Verantwortlich: vr. tzaaS Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerlitäts-Vuch» und Sleindruckerei. R. Lange. Dieben.
verfallend, mtt einem zeremoniellen: „Sirvanse senfarse, cabalferos* uns 1 ' den kissenbedeckten Teil der Bank zum Sitzen anbietet nl(fie,nnMh>n
Daß die kanarischen Inseln die eigentümliche Heimat der allbekannten । Kanarienvögel sind sei schon richtig. Aber seit der Bogel vor 3 bis 400 Jahren von den Spaniern eingeführt und dann wieder in Deutschland und anderen Ländern eingebürgert worden war, hat er sich tm Aussehen und Wesen derart geändert, daß man schon begreifen könne, wenn man In dem so unscheinbaren Vogel der Insel heute kaum noch den Ahnen unseres hübschen Zimmergefährten roieberertennt. Ob das durch Kreuzungen, durch Zuchtwahl, Klima oder Nahrung gekommen sei, das wisse er nicht, aber es seien doch wohl die Deutschen, die durch systematische Züchtung und Schulung das alles erreicht hätten.
Davon könne er schon etwas erzählen, weil er doch selbst aus An- dreasberq stamme, dem bekannten Harzer Dorfe, wo die Kanarienzucht , daheim" sei. Da werden also die Tierchen aus kleinen Eiern mit unendlicher Mühe und Sorgfalt in „Heimarbeit aufgezogen das heißt m den eigenen Häusern der Dorfbewohner, wo die Bogel große Käfige oder auch besondere Vogelstuben haben. Mit der Nahrung sind die Tiere nicht anspruchsvoll, doch muß sie ihnen gleichmäßig und sauber „fermert werden, wie überhaupt diese in der Gefangenschaft geborenen Vogel merkwürdig ausgesprochene Kulturbedürfnisse nach Ordnung, Reinlichkeit, I 0UtUnb bann befonbers auf dem Gebiete ihrer „Kunst". 3a, bas ist eine ganze Wissenschaft, unb, wie man hört, gibt es bafur schon richtige Hochschulen (Singakabemienl). Bei bieser Schulung ist halt bie Hauptsache, baß die Tiere von Anfang an guten, vorbildlichen Gesang gewohnt werden. Das geschieht, indem man die „Lehrlinge" mit „Meistersangern , den sogenannten „Vorschlägern" zusammentut, wodurch sie nur „gute Musik hören: auch sotten sie in dieser engen Lebensgemeinschaft möglichst vor musikalischen Unarten bewahrt werden. Da nun aber der Geschmack des Publikums sehr verschieden und auch gewissen Modeschwankungen unterworfen ist, muß diesem Unterricht „von Vogel zu Vogel durch Menschenhand etwas nachgeholfen werden. Oder vielmehr mit besonderen kleinen Flöten und Pfeifen, auf denen kunstgeübte Lehrer und Lehrerinnen den gefieberten Sängern Vorsingen unb -pfeifen. Da gibt es allerlei Arten bes Kunstgesangs", bes Trillerns, bes Rottens, bes Pfeifens, bes Lispelns, des Schnatterns, unb für jebe hat man ein befonberes Instrument, eine Hohlpfeife, eine Klingelrotte, eine Trillerpfeife uff.
Zu dieser Singousbilbung gehört für ben Lehrer nicht nur ein gutes Ohr, sonbern auch eine erhebliche Erfahrung. Die aber haben >ene Dorfbewohner im Harz unb an einigen anberen Orten, wo feit Uroaterseit die Kanarienzucht heimisch unb Haupterwerbszweig ist. So hat sich biese „Kunst" burch Generationen hinburch vererbt unb bamit einen Grab der Vervollkommnung erreicht, wie in keinem anberen Laube, so sehr man auch versucht hat, Deutschland dieses wertvolle Monopol zu entreißen. |
Wie wertvoll unb wichtig für bie beutsche Wirtschaft biese Kanarienzucht unb bie sich baraus ergebende Ausfuhr nach allen Landern der Welt ist, zeigt die Statistik, die Mittionenwerte für diese „Harzer roller aufweist. Auch dieses Auslandsgeschäft erfordert ganz besondere Erfahrung und Einstellung: man muß nämlich wissen, daß fast jebes Land feine eigene Kanarienliebhaderei hat, und danach heißt es sich einzurich- ten. So legt man in England beispielsweise wenig oder gar keinen Wert auf den Gesang der Vögel, wohl aber auf die Farbe: demgemäß werden dorthin die sogenannten „Farbvögel" geliefert, die durch besondere Züchtung unb auch Ernährung — Cayennepfeffer sott zum Beispiel schone rote Färbungen erzeugen! — bie gewünschen Farbnyancen aufwesten. Wogegen anbersroo, wie etwa in Hottanb, nur „Gestaltvögel verlangt werben, also Tiere, bie vor allem auf Form gezogen finb, sei es auf „schlanke Linie", auf Rekorbgröße ober eine anbere Moberichtung. Andere Länder wiederum interessieren sich fast nur für ben Gesang mit all feinen verfchiebenen Arten und Abarten, bis zu einem fprechähnlichen Gesang. Hier steht natürlich Deutschland an der Spitze, wo man die höchsten „künstlerischen" Anforderungen an die gelehrigen Tierchen -stellt und wo man ja, wie bereits erwähnt, besonders begabte Sänger auf eine Art „Konservatorium" schickt, wo die acht Haupttouren ober „Rotten gelehrt werben. „ ,
Unb noch alle möglichen anderen interessanten Dinge erfahren wir von unserem netten, alten Sanbsmann aus bem Geben der Kanarienvögel: von der Art unb bem Erfolge ihrer Paarungen, von ben russischen Vögeln, bie keine Fortpflanzungen kennen, von ber grausamen alten Sitte, bie Schlagwettersicherheit in Bergwerken burch Kanarienvögel festzustetten unb manches anbere mehr. Doch müssen wir fetzt von unserem so mitteilsam aeroorbenen Mentor Abschieb nehmen unb ihn auf ein anberes Mal vertrösten. Bevor wir aber gehen, sollen wir noch seine eigene Zucht von Harzer Rollern auf Canaria beschauen, eine nette Auswahl von ent- ziickenben in Farbe unb Gesang gleich vollendeten Tieren, auf die er mit Recht stolz ist. Unb baneben Ijänat im kleinen Käfig ber kümmerliche, kleine, arnue Bogel — ber seltsame Ahnherr einer so erfreulich aus ber Art geschlagenem „emporentwickelten" Nachkommenschaft!
Maler entdecken die Alpen.
Zu ben Entdeckern ber Schönheit bes Hochgebirges muß man auch jene Wanderer zählen, die nicht mit Seil unb Steigeisen, sonbern mit Pinsel unb Palette bie Alpenwelt eroberten. Ehe noch jemanb baran dachte, bie Felsengrate unb bie schneedebeckten Gipfel zu erklettern, bie nur als Stätten ber Schrecken unb Gefahren angesehen würben, fanben sich Künstler. bie beim Anblick ber Bergriefen in tiefer Ergriffenheit versuchten, sie in ihre Silber zu bannen unb ben Mitlebenden bie Augen für bie eiaenortige Schönheit bieser Lanbsckaft aufzutun.
Die ÜRifer bes Mittelalters letzten bie Berge auf ben Silbern aus einzelnen Schollen" wie aus Klötzchen eines Kinberbaukastens schematisch übereinanber; von bieser Auffassung ist auch Giotto noch nicht frei.
und selbst Manleg na, 6er We granbiofeflen GestelnsformaNonen gestattet, hat diese unwirklich stilisierende Art nicht ganz überwunden. Aus den Werken der venezianischen Meister, eines Cirna daConegliano ober Sasaiti schließen dann leuchtende Gebirgsketten, rote man sie von der Lagunenstadt aus in blauem Dust herüberschimmern sah, den Horizont feierlich ab, wie ja auch in den Silbern ® i o r g i o n e s unb Tizians eine alpine Stimmung vorhanben ist. Unter ben nordischen Malern läßt Jan van Eyck zuerst in der weit sich breitenden Ansicht von Lüttich „Madonna mit dem Kanzler Rollin" mächtige Schneeberge, wohl (Erinnerungen an den Nordwestflügel ber Alpen, auftauchen. Aber so willkürlich wie hier an Stelle ber sanften Ardennen schroffe Fels- partien treten, so phantastisch sind auch sonst die Gebirge, aufgefaßt. Aus vielen Gründen waren ja für die Gotik Hohe Berge besonders anziehend. Die Entdeckerfreude, die sich in alle Erscheinungen der Schöpfung mit staunender Neugier und naivem Interesse versenkte, erblickte tn dem „himmelhohen Felsgetürme" etwas besonders Auffälliges, Wundersames, ein Region, bevölkert aus überirdischen Mächten, Gott näher als die stäche Erde, vielleicht aber auch vom Teufel bewohnt. Sodann passen die schroffen, spitzen, zackig zerrissenen, steil emporstrebenden Gipfel zu bem Formgesühl ber Gotik, bas bie Vertikale bevorzugt unb in einem starken Sontraitbebürfnis hinter einem still verklärten Mabonnenanttttz am liebsten ein abenteuerliches Gesteinschaos aufbaut. Aus ber Nähe aber hat bamals niemanb bie Alpen mit ruhigem Malerauge betrachtet: bie Schweizer selbst am wenigsten, benen bie Eigenart ihrer täglichen Umgebung nicht ausfiel. Es waren d e u t s ch e M e i st e r, tue aus ber Ferne kamen unb mit andächtiger Sorgfalt bie frühesten wirklichen Alpenbilber schufen.
Die „Meerfahrt ber Heiligen" auf bem Tiefenbronner Altar des schwäbischen Meisters Lukas Moser wirb als bas erste reine Land- schastsbilb ber beutschen Kunst bezeichnet, unb wirklich ist hier bie Serg- lanbschaft recht realistisch dargestellt. Doch wie weit steht sie noch zurück gegen bie nur breizehn Jahre spätere Naturschstderung von Konr Witz, ber auf seinem Baseler Altarwerk Petri Fischzug barstellt! Aus Rottweil war der Meister nach ber Schweiz gepilgert, unb wir ahnen etwas von seiner Ergriffenheit vor ben großen Wunbern ber Natur, wenn wir sein Werk betrachten, bas völlig naturgetreu, nur in ben Berglinben etwas gesteigert, bas linke Ufer bes Genfer Sees mit Saleoe unb Montblanc roiebergibt. Das erste wohlgetroffene Porträt bes Königs ber Berge (Europas leuchtet hier von einem Gemälde bes Jahres 1444. Hatte bieser frühe große beutsche Maler nur aus ber Ferne die erhabenen S, Hou- etten ber Bergriesen festgehalten, so erfaßte sie ein noch größerer deutscher Maler auch aus ber Nähe. (Es ist Albrecht D ü r e r , ber erste, ber em nahes künstlerisches Verhältnis zu ben Alpen fanb. Er ist ber eigentliche (Entberfer ihrer Schönheit geworben.
Daß er schon als 24jähriger bie Alpen kennenlernte, läßt sich mit ziemlicher Sicherheit aus seinen herrlichen, bie ®ebirgsroelt darstellenden Landschaften schließen. Damals entftanb bas Selbstportrat von 1498, das wie zur Erinnerung an die Wanderzeit, bie schöne, an bie Umgebung bes Brenner gemahnenbe Alpenlandschaft zeigt. Dann finben sich Lanbschaften mit steilen Felsbergen auf ben Porträts bes Tucherfchen Ehepaares, schöne alpine Motive auf ben beiben Silbern ber Beweinung Christi, unb bie Blätter ber Apokalypse empfangen viel von ihrer feierlichen Majestät burch bie großartigen Berggruppen, bie besonders hohe Bewunderung erregt zu haben scheinen und eifrige Nachahmung fanden. Zunächst hat Dürer die Alpen aus der Ferne gesehen, in grohlinigen Silhouetten und gewaltigen Massen. Dann rückt er immer naher an sie I heran, entwirft genaue Skizzen und bringt so realistische, unübertreffliche Studien fertig wie ber „Fenebiger Klausen", währenb er aus bem Kupfer- stich „Das große Glück" bas getreueste Konterfei von Klausen mit bem Kloster Säben bietet. Währenb bie anberen willkürliche Bergkompositio- nen, möglichst malerisch erbachte Formationen als abschließenbe Hinter- grünbe in ihren Silbern anbrachten, machte Dürer seine Stubien an Urt unb Stelle unb bilbete in ehrfürchtiger Scheu bie ewige Natur nach, ohne sie anmaßenb umformen zu wollen.
Die alpinen Lanbschaften Dürers finb bahnbrechend unb mafsgebenb für bie Kunst seiner Zeit. Das Hochgebirge wirb nun auf ben Silbern bes 16. Jahrhunberts gerabezu Stöbe, unb es gibt kaum einen Künstler, der an biefer Freube an ber Sergroelt nicht teilnimmt. Nicht nur Die Schweizer, wie Hans Leu unb Nikolaus Manuel Deutsch umrahmen nun ihre Gestalten mit Felspartien, nicht nur bie fubbeutschen Meister wie Surgtmaier, Sreu, Schäufelin, Ulrich unb Apt malen bie Alpen in ihren Semälben, sonbern auch ber Thüringer Suvas Cranach uno ber Westfale Albegrever bringen Alpenhintergrünbe. Am eigenartigsten, aber auch am gewaltsamsten bemächtigt ber genialste Meister neben Dürer, Grünewalb, sich biefer Motive, inbem er bie Bergformen in Luft unb Farbe auflöft unb mit ben geheimnisvollen Wundern des Lichts umwebt: er tritt fo in bie Fußtapfen Sionarbos, ber ein großartiger Gestalter von erhabenen Gebirgsphantafien war unb tn einer I Zeichnung die Majestät eines Unwetters im Gebirge feftgehatten bat. em solche Versuche knüpfte erst wieder Turner mit seinen wolkenverhangenen, lichtumspielten Felsen an. .
(Eine selbständige Alpenlandschaft, in ber bie Berge nicht nur Beiwerk waren, wurde zuerst von Albrecht Altdorfer zum Qegenftan eines Gemäldes gemacht. Um 1511 trat er eine große Donauwanderung an unb aus seinen Zeichnungen unb Skizzen hat man geradezu sti Wege feststellen können: es war die erste Studienreise eines Landschans-
I malers, von der wir wissen. Die anderen „Meister des Donaustils , v allem Wolf Huber, bildeten bann die Alpenlandfchaft weiter aus, uno , Holländer haben sie vollendet von Pieter Breughel, dem großen Koloristen, der Böcklings Vorläufer wurde, bis zu Hercules Seger-, ; der an Segantini erinnert und besten Silber in ihrer stolzen KMryen
, unb ernsten Ruhe zu ben Werken ber mobernen Vollenber ber Alpen
, I lanbfchaft hinführen. L w"


