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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1955
Montag, den 16. Dezember
Nummer 98
aber wir beide wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben, verstehst du?
Er erwachte mit einem Ruck, und es war strahlend hell in der Stube. Die blanke Wintersonne schien ihm gerade ins Gesicht.
Er schämte sich vor der Magd, die jetzt an einem der beiden Fenster vor dem Schanktisch sah und ihn wohl betrachtet hatte und nun so tat, als müsse sie die Maschen zählen, die sie ans ihren Stricknadeln hatte.
Draußen fröstelte ihn in der kühlen Morgenlust, aber die Bewegung
tat ihm wohl. , , „ s ,
Erst beim Wegweiser überlegte er, wohin er nun gehen solle, uno als ihn drüber wieder die ganze Schwere der Dinge überfiel, die ihn von Haus getrieben hatte, war ein Verwundern in ihm, daß diesmal nicht das Erschrecken damit verbunden war wie sonst immer, wenn er morgens aus dem Schlafe gekommen und die Erinnerung ihm wie ein Messer durchs Herz gefahren war. Alles schien ihm mit einem Male weit weniger schlimm. Zum Teufel auch, hatte er den Mord begangen oder Krick? Brauchte er da wie ein Verbrecher herumzulausen, der keine Ruhe fand, wohin er auch immer ging? Warum war er überhaupt gestern über Land gegangen? Er war wohl ein wenig kopflos gewesen? Ja weiß Gott, das mußte er wohl gewesen sein. Alles war doch ganz einfach, und er hatte gar keinen Grund, Krick etwa aus dem Wege zu gehen. Er sollte nur kommen^ Nichts konnte ihm lieber sein, als die Geschichte mit ihm ins Reine zu bringen. Brauchte er nicht bloß zu sagen: So und so, und nimm gefälligst den Hof für dein Geld? Denn der Hof ist dem Eigentum nicht wahr, nicht das meine etwa. Was mich betrifft, so ziehe ich mit Lena und dem Jungen einfach wieder in bi« Stadt, woher ich ge= kommen bin. Ja, wenn du willst, kannst du alles, was ich habe, noch dazu nehmen. Du tust mir sogar einen Gefallen damit. Denn was geht es mich an, woher du das Geld damals genommen halt. Da sieh gefälligst selber zu! Ich habe es damals nicht gewußt und will auch setzt nick^ davon wissen, verstehst du? Also nimm alles, was du willst: das Hau- und das Pferd und die beiden Aecker hinter dem Hause und das Stück Heideland, das ich über Herbst zur Hälfte urbar gemacht habe, und wenn du meinst, daß es nicht langt, nimmt von meinem Hausrat dazu, was du willst ... Konnte Krick da noch etwas wollen, rote?
Da hatte er sich nun wochenlang den Kopf zermartert und war die vorige Nacht wie ein Irrsinniger herumgelaufen — unb nun war mit einem Male alles so einfach, daß es ein. Kind begreifen konnte. Deubel
machen könne ...
Als der Wirt hinter dem Schanktisch fertig war und hinausging, kam eine solche Müdigkeit über Lars, daß ihm der Kopf auf die Brust sank.
Im Traum sah er sich auf feinem Heidestück stehen. Es ronr ein warmer Tag, die Sonne schien ihm heiß ins Gesicht und die Hände brannten ihm von der Arbeit. Er hatte sich auf einen alten Kiefern- ftubben gesetzt, um sich auszuruhen und aus Lena zu warten, die ihm Nachmittags immer sein Vesperbrot herausbrachte. Jawahl, da kam sie ja auch schon vom Hause her, aber sie hatte keinen Korb in der Hand. Statt dessen lies Jan neben ihr her, und er winkte ihnen von weitem: „Na nun guckt euch mal an, was ich heute nachmittag schon alles geschasst habe!" Aber als Lena näherkam, sah sie ihn gar nicht an und sagte zu dem Jungen: „Guck nicht hin, Jan, da sitzt Lars Hullmann, ■ ' " llen nichts mehr mit ihm zu tun haben, verstehst du?"
Lars der Gerechte
Roman von Wilhelm Scharrelmann
6. Fortsetzung.
Ob er vielleicht handeln wolle?, fragte der Wirt. Drei Häuser weiter bei Behrmanns stände eine Kuh ...
Ja, er wolle sie sich gern einmal ansehen, nickte Lars. Wenn man nicht zu viel dafür verlange? Die Preise wären ja verdammt niedrig heute. Man müsse beinahe noch Geld zugeben, wenn man etwas wieder los sein wolle ...
Eine Fliege kroch über den Tisch und nippte an dem Brantweinring, der beim Aufheben des Glases auf der Tischplatte entstanden war.
Lars hätte gern etwas gefrühstückt. Die Kälte draußen und der Weg hatten ihn hungrig gemacht. Aber er wollte kein Geld dafür ausgeben unb verkniff es sich lieber.
Nanu? Die Fliege war wohl betrunken? Sie stand auf dem Kopf und brummte wie ein Kreisel über die Tischplatte.
Ja, es sei überhaupt ein Elend mit der Zeit, meinte der Wirt. Ob er schon gehört habe, daß ein Anbauer in Silkendorf gestern sein Haus angesteckt habe, weil man ihm für feine Steuerschulden Zwangsversteigerung angedroht habe? Zwei Häuser auf der Nachbarschaft seien mit draufgegangen
Nein, Lars wußte es nicht. Aber verstehen könne er es schon. Es gäbe manche Dinge heute, bei denen man die Wut kriegen und dann so etwas
noch mal, daß er sich so hatte ins Bockshorn jagen lassen. Warum war er nur nicht gleich auf den Gedanken gekommen? Mochte es zehnmal saurer [ein, so mit einem Ruck davongehen zu müssen und alles hinter sich zu lassen — Freude konnte er nun ja doch an keinem Tage mehr an seinem Hofe haben. Ja, es war eine Befreiung, und er würde zum erstenmal wieder froh sein, und jedem wieder ins Gesicht blicken können, Gott sei Dank!
Er wußte die Zeit nicht mehr, daß ihm so leicht gewesen war, wie an diesem Morgen.
Nun wollte er nach Hause, sofort und auf dem kürzesten Wege. Eine fieberhafte Ungeduld überkam ihn, als er veranschlagte, wieviel Stunden er noch vor sich habe, so weit, wie er vorige Nacht gelaufen war. Alle Müdigkeit war wie weggewifcht, und selbst die Natur schien an feiner Freude teilzunehmen: der Reis, der in der Nacht gefallen war, schimmerte im Glanz der Morgensonne wie blitzendes Silber, die Birken standen wie verzaubert in der unbewegten Lust, und die Felder schimmerten wie gebleichtes Leinen.
O, es war herrlich, daß er nun doch noch einen Weg gefunden hatte, aus dem Furchtbaren wieder herauszukommen, das mit so entsetzlichem Druck auf ihm gelegen hatte.
Er war so froh, daß er leise vor sich hin zu pfeifen begann.
Ganz leicht würde es ja trotzdem nicht werden, so wie er an dem Stück Erde hing, das er als das feine betrachtet hatte. Es würde damit gehen, wie mit den Kiefern, die selbst, wenn der Sturm sie niederwarf, die Erde nicht lassen wollten, in die sie ihre Wurzeln gesenkt hatten, und sie in einem gewaltigen Klumpen mit sich heraushoben.
Dazu kam, daß er erst in dem kommenden Sommer eine richtige Ernte gehabt hätte. Krick verstand ja nichts von solchen Dingen und würde nie wissen, welche Arbeit er sich darum hatte machen müssen. Aber das sollte ihm gleich bleiben. Mochte er sich nachts in seinem Wandbett strecken und sich an dem gütlich tun, woran er keine Arbeit gewendet hatte, was ginge es ihn an?
Auch Lena würde nach dem ersten Schreck sicher froh fein, wenn er mit ihr nun wieder-" in die Stadt zurückkehrte. Hatte sie nicht immer gemurrt, daß er sie hierher auf Land geschleppt hatte, wo es zehnmal soviel Arbeit für sie gab, als früher in der Stadt? Da würde sie gewiß den Kopf nicht lange hängen lassen, wenn er nun heimkam und sagte: So, jetzt habe ich die Geschichte klar, Lena. Unsere Zeit ist herum, siehst du. und der Hof gehört Krick, wenn man die Dinge bei Licht besieht. Ich habe es ja selber nicht gleich begriffen, und wenn ich dir nicht sofort klaren Wein eingeschenkt habe, so muht du das verstehen ... Wegen des Umzuges brauchst du dich am allerwenigsten zu sorgen. Krick wird uns das Pferd wohl dafür leihen, so daß wir uns nicht selber wieder vor den Karren zu spannen brauchen wie damals, als wir hierher zogen, nicht wahr? Denn die Wahrheit zu sagen, Lena, es nxir ja kein Leben mehr, was wir hier geführt haben in der letzten Zeit...
Es ging schon auf den Abend, als er den Weg endlich hinter sich hatte, jo kurz wie die Tage schon waren, und als er Heidmanns Kamp überquert hatte und nun auf feinem eigenen stand, fah er in feinem Haufe schon Licht brennen.
Leise ging er näher und spähte im Borübergehen durch die Fenster auf die Diele.
Zum Teufel, hatte er es sich nicht gedacht? Da saß Krick ,a schon, und genau an demselben Fleck, wie damals, hatte die Hände in die Taschen geschoben und streckte die Beine von sich, ganz so, wie er das vorige Mal dageiessen hatte, die slache Mütze in die Stirn gezogen und das Kinn auf die Brust gesenkt.
Regungslos blieb Lars stehen und betrachtete ihn.
Ja? pünktlich war er, das mußte man sagen, pünktlich wie ein Gerichtsvollzieher.
Wo mochte denn bloß Lena stecken?
Vielleicht, daß sie das Haus verlassen hatte, um nicht mit Krick allein zu sein und erst abwarten wollte, daß er zurückkam? Oder sie war ihm entgegengegangen und hatte ihn verfehlt, weil er den Weg hinter den Tannen herumgekommen war?
Ach, nein, da kam sie ja aus der Stube, den kleinen Jan an der Hand. Daß sich der Bursche immer noch führen lassen muhte! Aber etwas mehr Courage schien er ja diesmal zu haben, und auch Lena schien nicht so bedrückt zu sein, wie er angenommen hatte. Wenigstens hantierte sie am Herde, als müsse das so sein, so nahe sie auch an Krick herantreten mußte, der sich feinen Platz am Feuer dadurch nicht einengen ließ und seine Beine noch immer so lang in die Gegend streckte wie vorher. Ja, lächelte Lena nicht, nun Krick sich mit dem Kleinen unterhielt und ihn nun sogar aufs Knie hob und darauf reiten ließ:
Hopp, hopp, hopp, ’n Beffensteel, ’n Beffensteel, bat is nich peel, Giss mi ’n Hoges Peerd, ’n Peerd mit n langem Steert!


