Ausgabe 
16.9.1935
 
Einzelbild herunterladen

SiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1935

Montag, den (6. September

Nummer 12

Oer alte Garten.

Von Joseph von Eichendorfs.

Kmserkron' und Päonien rot, Die müssen verzaubert sein. Denn Vater und Mutter sind lange tot. Was blühn sie hier so allein?

Der Springbrunn plaudert noch immerfort Von der alten schönen Zeit, Eine Frau sitzt ejngeschlasen dort, Ihre Locken bedecken ihr Kleid.

Die hat eine Laute in der Hand, Als ob sie im Schlafe spricht, Mir ist, als hätt' ich sie sonst gekannt Still, geh vorbei und weck sie nicht.

Und wenn es dunkelt das Tal entlang, Streift sie die Saiten sacht. Das gibt einen wunderbaren Klang Durch den Garten die ganze Nacht.

Oie Söhne des Senators.

Von Theodor Storm.

> (Schluß.)

Statt dessen vernahm Herr Friedrich am nächsten Vormittage ein Geräusch, das ihm wie mit einem Schlage die seltensten, aber höchsten Freuden seiner Knabenjahre vor die Seele führte; er hatte eben die Hoftür geöffnet und seinem draußen beschäftigten Ausläufer etwas zu- «erufen, als er horchend stehenblieb. Er wußte es genau; er sah es vor sich, wie jetzt drüben auf dem Hofe des Elternhauses die großen Reise­mäntel ausgeklopft wurden; ja, er sah sich selbst als Knaben in seinen Sonntagskleidern an seiner Mutter Hand daneben stehen und hörte den frohen Ton ihrer Stimme, womit sie bei solchem Anlaß einstmals ihrer Kinder Herz erfreute.

Er erschrak fast, als der Gerufene ihm jetzt entgegentrat, und ihm entfiel unwillkürlich die Frage, was denn für eine Reise drüben wohl im Werke sei. Aber bevor der Mann den Mund aufzutun vermochte, kam bereits die Antwort aus der naheliegenden Küche: Frau Antje Möllern hatte selbstverständlich schon lange die genauesten Nachrichten; ein Glück, daß sie es endlich nun erzählen konnte! Die junge Frau Senatorn wollte mit ihrem Erbprinzen auf Besuch zu ihren Eltern, obschon das liebe Kind mit jedem Tag ins Zahnen fallen könne und Pankratius und Ser­vatius noch nicht einmal vorüber seien; und der gute Herr Senator müsse auch mit auf die Reise, denn was kümmere das die Frau Senatorn, daß eine große Ladung Ostseeroggen erst eben auf der Reede angekommen fei!Herr Joverssi' schloß Frau Antje ihre Rede, als der Arbeitsmann sich entfernt hatte, und wies mit dem Daumen nach dem Hofe zu, »glau­ben Sie es oder glauben Sie es nicht die hat's nicht ausgehalten, daß sie uns von drüben nun nicht mehr in unsere Töpfe gucken kann!

Ein fast grimmiges Zucken fuhr um Herrn Friedrichs Lippen; dann aber sah er die alte Dame nur eine Weile mit etwas starren Augen an. Also das ist Ihre Meinung, Möllersch?" sagte er trocken, und als sie hieraus beteuernd mit ihrem dicken Kopf genickt hatte, setzte er hinzu: So wolle Sie die Güte haben, dergleichen Meinung künftig bei sich selber zu behalten!" , , , s.

Als er das gesprochen hatte, ging er fort, und Frau Antze blieb die Hände über ihren starken Busen gefaltet, noch eine ganze Weile liehen, Die Augen unbeweglich nach der Richtung, in der ihr Herr verschwunden war. Dann plötzlich trabte sie an den verlassenen Herd zuruck und rührte unter heftigen Selbstgesprächen in dem über dem Dreifuß stehenden Topfe, daß die kochende Brühe zu allen Seiten in die lodernden Flam­men spritzte.

Es mar unverkennbar, daß die Mauer draußen, obgleich sie kemes- wegs behagliche Gefühle in ihm erweckte, nach ihrer abermaligen Loll- Dndung eine geheimnis»olle Anziehungskraft auf Herrn Friedrich Jo- oers übte. Freilich hatte er noch immer vermieden, an dem neuen Wert emporzusehen; jetzt aber, nachdem der Abend herangekommen war, Uetz ihm auch hierzu keine Ruhe mehr. Er hatte sich ""^spiegelt, lem lunger Küfer, der zur gewohnten Stunde aus dem Gelchast gegangen war, köniie das Auffüllen der neuen Fässer unterlassen haben, welche in Dem Keller hinter dem Hofe lagen; allein er hatte schon darum verges- >en, als er kaum den Hof betreten hatte. v

Oben an dem dunklen Frühlingshimmel schwamm die schmale Sichet

des Mondes und warf ihr bläuliches Licht auf den oberen Rand der Scheidemauer und _bas Dach des elterlichen Hauses. Herr Friedrich stand jetzt an derselben Stelle, von wo aus er an jenem Abend ein stummer Zeuge der Familienfeierlichkeit gewesen war; er stand dort ebenso stumm und unbeweglich, aber auf seinem Antlitz lag jetzt ein unverkennbarer Ausdruck der Bestürzung. So sehr er seine Augen anstrengt«, es wurde nicht anders: hinter dem neuen Maueraufsatz waren die Fenster des alten Familiensaales bis zum letzten Rand verschwunden.

Es war schon spät am Abend; nichts regte sich, weder hüben noch drüben; nur das Klirren eines Fensterflügels, der im Hauptbau auf der andern Seite offenstehen mochte, wurde dann und wann im Aufwehen der Nachtluft hörbar. Herr Friedrich wollte eben in sein Haus zurück- kehren, da tönte von drüben plötzlich die Stimme des alten Kuba-Papa­geien:Komm röwer!" und nach einer Weile noch einmal:Komm röwer!" Wie ein eindringlicher Ruf, fast schneidend, klang es durch die Stille der Nacht; bann nach kurzer Pause folgte ein gellendes Gelächter. Herr Friedrich kannte es sehr wohl; der verwöhnte Vogel pflegte es aus­zustoßen, wenn ihm die Nachahmung der eingelernten Worte besonders wahlgelungen war. Aber was sonst als der unbehilfliche Laut eines ab­gerichteten Tieres gleichgültig an seinem Ohr vorbeigegangen war, das traf den einsamen Mann jetzt wie der neckende Hohn eines schadenfrohen Dämons.

Komm röwer!" feine Lippen sprachen unwillkürlich diese Worte nach; über seine selbstgebaute Mauer konnte er nicht hinllberkommen.

Noch lange stand er, das Hirn voll grübelnder Gedanken, ohne daß etwas anderes als das gewöhnliche Geräusch der Nacht zu seinem Ohr gedrungen wäre; fast sehnte er sich, noch einmal den Schrei des Vogels zu vernehmen; als aber alles still blieb, ging er ins Haus und legte sich zum Schlafen nieder.

Allein er hörte eine Stunde nach der andern schlagen, und da er end­lich schlief, war es nur eine halbe Ruhe. Ihm war, als fei er auf dem Wege zum Garten; aus der Pforte kamen feine Eltern ihm entgegen, von denen er gemeint hatte, daß sie beide schon im Grabe lägen; als er auf sie zuging, sah er, daß ihre Augen fest geschlossen waren; er wollte sie eben bitten, ihn doch anzusehen, da war die hohe Mauer vor ihm aufgestiegen, und dahinter scholl das Gelächter des alten Kubavogels, das wie in einem Echo an hundert Mauern hin und wieder sprang.

--Das Geräusch eines dicht unter feinen Fenstern vorüberrollen- den Wagens weckte ihn. Es war schon Morgenfrühe; die dicke, goldene Taschenuhr, welche er von seinem Nachttisch langte, zeigte auf reichlich fünf Uhr. Rasch war er aus dem Bette, zog das Vorhängsel von einem Guckfenster in der vorspringenden Seitenwand zurück und sah auf die Straße hinab. Von Osten her lagen die Häuserschatten noch auf den feuchten Steinen und bis hoch an den gegenüberstehenden Gebäuden hinauf; vor der Treppe des brüderlichen Hauses hielt ein bespannter Reisewagen: Koffer wurden durch den alten Diener hintenauf geladen und Kisten und Schachteln unter den Wagenstühlen festgebunden. Bald darauf sah er seinen Bruder und Frau Christine in Reiserock und Mantel aus dem Hause treten; dann folgte eine gleichfalls reisefertige Magd mit einem anscheinend nur aus Tüchern bestehenden Vllndelchen, an welchem die junge Frau Senatorn noch viel zu zupfen und zu stecken hatte und worin Herr Friedrich nicht ohne Grund seinen ihm noch un­bekannten jungen Neffen vermutete.

Endlich war alles auf dem Wagen Herr Friedebohm, von der obersten Treppenstufe, schien eiligft noch mit Kopf und Händen die Versicherung getreuen Einhlltens zu erteilen; dann klatschte der Kutscher, und bald war die Straße leer, und Herr Friedrich hört« nur noch das schwache Rollen des Wagens droben in der Stadt, wo es zum Ostertore hinaus- fllhrte.

Aber auch ihn selbst duldete es nun nicht länger im Hause; rasch war er angekleidet und ging in den frischen Morgen hinaus. Er war hinten um die Stadt herumgegangen, an der stillen Gasse vorüber, in welcher di« Pforte zu dem Familiengarten sich befand; jetzt schritt er lang­sam, feinen Rohrstock unter dem Arme, drüben auf dem breiten Gange bes Kirchhofes unb schaute über ben alten Hagebornzaun nach bem feit einem halben Jahre von ihm gemiebenen Familiengrunbstücke hinüber. Bäume unb Sträucher ftonben schon in lichtem Grün, unb bort von ben jungen Apfelbäumen, bie fein Vater, ber alte Herr Senator, noch ge­pflanzt hatte, lachten ihn bie ersten roten Blütensträuße an. Balb auch gewahrte er mit Verwunberung, baß ber Garten, wie in jebem Früh­jahr, in orbnungsmäfjigen Slanb gesetzt war, unb täuschte ihn benn fein Ohr? er hörte ein Geräusch, als ob geharkt und daraus Beete mit bem Spaten angetlopft würben; aher ber Pavillon unb bas hohe Gebüsch zu helfen Seiten verwehrte ihm bie Aussicht.

Er blieb stehen unb lauschte, währenb bas Geräusch bes Arbeitens sich ebenmäßig fortsetzte. Da wallte es in ihm auf; wer konnte sich unter­stehen, ben in Streit befangenen Garten anzufasfen?

Heba!" rief er.Was wirb ba getrieben?