Werk der Reichsgründung aus den fänden seines Königs mit Freuden ein, denn nun konnte er in den ausgedehnten Laubwaldforsten seiner neuen Besitzung, zu denen er einige Jahre später das am Rande des Waldes gelegene Schloß Friedrichsruh hinzuerwarb, in der freien Zeit, die ihm fein verantwortungsvoller Dienst an Volk und Staat ließ, seiner Neigung für Wald und Wild leben.
Zwar hat Bismarck, der in seinen jungen Jahren ein eifriger Jager gewesen war, im Sachsenwald selber nicht mehr gejagt, aber er ist nie müde geworden, das weite Revier zu Fuß, zu Pferd und mit dem Wagen zu durchstreifen und an allem, was in seinem Wald vorging, regsten Anteil zu nehmen. In seinen letzten acht Lebensjahren wohnte er bekanntlich ständig in Friedrichsruh in unmittelbarer Nähe seiner geliebten Bäume, deren Kronen sich bis über sein Haus neigten. Täglich machte der Kanzler, nachdem die Last der Staatsführung nicht mehr auf seinen Schultern lag, seine Wanderungen durch den Wald, meist von seinen großen Doggen begleitet. Oft traf man ihn weit draußen an den entlegensten Stellen. Für die wirtschaftliche Durchforstung des Gebietes hatte er ein besonderes Augenmerk. Bereits 1877 hatte, er sich den Dberförfter Lange aus der Oberförsterei Zehdenick in der Mark Brandenburg herbeigerusen, der in unmittelbarer Nähe des Schlosses wohnte und bei dem Fürsten eine Vertrauensstellung einnahm. Er hat seinem Guts- und Jagdherrn zwanzig Jahre lang treu gedient und seinen Sachsenwald umsichtig gehegt und gepflegt.
Bismarck ließ es sich aber nicht nehmen, überall in feinen Forsten selber nach dem Rechten zu sehen; bei jedem Waldfeuer war er einer der ersten an der Brandstätte, und mit den Waldarbeitern hat er manches offene Gespräch geführt. Der Wald aber war für ihn mehr als ein nützlicher Baumbestand, als ein ergiebiges Jagdrevier oder eine angenehme Quelle der Erholung; er war für ihn ein heiliges Zeichen der Natur und zugleich ein Symbol des menschlichen Lebens. Bezeichnend für feine Auffassung ist ein Vergleich in einem Bries an seine Frau: „lieber die Kinder, äußere und innere, wie über die kleinen Bäume im Walde geht der Sturm hinweg, der in den Kronen der alten braust und sie beugt und bricht; wenn sie größer werden, wachsen sie in die Sturmschichten hinein, und ihre Wurzeln müssen kräftiger werden, wenn sie nicht untergehen sollen." In diesen Worten spürt man ein tiefes Gefühl der Schicksalsverbundenheit mit den Riesen des Waldes, eine Empfindung, die in ihm noch stärker geworden fein mag, als das Zerwürfnis mit dem jungen Kaiser ihn aus seinem Amt trieb und als er, der grollende Alte vom Sachsenwald, einsame Zwiesprache mit seinen Bäumen hielt.
Am hellsten leuchtet Bismarcks Verhältnis zum deutschen Wald aus einer Antwort hervor, die er einer Abordnung bergischer Frauen gab, die wie so viele andere Deutsche zu der geweihten Stätte von Friedrichsruh gepilgert waren: ,Lch bin hier im Walde lange nicht so einsam, wie oft in den vorhergehenden dreißig Jahren. Man ist immer am einsamsten in. großen Städten, am Hose, im Parlament, unter seinen Kollegen; dort fühlt man sich mitunter wie unter Larven die einzig fühlende Brust. Aber im Walde fühle ich mich niemals vereinsamt. Das muß in der Natur des Waldes begründet fein. Ich weiß nicht, ob Sie in Ihrem Leben so viele Förster kennengelernt haben wie ich; jedenfalls habe ich vorwiegend zufriedene Förster gekannt. Die Waldeinsamkeit muß für uns Deutsche etwas Befriedigendes haben."
Es liegt ein tiefer Sinn darin, daß der größte Staatsmann des Deutschen Reiches, der getreue Eckehard seiner Nation, nicht in der Fürstengruft des neuen Berliner Domes beigesetzt worden ist, wie es nach einem kaiserlichen Wunsch geschehen sollte, sondern daß er seine letzte Ruhestätte unter den Bäumen des Sachsenwaldes sand, unter denen er im Leben so viele Male, in tiefe Gedanken versunken, gewandelt ist. Nur im deutschen Wald durste Bismarck begraben fein, in der Stille, die er selber so oft gepriesen hat und die er sich auch für feinen Tod ersehnt hat. Die gewaltigen Eichen und Buchen bewachen den Schlaf des großen Kanzlers.
Auf den Spuren alter Städteherrlichkeit.
Don Dr. Wilhelm Gemperle.
Noch heute gibt es in Deutschland schöne alte Städte, in denen die Zeit den Atem angehalten zu haben scheint. Dort begegnen wir auf Schritt und Tritt den Zeichen eines behaglicher als jonft in der Welt dahinfließenden Lebens, und doch liegt auf diesen Staaten kein Mu- feumsftaub. Von den uns erhaltenen Kostbarkeiten des deutschen Städtebaus in den vergangenen Jahrhunderten wie Rothenburg ob der Tauber, Dinkelsbühl, Lüneburg oder Stralsund geht ein verlockender Reiz unverwüstlicher Daseinsfreude und starken Lebenswillens aus, der als gesunde beharrende Kraft auch in der gegenwärtigen Kultur noch feine wärmenden Strahlen aussendet. In den großen Städten finden wir die Spuren solcher alten Stüdteherrlichkeit nur noch gana feiten und niemals mehr als geschlossene Einheit, sondern als einen halb vergessenen Winkel inmitten der Unrast der glänzenden und lärmenden Straßen und. Häusermassen. Hier müssen wir uns schon die Mühe machen, in vergilbten Stadtchroniken zu blättern oder einen alten Stich in die Hand zu nehmen. Diese Dokumente sind in Deutschland noch in Hülle und Fälle vorhanden, und wir sind erstaunt über die Tatsache, daß der Blick der Bürger auch vor Jahrhunderten weit über die Mauern der eigenen Stadt hinausging. Es hat schon damals Vorläufer des Baedecker gegeben, die den Reiselustigen mit den Schönheiten der deutschen Heimat bekannt machten und ihm halsen, den Weg zu den Sehenswürdigkeiten der deutschen Städte zu finden. Das berühmteste Werk dieser Art ist wohl die „Topographia Germaniae" des großen Kupferstechers Matthäus Merian, der im 17.Jahrhundert vor allem in Frankfurt wirkte. Diese Arbeit, die von seinen Erben sortgeführt wurde, umfaßt vierzehn Bände in Großsolioformat mit 31 Teilen, 2142 Einzelansichten und 92 Karten; sie ist eines der aufschlußreichsten Kulturdenk-
möler der deutschen Geschichte Im allgemeinen und über die Jugendzeit der deutschen Städte im besonderen. In der Vorrede aus dem Jahn 1652, die auch der bei Wilhelm Langewiesche-Brandt unter dem Tiiel „Merians anmüthige Städte-Chronik" erschienenen Sammlung voran gestellt ist, heißt es in der bedächtigen Weise dieser Zeit: „Aber nachdem unsere Vorjahren ihre kriegerische und wilde Art nach und nach hinweg gelegt, sich angefangen höflicher Sitten zu gebrauchen, etwas in Künste« und Sprachen zu lernen und zur Vermeidung des Müßiggangs da; Erdreich zu pflanzen und zu bauen, da hat Teutschland, sonderlich al; dje wahre Christliche Religion in demselben herfür zu leuchten beguntt und die höchste Würde des Römischen Reiches an dasselbe gelangte, herrlich zu grünen und von Tag zu Tag an Macht, Gewalt, Schönheit und aller Dingen Uebersluß zuzunehmen angefangen. Also daß hernach gleich wie in der gautzen Welt nichts Herrlicheres als Europa, auch k Europa nichts Edlers und welches in allen Dingen so vollkommen wär; als Teutschland, zu finden gewesen."
Welche beschauliche Liebe für die deutsche Heimat lebt in diese« Schilderungen, die uns oft fo merkwürdig und spielerisch erscheinen, weil wir einseitig auf systematisch-gründliche Reisebeschreibungen eilt gestellt sind, bei denen das Seltsam-Possierliche und Chronikhafte zu kur, kommen muß, weil es nach der Rangordnung der „ernsten Werte" tat sächlich keinen Platz in der ersten oder zweiten Reihe beanspruchen kann „Leser sey indächtigl": das ist die rechte Forderung an denjenigen, bet diese Blätter in Ruhe betrachten will. Welche Erinnerungen werden hiet an die Vergangenheit unserer Großstädte wach. Bei Frankfurt a.’M. lesen wir: „Zu den ansehenlichen und in gantz Teutschland vornehmster Jahr-Messen ober Märckten kommen jährlich im Frühjahr und Herbfl fast aus allen Christlichen Ländern in Europa Keufleuthe, und handeln dahin mit allerhand Maaren, die man nur begehrt, fjergegen wird aber auch viel Gold und Silber aus dem Lande in die Frembde geführt darüber schon vor längsten geklaget worden. Es ist aber insonderheil der Buchhandel zu loben, der zu solcher Zeit in der Buchgassen allhi« getrieben und dadurch mehrers Geld ins Reich als darauß gebracht rotrb, andern Nutzens, so man darvon hat, zu geschweigen." H a m b u r g wirb beschrieben als „eine schöne und ansehnlich Stadt, die jetzt in die alte uni Neue getheilet wird, darzwischen inwendig ein Wall ist, beide aber rooi befestiget seyn und wegen der hohen Thürnen fast nur eine Stadt zu seyn scheinen". Weiter heißt es über die Börse und den blühenden Han del: „Wer umb den Mittag ober auff den Abend in die Burs ober Börß (ein zierlich Gebäu, so theils bedeckt, theils offene Spatzier-Platz hat) gehet, der wird sagen, daß täglich mehr als ein Leipziger Meß ba jene und daß kein dergleichen Zusammenkunft der Kaufleute geschehe, da nicht etlich Tonnen Goldes Werth Maaren kaufst, verkaufst und vertauscht werden. Wie man denn von zwölss Haupt-Schreibstutzen gesagt hat, in welchen allezeit zur Noitursft Gold und Silber vorhanden gewesen, und sonders Zweifsels noch einen Sauffmann, der etroan zu einem wichtigen Handels Gells bedörstig, damit zu heissen. So ist auch, auf dem Rathhause ein öffentlicher Geltkasten, so sie nach Art der Amsterdamer, Venediger und anderer den Bancum oder Banco nennen, in welchem zu allen Zeiten auff gewisse Versicherung man den Wenigen, denen man trauen barff, große Summen (Belts fürftrecten ihuet. Und solche Ersinbung ist ber Statt, bem gemeinen Mann unb ber Gewerkschaft sehr ersprießlich. Unb tan einer, ber gern sein Gelt in Sicherheil unb Verwahrung hätte, es bahin bringen ober legen..."
Von Köln schreibt Merian: „Man hält Cölln vor die größte Stadl in gantz Teutschlanb so wol biß- als jenseits bes Rheins. Hai keine Vor- ftäbte, ligt wie ein Bogen nach ber Länge am Rhein, über welchen Kaiser Constantinus ba eine Brücken geschlagen, bie aber Kaiser Ott« ber Große roieber hinweg geihan hat. Anno 1180 ist bie Stabt erweitert worden, hat jetzt 82 ober 83 Thürn zur Beschützung herum, item einem hoppelten Graben unb starcke hohe Mauren mit bebeetten Gängen, innerhalb berfelben auch hin unb roieber Weingärten, Apsfel und andere fruchtbare Bäume, schöne Spatziergäng und Lustbarkeiten; unb 34 Thor- Ist sonsten auch rool erbauet unb stehen sonberlich um bas Ratharch auf bem Marcki ansehnliche Häuser, ingleichem auch auf bem Heumarckl- Die Gassen seyn schon roeyt unb mit breiten Steinen gepflastert."
Von Leipzig wirb gerühmt: „Die Häuser unb (Bebäue ber Stabt seyn groß, geraum, ordentlich, stattlich und roolgebauet, auch ein groß; Theil steinern und gemeiniglich drey Gemächer hoch und mit Ziegeln: gedeckt; inwendig aber in den Stuben und Zimmern sauber, zierlich und- ansehnlich, unb mit Zinn, Teppichen unb schönen kostbahrem Taffelwenk' sorool auch anberm Zierath mehr geschmücket unb geputzt. Die Straßen unb Gassen sink) lang, eben, reinlich, mit Steinen gepflastert unb abgängig, bavon bas Wasser allzeit seinen Abschuß haben mag.“ Von München heißt es, „ber Lusst seye allba gar gesunb." — „Unter benen Sachen, so weiters vornehmlich zu sehen, leuchtet hersur die Hauptkirchen zu unser Frauen, welches ein schönes großes Gebäu mit einer schönen Cantzel unb zwei hohen gleichen Thürnen gezieret ist beren jeder 333 Werckschuh hoch ist, darinnen seine Glocken, auch in her Kirche sehr schöne Altar und eine schöne Orgel so sehr große Buchsbäume geträhete Pfeissen hat. Ist erstlich eine Capell gewesen, hernach Anno 1271 von S. Peters Pfarrkirch abgesondert, und felbften zu einer Pforr gemacht, folgend; solche alte Capell abgebrochen unb Anno 1681 biese herrliche schöne Kirchen, wie sie jetzo zu sehen, zu erbauen aw gesangen."
Welche Freube am Verweilen bei ben kleinen Eigentümlichkeiten einer Stabt spricht aus biesen Chroniken, bie nur ein Mensch geschrieben haben kann, ber bie Welt noch mit einem unoerbilbeten Gemüt betrachtet unb bem es nicht barauf ankommt, ben Schönheiten abseits bes großen Weges ebenso viel liebevolle Aufmerksamkeit zuzuroenben wie ben weltberühmten Sehenswürbigkeiten. Wie ein Stoßseufzer, hinter bem bas ganze Lebensgefühl bieser Zeit steht, klingt ber Satz inmitten einer bieser Stadtschilberungen: „Würbe aber allhie zu lang, wenn man alles beschreiben wollte".
Vera»(wörtlich; vr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl^che Untverfitäts'Duch« und Sleinbiudetet, R. Lange. Gießen.


