, dem immer jene Kleistische Grazie innewohnt, führt um nur einige Namen zu nennen über Shakespeare und Mozart, über Goethe und K! e i st bis in den künstlerischen Tricksilm unserer Tage hinein.

Wie aber unterscheidet sich jetzt die Komik des Rüpelspiels, die reine Clownerie von den Spitzenwerten der komischen Kunst? Das Element Komik bleibt offenbar immer das gleiche. Trotzdem muß der Unter­schied zwischen Komik und Komik jedem Achtsamen klar werden.

Ich möchte es einen Unterschied nach Stoff und Form nennen, wobei die Grenzen häufig genug verschwimmen. Wie in der Wirklichkeit des Lebens der körperliche Stoff-Mensch neben dem geistigen Form-Menschen steht, ja in der gleichen Persönlichkeit sich Stoff und Form befehden oder auch binden, so sind in jeder Art der komischen Darstellung stoff­liche und formale Bestandteile enthalten. Auch der Clown, wenn ihm ein Gott tieferes Talent gab, wird es nicht bei Ohrfeigen und Witz­erzählungen bewenden lassen. Das Komische greift auf seine seelischen Funktionen über: es wird Form. Und wenn wir an G r o ck denken, wird es dämonische Form, in der das Lachen sich mit dem Weinen paart, in der das Komische erschüttert und die Schwermut leicht wird.

Hier liegt auch der Unterschied zwischen der Buffooper und der Operette, der Komödie und dem Schwank. Je höher das Komische im Kunstwerk oder auch in der Darstellung steigt, um so mehr nähert es sich dem Schmerzlichen, um mit ihm vereint die Himmel des mensch­lichen Herzens zu durchmessen. Und weil die Luft der Höhe dünner wird, beginnt es zu schweben.

Man vergleiche die Lachsalven, die eine handfeste Variete- oder Zirkusnummer aufprasseln läßt, mit den stilleren, doch gelösteren Heiter­keiten der Rosalinde und des Figaro: die Wellenlänge des Komischen, auf das Unendliche eingestellt, läutert die Sinnlichkeit des Empfanges. Weil aber alle dargestellte Kunst sinnlich ist und sinnlich bleiben muß, soll sie nicht Kaviar fürs Volk werden, so sind noch den erlesensten Lustspielen Shakespeares die Rüpel- und Räuberszenen gleichsam als Fleischgang eingefügt, und der Vers durch zauberhafte Verstellungen des Wortes, durch sprachliches Ingenium und rhythmischen Fall zum Humor d^r reinen Form erhoben wird durch eine Prosa abgelöst, die zum komischen Stofs in der doppelten Bedeutung des Begriffes zurückfindet. Beiden, Stoff und Form, gemeinsam aber bleibt das Ele­ment des Komischen, das, einmal dem Leben entnommen, jetzt die Darstellung des Lebens durchdringt.

peder streichelt einen großen Hund.

Von Görge Spervogel.

Peder hätte damals klagen können, aber er war schon immer so beschaffen, daß er alles, was ihm das Leben bot, mit Lächeln und Milde ertrug. Er wohnte in einem Bett mit einem Zimmer nach Maß darumher; daß in diesem Zimmer noch ein winziger Tisch und ein Stühlchen Platz fanden, war eine Offenbarung von geschickter Raum­ausnutzung. Peder klagte nicht, obwohl er mehr Sorgen hatte als Sand am Meer.

Eines Tages kam Teste zu ihm, Teete mit seinem wunderbaren Hunde. Der Hund, dachte Peder, muß der Sohn einer Kuh sein, lieber Gott, so ein großes, dickes Lebewesen von einem Hunde hatte er bisher nur in Alpträumen erlebt.Kusch", sagte Teete, und der Hund legte sich auf das Bett.Da ist er uns wenigstens aus dem Wege", meinte er.Hast du gesehen, wie er gehorcht?" Ja, Peder hatte es gesehen, er bot Teete seinen Stuhl an und lehnte sich gegen die Tür, dort konnte er wenigstens unverrenkt stehen.

Tja", sagte Teete,so ein Hund, das wäre auch etwas für dich. Du glaubst nicht, was ein derartiges Tier für Freude macht, vor allem, wenn es so dressiert ist wie dieses hier. Paß einmal auf. Schinken!" rief er,so heißt er nämlich", fügte er hinzu,Schinken, mach hübsch!" Schinken wollte schlafen.Raja, er sieht den Grund nicht ein", sagte Teete und griff unter den Tisch, wo der Blechkasten mit dem Brote stand.Mach hübsch, Schinken", sagte er und hielt einen Brotkanten hoch. Schinken reckte sich ein wenig und verschluckte den Kanten.Guter Hund, guter Hund", brummte Teete zärtlich und klopfte ihm auf die Hirnschale, was Schinken übel nahm, denn er knurrte aus Abgrund- tiesen, als hätte er einen lebendigen Löwen verschluckt, der sich nun in seiner letzten Not röhrend und wild vernehmen ließ.Er hat heute einen schlechten Tag", sagte Teete,sonst ist er nicht so. Aber das kann er vielleicht noch: Schinken, gib Laut!" Schinken wollte schlafen.Schin­ken, wie spricht der Hund? Na, wie spricht er denn?" Schinken verriet es nicht,Brau, brau, brau!" schrie Teete,Brau! Hau! Auwau!" Nach­dem Schinken einmal in seiner Ruhe gestört war, machte es ihm nichts aus, seinen Herrn zu verbessern. Es hörte sich an wie ein Zoo bei Feuersbrunst. Es nahm kein Ende. Peder mußte in seinem Schrecken an einen verrückt gewordenen Urwald denken. Teete schmiß ein Viertel­brot in den offenen Rachen. Es war Peders letztes Brot und stellte die Ruhe wieder her.

Ich habe leider nicht mehr die Möglichkeit, ihn zu behalten", fing Teete wieder an.Es tut mir geradezu blödsinnig leid. Ich werde ihn sehr vermissen. Er ist so anhänglich und treu. Einmal hat er mir sogar beinahe das Leben gerettet, als ich nachts im Wald einen verdächtigen Kerl traf. Aber ich kann nichts mehr tun, als ihn in die besten Hände

zu geben, die Ich kenne. Verdienen will ich nichts an ihm. Hör zu, Ped,r, weil du es bist, sollst du ihn für zwanzig Mark haben." Peder must, geradezu ein wenig lachen.Du siehst doch, wie beschränkt ich wohn«", sagte er,es wäre eine Brutalität, solch ein Tier derart einzusperre^ Einen Garten müßte man haben oder einen ganzen Wald."

Aber du kannst ihn doch spazieren führen", entgegnete Teete.Di, sind alles Ausreden. Schön, ich will dir entgegenkommen: fünszebn Mark."

Woher sollte ich fünfzehn'Mark nehmen?" fragte Peder.

Du kannst sie ja in Raten abbezahlen, ich will doch nichts, als daß Schinken in liebevolle Hände kommt."

Es nützt nichts, Teete, es geht wirklich nicht", sagte Peder.

Du fügst dir selber Schaden zu, denn du weißt nicht, wie sehr ein treuer Hund das Leben erheitert. Ein Wesen, das' an ifir hängt, - bedenke doch, welch ein schöner Gedanke! Aber du mußt abhandeln utb noch einmal abhandeln. Fünfzig Mark könnte ich an jeder Straßeneö! für so einen wunderbaren Hund bekommen, aber weil ich will, daß ir nicht in ungute Hände kommt, biete ich ihn dir für fünf Mark u, Schlag ein!"

Unmöglich, Teete", antwortete Peder,du mußt einsehen, daß tjj mit dem Tier nichts anfangen kann. Ich habe keinen Raum, keine Zeit und kein Geld dafür."

Wenn du die fünf Mark nicht hast, schön, ich will es glauben, ig unwahrscheinlich es auch ist. Aber laß uns einmal ganz davon absehei und die Sache von einem größeren Gesichtspunkt aus betrachten. Jh liebe dieses Tier, es ist mir ans Herz gewachsen. Ich kann es nickt mehr behalten, es ist unmöglich, die Gründe sind unwidersetzlich zwingend. Ich habe einen Freund, bei dem ich das Tier aufs beste ab­gehoben weiß. Der Freund bist du. Weil ich das Tier liebe und bir wohlwill, schenke ich es dir. Und nun Schluß. Heulen könnte ich, ach ich werde mir in der nächsten Zeit sehr einsam Vorkommen."

Ich würdige deine Gefühle, Lieber", sagte Peder herzlich,aber gerade diese Gefühle müßten dich zwingen, den Hund nicht ausgerechnet mir zu geben. Er würde bei mir vielleicht manchmal hungern müsse«. Ich bin auch nicht seßhaft, bin ewig auf dem Sprung. Dir, mir un) dem Hund zuliebe laß ihn nicht hier!"

Man soll die Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen", gab Tee»! etwas schroff zurück.Je besser man die Menschen kennt, desto mehr liebt man die Hunde. Du scheinst die Menschen noch nicht zu kenne«, aber immerhin kennst du jetzt diesen Hund. Komm mit und hilf mir, anderen Freunden zu beweisen, wie wunderbar er ist."

Schinken wollte noch nicht fort. Er kratzte sich mit der Hinterpsti- eine Menge Haare aus dem Fell und lieh sie auf der Bettdecke liegen. Man kann sie abbürften", sagte Teete.Kann man Hunde nicht baji abrichten, ehe sie ins Bett gehen, die Füße abzuputzen?" fragte Pedrt betrübt.Daß du kein Tierfreund bist, habe ich zur Genüge 'gemedf, gab Teete zurück.Hast du keinen Wurstzipfel?"Nein, wozu?" Damit könnte man ihn gut locken. Es geht aber auch so. Deffne nur eben die Wohnungs- und Zimmertür", befahl Teete, steckte eine Zigareib an und blies den Rauch unter Lebensgefahr in Schinkens Antlitz. Schinken entwich mit Sätzen.

Nach drei vergeblichen Besuchen bei Freunden riß Teete die Geduld!. Er verlor einsach jede Form vor Wut. Was er nun über Schinken sagte, konnte befremden.Ein ganzes Jahr habe ich mich nun mit diesem Vieh herumgeschlagen", fing er an.Bedenke: Sreihundertfünfundsechm Tage und ebensoviele Nächte. Ich kann es nicht mehr und tue es nidin mehr. Aus dem Bettvorleger mußte ich schlafen, weil er im Bette laj, zweimal monatlich mußte ich die Wohnung wechseln, ach, die Arme habe ich mir lahm geprügelt, als er noch kleiner war. Tag und Nacht fürchte ich für mein Leben. Wenn ich an fein Halsband fasse, schnappt er schm nach mir. Und ich werde ihn nicht los, kann es anstellen, wie ich roiöl Fünf Mark, Peder, wenn du ihn mir vorn Halse schaffst."

Wie fall ich das können?" fragte Peder.Zehn Mark", bot Teete:, fünfzehn, meinetwegen zwanzig Mark, wenn du mir diesen Teufel in die Hölle schaffst. Kennst du niemanden, der mit ober aus solchen Hunden irgendetwas macht?" Peder kannte niemanden.

Hör zu", sagte Teete plötzlich ruhig,wir kaufen eine Wurst. Halt« ihn fest, ich hole eine." Teete ging. Peder hielt die Seine. Schinken sch zu Peder auf. Hunde sehen Menschen sonst nicht in die Augen, abftt dieser hier sieht mich wirklich an, mußte Peder denken. Schinkens Kops! stieß an Peders Hand. Er wagte nicht, seine Hand fortzunehmen. End-- lich kam Teete zurück.Und nun", sagte er,stellen wir uns an einem Park, mieten ein Taxi, werfen die Wurst weit fort, damit er baoonläuft unb sie sucht bertneilen fahren wir schnell ab."

Das barfst bu nicht", sagte Peder nach einem Schweigen,er roirho verhungern ober überfahren werben."

Du hast eine schnelle Auffassungsgabe", meinte Teete.

Sann gib ihn bod) lieber in irgenbein Tierheim. Hundepensiom nennt man das, glaube ich."

Nun habe ich bie Wurst gekauft, unb mehr roenbe ich nicht mehr: an ihn."

Es geht nicht. Du barfst nicht. Tu es nicht", bat Peber.

He, Taxe!" rief Teete.

Peder nahm bie Leine fest in bie Hanb unb ging mit bem Hund« davon. Teete warf bie Wurst hinter ihnen her. Der Hund riß sich los« holte bie Wurst unb legte sie vor Pebers Füße. Das Auto fuhr an.. Schinken webelte.Nun müssen wir es wohl miteinanber versuchen"» murmelte Peber unb streichelte ganz vorsichtig über Schinkens Kopf- Schinken legte bie Ohren an und schloß bie Äugen. Peber streichelte' etwas beherzter. Schinken webelte.Hat man dich denn noch gar nichö gestreichelt?" fragte Peder.Unb hast bu benn auch Lust, im Sommer mit mir über bas weite Lanb zu gehen?" Schinken machte ein paar Sprünge, bellte unb hüpfte umher wie ein Ziegenbock.Naja", sagte: Peber, ,roenn bu so ein lustiger Kerl bist, bann komm nur mit."

Hau!" schrie Schinken unb tanzte.Hau! Muss! Brauwau!"

lveranttoörtlich: llr. Hans Thyriot. Druck und "Berkag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Stein dl uckerei, 2d. Lange, Dietzen.