Ausgabe 
16.12.1935
 
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Das alie Krippenlied.

Bon Ruth Schaumann.

Such hier dein Krippenlied, ja such!

Sprach jener Engel mit dem Buch.

Ich wandte Blatt um Blatt bei Licht, Die alte Weise fand ich nicht.

Die alte Weise, süß und bang, Die ich als Kind dem Kinde sang.

Ich schloß das Buch, ich blies das Licht, Ich barg in Nacht mein Angesicht.

In Nacht, die nur ein Stern durchscheint, Und hab das Krippenlied geweint.

Wäldler-Weihnacht.

Von Johannes Linke.

Es geschieht mitunter, daß ein Mensch aus einer der großen Städte, der keine Eltern mehr hat und sich noch keinen eigenen Hausstand gründete, aus der Trostlosigkeit seiner Junggesellenstube mit ihrem nichtssagenden H«usrat in unser Grenzgebirge flieht, um hier ein gemütvolles, heimeliges Weihnachtsfest zu feiern. Die waldreichen Berge und die stillen, verschneiten Täler sind ihm aus Bildern und Schilderungen vertraut, und wenn er ihre Bewohner auch nicht kennt, so weiß er doch von ihnen, daß sie, anders als die meisten Städter, einfach und bescheiden und den ewigen Gesetzen der heimatlichen Natur treu geblieben sind. Darum, meint er, wird er in diesem Lande, unter diesen Menschen einen Weihnachtsabend erleben, wie er ihn bisher nur in der Sehnsucht seiner Seele erträumte, es wird eine unendliche Stille über dem Gebirge ruhen, die durch einen fernen Glocken- ruf nur noch tiefer wird. Alte und Kinder werden inniger, als er es je geyört, Christlieder fingen, und der breitnadelige, dunkelgrün und silbern schimmernde Tannenbaum, von dessen Zweigen wohl eben erst der letzte Schnee geschmolzen ist, der ihn in der Frühe noch völlig verhüllte, wird mit seinem kräftigen Pechdust die getäfelte Stube erfüllen.

So tritt er denn im Marktflecken, wo die steilen Lehnen der Berge der Eisenbahn den Weg versperren, in seine Schneeschuhe und gleitet den Bergdörfern zu. Auf dem Waldwege zerschneiden die tiefen Geleise der Zugschlitten und die breiten vereisten Mulden des Blöcherzuges den dicken Schnee, der die Tannen vermummt und zu fremdartigen Wesen verwandelt hat. Es kommen auch jetzt noch, am Nachmittag des heiligen Abends, Holzzieher vom Berge herabgesaust, und er hat bei den vielen Kehren der unübersichtlichen Straße Mühe genug, rechtzeitig vor ihnen zur Seite zu springen. Sie hocken auf dem Querholz zwischen den aufge­krümmten Kufen ihres Schlittens, der hoch mit Aeften beladen ist, und hinter dem ein Bündel Scheiter an stählerner Kette nachschleift, über­schauen mit wilden, verwegenen Gesichtern die Bahn und jauchzen und schreien, daß es weithin durch den atemlosen Winterwald gellt. Dieses unweihnachtliche Arbeiten und Lärmen hat der einsame Schneeschuhfahrer wohl nicht erwartet. Aber dann, wie er auf einem schmalen Gangsteige dahinfährt, wo noch kein Fuß und kein Holz den tiefen Schnee berührt hat, über dem die Zweige der geneigten Tannen zu einem dämmerig glitzernden Gewölbe zusammenschmelzen, wächst das Schweigen wieder feierlich an.

Die Sonne senkt sich schon glutrot in die Dunstschwaden des hügeligen Vorlandes, wie er den Wald verläßt und in sanfter Abfahrt einem Dorf entgegengleitet, das sich in einer überschneiten Wiesenmulde birgt. Er hört keine Weihnachtslieder, aber aus der Schmiede klingt der Hammer des Meisters, der einen Schlitten mit eisernen Schienen besohlt. Im Wirtshause, wo er auf einen Trunk und Imbiß einlehrt, steht er keinen Tannenbaum stehen, und kein grüner Zweig steckt über den Bildern an der Wand. Der Wirt reitet auf der Heinzelbank und nagelt altes Leder aus die selbstgeschnitzten Holzschuhe, und verwundert sich über die Maßen, daß an diesem Tage ein fremder Gast zu ihm in die Stube kommt. Die Wirtsfrau trägt ihm Milch und Käse und altbackene Salzwecken auf und bedauert, daß sie ihm nichts anderes oorfetzen könne, aber die Wurst sei noch nicht fertig, der Rest des alten Hausbrotes fei beinhart, und das frische Brot liege noch im Backofen. Der Städter ist ein wenig enttäuscht, denn alles das, was ihm hier begegnet, entspricht durchaus nicht seinen Vorstellungen, die er in das Waldgebirge mitbrachte, aber er läßt sich die einfache Kost schmecken, bezahlt die geringe Zeche und fährt über den krachenden Schnee in die Dämmerung hinein. .

Die höchsten, baumlosen Zinnen des Gebirges glühen in den letzten Strahlen der abendlichen Sonne, während die Täler schon im Schatten und frostgrauem Reife liegen. Die einzelstehenden mächtigen Buchen und Ahorne am Hange starren im Rauhreif, der seine Nadeln in Büscheln und Zeilen um Zweige, Astwerk und Stamm geordnet hat. Ein Hase humpelt über den Harsch den Hütten zu, wo er noch ein paar Hälmchen zu finden hofft, aber auch der Fuchs leidet Hunger, zwischen den angerauten Stämmen des Jungwaldes schnürt er dem Häslein nach, und die drohenden Zurufe des Schneeschuläufers, die ihn von feiner Beute verscheuchen sollen, bringen ihn nicht von der Spur ab.

Die Sterne funkeln kristallisch am Himmel, dicht über den Graten und Höhen, und der Schnee glimmert den Gestirnen in unzählbaren Blättchen entgegen, als der Städter den Weiler erreicht, wo er seine Weih­nacht feiern will. Außer einem Forstverwalter und einem Gastwirt, bei

dem Im Sommer die Wanderer und Im Winter die Schlittenzieher ver­kehren, hausen hier oben nur notige Holzmacher, die einen kleinen Erd­äpfelacker bestellen und eine Geiß und eine Sau kümmerlich genug durch- füttern. Auch hier findet der Fremde tn der sauber ausgescheuerten kleinen Wirtschaft keinen Weihnachtsschmuck, wie er ihn erwartete, und die Wirtin, die ihm das Bier ausschenkt, meint kopfschüttelnd:O nein, was sollten denn mir mit einem Tannenbaum in unserer Stube? Das mögen die Städter tun; für die ist ein solcher Baum etwas Seltsames. Und das ist auch recht so, daß sie sich Christbäume kaufen, denn das schafft Arbeit für unsere Mannsbilder aber wir haben Tannenbäume genug draußen im Wald." Ja, das ist nun freilich kein Weihnachtsabend, wie er ihn sich dachte, als er aus der Stadt aufbrach, und nun weicht die Christfreude, die er mitbrachte, aus feinem Herzen, unfeierlich verdrossen und müde von der langen Fahrt legt er sich zu Bett, und während er noch über die gefühllosen Wäldier murrt, die nicht einmal das Weihnachtssest recht feiern können, schläft er an diesem heiligsten aller Abende ein.

Aber kaum, daß er ein paar Stunden geschlafen hat, fährt er aus dem Traume und ist gleich hell wach. Ein wirres Brausen klingt durch das eisoerblumte Fenster. In kriegerischer Eile fährt er in seine Kleider und reißt den angefrorenen Fensterflügel auf. Ist ein Unglück geschehen? Bricht ein Sturm die Wälder nieder, ober steht die Nachbarhütte in Flammen? Kinder schreien mit gellender Stimme, Hornrufe heulen durch die Nacht, Schüsse knallen, und über dieses Getöse brausen vom Tal her die Glockenstimmen. Geschwind tastet er sich die Holzstiege hinab und springt auf die feftgetretene Gasse hinaus. Ein Bursche brennt einen Böller ab, ein Weib stößt unablässig in eine Trompete, der Förster schießt mit seinem Jagdgewehr in die Lust, und ein paar Buben knallen mit der Geißel und mit Zündpistolen. Und aus der Ferne, vom Talgrunde her und aus dem Pfarrdorfe, wo er gegen Abend rastete, bringt Krachen unb Lärm unb Glockengeläut.

Was gibts benn?" ruft der Stadter den Wirt an, der eben mit einer uralten Buchse aus dem Gasthause tritt.

Was es gibt?" lacht der mitleidig.Christkindelschießen tun wir!" Und damit legt er seine Büchse an unb jagt einen Schuh über fein Haus­bach hinweg.Wo kommt benn ber Herr her, baß er das nicht einmal weiß? Heute ist doch Weihnacht! Das ist die allergefährlichste Nacht im ganzen Jahr?! Das ist eine Losnacht, Herr! Da muß man die Teufel unb die Hexen und die toten Leut, die keine Ruh finden, unb bie Drub unb die Weihz unb bas ganze Gelump miteinander, die muß man anweihen, daß sie keine Gewalt kriegen über uns! Das ist fein Lebtag schon so gewesen, und das wird auch nicht anders!" Unablässig dauert das Schießen und Lärmen und Schreien fort. Ununterbrochen tönen die Kirchglocken.

Da vergeht dem Fremden mit einem Male der Aerger, der in ihm angewachsen war, und das unheimlich fremdartige Treiben dieser heiligen Nacht bekommt Gewalt über ihn. Er spürt, wie sich uraltes Heidentum ber Heimat mit ber frohen Botschaft bes Heilandes verquickt, und zum ersten Male begreift er den Sinn des NamensWeihnacht", den er so oft unbesonnen horte und aussprach: Es ist die Nacht, in der die bösen Geister angeweiht werden müssen, nicht nur mit Weihrauch, Kreuz und Weihbrunn, sondern auch mit Feuer und Lärm, damit ihre finstere Macht zerfällt und sie dem Dorfe und seinen Menschen nichts anhaben können. Denn immer und überall, wo der Erlöser ins Licht steigt, sammeln sich die höllischen Widersacher zum Kampfe.

Allmählich verebbt das Getöse, ab unb zu burchpeitscht noch ein Schuß bie eiskalte Nacht, unb nur die Glocken fingen noch eine Weile über bas Gebirg. Nun kommen auch bie Mettengänger wieder heim. Sie hatten sich dicht beisammen. Es gibt wohl in jedem noch so kleinen Dorfe einen, der am Sonntag seinen Weg allein zur Kirche wandert, weil das die einzige Stunde in seinem arbeitsreichen Leben ist, wo er ungestört seinen Gedanken über Gott und Welt nachhängen kann aber auch dieser eine geht heute nicht für sich allein, sondern zieht in der Schar mit, denn in dieser Nacht, wo bie Geister ber Finsternis losgebunben finb, um gegen ben Herrn bes ewigen Lichtes anzustürmen, hütet sich ein jeder, ihnen ohne Beistand zu begegnen. Fröhlich gehen die Holzhauer, die Weiber, die Burschen und Kinder auf ihre erleuchteten Hütten zu, sie schälen sich aus ihren Mänteln und Umhängen und Kopftüchern, reiben sich die durch­frorenen Finger unb wärmen sich am Herbe, wo schon bas Kaffeewasser siebet.

Die Kinber sitzen schon um ben Tisch, als ber Gast roieber ins Haus tritt, bie Wirtin schüttet ben kräftigen, mit Rahm geweißten Kaffee in bie bauchigen Tassen, ber Wirt schneidet den unberührten Brotlaib an und legt nach altem Brauche jedem eine mit Semmel und viel Gewürz durchsetzte Mettwurst auf den Holzteller. Hungrig halten sie ihr nächtiges, Mahl, an dem auch der Fremde teilnimmt, langen immer wieder neu zu und danken mit singendem Gebete für die Speise. Dann zündet die Haus­frau ein paar Lichtlein an und loscht die Campe aus. Und nun findet der Gast aus der Stadt auch noch das, was er sich zur Weihnacht ersehnte. Die Dinge des täglichen Gebrauches sind im Dunkel versunken, und nur eine Krippe, kunstlos aber liebevoll aus Rinde geschnitzt, steht im Licht. Die Seidenflicken und Silberflitter, mit denen die Muttergottes und die heiligen drei Könige behängt sind, flimmern unter den Kerzenflämmchen, und es ist, als ob sich der Vater Josef und die Hirten und Schafe bei dem Geflacker des Lichtleins regten. Ein Mädchen stimmt zaghaft an, und nun fallen sie alle, mit rauhen, ungeübten Stimmen, aber voll Herzens­freude in den Gesang ein: Stille Nacht, heilige Nacht ...

Nein, die bösen Geister werden keine Macht über das Dors bekommen, unb auch aus ber Seele bes einsamen Mannes, ber ins Gebirg kam, um Weihnacht zu feiern, sind sie längst ausgetrieben.

HeranttDortlitfc: Dr. Hans Thtzrivt. Druck und Berlag: Brühl'fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. 3t Lange, Gießen.