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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1935 ßreitag, den 16. August Nummer 63

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Seine Kraft war in ihm mächtig

Gin bändd-Roman von Ernst Alurm

Copyright 1935 by Deutsche "Verlaga-Hnatalt, Stuttgart und Berlin

(8. Fortsetzung,)

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Aber er wehrte ihr ab mit einem leisen Wenk. Und sah sie dann an, milde und groß, die Frage in den Augen: was wellst du ihnen über mtch sagen? Einsam bin ich und ein Besuch aus Erden, du werßt es. Was ttviffort fio

Ais die'Gäste des Gasthauses zudringlich wurden und Sänger der Vorstadtoper sich an den Tisch Händels setzten, brach d'efer auf Er ver­abschiedete sich in seiner kurzen Art von Gay, Ruh und Pepusch, herz­licher von Arne, der ihn und Susann« auf die Straße begleitete. Dort wollte Händel die Choristin in einem Wagen bis Zu ihrer Wohnung bringen^ sie aber fragte ihn, ob er nicht Lust habe, zu Fuß sichrem Stuck zu gehen. Sie wohne nicht allzu weit. Auch sei die Nacht milde und nebelfrei. Nach einigem Ueberlegen nahm Handel biefen Bor- ^Er "bereute es nicht. Es lohnte sich, zu dieser Stunde einen Blick in das Innere der Großstadt zu tun. Seltsam erschien den dunklen ver­legenen oder frechen Gestalten, denen sie begegneten das gutgekle,dete Paar. Lauernde Straßenräuber schätzten vom überschatteten Torbogen aus die Kraft des Riesen ab und Dirnen lachten hinter der Reinen her Adelige mit einem Sparren, dachte das Volk. Indessen schenkte Handel diesen Geschöpfen Aufmerksamkeit und ließ die Stimmung der hufchem den Menschen, späterleuchteten Fenster und Klange von fernher aus sich wirken. Er und Susanna Arne sprachen zunächst nur, wenn sie sich über

sie"Äer eine kleine Parkanlage durchgueren mußten, hielt der Komponist den Schritt an und sprach zu seiner Begleiterin:

Es war ein sonderbarer Abend."

'.Mcht^ enttüuscht^und nicht^befriedigt. Das können Sie sich ja bentem Es berührte mich. Gay und Pepusch, die ich als andere Menschen schon kannte, so verändert wiederzusehen. Ihr Dater gefiel mir gut. Hat er Sie sehr lieb?"

reich geliebten Mann:

Ich würde lieben ..." t

Händel sah herab auf den zitternden Mund, auf die ,etzt alles ge­stehende Mädchenstirne, in die großen Augen. Er frug als Mann das Weib. Doch nun kam er sich vor wie ein Wachsender, wurde ein Mam­mut, wurde ein Berg, dehnte sich und erkannte: ich wurde dieses We,b erdrücken, ich kann sie nicht umarmen, w,e Gottvater seine Blumen nicht küssen kann, weil er sie zerpressen wurde, ich bin kein Mann ich trage nur Mannesgestalt, icki bin eine Kraft zwischen den Geschöpfen muß ihnen Helsen, das Wahre zu singen, muß sie schonen, mutz m Mit dem Zurücktreten vor Susanna Arne fühlte Händel in einem Crströmen seiner Seele ohnegleichen das Schicksal seiner göttlichen Em- samkeit, zugleich eine namenlose Baterliebe für das Mabchen, ein grenzenloses Mitleid mit den Geschlechtern, fühlte den heißen Wunsch, die kleine Sängerin glücklich zu sehen und alle Menschen, die es auf Erden sein konnten, mit ihr ... Sie sollten lieben ... Und weit wie ein Strom kam die Melodie der Versöhnung mit dem Verzicht:

In'stner'stltsamen und reichen Nacht, als Händel sich zu dem Volke Londons und zu seiner Kunst beugte, gab er einem Weibe zu wissen, daß er fern der liebenden Berührung stünde, und brachte sie auf dem nächtlichen Gang an ihrer Seite einem Verehrer gleichend doch nur als schützender Vater nach Hause. Schritt bann, voll, bes Erlebnisses, ganz langsam aus unb kam an bas Ufer ber Themse, wo ihn bas Spiel bes Mondes auf dem Wasser bannte. Von einer wunderbaren Melodie cn fällt die aus seinem Wesen brach, als- er der großen Entsagung sich bewußt wurde, sah er nun, bas Strömen der Melodie in sich ununter­brochen weiter fühlend, mit Ergriffenheit den Strom der Erde d,e Themse. Schisse trug sie, Schmutz nahm sie auf aber gelassen gmg ihr Weg bis in den Ozean. Gelassenheit wird es auch sein, was die Strome Gottes aus Menschenherzen zum Ziele führt, und manchmal fließen sie unbehindert, rein und lautlos, und der Gruß eines fernen Sternes mag auf ihrem Rücken fein wie ein Spiel voll silberner Zartheit...

erfüllen...

grauenarme? ,

Händel stand völlig still, nachdem er schon die letzten Schritte langsam ging. Im Park war mehr Dämmerlicht von oben als in den Gassen. Händel konnte gut ins Antlitz ber Susanna Arne schauen, beren Augen e zu ihm aüfsahen unb gläubig, wie ihre letzten Worte waren. Vier

e Jahre schon sah sie so zu ihm auf. In ber Mitte biefer Zeit sagte ie es ihm einmal, er hatte es vergessen, seit einer Woche erst wußte er, daß sie von ihm mehr erwartete als von jedem anderen Menschen auf der Welt. Ihr konnte er seinen Wunsch sagen...

Fräulein Arne, wie klang das, als ich von Gay und Pepusch eine bessere Volksdichtung, einen schöneren Humor verlangte, als den der Bettleroper? Still, Sie wollen erwidern, es war schon richtig, nicht einmal schulmeisterlich. Aber ber eine sagte mir boch ins Gesicht, ich möge Selber diese bessere Bettleroper komponieren! Es war sehr herb zu hören im Augenblick und war die rechte Antwort! Das sollt ich einmal, bas möcht' ich einmal schreiben ... Das Versöhnenbe ...

Herr Hänbel..." m

Ich habe Kamps entfacht mit meinen Werken unb Siege errungen. Das Glück unb auch bas Verzeihen habe ich in Töne gebracht. Aber es galt nicht allen, es wirb nicht alle berühren. Noch fehlt mir bte Me­lodie bei deren Erklingen das Leiden aller sich mildert und die Sreuben der wenigen allen sich zuwenden, die der Sieche versteht und der Rüpel, die ich fingen oder spielen kann in der Unruhe, breit und so lange bis ich ruhig werde Fräulein! Was würden Sie tun, um diese Melodie 3U Susanna Arne fühlte, er frug in ihr das Weib. Er frug den Men­schen, ber es wagen bürste, an fein Herz zu tasten, weil er dahin tc wollte schon seit Jahren sie war so klein, Susanne war jetzt nur Sümmchen, die dumme, schweigende Choristin, doch nun war s Zeit Rede, und es gab nur eine Antwort an den tiefverehrten, ganz und

Ja, er verehrt mich beinahe."

Und Sie wollen nicht an seiner Oper fingen?"

Wegen ber anberen unb wegen bes Spielplans."

Geben Sie mir also recht mit bem, was ich gegen die Bettler­oper einroanbte?" . , _ . , _

Wie sollten Sie nicht fühlen, was richtig ist, Herr Hanbell

Na, das ist verflucht zuviel gesagt!"

Unter einer rauhen Hülle verbarg Händel die Freude über bes Mädchens Glauben an ihn, den er neuerdings fühlte. Wie schön, weiß Gott, wie schön war's doch, daß so ein Mensch an seiner Seite ging! Er hatte Freunde, Arbuthnot und andere. Aber sie waren nur hilfs­bereit im Aeußeren, sie setzten nie voraus, daß er einen Wunsch haben könne und eine weiche, warme Berührung brauchte, sich ihn selber zu

Händel war, als er diese abgesprengten Künstler und den freundlichen Arne tiefer ansah, auf einmal voll Güte. Er sagte sich, daß nicht sie ihm Helsen konnten, sondern er ihnen, und sprach vieles anders als vorhin.

Lieber Gay, Ihre Oper ist nicht etwa mißlungen. Sie machte mehr Eindruck auf mich als ein Werk Bononcinis ober eines von mir selber. Sie haben etwas aeleiftet unb Pepusch hals Ihnen vorzüglich, bie Worte cus Ihrem Herzen mit lebenbiger unb zuweilen berückenber Musik zu verklären. Aber benken Sie nach, ob Sie nicht ein wenig zu böse waren, als Sie bies schrieben. Walpole hat Ihnen einen Wunsch nicht erfüllt. Warum ihn beshalb gleich als ben gemeinsten Schurken hin- stellen? Er ist bas nicht. Keiner in England ober irgenbroo ist es, ber dunkle Geschäfte treibt ober Menschen förbert, bie ihm zu Gesicht stehen. Keine ber Labys, denen Sie Ehebruch ober tölpische Liebe vorwerfen, irrt freiwillig. Es sind allesamt (Befangene ihres Ehrgeizes oder Sehn- iichtige in. goldenen Käsigen. Klatsch und Freude an aufregenden Vor­fällen sind fast die einzige Erleichterung für eine Gesellschaft, in der es verdammt langweilig und trift zugeht. Sie wissen das, Gay. Und sehen Sie, darum glaube ich, ist das Volk weniger unglücklich als die Reichen, und hat gar keinen Grund, diese anzuflegeln. Nein, es mußte sich der Vornehmen erbarmen! Eine Bettleroper, in der Lords und Ladys das saftige Leben ber Lumpenträger mitmachen bürfen, ohne sich habet etwas zu vergeben so was ließe ich mir gefallen." , .

Pepusch verglich wohl währenb Hänbels Rebe dessen Lebenslauf mit dem seinen. Er glaubte ihn auch persönlich zu treffen als er ausrief:

Schreiben Sie boch eine solche sanfte Bettleroper!

Ich, Pepusch! Sie wissen, baß ich roeber zu ben Reichen noch zum ^e°inem^Blick"'nach innen verstummte Hänbel plötzlich. Nicht nur Pepusch auch bie anderen warteten, baß er roeiterfpreebe. Und ,ah schien Susanna Arne, bie bisher säst völlig schwieg, etwas für ihn sagen zu