zurück?'
13.
Wärme und Zärtlichkeit.
voll, durchpulst von
sie mich abstößt. — Ich hasse diese Hand und von da aus den ganzen, viel zu großen, schweren und lauten Mann, der jetzt in seinem Ersolg noch viel weniger zu ertragen sein wird als früher!
Warum gehe ich nicht einfach fort und komme nie wieder hierher
Bon dem Wein, den Martin ihr eingeschenkt hatte, mutzte Mira wohl etwas zu rasch und zu viel getrunken haben. Denn sie phantasierte noch immer von der Hand, während diese längst vom Tisch verschwunden war. Ludwig Thiele war ausgestanden und hatte rasch, unauffällig den Saal verlassen.
Als er nach ein paar Minuten wieder eintrat, hielt er ein Musikinstrument in den Händen, eine Ziehharmonika, wie die Matrosen sie lieben und abends auf ihren Schiffen oder im Hafen zu spielen pflegen.
Was Ludwig aus dem Instrument herausholte, war nur eine kleine Melodie, ein Stück aus einem neuen beliebten Tanzschlager. Und diese kleine leichtsinnige Melodie — nicht viel mehr als ein paar Takte — bekam durch den besonderen Klang des Instruments etwas Rührendes, Wehmütiges, was zu ihrer Frivolität in einem packenden, erregenden Widerspruch stand. Zweimal wiederholte sie Ludwig, dann aber siegte der Rhythmus. Die begleitenden Akkorde mit ihrem betonten Takt und ihren Synkopen drängten sich immer stärker hervor, und die kleine leichtsinnige Melodie flatterte nur noch schwach darüber hin, wie ein gefangener, trauriger Vogel.
Thiele wanderte langsam um den ganzen Tisch, der seiner Musik zuerst Beifall klatschte, dann aber ihrem lauten, mitreißenden Rhythmus unterlag. Paar um Paar erhob sich und begann zu tanzen, bis der ganze Saal vom Drehen, Wenden und Gleiten der Tanzenden erfüllt war. Die Tafel stand plötzlich leer. Denn wer nicht tanzte, zog sich in die Ecken zurück, wo Sessel und kleine, niedrige Tische mit Schnäpsen und Rauchzeug bereitstanden.
Thiele, der sich wie ein befriedigt schmunzelnder Rattenfänger durch die tanzenden Paare schob, landete wieder an seinem früheren Platz und brach mitten in einer marschartigen Variation seines Themas ab. Er löste den Lederriemen der Harmonika von seiner Schulter und reichte das Instrument dem Bildhauer Martin hin.
„Spiel du weiter, Franz!" rief er ihm zu, und von allen Seiten flogen die gleichen Ruse der Paare herüber, deren Bewegung durch das plötzliche Verstummen der Musik gelähmt war.
Marttn hing sich die Harmonika um und zog neue Töne heraus. Nicht mehr fo rein und sicher wie Thiele, aber taktfest genug, um das Vergnügen der Tanzenden in Gang zu halten. Ludwig faßte feine Frau um die Schulter und zog sie mit sich fort bis an die Flügeltür im Hintergrund des Saales, die auf die Terrasse führte, jetzt aber geschlossen und verhängt war. Er schlug den Vorhang zurück und öffnete sie halb, da die Lust im Saal dicht und schwer geworden war. Die Nachtlust, die hereinwehte, war für die Jahreszeit auffallend lind und weich.
Beide sahen einen Augenblick schweigend in die Nacht hinaus.
„Warum hast du sie eingeladen?" fragte Elisabeth zögernd.
„Mutz ich das erklären? Ich kann es nicht ... Als sie zu mir in die Garderobe kam, hatte ich das Gefühl: Auch das gehört noch dazu. Weißt du, so, als fei auch sie ein Teil meines Erfolges. Auch sie kommt jetzt zurück, um alles wieder gutzumachen, was sie mir einmal angetan hat. Mir und dir. Um mein Freund zu fein und zu bleiben. Irgendwie gehört sie ja auch zu mir. wie die andern Freunde. Kannst du das nicht verstehen, Lisa?"
„Doch! — Und ich weiß, daß das wahr ist, soweit es dich betrifft. Sie aber ist ganz anders. Sie ist weder gut, noch wird sie jemals dein Freund fein. Sie hat Absichten, böse Absichten. Glaub mir das, Ludwig!"
„Die fürchte ich nicht mehr."
Elisabeth schüttelte zweifelnd den Kopf. „Manchmal kommst du mir vor wie ein Schlafwandler. Bisher bist du immer wieder auf die Füße gefallen. Aber es kann einmal anders kommen."
„Hast du wirklich Angst um mich, Lisa — oder um dich?" fragte er nach einer Pause.
„Nur um dich. Ich weiß längst, daß ich mit mir allein fertig werden muß, und bin es auch immer geworden. Jetzt habe ich ja noch einen so schönen und festen Halt."
Ludwig legte den Arm enger um ihre Schulter und zog sie weiter durch die halboffene Tür bis auf die Terrasse, wo sie allein waren. Dort küßte er sie auf den Mund.
„Unser kleiner Prinz!" sagte er und schob feine rechte Hand behutsam tastend über die Seide ihres Kleides.
Die Hand, die jetzt auf Elisabeths Leib tag, war die gleiche, die noch vor kurzem Miras abwehrende, haßerfüllte Gedanken beschäftigt hatte. Sie war auch jetzt, trotz der Dunkelheit, in ihren Umrissen klar zu erkennen. Die Finger waren ein wenig gespreizt und nach innen gebogen, als umfaßten sie etwas Kleines, Weiches, Rundes Aber ihr Ausdruck war von einer starken, schützenden Männlichkeit. Sie hatten nichts mehr von der schweren und plumpen Leblosigkeit, wie noch vor kurzem. Ihre Ungepflegtheit erschien setzt als das, was sie in Wirklichkeit mar: einfach und selbstverständlich, und ihre helle Haut blut-
Diese Veränderung ihres Ausdrucks hatte zur Folge, daß Thiele mit einem Schlag in seine frühere Laune zurücksand.
„Lieber Freund!" rief er und legte dem Bildhauer Martin die Hand auf' bie Schulter. „Es wäre lieb von dir, wenn du dich einen Augenblick Mira widmen und die Vorstellung übernehmen wolltest — soweit das nötig ist."
Damit fetzte er sich wieder in seinen Sessel, wahrend Martin mit Humor seinen Auftrag durchführte.
Außer Professor Bernau, Ollendorf und den Intimen des Hauses wie Hartl, Doktor Kern und von Gerber, kannte niemand Frau von Alten persönlich. Aber fast alle hatten von ihr gehört und von den Ereignissen vor einem Jahr. Mira spürte, daß ihr Erscheinen hier wie eine Sensation wirkte, und hatte das auch erwartet. Gerade diese Atmosphäre, voll von lüsterner Neugier, verhaltener Ablehnung, uneingestan- öener Bewunderung, Eifersucht und Erotik war ihr eigentliches Element, spannte ihre Nerven und machte sie schlagfertig und beinahe geistreich. Sie gestand sich auch ein, daß dieser prickelnde Reiz, den sie jetzt, wie immer in solchen exponierten Situationen, direkt auf der Haut zu spüren glaubte, einer und vielleicht der wesentlichste Grund war, warum sie hierher gekommen war.
Sie nahm zwischen Aenne und Martin Platz. Der Bildhauer gab sich Mühe, sie zu unterhalten, bediente sie mit Wein und bot ihr auch zu essen an. Aber nur ihre Kusine Anne, die kaum ein Wort sprach, machte davon ausgiebigen Gebrauch. Mira ließ sich Zigaretten geben und hörte mit halbem Ohr auf die waghalsigen Anekdoten des Bildhauers, der die Grenze der Nüchternheit schon überschritten hatte.
Wer war doch der kleine, magere Mann neben Elisabeth, der sie mit falten, abschätzenden Blicken musterte, mit Blicken, die fast schon unhöflich waren und eine Herausforderung enthielten? Ja, das war der Arzt und Freund Ludwigs, der schon vor einem Jahr aus seiner feindseligen Haltung ihr gegenüber fein Hehl gemacht hatte. Der sich eines schönen Tages berufen gefühlt hatte, für Elisabeth einzutreten und gegen sie, Mira, einen heftigen Ausfall zu machen. Das hielt er wohl für seine Freundespflicht. Ludwig hatte stets eine Schar treu ergebener Freunde um sich. Oder vielleicht war er auch nur heimlich in Elisabeth verliebt? Man müßte ihn einmal höflich, aber birett danach fragen, wenn er wieder aggressiv werden sollte. Oder traf das nur auf den stillen, friedlichen Doktor Hartl zu, der stch, wenn auch auf andere Weise, innerlich genau so verhielt?
Martin, der Bildhauer, dagegen — den man nebenbei etwas bremsen müßte in bezug auf feine Geschickten — war eigentlich immer nett zu ihr gewesen, obgleich er mit Ludwig noch enger befreundet war. Er hat mir sogar den Hof gemacht in seiner naiven Art. Er hat nie etwas Böses ober Gefährliches barin gesehen, baß Lubwig mich liebte, unb hat nie für Elisabeth Partei genommen. Ueberhaupt ist er ber sympathischste Mann hier. Wenn er nur besser angezogey. wäre unb weniger trinfen mürbe.
Am besten sieht rnohl ber Filmdirektor aus. Wie hieß er gleich? Grolman ober so ähnlich. Der wäre ein Mann für mich. Sympathisch, zäh unb flug. Aber vielleicht ist bas, rote so oft, nur interessante Fassade.
Elisabeth Hai stch veränbert in biesem Jahr. Sie scheint reifer unb sicherer. Mein Gott, sie tut, als wäre ich gar nicht ba. Sei nicht zu sicher, mein Kinb! Du müßtest wissen, baß gerabe bas mich reizt. Du glaubst, bah bu einmal ben Sieg über mich baoongetragen hast unb baß bas immer so bleiben wirb. Das ist erstens nicht wahr, benn ich habe mir nie bie Mühe gegeben, Ludwitz so fest an mich zu fetten, wie bu annimmst. Zweitens tonnte es jetzt ja anders tommen. Ich brauche nur zu wollen ... Will ich benn? ...Da sitzt Lubwig hinter seinem Glas. Ich fönnte seine Hanb mit bem Finger erreichen, wenn ich mich etwas vorbeuge. Er ist ftärfer geworben seit letztem Jahr. Jetzt sieht man bas erst ganz deutlich. Diese Falten im Nacken unb unter dem Kinn waren damals nicht ba. Nur seine Augen unb fein Mund finb bie gleichen geblieben, unb sie haben auch noch ben gleichen starten Reiz für mich, der mir immer rätselhaft bleiben wird.
Ueberall am Tisch hatte man zu rauchen begonnen, und die Weinflaschen freisten schneller. Auch Thiele, ber selten rauchte, hatte eine schwere Zigarre zwischen den Lippen. Seine Augen funtelten manchmal zu Mira herüber, während er abwechselnd zu Doftor Hartl und zu Elisabeth sprach. Da die Luft im Saal immer heißer und rauchiger wurde, zog er den Rock aus und warf ihn über die Lehne seines Sessels.
.Seine Brust und seine Schultern sind noch breiter’, spann Mira ihre Gedanken weiter, während sie sich nach allen Seiten hin freundlich und höflich zu unterhalten schien. .Immer wirkt er auf mich wie ein wildes, aber gutmütiges Tier, wenn er so dasitzt in Hemd unb Hose, Wein vor sich und irgendein unförmiges Stück Brok ober Fleisch. Jrgenb etwas sst dann an ihm, was mich abstoßt ...? Ich kann bas nicht unter- scheiben. Will es auch gar nicht. Jetzt jedenfalls nicht. — Doch es war immer so, von Anfang an. Es ist merkwürdig: manchmal, sogar in unserer besten Zeit, hat es Tage, ja ganze Wochen gegeben, in denen ich ihn nicht ertragen konnte, wo ich krank wurde, wenn ich nur seine Stimme hörte! Und am Abend lief ich trotzdem ins Theater und war hingerissen wie ein alberner Backfisch. Vielleicht dürste ich ihn immer nur auf der Bühne sehen und gar nicht persönlich kennen. Doch auch im Leben ist er wieder ganz anders als andere Schauspieler, auf die dieser Grundsatz paßt. — Warum habe ich jetzt wieder dort angefangen, roo' ich vor einem Jahr aufhörte? Dieses ganze Jahr über habe ich doch kaum mehr an ihn gedacht. Ich weiß genau, daß ich ihn nicht liebe ober nicht mehr. Er weiß das im Grunde auch. Nichts ist eindeutig und klar zwischen uns als seine hemmungslose Leidenschaft für mich. Ist es die, die mich wieder zurückgeführt hat?
Da liegt seine Hand mitten in einem Weinfleck. Wie häßlich sie ist, diese Hand! Sie liegt da wie tot. Die Finger sind rund und dick, wie geschwollen. Die Nägel sind nicht richtig gepflegt, die Haut ist gelb und überall von diesen kleinen braunen Härchen besetzt, die ich hasse. Sie reizt mich in ihrer Plumpheit derart, daß ich am liebsten dieses Messer nehmen und sie mit einem Schnitt vom Arm ab trennen würde! Wie
Er löste den Arm von ihrer Schulter und deutete in die Nacht hinaus, irgendwohin in die Richtung nach dem See. „Jetzt können wir es kaufen, das Haus dort drüben, das wir uns schon lange ausgesucht haben. Jetzt lassen wir es uns Herrichten, ganz wie wir wollen. Für uns und für den Prinzen. Bis er da ist, wird alles fertig fein."
„Glaubst du wirklich, daß wir das alles kaufen können?"
„Henschke murmelte neulich etwas von hunderttausend Dollar, die I sie mir drüben für die drei Filme zahlen wollen. Das wird doch für viel mehr reichen."
(Fortsetzung folgt.)


