Ausgabe 
17.5.1935
 
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Am Zaun.

"Jon Eberhard Wolfgang Möller.

Ein Gespräch am Zaune halten, der die beiden Gärten trennt, wenn der Nachbar seine alten Stauden und Gestrüpp verbrennt, und so über vieles reden, wenn die Hand den Rechen dreht und der weiße Rauch der Peden hoch und dünn in Schwaden steht.

Feucht schon um den Fuß im Beete ist der Dill und Majoran und vom Bahndamm kommt das stete Summen einer Eisenbahn.

Ach, dann steht der Abend stille, und die Welt ist gut und weit. Im Gesträuch besingt die Grille silbern die Unendlichkeit.

Fern im Himmel bleibt ein kleiner schwarzer Punkt, ein Drache, stehn, so als hätte Gott aus seiner Laube auf uns hingesehn.

Oer Kirschbaum.

Von Paul E r n st.

Ein wilder Kirschbaum blühte am Rand eines Weges, der zwischen grünen Feldern mit handhoher Saat in den stillen braunen Wald führte. Ein junger Ritter saß auf seinem Roh und kam unter den blühenden, oon Bienen umsummten Baum, auf den vom blauen Himmel hernieder die.Sonne freundlich schien. Plötzlich war es ihm, als fühle er eine Zärtlichkeit gegen den Baum; er hielt an, umarmte den jeidenglänzen- den glatten Stamm und küßte ihn; wie er das getan, schämte er sich ieines törichten Handelns, ließ den Stamm los, ergriff wieder die Zügel and drückte leicht mit den Knien das lustige junge Pferdchen, daß es -röhlich wiehernd und mit dem Kopf nickend sich in eine rasche Gangart jetzt«.

Da war es ihm, als spüre er hinter sich ein leichtes, federleichtes Wesen sitzen; er wunderte sich nicht und sah sich nicht um; zwei feine Hände in zarten, seidenweichen Handschuhen schoben sich von hinten und ichlangen sich um seinen Leib, das leichte Wesen hielt sich an ihm fest. Wenn ich denn schon träume!" dachte er, zog den einen Handschuh leise □on dem Händchen und steckte ihn. in die Tasche. Ein silberhelles Lachen ertönte von dem Wesen hinter ihm und eine zarte helle Stimme sagte: Nun hast du mich gefangen, und wenn ich bei dir bleiben soll, so darfst du mir den Handschuh nie wiedergeben." Hier wendete er sich um und ah ein wunderliebliches Gesicht, hell wie eine Kirschenblllte, mit blauen, liefen Augen wie der Himmel und goldenem Haar wie ein reifes Weizen- -eld. Er blickte sie erstaunt an, und das Mädchen lachte wieder mit dem Klang eines silbernen Glöckchens. Das Pferdchen hielt still, riß den Kopf ;ur Erde und kaute am Gebiß, der Jüngling starrte noch immer; da ngte das Mädchen:Willst du nicht umwenden und zu deinem Hause hinaufreiten? Denn ich bleibe doch nun bei dir."Ja, das will ich tun, wenn du nun bei mir bleibst", erwiderte er, wendete um und ritt , fernen Weg zurück. Wie er unter dem Kirschbaum durchkam, rief das Mädchen: .Lebe wohl, lebe wohl."Wie, willst du gehen, ich denke, du willst bleiben?" fragte erschrocken der Jüngling; das Mädchen lachte und iprach:Nicht von dir nahm ich Abschied." ..

So brachte er das Mädchen nach Hause, und sie blieb bei ihm; sie Uihte ihn und lachte ihm zu mit heiter glücklichen Augen; und wenn sie »u ihm lachte, bann vergaß er sein Haus und die Menschen und die 5nge, und es war ihm, als liege er ruhig und ohne Gedanken unter einem schönen Baum, in dessen grünen Laube golden die Sonnen- trahlen irren. Sie stand am hohen Fenster und sah ins weite Land hinaus, und die Bienen tarnen, viele Hunderte, und umsummten sie, »e aber stand ruhig und ohne Angst inmitten des Schwarmes, und zuletzt hegte sie lachend:Fliegt weiter zum Birnbaum, fliegt weiter, zum Schlehdorn. Verblüht ist die Kirfche, nun blüht bald der Apfesi Da zogen sich die Bienen zusammen zu einem dunklen Schwarm unö ^Nach°Wochen war es, als ob ihre weiße, durchsichtige Haut sich leise röten wollte wie eine helle Kirsche; ihre freundlichen Lippen- lächelten eütiq, und der Jüngling Tagte:Ich denke, du mußt schone Gaben reichen jedem, der voruberkommt, Erquickung dem müden Wanderer^ id) kann mir nicht anders denken, als daß das so ist, und hast du m

»icht auch Heiterkeit gebracht, Leichtigkeit und Gute? "2chf0lllbe>d>r k d-leiben", antwortete sie,versprich nur,, daß ou mir nicht nadtgeben rillst, wenn ich dich einmal um etwas bitte benn wennbu nur ruty gibst, fo wirb ein Unglück folgen."Ach, du Liebe, du hast doch noch nie I -iwas von mir erbeten", sprach er,du bist nur immer Göhlich un bist | «reundlich zu mir; wenn ich dir em kleines Geschenk mttbrmge, etnen Ring oder ein Band oder einen Gürtel oder Aehnsiches, sb fr f <$> d-amit ich mich über deine Freude freue, aber bann fegst du bas Ge^ chenk fort. Bitte boch einmal etwas von mir, bamtt ich roeifj, roas Dtr -ine wirkliche Freude machen kann, bamit ich es dir taufe ober suche.

Da würbe das Mädchen ängstlich, in ihren klaren Augen stiegen Tränen auf, sie faltete flehend die Hände und sagte zu ihrem Freunde:Siebet, ich flehe dich an, wenn ich dich einmal um etwas bitte, fo gewähre es mir nicht, denn wenn du es mir gewährst, so folgt ein Unglück." Da lachte er, küßte sie auf die Stirn und sprach:Wie bist du doch kindisch!" Aber sie lieh nicht nach mit Flehen, bis er ihr versprach, daß er ihr niemals eine Bitte erfüllen wolle.

Wie dieses nun gewesen war, da erzählte nach einigen Tagen der Jüngling, daß er ausgeritten sei und sei durch Zufall an dem Kirsch­baum vorbeigekommen, bei dem er sie damals getroffen im Frühjahr, und der Baum habe voller weiß und roter Kirschen gehangen und habe feine Früchte ihm bargeboten, unb ihm sei gewesen, bah er immer habe an sie benten müssen bei bem anmutigen Baum unb ben schönen Früch­ten. Da faßte sie auf ihr Herz unb sagte zu ihm:Nun ist schon Sommer unb ber Roggen beginnt zu gilben, nun war ich so lange hier in beinern Hause unb habe dir noch nicht eine Bitte gesagt. Jetzt aber bitte ich um etwas, nämlich daß du mich auf deinem Roß mitnimmst zu dem Kirsch­baum, denn ich will den Kirschbaum sehen!" Da dachte er daran, daß er versprochen, ihr nie einen Wunsch zu erfüllen, aber er dachte:Wie kann ich ihr denn abschlagen, um das sie mich bittet? So lange ist sie schon bei mir und hat mich lieb, und noch nie hat sie mir einen Wunsch gesagt; und nun will sie so Kleines." Deshalb versprach er ihr, daß er mit ihr reiten wolle am anderen Morgen, und stieg am anderen Mor­gen auf fein Roß und hob sie hinter sich, und sie schob ihre Hände wieder vor, eine Hand mit einem Handschuh und eine bloße Hand, faltete die Hände, und so hielt sie sich an ihm. Wie er aber ritt, da fühlte er, wie ihre Tränen ihm auf den Nacken fielen. Er fragte sie:Weshalb weinst du?"Ich meine, weil du mir meinen Wunsch erfüllt hast", sagte sie. Da dachte er:Wie gut ist sie, daß sie sich bis zu Tränen freut, weil ich ihr diese Kleinigkeit gewährt habe."

So tarnen sie nun unter den Kirschbaum, der feine Zweige darbot, und wie das Pferd mit ihnen unter dem Kirfchdaum war, da sagte das Mädchen:Nun hast du mir meinen Wunsch erfüllt, und ich freue mich, daß ich wieder unter dem Kirschbaum bin. Aber nun habe ich noch einen zweiten Wunsch, und weil du so gut bist und mich so lieb hast, so bitte ich auch noch um den zweiten."Sage mir, was du willst", ant­wortete er,ich will dir erfüllen, was du wünschest."Als du mich im Frühjahr fandest, da zogst du mir einen Handschuh aus und nahmst ihn zu dir", sagte sie,und ich weiß, daß du ihn noch bei dir führst. So gib mir nun auch meinen Handschuh wieder." Da lachte der junge Ritter und sprach:Wenn du doch um ein Großes bitten möchtest, denn Liebe will so gern schenken!" Und damit nahm er den Handschuh vor, unb scherzend zog er ihn ihr selber an die weihe Hand, die sie ihm unter seinem Arm hindurch nach vorn reichte.

Aber wie der Handschuh über die Hand gestreift war, da horte er fte tief seufzen, und unter Weinen sprach sie:Nun lebe wohl", und wie er sich erschrocken nach ihr umsah, da war sie verschwunden, und wie er auf seine Brust vor sich sah, über die noch eben ihre Hände geschlungen waren, da waren die Hände verschwunden, durch den Kirschbaum aber ging ein leises Schauern.

Bismarck und der deutsche Wald.

Von Dr G u st a v W u s s o w.

Bismarck und ber Sachsenwald, die Gestalt des eisernen Kanzlers und das Rauschen der uralten Buchen und Eichen: sie gehören zusammen und sind in der Vorstellung des Volkes vomAlten von Friedrichsruh schon fast zu einem mythischen Bild verschmolzen. Cs erscheint uns, als ob in Bismarcks enger Verbundenheit mit der Natur und in seiner Liebe zum Walde wieder das tiefe Gefühl der germanischen Vorfahren für die Heiligkeit der Baumriefen durchgebrochen ist. Er war ein Land­edelmann, und deshalb fetzt es uns nicht in Erstaunen, wenn es ihn aus der Stadt immer wieder in die kraftvolle Stille des Landes drängte, wo er sich neuen Mut für die Erfüllung feines schweren Amtes holte. Hier fand er das Gegengewicht gegen den Lärm der Städte, das Ränke- spiel an den Höfen und die unaufhörlichen politischen Kämpfe und Rei­bereien mit Parlament und Ministerien. Bekanntlich war Bismarck ein überaus empfindsamer und häufig auch reizbarer Mensch, aber er besaß auch die Gabe, sich durch die Berührung mit der Natur verhältnismäßig schnell neue Spannkraft zu verschaffen und die großen und kleinen Sorgen des Alltags vor der Feiertagsstimmung von Himmel und (Erbe von sich abzuftreifen. Vor allem aber zog es ihn mit zauberhafter Ge­walt immer wieder in den Wald, zu den alten Bäumen von Schön­hausen, Varzin und Friedrichsruh, von denen er gesagt hat:Ich liebe sie so das sind die Ahnen/' Durch seine Briefe, feine Gespräche unb Reden zieht sich die Sehnsucht nach der kühlen Stille des Waldes wie ein unbeirrbares Leitmotiv, und es ist bezeichnend, wenn er einmal SU seinem Mitarbeiter Busch in Friedrichsruh sagte:Am wohlsten ist mir zumute, wo man nur den Specht hört." Tiedemann gegenüber äußerte er einmal, er habe eigentlich feinen Berus verfehlt: er HAK Förster werden müssen, dann hätte er es vielleicht sogar zumOber­landforstmeister" gebracht.

Es war gewiß kein Zufall, daß der junge Bismarck, obwohl er be- kanntlich ein unermüdlicher und tollkühner Reiter war, dennoch nicht zur Kavallerie ging, sondern fein Jahr bei der Jägertruppe abbiente, werft im Gardejägerbataillon in Potsdam und bann bei den Greifs­walder Jägern. Während des Jahrzehnts in Kniephof lebte er ganz feinen Pflanzungen und Parkanlagen, den weißen Brücken und Bänken feines Gartens," Auch später, als die Politik feine Kräfte schon ganz in Anspruch nahm, blieb ihm die Entwicklung seiner Baumpflanzungen immer besonders wichtig, und mit liebevollem Blick umfing er während seiner kurz bemessenen Urlaubstage die aufsprießende Pracht der Scho­nungen, die er selber geschaffen hatte Deshalb nahm er am 26. Juni 1871 die fürstliche Domäne des Sachsenwaldes als Geschenk für das große