Ausgabe 
16.9.1935
 
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Mz Berater und Anreger In kolonialpolitischen Dingen hak er vor allem Deutschland unvergeßliche Dienste geleistet. So zum Beispiel, als er in denkwürdiger, angriffsfreudiger Rede vor der Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte eine Lanze brach für die von Unverstand und Spießertum als Narren und Abenteurer verlästerten Afrikasorfcher.

Erst der beginnende Weltkrieg zwang den nun schon fast Achtzig- jährigen zum ewigen Abschied von seinen Sonnenländern. In säst jugend- lieber Gesundheit und Beweglichkeit, begnadet mit einer kristallklaren, wundervollen Altersweisheit, hat er das letzte Jahrzehnt feines Daseins vollbracht. Nach ganz kurzem Leiden hat er in der Morgenfrühe des 19. Septembers 1925 fein fo gesegnetes, fo ganz erfülltes und ausgefulltes Leben sanft beschlossen. Ein Bild germanischer Volkskraft nennt ihn Sven Hedin.

Bekenntnis zum Leben.

Von Heinrich Anacker.

Keiner ist müde, und keiner ist alt, Der sich nicht selber vergreist.

Keiner, der nicht mit Teufelsgewalt

Stumpf wie ein Maulwurf ins Dunkle sich krallt, Lachen und Licht von sich weist.

Welkte und starb dir ein schöner Traum Faß dich und pflanz auf sein Grab

Hoffend ein Reislein einst wird es zum Baum, Und dir schweben von seinem Saum Rosige Blüten herab.

Leben heißt Sterben und Auferstehn, Schwingend im Pendelschwung.

Siehst du die Wolken im Sturme verwehn? Siehst du die ewigen Sterne sich drehn?

Stark sollst du bleiben und jung!

Oer Koburger Marsch.

Von Franz Schauwecker.

Der Weltkrieg hat keine funkelnden und bunten Angriffe geschlossener Reihen gekannt; es gab keine fahnenflatternde Sturmlinie voll maleri­scher Gruppierung vor effektvollen Hintergründen; nirgendwo war Trompetengefchmetter und Trommelwirbel zu hören, nirgendwo waren stolz gebäumte Rosse mit pathetisch sich gebärdenden Reitern zu erblicken, nirgendwo sah man begeisterungsjauchzende Gesichter mit strahlenden Augen da hätten wir lange suchen können ... Was für eine herrliche Kriegsführung wäre das gewesen, du lieber Gott! Ganz im Gegenteil, bitte sehr: das vergrub sich in Kies und Dreck, das wühlte in Kot und Kreide mit verkrusteten Händen, das kroch durch Schlamm und Geröll mit Augen, rot entzündet von Gasnebeln, das wand und schlängelte sich zwischen Erdbrocken, Granatsturz, Stank des Ekrasits, Balkensplittern, Drahtverhaurost und Sandsackgesetz, mit leeren Mägen, verschweißter Wäsche und hundert Flüchen aus der Lippe. Drüben war es in jeder Beziehung durchaus besser und nahrhafter: Granaten, Tanks, Soldaten, Uniformen, Ablösung, Essen, Trinken, Ruhe, alles war von A bis Z da, viel, gut und jederzeit parat ... es war nicht wie bei uns, wie bei armen Leuten, es war alles da: Bitte schön, bedient euch: Seife, Schokolade, Speck, Fußball, tadelloses Leder, zehntausend Granaten j>ro Geschütz, siebzig Flugzeuge auf ein deutsches, erstklassige Munition, herrliche Uniformen, prachtvolle Mäntel, dick gefüttert, wunderbarer Zeltgurnmistoff, absolut undurchlässig, prima Qualität von ersten Firmen tjawoll, so war das, buchstäblich genau so!

Und auf der anderen Seite lagen wir, verlaust, verschmiert, ver­hungert, halbe Gerippe, mit Sehnen wie Draht, mit Kinnbackenknochen, die kokett durch die Haut guckten, in morschen Uniformen, mit minder­wertiger Munition am Schluß ... bitte sparen, jeden Schuß genau über­legen, nicht mehr als zwanzig Schuß pro Tag und Geschütz!

Irgendeine Erhebung gab es für uns nicht. Wo denn? Was denn? Musik? Siegesgewißheit? 1918! Ach Gott, da bezog man alles aus sich selbst allein, da war man völliger Selbstversorger, da hatte man gerade den Grund und Boden fest, auf dem man zufällig stand, umherkroch, marschierte.

Aber eines wundervollen Nachmittags im Spätsommer 1918 ...da war für ein paar Stunden ein einziges Mal alles umgekehrt und zurück- aefchraubt in eine Art von fabelhafter Vergangenheit, daß einem der Mund offen stehen blieb, daß man die Augen aufriß, daß man sich in den Arm kniff, ob so was tatsächlich und Überhaupt möglich und wirk­lich vorhanden sei.

Da waren wir nach dem plötzlichen Angriff der Franzosen aus dem Walde von Villers-Cotterets in die rechte Flanke der bis nach Chateau- Thierry vorgebeulten deutschen Linie auf dem Marsch nach vorn, um die zuriickgehenden Kameraden da vorn, die dünne, kümmerliche Reihe von abgekämpften Soldaten, diefe bröckelnde und brüchige Front endlich abzu­lösen. Wir waren die ganze Nacht hindurch marschiert, unablässig zu auf das Gemurr und Geknurr vor uns hinter dem Horizont, den Hügeln, Schluchten und Wäldern im Dunkel, auf den bleich glimmenden Himmels- rand los, der manchmal auf brüllte und sich wand in bebenden Krämpfen vom Licht und zurückfiel und stöhnte und verstummte und wieder auf- fchrie ... unablässig die ganze Rocht, du meine Güte, mit Beinen, schwer wie Sandsäcke, ach Herrje! und mit dem bezaubernden Bewußtsein, daß da fein Blumentopf mehr zu gewinnen war, und daß man nur durch die Röhre gucken konnte, schnurstracks in den Mondrein, die kreisrunde Fratze des Vollmonds.

Hinter dem Chemtn des dames, In der Gegend von Vauxaillon, halten wir gegen Morgen in einem kleinen Dorf, wo das Land rundum flach- hüngelig ist wie weite, langhingezogeNe Wogen voll Wäldern, Bächen und Kornfeldern. Da bleiben wir den Tag über. Und am Abend, bevor wir wieder antreten nach vorn du lieber Gott, da geht das Gepolter unentwegt fort, fast pausenlos! da fängt unsere Musikkapelle an, auf dem Markt zu spielen. Sie spielt fast nur Märsche: den Hohenfriedberger, den Marsch in Regimentskolonne, den Sedanmarsch, Preußens Gloria ... und indessen treten die Kompanien auf dem Marktplatz an, und das Bataillon findet sich zusammen, und das zweite Bataillon kommt dazu, und das dritte rückt durch die Straßen heran. Da ist das Regiment zusammen.

Wir alle wissen, was da vorn auf uns wartet. Keiner von uns ist weniger als ein Jahr an der Front. Viele sind zwei- und dreimal ver­wundet worden. Es ist im Sommer 1918. Das sagt alles. Unsere Aufgabe ist nicht mehr der Sieg. Es handelt sich nur noch darum, den Sieg von denen da drüben, den ungeheuren Vormarsch des Gegners, zum Stehen zu bringen. Wer weiß, wieviele von uns zurllckkommen werden ... welche Schicksale auf uns lauern ... es gibt da verdammt viele Mög­lichkeiten, die verdrehtesten Kombinationen, zum Beispiel verwundet in Gefangenschaft, nicht wahr? Oder wie wäre es mit einem kleinen Bauch­schuß, drei Stunden lang hilflos auf platter Erde im Trommelfeuer und bann hinterher beim Rücktransport, eine Minute vorm rettenden, bomben­sicheren Sanitätskeller, ein verirrter Zufallstreffer ein Schuß von Hunderftaufenden quer durch die Brust, der einem die letzten Aus­sichten auf Rettung nimmt! Und in derartigen hinreißenden Phantasien versunken, stehen wir hier in Reih und Glied mitRührt euch!" und stellen abwechselnd das rechte Bein vor und zurück und drehen die Köpfe und rucken mit den Schultern die Tornister hoch und fingern am Brot­beutel umher ... wenn wir doch endlich bloß abmarschierten, daß es los­ginge; denn dieses Warten ist so blödsinnig langweilig und unruhvoll ... weiß der Teufel!

Und die Musik stampft und dröhnt und klirrt unentwegt auf einem Fleck, bis mit einem Male eine einheitliche Bewegung in alle Kolonnen kommt. Wir treten zum Abmarsch an.

Und mit dem ersten Schritt nach vorn sind wir mit einem Male mitten im Takt des Marsches, werden wir mit einem Ruck plötzlich ersaßt von der brausenden Gewalt der Musik und hochgehoben von einer ungeheuer hinstürzenden Woge des Rhythmus, Sturm und ekstatischen Funkeln und Lachen und Weinen. Mitten im Jahre 1918, wo man es beinahe nicht mehr ertragen kann nach vier Jahren, voll von unaufhörlichen Gefechten, Märschen, Hunger, Dienst, Nachtwachen, Uniform, Lebensgefahr, Ver­schmutzung, mitten in diesen Wochen, in denen sich das Schicksal sichtbar gegen uns wendet, in denen kein Trost, keine Ermutigung mehr in uns ist ... dennoch ...da bricht aus Dämmerung, Schweiß und tödlichem Licht da vor uns noch einmal flammend das Wunder hoch.

Ja, da vor uns, da schreit die Musik donnernd auf. Ein Marsch erhebt sich klirrend, stampfend und schreitet ehern voran. Da wird die Last von Gewehr, Tornister und Koppel leicht. Die zerschlagenen Füße in ihren Stiefeln wie aus Lehm und Blei gehen leicht ... wie mit Flügeln, ja, sie gehen leicht wie mit Flügeln. Der schlitternde Prall der Pauke kracht. Trompeten brausen metallen. Wirbel von Erbitterung und Kraft fegen hin.

Wir sind nichts anderes als eine graue, schmale Kolonne, ganz allein für sich, die nach vorn wandert mit tausend Beinen, schwer trappelnd auf dem harten Chausseeboden, ein grauer Zug im Schatten einer düsteren Tragik, ein Zug von deutschen Menschen, der sich langsam und wortlos vorarbeitet in sein Schicksal, ohne allen Glanz des Ruhmes, ohne Fahnen, ohne Licht, gleich einem lebendig gewordenen Teil der großen Landschaft rundum, roie eine Landstraße, die sich plötzlich aufmacht und loswandert, Schritt vor Schritt und Scholle vor Scholle in das Schicksal hinein, das wir alle kennen, das wir alle wissen.

Aber da ist mit einem Male eine Erschütterung vor uns, ein Auf­schwung, eine Flamme. Das Hagelgeknatter der Trommeln, das gellende Schrillen der Pfeisen, die donnernden Stimmen der metallenen Instru­mente bas führt uns mit einem Schuß burch alle ©lieber mitten in bas Herz hinein, daß es emporbrennt zu lauter weißen Kristallen und Funken, unb zuckt uns burch bas Hirn, daß es uns verrückt macht mit Fäusteballen unb Weinen und Lachen. Ja, ba steht eine Gestalt vor uns auf, bie Gestalt in einer flirrenben Rüstung aus Feuer, bie uns voran­geht unb führt mit einem unerbittlichen Zwang aus Krieg unb Zorn unb Entschlossenheit.

Es sind ber Koburger Marsch unb der Armeemarsch Sieben, bie ba vor uns hinbröhnen. Es find die preußischsten Märsche, bie es gibt, die Märsche, in denen Deutschland schon beschlossen ist. Hier rückt eine von der Pflicht preußisch gebändigte Begeisterung, die trächtig und schwer von innen quillt, unaufhaltsam vor, eine besonnene, aber bann nicht mehr nadjgebenbe Entschlossenheit, bie die Schlacht nicht als jauchzende^rast- äußerung und die Tapferkeit nicht als Streitsucht sieht, sondern bie in dieser letzten Notwendigkeit des Krieges den unvermeidlichen Willen des Schicksals erblickt unb ihn ... nun bejaht sie alles ... auf sich nimmt. Ja, hier geht uns voran das schwere Gefühl der Verantwortung vor dem Tode von Tausenden in der fernen Schlacht, in die wir marschieren.

So marschieren wir hin, und in das donnernde Hämmern der Pauke mischt sich zuweilen ber bröhnenbe Explosionsschlag ber Granaten aus Ferngeschützen, bie bis hier herüber pauken unb nach uns fassen und hauen, die gewaltigen Musikschläger von drüben. Es vermischt sich der büfterrote Marsch der Musik mit dem feurigen Todesgedonner ber Schlacht. Es geht alles ineinanber über ... Musik, Musik, Granaten!

Unb fo erleben wir noch ein einziges Mal in einem roilben, finsteren, schweflig burchzuckten Tornabo aus Lärm, Klang, Trompeten, Marsch, Geheul, Trommeln ben riesenhaften Schwall einer verhaltenen, schmerz­lich zerreihenben, todessüchtigen Begeisterung, Schulter an Schuster auf dem Marsch nach vorn, Seele an Seele ... ja, Seele an Seele.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Drühl'sche Llniverfitäts-Duch- und Steindruckerei. 2t. ßanae, Gieße»-