SietzenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1935 Montag, den (7. Juni Nummer 46
ut, daß Du da bist
ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR
Copyright 1933 by August Scherl G. m. b. H, Berlin
(Qurtlegung.)
„Bitte!" sagte Elisabeth matt.
„Wie ich höre, haben Sie die Absicht, hierzubleiben und alles hier durchzumachen. Ich würde Ihnen, so wie es der Herr Kollege schon getan hat, empfehlen, für die letzten Tage in meine Klinik llberzusiedeln. Dort wird alles viel einfacher und leichter gehen."
„Nein!" sagte Elisabeth. „Ich möchte das nicht! Ich kann das nicht!"
Der Arzt zuckte die Achseln. „Dann werde ich Ihnen rechtzeitig eine erfahrene Schwester schicken."
Billy las in Elisabeths Augen, daß ihr der Vorschlag des Arztes, eine Pslegerin zu sich zu nehmen, unangenehm war. Sie hatte schon mehrmals bemerkt, daß Elisabeth eine seltsame, heftige Scheu vor jedem fremden Gesicht bekommen hatte, und entschloß sich darum, zu sprechen.
„Das wird nicht nötig sein, Herr Professor. Ich habe zwei Jahre im .Giselahaus' Dienst getan. Auf der Entbindungsstation."
„Sie sind Schwester?"
„Ich war beim .Roten Kreuz'... Bis vor einem Jahr."
Elisabeth sah sie verwundert an, und ein Lächeln erschien auf ihrem blassen Gesicht, das erste seit vielen Tagen. Aber sie sagte nichts, sondern wartete, bis der Professor sich verabschiedet hatte. Doktor Kern begleitete ihn bis zu seinem Wagen.
, Mir war es schon immer erstaunlich, wie gut du Bescheid wulstest, und dem Doktor Kern auch. Warum hast du uns nie ein Wort darüber verraten?"
„Ich hatte es euch rechtzeitig gesagt. — Aber eine fremde Pflegerin lasse ich nicht Hierherein!"
„Du willst wirtlich noch diese Arbeit tun, Billy?
Billy lachte. „Das ist gar nichts! Im Haus damals hab ich oft zehn bis fünfzehn Wöchnerinnen gehabt. Dazu noch die Nachtwachen. Nee, Lisa, bei dir wird das ein reines Kinderspiel fein. Im übrigen hat der Professor recht mit dem, was er sagte!" .
„Wenn d u das bestätigst, Billy, wird es wohl so sein! lächelte Elisabeth. Sie legte sich zurück und schloß die Augen. —
Hartl erfuhr alles durch Doktor Kern. Er riß sich zusammen und führte von jetzt ab Elisabeth täglich im Garten spazieren, hielt sie zur Arbeit an. las ihr vor und zwang sich zu leichten, zerstreuenden Unterhaltungen. Sie war schwerfällig geworden in den letzten Wochen und litt sehr darunter. Trotz der Bemühungen ihrer ganzen Umgebung gelang es nicht immer, die nervösen Anfälle zu vertreiben.
Mehrmals diskutierten sie über den Begriff der Freiheit, der Hartl — da er auch feine Arbeit wieder ausgenommen hatte — besonders fesselte. Sie zeigte eine starke innere Anteilnahme an fernen Ausführungen und wiederholte feine oft recht komplizierten Satze so lange, bis sie den Sinn verstanden hatte. Er mußte auch fein Manuskript mitbringen und daraus vorlefen, wenn sie vom Gehen müde geworden war und auf ihrem Liege- siuhl im Garten ausruhte. So kam es, daß er ihr auch EMstehung dieser Arbeit erzählte, die aufs engste mit seiner eigenen men chlichen und geistigen Entwicklung verbunden war, so daß sie auf eine abstrakte Ebene übertragen, gewissermaßen seine eigene Biographie enthielt. Das erfaßte ihr Instinkt sofort, und er entdeckte oft viel zu spat und mit Reue, wieviel von sich selbst er auf ihre Fragen hin bekannt hatte. Dann brach er das Gespräch bestürzt ab und lenkte es auf die belanglosen Dinge be.> Alltags. — Es wurde Juli. .. . .. ~ .
„Manchmal in der Nacht und auch am Tage habe ich solche Furcht daß ich fast den Verstand verliere", sagte Elisabeth eines Spatnachmsttags in eine Gesprächspause hinein leise und mit flackernder Stimme. S,e lag, von einer leichten Decke verhüllt, auf ihrem Stuhl m einem warmen geschützten Winkel des Gartens. Haril, der ihr gegenubersaß, bordjte auf Sie hatte noch nie zu ihm davon gesprochen Bevor er etwas Ablenkendes sagen konnte, fuhr sie fort, und ihm war, als liefen dunkle Schatten über ihr Gesicht, in dem die Augen geschlossen waren und die Lippen sich kaum bewegten. „Wissen Sie, was das ist, Otto, Todesangst? Ich habe sie me gekannt, habe immer davon gesprochen wie von etwas Feigem, Verach - lichern. Aber die wahre Todesangst ist ganz anders. Sie ist furchtba, Otto. Man glaubt zu ersticken. Das Herz setzt aus, unb man sieht unb hört nichts mehr als die eigenen keuchenden Atemzuge. Man atmet noa) — das ist das einzige, an dem man sich verzweifelt festklammert. L ann aber kann man plötzlich auch nicht mehr atmen, Aus der Brust liegt ein
ungeheuerlicher Stein und preßt sie zusammen. Man greift mit den Händen danach und kann ihn nicht bewegen. Und dann stirbt man wirklich. Alles ist schwarz und purpurn im Tode, und das Allerletzte ist ein pfeifendes, schneidendes Licht... Ist es nicht sonderbar, Otto, daß man so ost sterben muß, wenn man ein Kind zur Welt bringen soll?"
„So etwas sollten Sie nicht denken, Elisabeth!" sagte Hartl. „Sie wissen doch..."
„Ja, ich soll mich zusammennehmen und durchhalten. Aber ich kann es einfach nicht. Je mehr ich mich wehre, desto schrecklicher ist es. Man kann sich doch gar nicht gegen den Tod wehren. Das ist so dumm und sinnlos wie das meiste, was wir im Leben tun. Er kommt über einen, der Tod, wie ein wildes Brausen und mit Schmerzen, die immer rasender werden. Man kann sie nicht mehr ertragen. Zwischendurch lassen sie nach — wissen Sie, Otto, genau so, wie wenn in einer unbeschreiblichen Steigerung plötzlich die Musik abbricht zu einer kurzen Fermate... Alle Nerven zucken darunter zusammen wie unter einem Schlag. Und bann setzt alles von neuem und noch viel rasender ein... Ach, es gibt keine Vorstellung davon, was Todesangst wirklich ist! Aber ich weiß es jetzt unb habe genau die gleiche Angst vor ihr wie vor dem Tod selbst!"
„Ich bitte Sie, Elisabeth...", sagte Hartl und ergriff ihre Hand, die er mit einer verwirrten unb scheuen Zärtlichkeit streichelte.
„Glauben Sie nicht auch, baß man sterben muß, wenn man ben Tod tennengelernt hat? Ich glaube es, Otto. Vielleicht ist es gut so. Ich bin so bäßliaj geworben. Jcy tann mich gar nicht mehr ansehen und will auch nicht, daß mich jemand ansieht. Außer Ihnen, Otto, unb Billy unb dem braven Kern. Es ist gut, daß Ludwig nicht da ist. Ich würde fortlaufen und mich vor ihm verkriechen. Sagen Sie nichts, Otto! Ich weiß, daß das eine abscheuliche Eitelkeit ist und daß Ludwig ganz anders fühlt. Aber vielleicht bleibe ich nun mein Leben lang fo häßlich, daß er, daß ihr alle stets nur noch Mitleid für mich habt. Das könnte ich nicht ertragen. Es ist viel schlimmer als der Tod. Das ist die Hölle. Wenn ich sterbe, wird Ludwig allein fein, und das ist böse für ihn. — Nein, nicht ganz allein. Er wird das Kind haben. Trotzdem wird es das gleiche fein, wie wenn ich ihn verlassen hätte..."
Heber Hartl kam eine schwere Besorgnis. „Sie phantasiere^... Ihre Hand ist heiß unb ftucht. Ich fürchte, Sie haben Fieber... Ich werbe Billy rufen, unb wir bringen Sie jetzt ins Haus zurück..."
„Lassen Sie mich noch eine Weile hier! Ich habe kein Fieber. Ein bißchen vielleicht. Aber bas habe ich jetzt öfter. Es geht gleich vorüber. Es tut mir wohl, wenn ich hier liegen kann. Ich habe ja keine Schmerzen. Unb Sie versprechen mir, baß Sie alles roieber vergeßen werben! Es ist nicht so wichtig. Nichts ist mehr wichtig, wenn man bie Angst hat, zu sterben. Glauben Sie nicht auch, Otto, baß es besser sein wirb, wenn Lubwig Billy heiratet? Nicht bie andere. Kalte, Hochmütige... Für Billy wird es auch besser sein, als daß sie den Doktor Kern heiratet. Das haben Sie doch auch schon bemerkt, daß er ihr Augen macht? Ich habe es zuerst nicht geglaubt. Bisher hat er nämlich überhaupt nicht gesehen, daß sie auch eine Frau ist. (Eine bessere kann ein Mann sich nicht wünschen ... wenn sie auch gar nicht hübsch ist."
„Allerdings. Unb wie steht es mit ihr? Mag sie ihn benn?" fragte Hartl hastig. Er stürzte sich blinbtings auf biefes Thema, um Elisabeth von ihren büfteren, schmerzlichen Vorstellungen unter allen Umftänben abzubringen.
„Natürlich hat sie es längst gemerkt. Er ist ja so ungeschickt. Wie ein Student. Und ist dabei noch so stolz aus seinen .Zynismus'!" antwortete Elisabeth verändert und öffnete bie Augen. Sie lächelte. Hartl ließ ihre Hanb los unb ftanb auf. „Sehen Sie, Otto, so geht es mir jetzt oft. Auf einmal weiß ich nicht mehr, wo ich bin, unb damit fängt bie Angst an. Heut aber war es nicht mehr so schlimm. Heut habe ich gar nicht geschrien. Hab' auch nicht nötig gehabt, bas Kissen vor ben Munb zu pressen, baß man mich nicht hört. Heute ging es so schnell unb gut vorüber. Ich hab' sogar sprechen können. — Ja, ich hab' mich ganz beutlich gehört. Nur weiß ich nicht mehr recht, was ich gesagt habe. Hab' ich etwas Schlimmes gesagt, Otto? Sie sehen so erschreckt aus."
,fNein, nein. Nur ganz Allgemeines. Das finb Schwankungen bes Bewußtseins, von benen Kern gesprochen hat. Sie finb ja vorüber. Ganz vorüber."
„Ich glaube, es ist etwas anberes. Besseres. Vielleicht wirb es jetzt immer fo fein, ohne ben großen Schrecken? Ich glaube wirklich, Otto, jetzt kann ich es burchhalten."
Sie verfuchte, sich zu erheben, was ihr mit Hartls Unterstützung gelang. Er führte sie langsam ins Haus zurück unb verbarg feine Erschütterung.
Als Elisabeth sich zu Bett gelegt hatte, kehrte er noch einmal an ben Platz im (Barten zurück. Aus bem Tischchen neben ihrem Liegestuhl lag ein Stoß illustrierter Blätter, in benen sie am Nachmittag gelesen hatte. Das oberste zeigte ein paar leicht zerknitterte Stellen unb faltete sich, als er es mechanisch aufnahm, wie von selbst in ber Mitte ausemanber. Er sah auf eine Reihe von »Bildern vom Tage'. Kopfe von Diplomaten,


