Ausgabe 
16.9.1935
 
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in seinem neuesten Anzug mit einer kleinen Zopfperücke fehlte nicht. Selbst den Heinen Erbprinzen hätte man in seinem Kinderwagen an einem stillen Schattenplätzchen finden können, freilich bis jetzt nur schlummernd unter der Hut der treuen Kindermagd. Im Innern des Pavillons aber vor den weit geöffneten Flügeltüren waltete Frau Chri­stine des blinkenden Kaffeetisches, während drunten vor der Staketpforte sich zusammendrängte, was die kleine Gasse an neugierigen Weibern und luftiger Jugend aufzubieten hatte. Die Weiber erzählten sich von der guten seligen Frau Senatorn und nickten dabei nach der inneren Wand des Pavillons hinüber, wo die unermüdliche Dame Flora nach wie vor mit ihrer Rosengirlande tanzte; die Buben dagegen, die sich allmäh­lich den ersten Platz vor der Pforte erobert hatten, wiesen mit ausge­streckten Armen nach den großen, roten Stachelbeeren, die aus den Rabatten in schwerer Fülle an den Büschen hingen. Mitunter hörte man sie den Namen des jungen Herrn Senators nennen; sie schienen auf ihn zu warten, dessen milde Hand ja auch noch dem Hintritt der guten, alten Frau Senatorn noch vorhanden war.Da kommt he! Kiek mal, da kommt he!" riefen ein paar von ihnen, deren gierige Augen eben einen Schimmer seines pfirsichsarbenen Rockes erspäht hatten; aber sie wurden plötzlich stille, als sie ihn an der Seite des gefürchteten Herrn Friedrich Jovers aus einem belaubten Seitengange treten sahen.

Die beiden Brüder gingen schweigend nebeneinander; aber auf ihrem Antlitz lag noch der friedliche Ausdruck des traulichen Gespräches, welches sie vorhin die einsameren Seitengänge hatte aufsuchen lassen. Auch jetzt noch wandten sie sich nicht wieder zur Gesellschaft, sondern fchritten in stummem Einverständnis den breiten Muschelfteig hinab.

Ihnen im Rücken hatte inzwischen Mujche Peters sich der Papageien­stange genähert und juchte in Ermangelung gleichberechtigter Unterhal­tung mit dem gefieberten Gaste in bescheidenem Flüstertöne anzuknüpfen; sogar ein Stückchen Zucker wagte er dem Papchen hinzuhalten. Aber der grüne Unhold schien für diese Aufmerksamkeiten keinen Sinn zu haben; statt nach dem Zucker hackte er nach Musche Peters' Finger und schrie dann gellend, als wolle er's nun ein für allemal gesagt haben:Komm röroer!"

Als der Schrei des Bogels das Ohr der beiden Brüder erreichte, flog über Herrn Friedrichs Angesicht ein Schatten, wie aus jener Nacht, von der er feinem Bruder heut zum erstenmal gesprochen hotte. Der Senator aber faßte feine Hand und sagte leise:Mein Friedrich, das hat jetzt keine Bedeutung mehr; du bist nun ein für allemal herüber."

Als Herr Friedrich hierauf den Kopf erhob, um feinen Bruder anzu­blicken, blieben feine Augen auf dem Bubenhaufen vor der Pforte haften, und die finstere Miene wurde von einem fast schelmischen Lächeln fortgedrängt.Keine Bedeutung mehr?" sagte er, die Worte des Bru­ders wiederholend.Meinst du, ich verstünde ganz allein die Papageien­sprache?" und ohne eine Antwort abzuwarten, rief er mit lauter, kräf­tiger Stimme:Holla, Jungens, wat feggt de Papagoy?"

Da kam zuerst eine noch etwas zaghafte Stimme, dann aber eine nach der andern und immer lauter und lauter: ,Komm röroer! Komm röroer! feggt de Papagoy."

Und lustig winkend erhob Herr Friedrich den Arm:Nun denn, alle Mann hoch: .Komm röroer!' und ebenso luftig wies feine Hand nach den brechend voll beladenen Stachelbeerbüjchen.

Zuerst faben die Jungen nur einander an und flüsterten angelegene lich mitsammen; sie konnten sich's nicht denken, daß der böse Herr Fried­rich Jovers mit einem Male so erstaunlich gut geworden sei. Als aber jetzt die beiden Herren Jovers in ein unverkennbar herzliches Lachen ausbrachen, da war kein Halten mehr, einer wollte nod) eger als der andere, und bald sprang und fiel und purzelte der ganze^Schwarm über die Pforte in den Garten hinab, und unter jeder «tachelbeerstaude saß mit lachendem Angesicht ein unermüdlich schmausender Junge.

Christian Albrecht", sagte Herr Friedrich, den Arm um seines Bru­ders Schulter legend,wenn erst deine Jungen hier fo in den Buschen IiC9©a erscholl hinter ihnen vom oberen Teil des Gartensteiges ein helles, fröhlichesBravissimo!", und als sie sich hierauf umwandten, da stand in der offenen Tür des Pavillons inmitten aller Gaste ixe junge, anmutige Frau Senatorin; mit emporgehobenen Armen hielt sie den Brüdern ihr eben erwachtes Kind entgegen, das mit großen Augen in die bunte Welt hinaussah.

Ein großer deutscher Afrikaner.

Zu Georg Schweinfurths 10. Todestage.

Bon Alfonso. Czidulka.

Als ick vor tunem einem Bekannten von meiner Absicht sprach, anläßlich ^er Wiederkehr des 10. Todestages bes e°rel/enÖt®nc ®^^2

Schroeinfurtb ein flüchtiges Lebensbild zu schreiben, fragte er miq erkannt ob ick mick denn nicht irre und ob Schweinfurth wirklich erst vor zehn Jahren gestorben sei. Die Frage 'st.^rstandlich, denn Schwein- furths afrikanischen Anfänge liegen weit zurück. Al- er von seiner ersten Reise zurückkehrte und durch Wien kam, hatte er a^ und Widrigkeiten zu bestehen, weil über die ihn fc'"c£^c.a03 Ä den Koiser-Ferdinands-Nordbahn gerade die nach der Schlacht von Äomg^ grät; einsetzenden Rücktransporte liefen. Sange v r ch 9 Stanley die doch Jahrzehnte vor feinem Ende starben, hat Georg Schweinfurth den heißen und damals noch fo unerforschten Boden Afr bet®onift die Verwunderung darüber, daß dieser große Afrikaner noch so weit in unsere Zeit hineinragte, wohl zu begreifen und doch au manchen Gründen auch erstaunlich. Erstaun 1 ichvor a..m ->h , sich Schweinfurth nach feiner zweiten und b^uhmtes en Fah^ mcht etw fein übriges unwahrscheinlich langes Leben hindurch m dem Glanze die, Reise sonnte, sondern reisend, forschend und arbe , erfüllten

blieb bis in die letzten Wochen seines gesegneten uni fo reu^erfuUUn Daseins. Es ist nicht so gewesen, daßersich dank semeshoh^ Auers eine Art lebendige Mumie aus den ersten Zeiten deutscher Afnkaforscyung

noch durch unsere Tage schleppte. Er hat so lange fo Vollkommenes und Einzigartiges geleistet, daß der in seinem Urteil so unbestechliche und nüchterne Sven Hedin zum 80. Geburtstage dieses großes Afrika- reisenden schreiben konnte:Georg Schweinfurth hat 53 Jahre hindurch mehr als irgendein Lebender oder Toter dazu beigetragen, das Dunkel zu lüften, das über dem schwarzen Weltteil lag." Seine vielen Reisen nämlich, auch feine berühmteste, sind nur ein Teil feiner Verdienste.

Während den meisten Forschungsreifenden das Durchwandern unbe­tretener Gebiete, der Zauber eines geheimnisvollen und von Gefahren umlauerten Morgen, das veredelte Abenteuern also Selbstzweck sind, war Schweinfurth einer der Wenigen, denen das Reifen selbst, bei allem Ver­gnügen und allem Sensationellen, das sie dabei empfanden, doch nur etwa das bedeutete, was dem Geschichtsschreiber, dem Romandichter, dem Bio­graphen das Studium feiner Quellen und feiner Stoffe ist. Erst der Be­richt über Schweinfurths ganzes Leben wird der einzigartigen, vor- leuchtenden Gestalt dieses großen Auslanddeutschen ganz gerecht.

Das heißt Auslanddeutfcher war er nur feinem Geburtsorte nach. Die Wefenszüge der Baltikumdeutfchen, denen er zugehörte, konnten sich an ihm wohl kaum noch zeigen. Erft 25 Jahre vor feiner Geburt war fein Vater aus dem Badischen vor der napoleonischen Militärdienstpflicht nach Riga geflohen. Dort wurde Georg Schweinfurth am 29. Dezember 1836 geboren. Als Siebzehnjähriger sah er zum erstenmal Deutschland. Dann studierte er Naturwissenschaften in München und Berlin, wo er bereits die Aufmerksamkeit Heinrich Barths auf sich zog, des ersten der großen deutschen Afrikaforscher. In Heidelberg holte er sich den Doktor­hut. Drei Jahre später ging fein Traum in Erfüllung. Worauf sich schon der Knabe, früher Sehnsucht folgend, durch heimliche Uebungcn körper­lich vorbereitet hatte: unbetretenes afrikanisches Land zu durchziehen, wurde Wirklichkeit. Auf einer verdienstvollen Reise durchstreifte er drei Jahre lang Unterägypten, die unterste Stufe des abessinischen Hochlands und die südnubischen Bergländer. Diese Reise gab den Anstoß, daß die preußische Akademie ihm für lange Jahre die Mittel der Humboldtstistung zur Verfügung stellte und ihm den Auftrag zu einer Forschungsreise gab, die unter dem bescheidenen Namen meiner botanischen Reise nach den süd­lichen Nilländern" zu einer der glorreichsten afrikanischen Fahrten werden sollte.

In Suakin, dem damaligen Hauptüberfchiffungshafen der Mekkapilger, betrat Schweinfurth im Jahre 1868, in der Höllenglut des afrikanischen Hochsommers, zum zweiten Male Len schwarzen Erdteil. Von dort führten ihn drei Jahre lang feine Ritte und Wanderungen über das feiner Ge­heimnisse noch kaum entschleierte Chartum, über die Dinka-Djur- und Bongoländer, über den Kannibalenstamm der Njam-Njam in den wald­reichen paradiesiefchen Gebieten des damals noch mächtigen Neaerkönig- reichs der Mongbattu, desmerkwürdigsten aller Völker Afrikas zu dem allein schon in der Luftlinie 2000 Kilometer vom Roten Meere entfernten nur dem Hörenjagen nach bekannten Flusse Uelle. Auf dieser wunderbaren Fahrt überschritt Schweinfurth als erster von Norden kommender Euro­päer die Wasserscheide zwischen Nil und Kongobecken, sand den merk­würdigen Strom Uelle, der sich, an Länge fast die Donau erreichend, in den Kongo ergießt und entdeckte das bis dahin für sagenhaft gehaltene Zwergenvolk der Akka, jene Pygmäen, von denen schon Homer und später Herodot und Aristoteles zu erzählen wußten.

Dieser märchenhaste Zug, der erst viele Monate nach dem Siebziger Krieg zu Ende ging, von dem der Forscher erst während der Rückreise erfuhr, war seltenem Glück begünstigt. Wenn er aber im Vergleich zu den Fahrten anderer Afrikaner merkwürdig arm an Gefahren erscheint, so ist die Ursache dafür vor allem in Schweinfurths Bescheidenheit ja juchen, mit der er. über feine Reisen schrieb. Erst wenn man sein wunder­voll farbiges, erregendes, oft zu dichterischer Sprache sich steigerndes, bei Brockhaus erschienenes HauptwerkIm Herzen von Afrika" auf­merksam lieft und rückschauend überdenkt, entdeckt man, daß die Aben­teuer und Gefahren dieser Reise nicht minder aufregend und oft lebens­bedrohender waren als die Erlebnisse Barths, Nachtigals und Stanleys. Es ist das auch natürlich. Führte doch Liefe Reife in Ge­biete, deren Bewohner noch niemals einen Europäer gesehen hatten und zum Beispiel völlig außer Fassung gerieten, als sie an Schweinfurths entblößter Brust erkannten, daß derBlattfresser", wie sie ihn wegen feiner botanischen Tätigkeit nannten, auch am Körper nicht sckwarz fei, jondern weiß. Auch lebte Schweinfurth eine Weile mitten unter Menschen- freffern, war sogar Zeuge so grausiger Mahlzeit und hatte auch allerlei Kämpfe mit Mensch und Tier zu bestehen.

Dennoch ist dieser unvergeßliche Zug nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Bilde seines Lebens. Und auch die vielen Reifen, die noch folgten so durchzog er nicht weniger als zwölfmal den Wüftenstrich zwischen dem Nil und dem Roten Meer, bereiste die Landschaft Jemen, den Liba-, non, und die lybische Wüste erschöpften noch lange nicht feinen Forscher- drang. Will man sich der Krücke eines Vergleiches bedienen, so kann man seine Tätigkeit auf der Reife und in der Heimat, feine wissenschaftliche Arbeit am ehesten mit der Alexanders v. Humboldts vergleichen. An geistigen Ausmaßen nahe an Humboldt herankommend und fast wie diejer das 90. Lebensjahr erreichend, ist Schweinfurth vielleicht der letzte allumfassende Gelehrte gewesen. Ihm war die Welt niemals der Experi- mentiertijch seiner Sonderwisfenschaft und gelehrter Eitelkeit, sondern immer ein lebendiges Ganzes, wie er ja auch sein eigenes Leben zn wunderbarer Geschlossenheit, Erfülltheit und Harmonie gestaltete.

Alles, was er tat, tat er vollkommen und mit der gleichen Tiefe und dem zähen, durch nichts zu brechenden Fleiß, mit dem er auf feiner Reife, trotz Krankheit und Entbehrungen, Müdigkeit und Hunger Tag für Tag feine Tagebücher füllte. Gleichgültig, ob es sich um Pflanzenkunde, um die Erforschung altägyptischer Wüstenstädte, um die ältesten Klöster der Christenheit oder um seltsame Felsenzeichnungen handelte. Noch in seinem neunten Jahrzehnt beschäftigte ihn die Geschichte der Nährpflanzen, deren Herkunft Wanderungen und Vorkommen er als den wichtigsten Schlüssel zur Kenntnis versunkener Kulturen betrachtete. Zwanzig Jahre lang lebte Schweinfurth ganz in Aegypten. Als er dann später nach Berlin übersiedelte, verbrachte er doch wieder jeden Winter auf afrikanischer Erde,