Ausgabe 
17.6.1935
 
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Spruch für zwei.

Von Georg Grabenhorst.

Deine Hand in meiner: Gott entgegen gehn.

Deine Augen meinen: Ihm ins Antlitz sehn. Deine Lippen meinen: Kelch und Auferstehn.

Deine Hand in meiner:

Was kann uns gescheh»? |

Liebe im Leihhaus.

Don Gert Lynch.

Der Schriftsteller Peter Brauneifen stand mitten in einer Menfchen- schlange vor der Pfandannahme des Städtischen Leihamtes. Es war ein Samstag, vierzig Minuten vor Schalterfchluh. Die Luft der Halle war stickig und schwül, und es roch nach Kampfer und Klcidermuff.

Die Leute drängten und schoben nach. Ein Bursche versuchte psissig zu sein und stellte sich vor die anderen hin.Ich habe Eile, mein Zug geht gleich!" erklärte er unsicher. Aber man lachte ihn aus und wies ihn zurück in die hinterste Reihe. Sie hätten noch viel mehr Eile, ver­sicherten die Umstehenden, und ihr Zug ginge noch früher.

Peter freute sich an dem gesunden Instinkt der Leute. Er setzte das Kösserchen mit der Schreibmaschine aus die Steinsliesen, um seinen Arm auszuruhen. Seine Finger schwitzten und zeigten weiße, blutleere Strie­men in der Breite des Ledergriffs.

Die Reihe fchob ruckweise nach, und Peter gelangte allmählich an den Kops der Schlange. Eine Frau mit Bettwäsche kam eben dran. Der Schätzer breitete jedes Stück aus dem Tische aus, drehte es um, fragte auf welchen Namen?" und diktierte dem Schreiber an feiner Seite: Lehmann Bettwäsche fünf Mark." Frau Lehmann knickte den Pfandschein zusammen, steckte das Geld ein und maulte enttäuscht zum Schalter hin:Der blonde Schätzer, der Ihr Kollege ist, der hat immer acht Mark gegeben!"

Der Beamte schwieg diese Bemerkung tot und rief:Der Nächste, bitte!"

Eine Frau mit Sommerkleidern trat vor.Damenkleider belehnen wir nicht", fagte der Schätzer und hob abwehrend die Hand. Die Frau wurde ganz blaß vor Schreck und verlegte sich auf das Bitten:Bloß zwei Markel, bittschön, geben S' zwei Markei, für meine Tochter zum Schulausflug

Der Beamte wurde ungeduldig und fagte frostig:Bcdaure, wir müssen uns an die Anordnung halten. Der Nächste, bitte!"

Peter war an der Reihe. Er schob sein Kösserchen vor, der Schlüssel steckte. Der Schätzer öffnete, nahm die Maschine heraus, klappte den Mechanismus auf und überprüfte die Hebel.

In diesem Augenblick setzte sich etwas Kleines, Leises, Lebendiges an Peters Wange. Er fühlte ein leises Krabbeln und dachte an eklige Fliegenbeine. Er hob schnell eine Hand und fuhr sich mit einem energi­schen Wischer über die Backe, und drinnen, hinter dem Schalter, gab es einen winzigen, gerade noch hörbaren Bums. Es klang, wie wenn ein Finger auf runde Pappe ober gewelltes Holz tippt. Peter beugte sich vor, so weit er konnte, und spähte umher. Als sein Blick in den hohlen Kasten der Schreibmaschine gelangte, entdeckte er das Gesuchte. Davor hätte es ihm wirklich nicht zu grausen brauchen! Es waren zwei harm­lose Marienkäferchen gewesen, rot und mit schwarzen Punkten. Die kleinen Tierchen hingen zusammen unb konnten nicht voneinander.

Ich frage Sie schon zum zweiten Male nach Ihrem Namen! Der Schätzer sprach laut und drängend.

Ach so, Brauneijen", beeilte sich Peter zu sagen.

Der Beamte diktierte:Brauneisen Schreibmaschine Nr. 2081

Peters Finger griffen mechanisch nach Geld und Psandschein, aber feine Augen hingen unverwandt an den Marienkäferchen, drinnen im hohlen Kasten ... Der Schätzer nahm diesen Kasten, stülpte ihn über die Schreibmaschine und ließ das Schloß schnappen.Der Nächste, bitte.

fialt halt!" rief Peter und fuchtelte mit den Armen.Was wollen Sie noch?" fuhr ihn der Schätzer an, und Peter fühlte, wie chn ein Dienstmann mit fünfter Gewalt wegschieben wollte Da krampfte sich Peter mit der freien Hand am Schalterbrett fest und begann hastig- si") überhudelnd, zu erklären:Die Sache ist nämlich bie: zwei Marien- käferchen, verstehen Sie? Sie sind doch ein Tierfreund, nicht wahr? drinnen am Schreibmaschinendeckel ein Pärchen, em Siebespardjenl Es würde umkommen, glatt verhungern, verstehen Sie? Wenn Sie den Kasten nochmals aufschließen möchten ..."

Der Nächste, bitte!" . . _,

..... die armen Tierchen verhungern ,n meiner Schreibmaschine gemeine Tierquälerei wäre das toie werden doch nicht solch ein R Y lm®,jßenn Sie nicht augenblicklich verschwinden lasse 'ch Sie absühren!" brüllte der Schätzer.Wir sind hier nicht zum Scherzen dal Der Nächste, '""Peter wurde gewaltsam beiseite gepreßt. Die Leute reckten die > fiälfr unb wurden aufmerksam. Die Umstehenden grinsten und bohrten sich - von wegen so und so in die Schläfe.

Peter war wütend Erstens über das Benehmen des Schätzers, vor allem aber, weil er ihn und feine Worte nicht genommen hatte. Er beschloß, sich sofort zu beschweren, unbekümmert um alle Gaffer.

Er ging zum Schalter der Direktton und klopfte fünfmal hart an die Srf)Das Milchglas wurde hinaufgeschoben, und ein Sraumriierier Spitz­bari mit stechenden Augen hinter Brillengläsern kam zum Vorschein. Sie wünschen?" fragte eine nüchterne Stimme.

Du bist auch nicht der wahre Jakob, dachte sich Peter, laut aber fagte er: ,Zch möchte mich über ihren Schätzer vom Schalter drei beschweren wegen Anbrüllens und wegen Tierquälerei im kleinen ..."

Wie, bitte?" Der Direktor rückte seine Brille zurecht und glaubte nicht recht verstanden zu haben.

3a", erzählte Peter,da ließ ich eben eine Schreibmaschine beleh­nen, und im Koffer saßen zwei Marienkäferchen, ein Pärchen. Es nt mit verschlossen worden und müßte elend zugrundegehen. Ich möchte Sie höflichst ersuchen, den Koffer öffnen zu lasten und die Tierchen heraus- zunehmen. Hier ist mein Pfandschein ...

Da wirbt man allenthalben für Tierschutz, Humanität und Gott weiß, was noch, aber wenn es drauf ankommt, da versagen zuerst die Herren Leihhausbeamten ..."

Knall. Das Fenster schoß herunter. Peter stand vor der blinden Scheibe. Er unterdrückte ein kräftiges Wort und ging feiner Wege. Hinter ihm Kichern unb Murmeln.

Peter holte zuerst feine Wäsche ab unb zahlte bann ein paar kleine lästige Schulben weg. Es blieben immer noch einige Mark.

Der nächste Tag war ein Feiertag. Peter würbe unerwartet zum Essen eingelaben. Dabei erzählte er seinen Gastgebern, Herrn unb Frau Ober­bergrat Meißner, von seinem Erlebnis im Leihhause. Und ob er, Peter, nicht eine Bitte äußern bürste? Man möchte boch so gefällig sein und ihm zwölf Mark anvertrauen. Er brächte sie morgen bestimmt zurück. Er wollte nur schnell sein Pfand auslöfen, die Tierchen befreien und dann die Schreibmaschine wieder belehnen lassen. Die Zinsgebühren im Leih­amt könnte er selbst bezahlen.

Peter erhielt das Geld augenblicklich.

Als er am anderen Morgen zum Pfandhaus kam, mußte er warten. Er war zu früh daran. Pünktlich acht Uhr wurden die Schalter geöffnet.

Fünfzehn Minuten später eilte Peter mit einem neuen Versatzschein und zwei Marienkäferchen, fürsorglich in eine leere mit Gras gepolsterte Zündholzschachtel gebettet, der Villa des Oberbergrats zu, um das Geld zurückzubringen.

Das Mädchen öffnete ihm. Die Herrschaften wären grab in bie Stadt gefahren. Aber sie sollte diesen Brief übergeben, und Herr Brauneisen möchte am Sonntag wiederkommen.

Er riß den Umschlag auf, zog ein Kärtchen hervor und las: 12 Mark dankend erhalten. Meißner, Oberbergrat.

Peter fpeiste an diesem Tage auf der Veranda des Künstlerhauses. Schließlich stellte er ein Fünfmarkstück auf die Kante und daneben die offene Zündholzschachtel, und bann hauchte er fo lange auf bie Marien­käferchen, bis sie ben silbernen Berg erklommen. Erst flog bas eine bovon, unb bann bas artbere ...

Vom Element des Komischen.

Von Dr. Eckart von Naso, Dramaturg am Staatlichen Schauspielhaus in Berlin.

Das Geheimnis b^s Komischen, bem die ernsthafte Wissenschaft schon so oft nachgespürt hat, wird am deutlichsten dort, wo Humor Zweck der künstlerischen Darstellung wird: also auf den Bühnen der Theater und Kabaretts, im Variete, im Zirkus, auf der Leinwand des Films und neuerdings im Funk. Hier überall wird das Komische bewußt sichtbar oder auch bewußt hörbar gemacht.

Was aber ist komisch und zwar im landläufigen, nicht im philo­sophischen Sinne? (Denn es kann hier nicht der Ort sein, auf die Fülle der wissenschaftlichen Deduktionen über das Wesen des Komischen, des Humors oder auch des Witzes einzugehen.)

Die herrschende Ansicht bezeichnet als komisch die Abweichung von der Norm: mithin das Unvermutete, Ueberraschende ober Ungewohnte. Komisch ist aber auch bie lleberfteigerung der Norm zu einem Typ, der erst durch diese lleberfteigerung komisch wird: der zerstreute Pro­fessor, die zänkische Köchin, das schwärmerische alte ober junge Fräulein.

So zahlreich wie bie komischen Erscheinungen bes Lebens, bie zum Anlaß der Darstellung werben, so zahlreich sind ihre Arten, sie um­spannen den gesamten Kreis des menschlichen und dinglichen Seins, sie werben ebenso in den körperlich plumpen Prugelszenen des Hanswurstes wie in ben Beseelungen Shakespearescher Lustspielprinzessinnen offen­bar. Wobei denn bie Frage entsteht, ob es zweierlei Komik gibt: eine körperliche unb eine geistige, ober ob bas Komische zwischen Körper unb Seift hin- unb herpenbele, inbem es je nachbem die eine oder andere Funktion einbeziehe, samt Mimik, Geste, Bewegung, Stimme und dem Tonsall selbst.

Dagegen scheint es mir das Geheimnis des Komischen zu (em, daß es weder Körper noch Geist ist, nicht einmal beides zugleich sondern ein Drittes, Losgelöstes, eine absolute Kraft, die man nicht nur beim Darsteller die vis comica nennen sollte: kurz, ein Element.

In jeder Art des primitiven Theaterspiels tritt dieses Element in seiner wirklich elementaren Gestalt in Erscheinung: als Possenreißer unb Marktschreier, als Tölpel unb Harlekin, als Stegreifspieler männlichen und weiblichen Geschlechtes. Es bebarf nicht einmal ber Verwanbkungs- tratt der Jahrhunderte, es bedarf nur einer kleinen räumlichen Ent­fernung zwischen den Ost- und West-, den Süd- und Nordvierteln ein und derselben Großstadt, um die Zusatzelemente zu destillieren, bie ben Hanswurst zum Bonvivant, bie Pierette zur Salondame werden lasten. Die Typen bleiben. Sogar bie Requisiten barstellerischer Komik scheinen ewigen Bestanb zu haben nur daß bie Pauke ber Somöbianten heute zum Saxophon, bas Lied des Bänkelsängers zum Chanson fein Hereinspaziert!" zur Conference geworden ist. .

Rührt das Genie an die stets wiederkehrenden Typen, beginnt das Element zu glühen. Cs formen sich bann, auch im Komischen, jene er­lauchten unb einmaligen Gesichte, bie in ben Bezirken ber großen Kunst wohnen. Sie heißen Falstaff oder Ochs, Riccaut, Just, Beckmesser ober Mephisto. Sie wechseln Erscheinungen unb Arten. Sie stehen auf anbe- rer Ebene roieber auf als Patachon ober Grock. Unb wenn K l e i ft in feinem (viel zu Wenigen bekannten) AufsatzUeber bas Marionetten-