SietzenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 58
Zreitag, den \L Mai
Jahrgang 1955
ut, daß Du da bist
ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR
Copyright 1933 by August Scherl G. m. b. Berlin
(Fortsetzung.)
Die Schmauserei begann und nahm bald laute, ausschweifende Formen an. Thiele selbst gab den Anlaß. Er schob seinen Teiler beiseite und zog dafür eine der dicken Holzplatten heran, auf der ein knusperiges
Huhn prangte.
„Weiht du, Lisa, das ist einer der größten Tage meines Lebens!", sagte er leise und zu ihr vorgebeugt, während er mit wenigen krustigen Schnitten das Huhn mehr zerriß als zerlegte. „Zuerst mein Erfolg als Götz, an dem wir beide ja nie gezweifelt haben, und dann--Na
türlich kam der Filmmann mit Henfchke zu mir in die Garderobe, und nachher waren wir noch einen Augenblick zusammen in der Kneipe. Drei große Filme soll ich drüben mit ihm machen! Denk dir aus, was das heißt! Ein halbes Jahr lang wird die ganze Produktion der .Gloria' nur auf mich eingestellt Jein... Und Wirkung... Wirkung über die ganze Welt... Nach diesem halben Jahr wird mein Name in ries! gen Lettern in allen Straßen zu lesen fein, wo man ins Kino geht! Von Neuyork über Moskau bis Honolulu und Tokio. Das ist es, wovon ich als Schiffsjunge geträumt habe und was vom Theater allein aus nie zu erreichen war!"
„Ich kann gar nicht jagen, wie ich mich freue!" jagte stockend Elija- deth, die nichts mehr aß, fett er — am Kopfende des Tisches — zu ihr allein zu sprechen begonnen hatte. „Der Vertrag ist also perfekt? Ihr habt alle Einzelheiten schon durchgesprochen?"
„Nein'... Merkwürdigerweise war davon nicht mehr die Rede. Doch ich bin absolut sicher. Das habe ich im Gefühl. Der Direltör wäre sonst gar nicht mitgekommen. Ich habe den Eindruck, daß ich ihm irgendwie sympathisch bin, wenn er auch äußerlich stets und oerschlossen geblieben ist. Er stammt aus Bremen, mußt du wissen! Auch Henfchke ist über zeugt, daß wir in den nächsten Tagen unterschreiben. Nur Steinten machte ein paar unbegreifliche Schwierigkeiten. Aber das ist neben» fachlich. Mit dem werde ich schnell fertig... Und dann, Lisa, dann sind wir dort angelangt, wo wir hingehören!"
Während er sprach, hastig, mit Pausen und ohne die Worte zu wägen, so, als bräche eine lange zurückgestaute Welle aus ihm heraus, führte er die Stücke des vor ihm liegenden Huhns zum Munde, Brust» stücke und die Keulen, ohne die Gabel zu benähen. Er saßte fie an Den Knochen und biß hinein mit einem gewaltigen Appetit und einer Hingabe an diese Lust des Essens, die ebenso ursprünglich war wie die unge»
nungen.
wieder herab.
wöhnliche Form. , , , . . .
Zwischen den einzelnen Bissen griff er nach feinem Pokal und tränt in langen, genießerischen Zügen, die Die breite Höhlung des Glases in der fein ganzer Kopf eingetaucht schien — bald geleert hatten.
Direktor Grolman, der ziemlich entfernt in der Mitte der Tafel saß und sich bemühte, mit Steinten, seinem Nachbar ein neutrales Gespräch zu führen, ließ den Schauspieler nicht aus den Augen. Zuerst, als Thiele sich hinter seinem Riesenpokal verschanzte und diese Festung noch mit einem Wall von Speisen verstärkte, in die er nun Schlag auf Schlag eine gewaltige Bresche zu legen begann, konnte Grolman sein etwas erschrecktes Staunen nicht ganz verbergen. Der Anblick dieses stämmigen Mannes, der sich der Arbeit des Essens und Trinkens mit breiten, ausladenden Gesten hingad und selbst dabei noch zu wachsen und sich aus« zudehnen schien, drängte ihm zunächst das Wort „barbarisch auf.
Je länger er aber beobachtete, desto mehr verwandelte sich dieser erste Eindruck. Er fand, daß diese gewaltigen Mengen von Speise und Trank und die Form, in der sie vertilgt wurden, nicht die geringste Spur einer Absichtlichkeit in sich trugen, daß sie vielmehr genau dem Wesen des Mannes entsprachen, also durchaus natürlich waren. Unb schon sah er dieses Bild mit anderen Augen, mit den Augen des Fachmanns und Filmproduzenten. Er erkannte die suggestive Wirkung, die davon ausging und die durchweg positiv, ja, sympathisch roar, u''° beschloß innerlich, eine solche Szene in einen der drei geplanten Groß- filme mit aufzunehmen. , , , ,<„„..»1
Der Agent Henfchke aber, dem Grolmans gespannte Aufmerksamkeit nicht entging, begann auf feinem Stuhl zu fefjroi ?em»or Mnflft unb Der» lor allen Appetit, da das vollkommen beherrschte Gesicht des Direktors nichts davon verriet, was ,n ihm nnraina. Als Thiele sw dem neu; “
j in ihm vorging. Als Thiele sich jetzt noch mit gefüllten Pokal plötzlich erhob, sank das Barometer feiner Hoff» bas bisher auf „Schön" gestanden hatte, bis auf „Veränderlich
Thiele, der, wenn er nicht auf der Bühne stand, im allgemeinen schwerfällig sprach und ohne rechten Zusammenhang, konnte im sriihe» Stadium ocr Trunkenheit beredt werden. Heute war es weniger der Einsluß des Weins als die innere rauschartige Hochspannung, die zu einer Entladung drängte. Doch dieser Rausch war so anders und so stark, daß er kaum die Worte sand für das, was er empfand.
„Freunde...!" rief er, und [eine gepreßte Stimme übertönte Lärm und Lachen. „Wie ihr mich hier seht, stehe ich am entscheidenden Wendepunkt meines Lebens ... als Sqjaujpieler und auch als Mensch...!"
Der Lärm im Saal verebbte, unb es trat eine Stille ein, in der alle Köpfe sich nach der einen Richtung drehten.
„Wir haben oft hier gesessen mit heißen Köpfen und Herzen, haben gestritten und geschimpft und alle Mittel und Wege erwogen, die uns dahin bringen sollten, wo wir das, was wir wollten, auch verwirklichen l'öimten ... so daß es weithin sichtbar ... fühlbar ... und wirksam würde... Was aber war das im Grunde...? Wir sind uns nie einig darüber geworden... Der eine nannte es so, der andere so... Einig waren wir immer nur darüber, daß den Menschen heute und ihrer Gemeinschaft ... wie sie sich auch immer gebärden ... irgend etwas Wesentliches fehlte... Etwas, was sie verloren haben, und was man ihnen zurückgeben müßte, damit sie endlich wieder einen Weg und ein Ziel finden!... Was roar das nur, was roir ihnen geben wollten? ... Warum stehe Ich plötzlich hier und rede, wo ihr doch alle wißt, daß ich gar nicht reden kann ohne den Rückhalt einer schönen Rolle?... Weil ich ein Wort gesunden habe für das, was wir geben wollten und was ich heute, vor eine große Aufgabe gestellt — ganz aus meinem Gefüllt heraus geben konnte: Ein Stück Natur! Das kleine Stückchen, das roir eben find ... aber ganz und gar so, rote roir es sind! Und daß das eine Wirkung tat, daß Die Menschen das spürten und immer tiefer spüren werden, bis sie alle selbst sich wieder daraus besonnen haben, wer sie eigentlich sind — das ist es, was mich glücklich macht!"
Seine Stimme war immer leiser unb taftenber geworben und die Stille ringsum immer tiefer. Auf einmal aber warf Thiele den Kops zurück, atmete fauchend ein und stieß diesen Atem wieder heraus als sein altes, dröhnendes Lachen.
„Darauf wollen wir trinken!" rief er, und seine Stimme hatte den Ton einer Fanfare.
Alle hoben Die Gläser. Biele standen auf, traten zu ihm und stießen mit ihm an. Der ganze Saal roar wieder erfüllt von Stimmengewirr unb Lärm, die nur noch einmal für einen kurzen Moment verstummten — in dem Moment, als Mira von Alten mit ihrer Kusine Aenne eintrat.
12.
Thiele, der neben seinem Sessel am Kopfende der Tafel stand, setzte sich sofort in Bewegung und ging mit seinen langen, wiegenden Schritten auf Mira zu. Daß er Den leeren Pokal noch in Der linken Hand trug, wußte er nicht. Erst bei der Begrüßung entdeckte er ihn und stellte ihn auf die Konsole neben der Flügeltür. (Später fand er ihn wieder vor seinem Platz auf dem Tisch. Ein junger ausmerksamer Kollege hatte ihn zurückgestellt.)
Mira trug nicht mehr das Abendcape, auch nicht die elfenbeinfarbene Abendtoilette, sondern ein einfach hellgrünes Seidenkleid und darüber einen langen Sportpelz, den Thiele ihr abnahm und mit Aennes schwarzem Schneidermantel auf einen freien Stuhl in der Ecke legte. Nur Elisabeth bemerkte sofort, daß beide sich umgezogen hatten.
„Eben sprach ich davon, daß ich glücklich bin, und glaubte ganz fest, baß du kommen würdest. Da warst du schon unterwegs, Mira!" sagte Thiele und sah nichts von dem schnellen überlegenen Blick, mit dem sie ben ganzen Saat überflog. Er führte sie um die Tafel herum bis in bie Nähe bes Doktor Hartl, der sich erhob, Elisabeth gegenüber.
Ich habe Mira gebeten ... Sie ist erst vor kurzem zurückgekom- men!" sagte Thiele unb sah Elisabeth bittenb an, wie ein ungezogenes ÄinÖgrau von Alten ...", antwortete Elisabeth leise, mit einem hoch» mütigen, verjchlosienen Gesicht. „Als roir uns vor zwei Stunben trafen, zweifelten sie noch, ob Sie den Mut finden würden ..."
Es gelingt mir einfach nicht, Ludwig einen Wunsch abzuschlagen! unterbrach sie Mira mit ihrem heitersten, liebenswürdigsten Lächeln. Auch meine Kusine roar kaum zu bewegen, nochmals ins Auto zu steigen, unb machte mir unterwegs bie heftigsten Vorwürfe wegen meines Leichtsinns. Ich bitte um Ihre Nachsicht, Frau Elisabeth!"
Elifabeth drehte den Kopf und begegnete jetzt erst den bittend auf fie gerichteten Augen ihres Mannes. Steht er nicht da wie ein bummer unb frecher Junge, ben man bei einer Untat ertappt hat, und der heimlich noch stolz darauf ift? dachte fie. Alles übrige liegt bei mir. Diesmal werde ich besser auf Ihn auspassen! beschloß sie, und der Hoch mut verjchwand aus ihrem Gesicht.


