Ausgabe 
16.8.1935
 
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Händel schrieb, bahekm angekangk, die Töne der Melodke In Noten auf das Papier und spielte sie dann, spielte bis zum Morgengrauen, bis zum Sonnenaufgang ... Er konnte sich nicht trennen von diesem schlichten und milden Wunder der Musik. Fast sagte er sich: was soll ich damit anfangen? Für eine Oper mit dem Gesang der Italiener ist die Melodie zu schade, in den Kirchen würde sie zu demutsvoll und klagend vorgetragen werden. Sie kam aus dem großmütigen Leben und sollte nicht in Nonnenhäusern auf die Welt verzichten lehren, son­dern die Welt verklären. Einer fühlte Verzicht, als er sie fand, aber nicht aus Schwäche, sondern aus einer Kraft, die in ihm mächtig war...

Dennoch konnte diese Kraft nicht in Güte sich verschwenden, sie muhte gesammelt bleiben für den Kampf. Händel ging außer Haus und war entschlossen, die Melodie, welcher er die vorläufige BezeichnungLargo" gab, einer heiteren Oper einzuverleiben als Gesang der Weisheit, wie er es sich gestern schon gedacht hatte. Nun wollte er in der Oper sich eingereichte Textbücher zeigen lassen, vielleicht war etwas darunter, was er brauchen konnte.

Indessen kam es an diesem Tage nicht dazu. Eine aufregende Nach­richt erwartete ihn: die Gesellschaft der Royal Academy hatte ihre Auf­lösung bekanntgegeben. Der Vorstand tagte seit acht Uhr früh, und Händel wurde sofort in das Haus des Herzogs von New Castle be­rufen. Er traf sämtliche Herren der Leitung an, vor den Türen auch Berichterstatter und bereits auch die ersten Gläubiger, die nach der Meldung in den Morgenblättern einen völligen Zusammenbruch der Opernakademie befürchteten und für ihre letzten Lieferungen die reichen Gouverneure selbst haftbar machen wollten.

Doch es stand nicht ganz so schlimm mit der Gesellschaft. Ihrer Auf­lösung folgte am selben Tag noch eine Neugründung, die alle Ver­bindlichkeiten übernahm, die Geldeinlagen erhöhte und die Verwaltung vereinfachte. Die zwanzig Herren des Vorstandes wurden nicht wieder- gewählt, bloß die zwei Gouverneure. Händels Gönner Lord Burlington konnte keinen Einfluß geltend machen, und so bekam Händel, obwohl er diesmal als einziger musikalischer Leiter bestellt wurde, einen Vor­gesetzten, dem er bisher mit gleichen Rechten zur Seite stand: Heidegger. Dieser gewandte und geschäftstüchtige Schweizer hatte es zuwege ge­bracht, in den Jahren seiner Tätigkeit an der Royal Academy sich ein Vermögen zu erwerben, da er auch außer der Oper Geld verdiente als Leiter von Vergnügungsfesten, die er vorzüglich durchzuführen verstand. Seine Ersparnisse nun befähigten ihn, bei der Neugründung der Aka­demie den Gefellschaftern angenehmerweise vorzuschlagen, sie möchten sich der Sorgen um das Opernhaus und den Fundus entledigen. Er sei geneigt, beides zu übernehmen und instand zu halten. Der Gesellschaft konnte es nur recht sein. Heidegger aber bekam damit viel Macht in die Hand.

Er verhielt sich setzt sehr zurückhaltend zu Händel und glaubte, diesen rein als Kapellmeister behandeln zu dürfen, dem man eine fertige Truppe irgendwelcher Art in die Hand gab. Aber Heidegger erwies sich nicht als geschickt genug, Leute zu sammeln, noch dazu für ein durch Sängerkriege bloßgestelltes Haus, wie es die Royal Academy war. Er konnte sich keine anderen Zugkräfte in feine Oper denken, als die alten, und reifte der entschwundenen Bordoni nach, ohne sie wieder für London gewinnen zu können. Es blieb Heidegger nichts übrig, als Händel zu bitten, ihm bei der Werbung von Sängern behilflich zu (ein.

Die zwei Männer standen sich gegenüber, der trockene in Verlegen­heit und der überlegene mit Ruhe. Dieser nickte nur und machte sich einen besseren Plan zurecht als sein Mitarbeiter. Es war Hochsommer geworden, und Händel wollte nach Italien, um ganz neue Sänger zu suchen. Der Anlaß, einmal aus London fortzukommen, war ihm will­kommen. Seit seiner letzten Fahrt durch Deutschland hatte er London nicht mehr verlassen. Reifen aber gehörten in fein Leben.

Fruchttragende Landschaften zogen an seinem Auge vorüber. Hol­lands blühende Felder und das rebengrüne Rheintal, Landleute sprachen zu ihm, Wirte, Schmiede und Winzerfrauen, er freute sich an der Mund­art und am Humor, sah auf zu den Felsen der Alpen und nieder zum sonnverbrannten Staub der Poebene, mit Vergnügen nach Jahren wieder ölgebratene Fische und lauschte den schwarzlockigen Söhnen der Sonne ihre endlosen Flüche ab. Und er hatte eine unbeschwerte Freude beim Hören der Volkssänger, aus deren demütiger Quelle durch Ver­wöhnung der Welt der Hochmut des italienischen Operngesanges auf­sprudelte.

Mit frischen Sinnen nahm Händel auch die Mufik der neueren Ton­dichter im Süden aus, eines Pergolesi, Hasse und Porpora, schon in Mailand und Venedig, noch mehr aber in Rom, wo er mehrere Wochen blieb. Er war dort Gast des Kardinals Ottobuoni, mit dem er schon auf seiner ersten Jtaliensahrt befreundet wurde. Dieser Schätzer der Kunst, eines jener schönen und männlichen katholischen Kirchenhäupter, die den geistigen Adel des päpstlichen Hofes bedeutsam erhöhten, war Händel herzlich zugetan. Er ahnte in ihm die Gewalt Gottes und sah ihn gerne auf den Wegen geistlicher Musik gehen. Nun frug er Händel:

Kam die Gnade, von der wir schon einstens sprachen?" Zuweilen."

In ganzer Fülle?"

Ja, einmal. Das war erst jüngst..."

Auf der Hausorgel spielte Händel dem Freunde das Largo. Er­schüttert hörte der Kardinal aus den milden Tonfluten die Ueberwin- dung. Er sah zu dem Gesicht des Gastes aus, das die große Seele spie­gelt«. Kennst du auch schon die Stunden, Gigant, die wir Priester kennen? Oder ist es weiter bei dir und großmütiger, das Gefühl?

Was gab den Anlaß zu dieser Musik?"

Der Verzicht..."

In Rom hatte Händel plötzlich ein Gefühl der Bangnis um seine Mutter. Er schrieb nach Hause, daß er sie noch in diesem Jahr besuchen werde. Schon waren Monate mit der schwierigen Sängersuche ver­gangen. Verpflichtet hatte Händel während dieser Zeit für die Londoner Akademie erst den vorzüglichen, aber doch schon alternden Bernacchi, dessen technisches Können nicht ganz einen fehlenden Glanz ersetzte. In

Mailand gelang es ihm, eine bessere Kraft zu gewinnen: die Sängerin Shroba bei Po. Sie hatte Aehnlichkeit mit der Cuzzoni, aber sie besch feinere Seiten des Charakters, und Händel fand den Umgang mit ihr sehr angenehm. Um so weniger gefiel ihm auf den ersten Blick ifa Gatte, eine Zuhälternatur, der die Kunst seiner Frau auszubeuten v-i. stand. Das beschattete Glück ihres Lebens nahm Händel für die Kiinsl. lerin doppelt ein. Eine beseelte Kraft ihrer Art sand sich nicht mehr, trotzdem Händel noch eine Reihe von Sängern den Winter über urj zum Frühling hin verpflichten konnte.

Händel eilte, als alles getan war, aus dem Süden fort und tr«f früher, als man ihn erwartete, in feiner Heimatstadt SjaUe ein. Sein innere Unruhe kam aus tiefen Quellen, und was er befürchtet Haiti, bestätigte sich ihm. Er fand die greife Mutter gelähmt vor. Ein Schlag anfall traf sie im Winter und nahm ihr nicht nur die Bewegung bir Glieder, sondern auch das Augenlicht. Tastend glitten ihre gekrümmte: Finger mühsam Über des Sohnes großes Antlitz, sie lächelte matt dein Fühlen der fleischigen Backen und wohl tat ihrem eingefallenen Mund, sein fanfter Kuh. Händels Zeit war bemessen, und er mußte roeiter. Schon wartete man in London auf ihn, und er sollte noch in Hambuc, sich nach Sängern umsehen. Aber diesmal ging er nur ganz schwer-, Herzens von der Mutter. Er spielte ihr das Largo vor. Sie fragte,, was das sei, ein Kirchenlied oder ein Sterbegesang. Trost, wollte et antworten, hörst du es nicht? Nicht als dein Sohn nehme ich Abschiei von dir, sondern mit dem Auftrag des Ewigen, dir inniger als ander« das Scheiden von der Erde zu verklären, du süßer Schoß, der mic trug ...

Auch in Hamburg hatte Händel Glück. Er sand den Bassisten Ri» menschneider. Die Hamburger machten Witze, daß der Opernrattenfänget in der Verlegenheit immer käme, um sich das aus der Elbestadt j.i holen, was es in London eben nicht gäbe. Händel erfreute sich fteti von neuem am guten Humor dieser Stadt, der er den Ruhm feinet Jugendwerke verdankte. Er ging durch die Straßen mit ihren schöne: Kaufhäusern, sah auf zu den bunten Fenstern des Bürgersaales am Rathaus und kam im ziellosen Gehen bis zu den Vorratsspeichern m! endlich zum Hafen. Dort schaute Händel einem ausfatjrenben SchG nach, und es war ihm, als sähe er sich selbst, jung und unge? wie er damals war, als er feinen Weg nahm von hier ... Er gerne ein paar Tage sich in jene Zeit zurückversetzt, doch wartende schäfte drängten ihn zur Abreise.

Heidegger hatte in Händels Abwesenheit nichts Gutes füx ihr ton. Im Gegenteil waren die Londoner nach des Schweizers Wit- tuerei der Meinung, daß Händel gegen früher eine sehr untergeorl i Rolle in der Oper spiele. Auch Bononcini, wieder in London, trat mm Heidegger in Verbindung. Trotzdem wagte dieser nur mit einer HändÄ Oper die neue Akademie zu eröffnen. Aber es war ganz deutlich not. vornherein, gegen wen gearbeitet wurde. Man machte den von Händn! mitgebrachten Sängern den Erfolg schwer und stellte die Strata zunächst in einen ungünstigen Vergleich mit der Cuzzoni. Als sie sich trotzdem durchsetzte, ließ man bei der zweiten Aufführung den lenon Bernacchi grausam durchfallen, indem sich keine Hand nach seinem Singen zum Beifall rührte. Händel mußte weiter Umschau halten.

Einen wenig erfreulichen Gewinn brachte diese neue Sängersuche den aus London schon abgewanderten Senesino, der mit einem glän1 zenden Jahresgehalt alsUnersetzlicher" neu an die Royal Academy verpflichtet wurde. Der verwöhnte Sänger, seinerzeit während dm Primadonnenstreite etwas vergessen, zeigte jetzt Launen, und doch man Händel kaum Herr über die anderen, so sehr schadete ihm fjeibeggers Vormachtstellung. Nie in ben Jahren ber ersten Akademie hotte es so» viel Wechsel gegeben wie nun innerhalb einer Spielzeit. Von ben ßou-1 bonern wurde jetzt die Oper ber Sängergasthof genannt. Trotz täglichem Aergers komponierte Hänbel mit einem Kraftaufwanb, ben bie Ata> bemie nicht mehr wert war, in brei Spielzeiten sechs neue Opern, vom benen keine ein großer Erfolg würbe. Erst bie siebente in ber viertem Spielzeit füllte roieber mehr bie Häuser ber niemals ausoerkauften, oft fast leeren neuen Royal Acaberny.

Aber auch bies war kein echter Sieg für Hänbel. Die Sänger, mH benen er ihn erfocht, waren ihm zum großen Teil feind. Zwischen Sene­sino und ihm wuchs bie Spannung ins Unerträgliche. Eines Tages kam ber Kastrat mit einer Blume im Knopfloch, stellte sich im Probensackl auf den Dirigentenschemel und rief über bie Sänger unb Musttm hinweg bem eintretenben Komponisten entgegen:

Signor Hänbel, jetzt werde ich einmal der ganzen Versammlung erklären, was in Ihre Dutzendopern noch hinein- und was heraus» gebärt! Ein längst fälliger Vortrag, roiffen Sie!"

Das war Händel zuviel. Mit Getöse flog ber freche Sänger zuerst vom Schemel ben Musikern in bie Arme, bann zur Türe hinaus. Wieber, wie bei bem Cuzzoni-Krach, fiel eine Probe ber Akabemie wegem ungeheurer Aufregung Hänbels aus. Aber biesmol wurde ihm von dem Gouverneuren ber Oper nicht recht gegeben, unb Heibegger erging sW in feindseligen Vorwürfen. Er stellte die Frage, ob Händel so blind! fei, zu übersehen, daß Senesino herausgefordert habe, weil hinter ihm eine Macht stünde.

Konnten Sie sich nicht den Heinen Scherz gefallen lassen? Was sind Sie jähzornig unb unbiplomatisch, Hänbel! Bononcini will eine Open gegen uns eröffnen, Senesino ist nun totsicher fein erster Star Sie haben ihn hinausgeworfen, und sein Vertrag mit uns ist gelost!"

Dies war wortwörtlich so. Alle Sänger, bie Händel schon kannten ließen eine Klausel in ihren Vertrag setzen, wonach sie frei waren wenn Händel handgreiflich mit ihnen verfuhr. Es wurde schwierig fun bie Akademie. Ihre Aktien sanken tief im Wert. Die Vorstellung^ blieben unbefudjt. So wie es ging, lösten bie Sänger Ihren !8ertrag- Keine Kraft von Rang blieb Hänbel treu außer ber Straba. Sie allem aber war zu wenig. Gegen Enbe b* Spielzeit konnte kaum eine Oper genügenb besetzt werden. Und bie zweite Royal Academy loscht« ous- (Fortsetzung folgt.)