Ein Pilgrim.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
’s ist im Sabinerland ein Kirchentor — mir war ein Reisejugendtag erfüllt — ich saß auf einer Bank von Stein davor, in einen langen Mantel eingehüllt, aus dem Gebirge blies ein harscher Wind — vorüber schritt ein Weib mit einem Kind, das, zu der Muter flüsternd scheu begann: „Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!".
Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt, und wo ich neues Land und Meer erschaut, den Wanberstecken neben mich gelegt, wo das Geheimnis einer Ferne blaut, ergriff mich unersättlich Lebenslust und füllte mir die Augen und die Brust; hell in die Lüfte jubelnd rief ich dann: „Ich bin ein Pilgerim und Wandersmann!".
Es war am Comer- oder Langensee, auf schlichter Tiefe trug das Boot mich hin entgegen meinem ew'gen, stillen Schnee mit einer lieben Pilgerin — rasch zog mir meine Schwester aus dem Haar, dem braungelockten, eins, das silbern war, und es betrachtend, seufzt' ich leis und sann: „Du bist ein Pilgerim und Wandersmann!".
Mit Weib und Kind an meinem eignen Herd in einer häuslich trauten Flamme Schein dünkt keine Ferne mir begehrenswert.
So ist es gut! So sollt' es ewig sein ...
r - Jetzt fällt das Wort mir plötzlich in den Sinn
der kleinen furchtsamen Sabinerin, das Wort, das nimmer ich vergessen kann: „Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!".
Aus der Kulturgeschichte des weisens.
Von Dr. Wilhelm Gemperle.
„Daß wir uns in ihr zerstreuen, darum ist die Welt so groß." Mit diesem Goethewort ist der tiefere Grund des Reisens und Wanderns als einer Begegnung mit der Welt außerhalb unseres Tagewerks, als einer Erweiterung des Horizonts und einer Vertiefung des Lebensgefühles angedeutet. Heute — im Rückblick auf eine jahrtausendalte Geschichte — wissen wir, daß die Bedeutung des Reisens in den verschiedenen Epochen jeweils mit anderen Augen gesehen worden ist. Die Kreuzzüge der Ritter, die Pilgerfahrten ins Heilige Land und die Züge der Büßer und Geißler in den Pestzeiten waren Wanderbewegungen religiös entflammter Massen, die Handelsreisen der Kaufherren waren geschäftlich notwendige Unternehmungen, und die Wanderfahrten der Hanowerksgesellen dienten der beruflichen Förderung, aber sie haben ihren letzten Ursprung nicht dort, wo gerade wir Deutschen das Wesen des Reisens und Wanderns begreifen: in der Berührung mit den Wundern der Natur, im Abenteuer ohne jede Sensation und in der Bildung und Erhebung des Menschen, dies im weitesten Sinne des Wortes verstanden. Kreuzfahrten und Pilgerzüge, Handelsreisen und Gesellenwanderungen hatten ein Ziel außerhalb dieses Erlebnisses, wenn auch viele Ritter und Wallfahrer, reisende Kaufleute und Handwerksburschen an den Schönheiten der Natur nicht achtlos vorüber- gingen und die Weite der Welt als eine machtvolle Steigerung ihres Lebensgefühls empfanden.
Reisen und Wandern, wie wir es im Strom der geistigen Entwicklung Deutschlands begreifen lernten, ist Entdeckung der Natur in der nächsten Umgebung wie in den fernsten Ländern, durch das Auge und das Ohr, mit allen Sinnen und nicht zuletzt mit dem Herzen, ist Verweilen bei den Kostbarkeiten der Kunstdenkmäler, der Landschaften und der Städte, innerlichster Austausch mit Menschen, Sprache und Sitte, kurzum eine Bereicherung, deren Wert in sich selber ruht und die nichts mit den enggesteckten Zielen des Existenzkampfes oder mit den Bedürfnissen des Erwerbslebens zu tun hat. Reisen ohne Geist und Herz, nur aus Freude an Kilometerfresserei und falsch verstandenem sportlichen Ehrgeiz oder gar aus Bildungsdünkel, weil man an diesem Ort gewesen sein ober jenes Museum besichtigt haben muß, ist zum öden Banausentum herabgewürdigt, und wer wie zahllose rastlose Weltenbummler glaubt, eine Reise beginne erst mit dem Betreten eines anderen Landes ober eines fremben Erdteils, der hat das „Zerstteuen" in dem eben genannten Goethewort zur Bedeutung der „Zerstreuung" verfälscht.
Reisen ist in erster Linie Begegnung mit der Natur, Selbstbesinnung und Zwiegespräch, zugleich. Die „Kavalierstouren" vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, von deren Wesen wir aus dem Reisetagebuch des berühmten französischen Essayisten Montaigne einen lebendigen Eindruck erhalten, entsprachen zu sehr einer modischen Sitte, die in den Kreisen des Adels und des wohlhabenden Bürgertums verbreitet war, als daß die Ursprünglichkeit kräftigen und erlebnishungrigen Naturgefuhls auskommen konnte. Das Bilbungsoerlangen war noch ganz auf bie Beobachtung ber gesellschaftlichen Zustänbe, auf Eigenarten ber Kleibung, ber Begrüßung unb bes geselligen Verkehrs ausgerichtet, ber Blick mar nod) zu sehr burch bie Maßstäbe einer vornehmlich höfisch bestimmten Lebenshaltung eingeengt, als baß sich die Freude an den Wundern der Natur hätte frei entfalten können. Die Landschaft spielt deshalb in den Reisebeschreibungen des Herrn Montaigne kaum eine Rolle. Daneben aber hat es schon immer eine unbefangen-naive Naturschilderung gegeben, wie die bes Stephan von Gurnpenberg, ber in seinem „Reysebuch bes
heyNgen Landes" im 15. Jahrhundert das Dorf (Tana „an einem Bühel" mit den Worten zeichnet: „Es war (o luftig darum, mit Bäumen, Laub und Gras, daß nicht davon zu schreiben ist. Denn wo wir ritten, da stunden Wiesen und Anger mit allerlei Färb' von Blümlein, die man erdenken mag, und Bäum mit voller Blüt." Wie geziert nimmt sich dagegen die Beschreibung des Gebirges bei Ouarinonius aus: „Gebirg ist in dieser runden Welt nichts anderes als ein gespitzter Diamant in einem goldenen runden Ring . Meistens fand man das Gebirge sogar „graulich und langweilig", wenn auch schon im 14. Jahrhundert der italienische Dichter Petrarca bie erhabene Schönheit ber Berggipfel mit ihrem weiten Runbblick gepriesen hatte. Die Natur erschien aber noch verhüllt von einem Schleier ernpfinbsamer ober gelehrter Betrachtungen, man nahm sie als Gleichnis ber göttlichen Allmacht unb belebte sie mit menschlichen Vorstellungen, bas Aug« hatte noch nicht gelernt, sie unmittelbar zu sehen.
Auch für bie Aufklärung war bas Reisen wie einst bei ben „Kavalierstouren" hauptsächlich Bildungsmittel. So war Goethes Vater mit einem dicken Reisejournal nach Italien gezogen, um tagtäglich feine Beobachtungen und Entdeckungen sorgsältig einzutragen, die als wichtigster (Ertrag mit nach Hause gebracht würden. Auch Wilhelm Meister bekommt von seinem Vater noch ein solches Reisebuch mit, das er möglichst lückenlos ausfüllen soll, damit kein Bildungskörnchen verloren gehe, und er stellt fest, daß er nur „von Empfindungen und Gedanken, von manchen Erfahrungen des Herzens unb Geistes sprechen tonn, nur nicht von äußeren Gegenstänben, benen er, wie er nun merkte, nicht die mindeste Aufmerksamkeit geschenkt hatte." Das ist ganz bie Art ber sentimentalen Reise- deschreiber biefer Zeit. Ein wieviel frischerer Wind weht schon in ben Worten M o zarts auf ber Reise noch Prag, wenn er in einem Tannen« roalb beglückt ausruft: „Gott, welche Herrlichkeit, man ist wie in einer Kirche. Mir beucht, ich war niemals in einem Wald unb besinne mich jetzt erst, was es boch heißt, ein ganzes Volk von Stämmen beieinanber.. .*
Die beutsche Romantik aber hat bie beutsche Lanbschaft erst wieder wahrhaft entdeckt. Viele ihrer Dichter waren selber wander- und reife» freudige Männer, bie wie Eichendorf fs Taugenichts beseligt durch die Felber streiften unb mit stillem Entzücken in bie Wälber bringen. Wie weit unb farbig tat sich bas unbekannte Deutschland vor ihnen auft Wenn Goethe sagt: „Wie glücklich mich meine Art, bie Welt anzufehen, macht, ist unsäglich. Unb was ich täglich lerne! unb wie mir boch fast keine Existenz ein Rätsel ist. Es spricht eben alles zu mir unb zeigt sich mir an!", so meint er damit nicht das zweckhafte Bildungsstreben der Aufklärung, sondern die Steigerung des Lebensgefühles, bie ihm aus ber Begegnung mit ber Natur im Reifen entgegenwuchs. Aber er hat ben Gefühlsüberschwang, mit bem bas Naturerlebnis so häufig verftacht und versüßlicht wurde, ebenso sehr abgelebnt unb versucht, mit ber Natur wieder in ein klares und starkes Verhältnis zu kommen. „Seit Sternes unnachahmliche Sentimentale Reise ben Ton gegeben unb Nachahmer geweckt, waren Reisebeschreibungen fast burdjgängig ben Gefühlen unb Ansichten ber Reisenben aemibmet. Ich bogegen hatte die Maxime ergriffen, mich so viel als möglich zu verleugnen unb das Objekt so rein, als nur zu tun wäre, in mich aufzunehmen."
Der Durchbruch war vollzogen, in ben Werken ber Dichter spiegelt sich bie Wandlung in ben Bestellungen zwischen Natur unb Mensch, unb bas Reisen gewinnt seine ursprünglichste B-beutung. Nun erst gewahrt ber Mensch, welche bisher verborgenen Schönheiten in feiner nächsten Nähe liegen. Die Künstler finb auch bie Entbecker ber Lanbschatt Theodor Fontane hat auf bie herben unb eigenartigen Reize ber Mark Bran- benburg hingewiesen, bie bisher nur als bes Heiligen Römischen Reiches Streufanbbüdjfe verspottet worben war Die Worpsweber M-ckcr haben ben Blick für bie Wunber ber Moorlandschaft geöffnet, unb Hermann Löns hat gezeigt, welche Schönheiten bie weiten Flächen ber Lüneburger Heibe bieten. Die Menschen mußten im wahrsten Sinne bes Wortes erst roieber sehenb werben, ehe sie ben Reichtum bes Reisens unb Wanderns roieber entbecften. Reisen ist ein Jungbrunnen unb nur bem eröffnen sich Welt unb Natur, ber frei ist von engstirnigem Bilbungs- ftreben unb oo >m Drang, bie Länder ru durchstiegen, aus Furcht, eine Sehenswürdigkeit am Wege liegen zu lasten.
Vögel von Kanaria.
Aus der Heimat unseres Kanarienvogels.
Von Theodor Engelmann.
Kommt man zum ersten Male nach ben Kanarischen Inseln, so erlebt man meist allerhand kleine Enttäuschungen. Vielleicht weil man sich allzuviel von den „insulae fortunatae“, ben „glückseligen Inseln" ber Alten» erwartet hatte. Eine biefer Enttäuschungen ist unfehlbar die, daß einen beim Betreten ber Insel Gran Canaria nicht sofort Schwärme von Kanarienvögeln umflattern. Und fragt man bann schüchtern nach diesen wohlbekannten Vögeln, so werden uns enge, kleine Holzkäfige gezeigt darin graugrüne, unscheinbare Vogel still unb stumpfsinnig hocken. Was» bas sollen Kanarienvögel sein, unsere leuchtenbgelben, lustigen Tierchen, dke uns mit ihrem unermüblichen Singen und Trillern unb ihrem munter* neugierigen Wesen so entzücken?
Nein, bas kann doch nicht ftimmen, unb wahrscheinlich hat der biedere Mann, der diese Vogel in den kleinen Käfigen am Hause hängen hat, unsere aus „1000 Worte Spanisch" zusammengestoppelte Frage falsch ver- ftanben. So versuchen wir es nochmals, mit dem Erfolge, baß er uns kopffchüttelnb auf ein Häuschen gegenüber verweist, bort wohne ein „alemancifo”, ein kleiner Deutscher. Auf einer grünen Bank vor ben blumengeschmückten Fenstern unb weißen Garbinen sitzt ba ein altes Männchen, ben eisgrauen Kopf — trotz ber Gluthitze — mit einem samtenen Käppchen bebeckt. Gelt, wir kämen sicherlich wegen ber Kanarienvögel, meint er sreunblich in frischerhaltener thüringer Munbart, unb wir seien wahrscheinlich auch so enttäuscht, hier nicht bie altgewohnten „Kanaris" zu finben, Ja, bas fei so eine Geschichte, unb er wolle sie uns gerne erzählen, so gut er es verstehe. Womit er, unversehens insSpanische


