Weihnachismartt.
Von Karl Bröger.
Aus leichtem Holz ist er, aus Segeltuch und armen Flittern nur gemacht und wird doch in der frühen Nacht ein Paradies, voll Licht und Festgeruch.
Dann glänzen Kugeln, Schmuck und Flimmerketten und viele halbversteckte Herrlichkeiten.
Die Kinder, die durch diese Gassen schreiten, träumen davon, daß sie das alles hätten.
Sie sehnen sich. O ging die Zeit doch schneller! Vielleicht, so kommt in einer schöneren Ferne ein Engel dann von einem fremden Sterne und bringt das Paradies auf einem Teller.
Das gestohlene Christkind.
Von Jakob Kneip.
Anna Kriftel war jünger als ich und faß in der Schule einige Bänke unter mir ... Ihre großen braunen Augen, ihre dunkle Gesichtsfarbe, ihr Gang und ihre Bewegungen waren nicht wie die der anderen Mädchen. Anna hatte einen Eckplatz, und wenn sie sich aus der Bank beugte, wenn ihr die dicken, braunen Zöpfe über die Schulter sielen, konnte ich kein Auge von ihr abwenden.
Noch lieber aber sah ich Anna im Spiel. Keine war so flink und behende, keine hatte so tolle Einfälle, keine spielte so wild und ausgelassen wie sie. Zuweilen aber konnte sie mitten im Spiel in Schluchzen und Tränen ausbrechen, um sich schlagen und mit den Füßen aufstampfen. Ja, Anna Kristel war ein sonderbares Mädchen, und ich fand sie wohl schöner als alle anderen Mädchen aus unserem Dorfe, aber der Lehrer mußte schon ein strenges Auge auf sie haben; denn Anna hatte keinen Vater; und ihre Mutter, die immer bei den Bauern als Tagelöhnerin arbeiten mußte, konnte sich wenig um sie kümmern. Aber oft erschien mir der Lehrer gar zu hart gegen Anna, wenn sie einmal zu wild und ausgelassen wurde: dann sah sie stundenlang schweigend und verstockt in ihrer Bank, und der Lehrer brachte kein Wort mehr aus ihr' heraus. Ach, der Lehrer verstand auch oar keinen Spaß! War sie nicht eine der besten Schülerinnen? Wer gab so rasche und treffende Antworten wie sie? Im Lesen, Schreiben, Rechnen war Anna allen Mädchen ihres Alters weit voraus: und immer hatte sie einen kleinen Kreis von Freundinnen, die ihr anhingen und die ihr wie einer Aelteren oder Vornehmeren
gehorchten.
Der Pfarrer, ein fttller, alter Mann, dessen Gesicht dem von Gott Vater auf dem Bilde über dem Hochaltar wohl ähnlich sah, war sehr gut zu Anna und lachte oft recht herzlich über ihre sonderbaren Fragen und Antworten. Er lieh sie sogar im Hochamt den Opferteller rundtragen; das war vor der Gemeinde eine hohe Ehre. Ja, es war gewiß: der Pfarrer mußte Anna vor allen anderen in sein Herz geschlossen haben!
Nun ist da ein ganz besonderer Tag, von dem ich erzählen muß; an dem Tage trug sich mit Anna Kriftel etwas so Merkwürdiges zu, daß mir jene Stunde noch heute vor der Seele steht.
Der Pfarrer hatte unserem Dorfe zu Weihnachten eine ganz große Ueberraschung geschaffen: Als wir zur Mette in die Kirche traten, war da in einer Ecke neben dem Hochaltar der Stall von Bethlehem mit der Krippe aufgestellt. Maria und Joseph waren fast lebensgroß zu sehen; in der Krippe aber, auf einem Bündel Heu, lag das Jesuskind, und heller Schein fiel von einem großen Stern in den Stall, gerade auf die Krippe hin. Auch Schäflein standen um die Krippe, und die Köpfe von Ochs und Esel schauten durch zwei Löcher in der Wand neugierig auf das Kind herab. Hinter dem Stall aber sah man auf einer Sttahe zwischen Palmbäumen die Hirten heraneilen. Die alte Backesbas, eine fromme, kinderlose Witwe, hatte, wie sich später herausstellte, auf ihrem Sterbebette der Gemeinde dieses Wunder gesttftet; und das alles war nun so schön und für unser armes Hunsrückdorf so neu und überraschend, daß diese Weihnachtsmette wohl vielen, die sie gleich mir erlebten, in Erinnerung sein
Am Weihnachtsnachmittag gingen wir dann nach gewohnter Weise zum Pfarrdorf hinüber, wo die Vesper abgehalten wurde. Die feierliche Abendandacht aber war, um diesen großen Tag zu beschließen, in unserer kleinen Kirche angesetzt. Wir Kinder sollten dabei vor der Krippe stehen und singen, und die Musikanten von Guntershausen sollten mit Klarinetten, Trompeten und Geigen die Begleitung dazu spielen.
Als die Vesper zu Ende war, hatte sich das Wunder der Krippe schon im ganzen Pfarrdorf rundgesprochen, und viele Leute pilgerten in dem klaren, müden Winternachmittag mit zu unserem Dorf hinüber, um die Krippe zu sehen und die feierliche Abendandacht mitzubegehen.
Da, wie wir in höchster Festfreude und Erwartung wieder in unser Dorf eintreten, kommt uns voller Erregung die Frau des Sauhirten entgegen und ruft:
„Das Christkind ist gestohlen!" —
„Das Christkind?" — ,
„Ja, das Christkind, das in der Krippe lag. Mit einmal war es fort.
Kein Mensch weiß, wo es hingekommen ist." .
Wir Buben stürmten darauf sofort die Dorfsttaße hinauf nach der Kirche hin; denn diese Kunde klang uns so ungeheuerlich, daß wir sie nicht fassen konnten und uns selbst an Ort und Stelle davon überzeugen wollten. Als wir an der Kirche anlangten, lief eben der Küster barhaupt über den Friedhof nach dem Schulhaus hinüber. An der Kirchenpforte aber begegneten wir einigen Frauen aus dem Dorfe, die erregt mit
einander sprachen. Kapps-Linkser, der Rothaarige, kam dazu, und rott hörten, wie er lachend sagte: „Am Ende ist es ein Streich der Kendenicher. Die verfluchten Kesselflicker und Besenbinder gönnen unserem Dors bte Freude nicht."
Wir traten nun in die Kirche ein und mußten mit Schrecken feststellen, daß die Krippe wirklich leer war. Wir liefen dann zur Schule hinauf wo fich der Lehrer mit dem Küster eben auf der Treppe zeigte. Eine Anzahl Kinder stand schon erwartend vor dem Schulhause; Mädchen und Frauen traten aus den Haustüren und kamen neugierig heran. Da liefen plötzlich vom Unterwalde her ein paar Kinder herauf, die riefen:
„Anna Kriftel sitzt im Schuppen hinter der Kuhttänke und hat das Jesuskind auf dem Schoß."
Mich durchfuhr ein Schreck, als ob ich selbst auf einer bösen Tat entdeckt worden sei. Es lies mir heiß und kalt Über den Rücken, und ich zitterte vor Angst, was nun mit Anna Kriftel geschehen würde.
„Habt ihr das mit eigenen Augen gesehen?" sagte der Lehrer, als die Kinder herankamen.
„Ja, ja — Kreins Lis, Schollesen Gret und Klara Holnich sind bei ihr."
„Das konnte nur Anna Kriftel anftiften", sagte der Lehrer. „Ich hab« es ja immer geahnt. Das Kind hat den Teufel im Leib." Und eine schreckliche Drohung stand in seinem Gesicht.
Dann aber setzte sich mit dem Lehrer und dem Küster an der Spitze eiligst ein Zug in Bewegung, in der Richtung nach der Kuhtränke hin. Ich zog unter den lärmenden Buben mit hinab, aber mir war, als würde ich selber vor ein Strafgericht geführt, und mir bangte fckwn vor dem Anblick, der uns dort unter dem Heuschuppen werden sollte.
Aber als wir an den Schuppen herankamen, hörten wir, daß di« Mädchen sangen, und bann sahen wir Anna Kriftel in der Mitte des Schuppens auf einem Holzklotz sitzen und die anderen Mädchen um fle herumtanzen. Plötzlich stutzten die Mädchen und wurden sttll. Sie mußte« wohl den Zug erblickt haben, der sich drohend über die Felder auf sie heranbewegte. Sie stoben auseinander und flohen hinter den Heuhaufe«, der an einer Seite des Schuppens aufgebaut war.
Und nun saß Anna Kristel noch allein auf dem Holzklotz und starrt« die Herankommenden an. Die Sonne sank eben im Westen herab. Glutrot fiel ihr Schein über die Felder; und der Schuppen, der Heuhaufen und Anna, die da vornübergebeugt auf dem Holzklotz saß — alles war ganz von rotem Licht übergossen.
Ich sah, wie Annas Augen groß und erschrocken standen. Und plötzlich schlug sie hastig ihre Schürze um einen Gegenstand, den sie auf dem Schoße hatte, und wollte hinter den anderen Mädchen davonlaufen. Aber da war schon der Lehrer hinter ihr unter dem Schuppen.
„Halt", rief er, „halt, dJ entkommst uns nicht." Und da stand auch schon der Küster neben ihr, faßte sie am Arm und riß ihr das nackt« Jesuskind unter der Schürze hervor.
Wir alle drängten uns nun um Anna, die mit herabhängenden Arme« und niedergeschlagenen Augen äaftanb.
„Ich t)abe bir ja allerlei Böses zugetraut, Anna", sagte ber Lehrer, „aber für fo schlecht hätte ich bich nicht gehalten. Das ist ja ein schänblicher Gottesraub, ein Raub am Allerheiligsten, den du ba begangen hast. Ader jetzt marsch zur Kirche zurück! Du wirst beine Strafe schon finden."
Und als Anna noch immer unbeweglich bastand, faßte ber Küster fie heftig am Arm unb zog fie vorwärts. Ich sah nur mehr ihr gebeugtes Köpfchen unb ihr blasses, erschrockenes Gesicht. Aber zu meiner Verwun- berung sah ich keine Träne bei ihr. Ja, ihr Gesicht schien gänzlich erstarrt, und willenlos ließ fie sich von dem Küster über den Feldweg hinaufführen.
Als wir ans Dorf herankamen, sahen, wir die Leute schon an der Sttaße stehn und uns erwarten. Um mich her aber wurden unter den Buben und Mädchen schlimme Vermutungen laut über die Strafe, die nun Anna treffen sollte.
Da geschah etwas Unerwartetes: aus dem Hohlweg, der vom Pfarrdorf heraufführt, trat der Pfarrer. Ich sah, rote er stutzte und bann langsam auf uns herankam.
Der Zug machte halt, und der Pfarrer sagte mU seiner ruhige» Stimme:
„Was gibt es? Ist der Kleinen etwas zugestoßen?"
„Zugestoßen? Nein", rief der Küster, „ein ganz schändliches Kind ist das, es bringt die ganze Schule, das ganze Dorf in Verruf."
Und nun wurde abwechselnd von Lehrer und Küster über das Geschehene Bericht erstattet. Mir klopfte während all dem da? Herz bis zum Halse, und meine Augen hingen gespannt an dem Gesicht des Pfarrers. Ich sah, wie feine Züge zuerst sehr ernst und traurig wurden. Aber, als ber Lehrer bann erzählte, wie Anna mit dem Jesuskind aus dem Holzklotz unter dem Heuschuppen gesessen habe und wie die Kinder dabei singend um sie herumgesprungen seien, kam ein Lächeln auf das Gesicht des Pfarrers. Und dann sah ich plötzlich, wie die kleine weiße Hand von Anna sich zögernd unb zaghaft auf seine schwarze Sutctite legte, so als wollte sie bei ihm Hilfe suchen. Und nun sah ich nichts mehroks diese bange hilfesuchenbe Hand. Einen Augenblick trat Stille ein; ba legte ber Pfarrer feine Hand auf Annas Scheitel unb sagte:
„Was wolltest du denn mit dem Jesuskind, Anna? Warum hast du es aus der Krippe fortgenommen?"
Da lösten sich die ersten Tränen aus Annos Augen, unb unter Schluchzen brachte fie, mit beiden Händen sich an die Sutane klammernd, bie Worte hervor: „Ich wollte — mit bem Jesuskind — boch nur eia popeia machen — unb es nachher wieder hinlegen ..."
Der Pfarrer nickte, unb bas Lächeln auf feinem Gesicht war nun ein ganz breites unb frohes Lachen geworben.
„Ich glaube", wandte er sich zu dem Lehrer und Küster, „der Fall ist nicht so schlimm, wie er wohl zuerst erscheinen konnte. Ueberlassen Sie mir das weitere mit dem Kinde. Ich glaube, die Anna wird später mal ein gutes Mütterchen, dem Gott viele Kinder schenkt, mit denen sie „eia popeia" spielen kann. Und wir wollen uns das schöne Weihnachts- fest durch diese Aufregung nicht verderben."


